Sven und Marie Teil 2

Autor: adamina
veröffentlicht am: 23.09.2008




Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen und bete dass Yves nichts von diesem peinlichen 'Date' weitererzählt, und Stück für Stück beruhige ich mich wieder. Zum Abendessen bin ich bestimmt wieder vorzeigbar, dann entgehe ich bestimmt Cathys scharfsinnigen Fragen.
Es klopft an der Tür und Cathy steckt ihren Kopf hinein. 'Du bist aber spät heimgekommen.' 'Ich musste doch für dich einkaufen gehen.' überrascht antwortet sie das erwartete 'Dafür brauchtest du drei Stunden?'
' Ich arbeite, und wenn du nichts dagegen hast will ich weiter machen ! ' schnauze ich. Stille. Cathy hasst es einen Korb zu bekommen. Bei uns will sie immer alles wissen, alles entscheiden und vor allem alles heilen. Schande dem der heimlich jubiliert oder leidet. Und genau das tue ich, leiden. Ich muss allein sein, ich brauche das jetzt.
Ich fühle mich hässlich aber vor allem lächerlich. Aber was ich am wenigsten brauche ist Cathy die mich trösten will, mir sagt ich sei hinreißend und dass Sven ein Grobian ist, wie alle Männer. Leider weiß ich nur zu genau dass Sven wunderbar ist, und dass ich ein Klotz bin, klein, viel zu dünn und mit dem Aussehen einer 15-jährigen.Genau das macht mir zu schaffen.
5 Minuten später klopft es an der Tür. Was denn nun schon wieder? 'Marie, mach auf!' Oh nein, nicht Yves, er weiß von allem und will mich jetzt bestimmt auch trösten. 'Ich arbeite!!' 'Schreibst du?' fragt er, er kennt meine Leidenschaft für Poesie und Literatur. 'Ja, ich schreibe!' Doch er ist leider nicht ganz so dumm wie erwartet 'Im Dunkeln?' er muss wohl durch mein Schlüsselloch spionieren. 'Lass mich in Ruhe , ja?' Doch er lässt einfach nicht locker, männliche Sturheit. 'Ich muss mit dir reden!' Und wie üblich werde ich lauter! 'Lass mich in Ruhe!' 'Ok , dann kann Sven seine Nachrichten eben selbst überbringen.' Langsam öffne ich die Tür. 'Wann hast du ihn gesehen?' Doch anstatt zu antworten, ruft Yves die Treppe runter: 'Mum? Was gibt's zu essen?' 'Reis und Ratatouille!' antwortet Cathys fröhliche Stimme. 'Hmmm, lecker!' Ok, jetzt ist es offiziell ich hasse meinen Bruder! Ich schlage meine Türe zu, doch sie wird sofort wieder geöffnet. ' Es tut ihm schrecklich leid, wegen eurem Treffen! Er hatte wohl ärger mit den Eltern.' Ich zucke mit den Schultern 'Was lässt er ausrichten?' ' Gar nichts, er hat mir einen Brief mitgegeben.' Er befühlt seine Taschen 'jetzt muss ich ihn nur noch finden.' Ich weiß er verarscht mich. 'Hör auf damit und gib ihn her!' 'Schwöre er war gerade eben noch hier.' Ich versuche meine Tränen zurückzuhalten, heute ist einfach nicht mein Tag. 'Das ist wirklich nicht lustig.' Endlich hört er mit dem blöden Spiel auf und reicht mir einen Brief. Ich bugsiere ihn aus meinem Zimmer, schliesse ab und werfe mich auf mein Bett. Mein Hände zittern beim zerreißen des Umschlages. Er schreibt:
'Marie, verzeih mir. Meine Mutter ist krank und ich habe zwei Stunden gebraucht bevor ich die polnische Botschaft erreichen konnte, um von ihr zu hören. Kein Angst, ich habe die Schwarze Königin nicht vergessen. Komm morgen mit Yves vorbei, ich gebe eine kleine Party, nimm den Text mit, wir finden sicher einen Moment in dem wir ungestört reden können. Liebe Grüße. Sven!'
Morgen Abend? Ich schwebe in einer Wolke aus Glückseligkeit, schnappe mir einen unsichtbaren Tanzpartner und tanze zu einem unhörbaren romantischen Song. Doch, halt. Ich muss etwas zum anziehen finden. Kleider verjüngen mich und jeans bringen meine zu dünnen Beine zur Geltung. Nach zwei Stunden Schrankdurchsuchung entscheide ich mich für eine weite Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover und eine Hochsteckfrisur. So sehe ich nicht ganz so übel aus.
Während unserer Ankunft bemerke ich erst was für einen Fehler ich gemacht hatte zuzustimmen. Alle Pin-ups der Uni sind da: Virginie, Alissa, Agnès, Flo, Carole, mit ihren Frauenkörpern, in Miniröcken und absolut gestylt, daneben sehe ich aus wie aus einem Flohmarkt entsprungen. Ich bin total verklemmt, verschreckt und wütend über meine Lähmung diesen Menschen gegenüber.
'Nochmals entschuldige wegen gestern' flüstert er während er mir zur Begrüßung umarmt. Doch dann lässt er mich einfach stehen und kümmert sich um seine immer größer werdende Anzahl an Freunden. Und auch Yves lässt mich hängen und verschwindet auf die Tanzfläche, hoffentlich lacht er sich bald eine Freundin an. Es ist schlimm wenn er immer zuhause ist. Ich bleibe also alleine, und warte auf die Freude mit Sven alleine sprechen zu können. Das Haus ist voll mit bekannten Gesichtern, aber keiner bemerkt meine Anwesenheit. Letztes Jahr im Gymi waren doch alles noch total nett mir, doch wahrscheinlich nur als Yves kleine Schwester. Ich bin unsichtbar, ich gehöre hier nicht her, das ist nicht meine Welt. Ich verschwinde also in einem riesigen Ledersessel und vertiefe mich zum hundertsten Mal in Die Schwarze Königin, um wenigstens so auszusehen als hätte ich etwas zu tun. So vergeht eine Stunde.
'Ah, Marie, ich habe nach dir gesucht!' Sven schlägt sich mühsam bis zu mir durch. 'Hast du den Text dabei?' Ich hebe den Stapel hoch. 'Folge mir, hier können wir nicht reden.'Ich laufe ihm also wie ein verschüchtertes Mädchen hinterher, das bin ich wohl auch. Wir durchqueren das Haus, und am anderen Ende öffnet er eine Art Terrassentür, die in einen Wintergarten führt. Es ist wunderschön hier, überall liegen Pflanzen und es riecht herrlich. Wir setzen uns in eine Hollywoodschaukel, ziehen die Schuhe aus und kreuzen die Beine. 'Ist dir nicht kalt?' Fragt er. Ich schüttele nur den Kopf und zeige auf meinen Poncho. Er sieht mir lange in die Augen, in diesem Blick sind schon so viele Mädchen versunken, und ich bin auch drauf und dran meine Sinne zu verlieren. 'Erzähl mir von deinem Stück.'
Ich gebe mir einen Ruck: 'Es handelt sich um ein romantisches Drama, es geht also um die Liebe genauso wie um den Tod, jedoch enthält sie auch viel Humor.' Ich versuche ihn mit meinem besten Argument zu überzeugen. 'Genau wie in Romeo und Julia, sind die tragischen Szenen durch lustige Figuren und Humor unterbrochen und geben dem Zuschauer so eine gewisse Distanz...' Er scheint zu überlegen, setzt an um etwas zu fragen, doch auf einmal öffnet sich die Terrassentür 'Was soll lustig sein?' Alissa taucht auf und beendet somit meinen Schwung. Sven beachtet mich schon nicht mehr, ich verliere den Mut. 'Marie erzählte mir gerade von einem Stück, vielleicht könnten wir es zum Semesteranfang spielen.' Alissa ist empört. 'Wir hatten doch schon ein Stück ausgesucht, und sogar mit den Proben begonnen! Wir haben noch das eine Semester und die Sommerferien, es reicht niemals für ein neues Stück.' Sven antwortet in ironischer Sänfte 'DU hast es ausgesucht, und du weißt dass ich Brecht nicht mag. Wenn alle zusammenarbeiten schaffen wir es bis dahin ein neues Stück auf die Beine zu stellen. Und soviel ich weiß, ist das Stück, Barock, so sparen wir die Requisite.' Er wendet sich wieder mir zu. 'Red' weiter' Doch ich kann nicht, ich will aber ich kann nicht. 'Ich habe alles notiert.' Und reiche ihm die Blätter, er scheint enttäuscht, es tut mir leid dass er jetzt so viel lesen muss doch in Gegenwart dieser Wildkatzen kann ich nichts erklären. 'Ich weiß dass du selber schreibst.' Unterbricht Sven meine Gedanken. 'Ich habe deine 'Insel des Vergessens' gelesen und fand sie richtig gut, besonders den Dialog zwischen dem Wind und dem Wolf.' Wenn ich dachte rot zu werden sei das Schlimmste dann war es ein Fehler, jetzt bin ich Purpur und es ist die Hölle! Der Verräter Yves hat bestimmt meine Stücke geklaut und Sven vorgesetzt. Er ist stolz auf mein Talent, aber ich hätte nicht gewollt dass Sven es liest, es ist doch so... intim. Es sagt alle meine Gefühle zu ihm aus. 'Dürfen wir es auch lesen?' fragt Alissa scheinheilig. 'Nein!' schreie ich fast. 'Das ist eine Privatsache zwischen Marie und mir.' Erklärt Sven und zwinkert mir zu. 'Für die Schwarze Königin werde ich mir das ganze mal durchlesen und ich rufe dich dann an um dir bescheid zu sagen, Ok?' ich nicke nur stumm. Er nimmt den Text und geht. Er war sehr nett, er hat mich sogar gegen Alissa, den Männerschwarm verteidigt. Ich bin auf Wolke sieben, doch dann sehe ich wie er eng umschlugen mit ihr tanzt und meine gute Laune ist verflogen. Es ist schrecklich. Nein, es ist nicht schrecklich, es ist wunderschön, und das macht es erst schrecklich. Ihre schwarzen und seine blonden Haare vermischen sich. Sie hat einen wunderschönen Frauenkörper den sie verführerisch zur Musik bewegen kann. Lange Beine, volle Brüste, schlanke Taille. Daneben sehe ich aus wie eine Baby-Born.
Sven beachtet mich nicht mehr, er interessierte sich sowieso nur für Die Schwarze Königin. Beim Abschied nimmt er mich wieder freundschaftlich in den Arm, und meint 'Wir sehen uns.', doch ich habe einen Knoten im Hals und kann nicht antworten, es kommt mir vor wie ein Lebewohl.







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