Sven und Marie Teil 9

Autor: adamina
veröffentlicht am: 21.11.2008




Cathys Tränen waren nur ein Waffenstillstand, der Krieg ist noch lange nicht vorbei. Sie versucht mich zu zwingen zu essen, meine Freunde einzuladen, meinen Disc-man auszuschalten. Das schlimmste ist, ich soll weiter lernen und grob gesagt aus meiner Einsamkeit rauskommen. Sie vermehrt sogar unsere Besuch im Krankenhaus damit ich öfter raus gehe. Raus aus meinem Zimmer, meiner Zuflucht. Unsere Streitereinen nehmen kein Ende, weil sie und ich eigentlich gleich sind. Beide gleich stur, beide gleich cholerisch.Um meine Ruhe zu haben, akzeptiere ich schliesslich eine Lehrerin zu empfangen. Es ist eine Frau, Fräulein Landry, sie soll eine echt Leuchte sein. Sie unterrichtet Englisch, Spanisch, Latein, Französisch, nur für blinde Schüler versteht sich.
Ganz falsche Entscheidung Cathy. Wenn ich dem System dieser Frau nachgebe, wäre es als ob ich meine Situation annehmen würde. Automatisch werde ich eine Sehbehinderte, von einem Genie bevormundet. Ich möchte aber nicht dass man meine Gedanken bestimmt, denn das tun solche Vormunde, sie wollen das wir ihre Ideen annehmen.
'Guten Tag, meine Kleine' flötet sie beim Eintreten. 'Guten Tag Fräulein Landry.' Ich nehme die Stimme eines kleinen naiven Mädchens an, damit sie nicht gleich Verdacht schöpft. Armes Fräulein Landry, sie glaubt sie sei in ihrem Element, dabei ist sie in meinem. Ich höre eine schwere Tasche auf den Boden fallen, sie zieht laut einen Stuhl an den Tisch, den Yves mitten im Zimmer für uns aufgestellt hatte. ' Willst du dich nicht setzen?' fragt sie überrascht. 'Ich bleibe lieber auf meinem Bett.' Erkläre ich fast schüchtern. 'Ganz wie es dir beliebt.' Sie nimmt diesen geduldigen Ton an, diesen 'ich-kriege-sie-schon-noch-weich-gedulds-ton' Sie spricht mit einer Behinderten. 'Was hältst du davon wenn wir mit Französischer Literatur anfangen?' Ja! Mein LK! 'Wieso nicht?' gelangweilt lehne ich mich nach hinten. 'Deine Mutter hat mir deine Noten zukommen lassen, gratuliere du bist eine brillante Schülerin!' Sofort versteife ich mich wieder. 'Brillant und blind.' Doch wenn ich dachte dass Landry von Selbstmitleid erweichen lässt, falsch gedacht. 'Blinde Menschen sind auf keinen Fall dümmer als Sehende. Im Gegenteil, sie sind raffinierter, sie sehen dinge die sonst keiner sehen kann...' Ich unterbreche sie. 'Ich bin garantiert nicht eine Solche, denn ich sehe gar nichts, und ich kenne glaube ich so einige denen man die Augen ausstechen sollte, wenn das so ist.' Ich denke dabei natürlich weder an diese Frau noch an meine Mutter. Doch sie fängt nur an zu lachen, doch dieses Lachen klingt eher nach einem Wiehern. Sie kippt mit dem Stuhl, zerkratzt den Boden. Sie ist schwer, ich mag sie nicht, sie zerstört meine Zuflucht. 'Wo wart ihr im Programm?' fragt sie nach. ' Wir haben grade Le Clézio durchgenommen.' Sie wundert sich 'Du nimmst diesen Autor im Abiturjahr durch?' Innerlich grinse ich 'Missfällt ihnen diese Wahl?' frage ich mit einem Augenklimpern, das hoffentlich überzeugend war. ' Keineswegs, endlich einmal eine Herausforderung! Hast du dein Handbuch hier?' Traurig schüttele ich den Kopf 'Nein, ich habe nur das Buch mit den Erklärungen am Ende hier. Ist das schlimm?' ich versuche einen Engelsblick aufzusetzen , aber es ist schwerer als sonst. Ich weiß nicht in wie fern ich meinen Blick verändern kann. 'Nun, das ist sogar sehr viel besser! Solche Bücher bringen oft sehr viel mehr als die Schulbücher, die sind bei weitem nicht so komplett.' Sie steht auf und läuft zu meinen Büchern, ich hasse es wenn man ungefragt an meine Bücher geht. Ich höre wie sie sie durcheinander bringt und sogar einige fallen lässt, ich muss meine Hände ineinander verschränken um mich davon abzuhalten meine Hörer aufzusetzen, nur um dieses Geräusch nicht mehr zu hören. 'Ich hab es!' triumphiert das Fräulein. Ich fange an das Buch zu erklären, sie notiert sehr viel, ich höre wie ihr Bleistift kritzelt. Schliesslich fange ich an es zu kommentieren. Schon bei den ersten Worten, steige ich an Bord des Schiffes im Buch, die Azzar. Ich stehe am Buck des Schiffes, neben Nassima, der Heldin von Le Clézio, ein Mädchen meines Alters. Ich treibe ins Unendliche, ich sehe Palmen vor mir, Sand und Sven, wie er auf mich und das Schiff zuschwimmt, sportlich, stark. Ich glaube mir stehen die Tränen in den Augen.
Zweimal versucht Fräulein Landry mich zu unterbrechen, schafft es aber nicht mich aus meinem Elan zu holen. Anfangs war es ein Spiel um sie zu ärgern, sie durcheinander zu bringen, um mich zu meiner Ruhe zu bringen, doch je länger ich von diesem Buch spreche wird es zu einem Fieber, ich beschreibe jedes Detail als hätte ich es vor Augen, ich tröste mich in meiner Fantasie. Das Buch hilft mir zu fliehen, vor ihr, vor mir, meinen Augen, Sven, wie es vorher die Gedichte taten. Die ,die Yves verbrannt hat.
Nach einer Stunde, legt Fräulein Landry die Hand auf meine Wange, und flüstert :'Du bist wirklich ein seltsames Mädchen. Spricht eine Stunde und weint.' Dann geht sie.
15 Minuten später öffnet Cathy ruhig die Tür 'Na? Wie findest du sie?' ich versuche so ehrlich wie möglich zu antworten. 'Keine Ahnung. Mal schlimm, mal ganz Ok, aber am meisten finde ich sie schlimm. Ich glaube nicht dass ich es lange mit ihr aushalte.' Cathy seufzt 'In etwa das hat mir Fräulein Landry gerade gesagt, sie fand dich sehr... interessant, doch sie fürchtet ihr könnt nicht miteinander arbeiten.' Gefühllos antworte ich 'Dann ist ja gut.' Cathy geht, sie besteht nicht drauf, doch ich kenne sie, noch hat sie nicht ihr letztes Wort gesagt.







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