Glück im Unglück Teil 15

Autor: Dani
veröffentlicht am: 08.05.2008




'Zuerst spritze ich dem kleinen Kerl ein Betäubungsmittel. Er wird von der ganzen Prozedur nichts mitbekommen…', fing Dr. Gregg an zu erklären und Victoria nickte tapfer.'So, nun hol bitte aus dem Schrank dort drüben drei Verbandsrollen.' Froh sich bewegen zu können und nicht die ganze Zeit über das hilflose Tier ansehen zu müssen, erledigte Victoria den Auftrag rasch. Sie legte die Rollen auf einen Metallwagen, auf dem auch die übrigen Utensilien eines Tierarztes Platz hatten.
'Jetzt komm auf meine rechte Seite. Du musst nur den rechten Vorderlauf stabil halten, während ich ihn mit den Binden ruhig stelle, in Ordnung?' Unfähig auch nur ein Wort auszusprechen, nickte Victoria wieder und ging um den Tisch herum. Als sie den Tierarzt kurz ansah, nickte er ihr lächelnd zu und ein erneuter Schauer rann ihr über den Rücken. Doch sie besann sich auf ihre Aufgabe und stütze das verletzte Vorderbein mit beiden Händen.`Ach Kleines, du musst keine Angst haben Dein kleiner Freund hier wird schon wieder auf die Beine kommen!`, dachte sich Phillip als Victorias Blick ihm begegnete, doch er sprach diese Worte nicht laut aus, sondern rang um seine Fassung. Er war schließlich Tierarzt und sollte seinen Patienten helfen und nicht über deren Besitzerinnen nachdenken, auch wenn sie so hübsch und unschuldig wie Victoria waren.
Geschickt wickelten seine Hände den weißen Verband um das Vorderbein und wieder ließ sich die Berührung zwischen Phillip und Victoria nicht vermeiden. In Victorias Magen flog ein ganzer Schwarm Schmetterlinge umher und in Phillip brannte das Verlangen, sie in den Arm zu nehmen und durch ihr Haar zu streichen.
Als der Verband angelegt war, trat Phillip rasch einen Schritt zurück, denn er befürchtete, dass Victorias Nähe in noch verrückt machte. Wie konnte so ein junges Ding eine solche Anziehungskraft auf ihn haben? Waren es ihre traurigen Augen? Oder wie sie mit dem verletzten Tier umging?
Als Nächstes musste der Tierarzt dem Hund das Fell um den Bauchraum herum abscheren, um einen Ultraschall durchführen zu können. Victorias Aufgabe war es, das Gel gleichmäßig aufzutragen.
Konzentriert ließ Phillip das Ultraschallgerät über den Hund gleiten und analysierte die Ergebnisse auf dem Bildschirm. Für Victoria war da nichts zu erkennen. Sie sah bloß schwarzes und weißes Flimmern.
Als Phillip das Gerät weg legte, sagte er langsam: ' Es ist etwas Blut in den Bauchraum eingetreten, wir müssen versuchen, es abzusaugen…' Victoria schluckte bei diesen Worten. Sie wusste zwar nicht, was es bedeutete, wenn Blut im Bauchraum war, aber Dr.Greggs Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es nichts Gutes.
Sie war gerade dabei, das Gel mit sauberen Tüchern abzuwischen, als die Frau von vorhin in das Behandlungszimmer kam. Mit kaltem fragendem Blick schaute sie Victoria an: 'Was hast denn du hier zu suchen? Hier ist kein Kinderspielplatz!' Victoria schluckte bei diesen harten Worten, doch sie bemühte sich darum, sich nichts anmerken zu lassen. 'Ich helfe Dr. Gregg dabei, den Hund zu versorgen…' 'Und wo ist er dann bitteschön?'
In diesem Moment kam Phillip wieder herein. Er hatte sich die Hände und Arme gewaschen und desinfiziert. 'Ich bin hier und du hast keinen Grund dein Gift zu verspritzen Sabine. Die kleine Lady hier war mir eine große Hilfe!'
'Ab jetzt übernehme ich.', sagte sie bloß und hielt Victoria unmissverständlich die Tür auf.Doch Victoria war ohnehin mit sich selbst beschäftigt. 'Sabine…', flüsterte sie vor sich hin. Irgendwas verband sie mit diesem Namen, doch es wollte ihr beim besten Willen nicht einfallen.
Je mehr sie versuchte, sich zu erinnern, desto dunkler wurde es um diesen Namen und nach einiger Zeit glaubte Victoria schon, sich getäuscht zu haben.
Nach einer halben Stunde kam Phillip mit einem abgekämpften aber zufriedenen Gesicht aus dem Behandlungszimmer. Victoria sprang auf und wollte wissen: ' Wie geht es ihm, hat alles geklappt? Kann ich ihn sehen?'
Phillip musste lachen. 'Halt, halt junge Lady. Nicht so viele Fragen auf einmal. Also zunächst mal hat er die Operation gut überstanden und es ist mir gelungen, das Blut abzusaugen. Endgültiges kann ich aber erst in zwei bis drei Tagen sagen, da wir schauen müssen, ob nicht noch andere Spätfolgen auftreten. Er ist noch in der Narkose aber in einer halben Stunde wird er wohl wach sein…'
Seinen letzten Worten hatte Victoria schon gar nicht mehr zugehört. Sie hatte nur wissen wollen, dass es dem Hund den Umständen entsprechend gut ging und dafür war sie Dr. Gregg zutiefst dankbar. Sie konnte einfach nicht anders, als ihn zu umarmen. 'Danke, danke, danke', flüsterte sie an seinem Hals, während Phillip nicht wusste, wie ihm geschah. Auf einmal hatte er dieses wunderhübsche Mädchen im Arm, dessen Namen er nicht einmal wusste und das, wie er jetzt bemerkte, völlig durchnässt war.
'Nichts zu danken', murmelte er und hätte sie am liebsten nie wieder los gelassen, doch sie löste sich von ihm und sah ihn an. Ihre Wangen waren feucht, von den Tränen, die sie vor Freude geweint hatte und Phillip musste dem Drang wiederstehen, ihr Gesicht in seine Hände zu nehmen, und die Tränen weg zu wischen. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, fuhr sie mit dem Handrücken über ihr Gesicht um die Tränen zu trocknen.
'Mir wäre wohler, wenn du dir etwas Trockenes anziehst, während du wartest.', meinte Phillip mit mühsam neutral gehaltener Stimme. 'Aber ich habe nichts dabei und bis zum Internat… oh nein, ich bin viel zu spät… das wird Ärger geben…', schreckensbleich ließ Victoria sich zurück auf einen der Plastikstühle im Wartezimmer sinken. Mit den Lehrerinnen und vor allem der Direktorin war nicht zu spaßen und Unpünktlichkeit konnten sie auf den Tod nicht ausstehen.
'Wenn du magst, fahre ich dich später hin und erkläre ihnen alles.', bot Phillip an, und redete sich ein, dass er das nur tat, weil er nicht zulassen konnte, dass sie wegen einer guten Tat Ärger bekam.
Victorias Gesicht hellte sich schlagartig auf. 'Wenn Sie das tun würden…'
Phillip lachte. 'Siezte mich bloß nicht, da komme ich mir so alt vor. Ich bin Phillip und mit wem habe ich das Vergnügen?'
Da wurde auch Victoria bewusst, dass sie sich noch gar nicht vorgestellt hatten und sie stimmte in sein Lachen ein. 'Ich heiße Victoria.'
'Freut mich, Victoria. Wenn du kurz mit hoch kommst, dann kannst du trockene Sachen von meiner Schwester anziehen. Sie ist vor drei Monaten ausgezogen, hat aber noch was hier gelassen und sicher nichts dagegen, wenn du es dir ausleihst.'
Victoria nickte lächelnd und folgte ihm in das erste Stockwerk, in dem der Wohnbereich lag. Der Flur war in einem warmen Cremeton gestrichen und es waren Bilder aufgehängt, was dem Ganzen eine persönliche Note gab. Victoria fühlte sich sofort wohl. Phillip zeigte ihr das Bad, gab ihr ein Handtuch und drückte ihr eine Bluse und eine Jeans seiner Schwester in die Hand.
Das Badezimmer war ganz in weiß, vom Boden bis zur Decke, doch es waren grüne und braune Akzente gesetzt. Mit einem Blick durch das Fenster, stellte Victoria fest, dass es noch immer regnete. Sie verzog das Gesicht. Langsam hatte es aber auch genug geregnet!
Sie streifte ihre nassen Kleider vom Leib und schlüpfte in die rote Bluse und die helle Jeans, die Phillip ihr gegeben hatte. Die Sachen waren viel zu groß, stellte Victoria lachend fest, als sie an sich herunter sah, also nahm sie die unteren Enden der Bluse und verknotete sie vor dem Bauch. Die Hosenbeine krempelte sie ein Stück nach oben und um die Taille schlang sie ihren Gürtel.
Sie klaubte ihre Klamotten zusammen, schloss die Badezimmertür auf und machte sich auf die Suche nach Phillip. Sie fand ihn pfeifend in der Küche, wo er, mit dem Rücken zur Tür, dabei war, Tee zu kochen.
Victoria räusperte sich kurz um auf sich aufmerksam zu machen. Als Phillip sich umdrehte, drehte sich Victoria einmal um die eigene Achse um ihr lustiges Outfit vorzuführen, so dass auch Phillip lachen musste. Die zu großen Sachen seiner Schwester ließen ihren schmalen Körper noch schlanker erscheinen und sie sah einfach nur süß und liebenswert aus. Ihr spitzbübisches Grinsen dazu, machte Phillip fast wahnsinnig. Schnell widmete er sich wieder dem Tee, um bald darauf zwei dampfende Becher auf den Küchentisch zu stellen.'Setzt dich doch…', bot er an und wies mit der Hand auf den Stuhl ihm gegenüber.Victoria ließ sich auf dem angebotenen Stuhl nieder und nahm den heißen Becher in die Hände. Über den Rand hinweg, beobachtete sie Phillip. Er schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein, was ihm einen märchenhaft verträumten Ausdruck verlieh.
Schluck für Schluck tranken Phillip und Victoria ihre Tassen aus. Phillip musste lachen, als er sah, dass Victoria kaum noch ruhig auf dem Stuhl sitzen konnte und darum erlöste er sie. 'Ich denke dein Hund wird mittlerweile wach sein. Du kannst ihn kurz sehen.'
Victoria schob den Stuhl zurück und stand auf. Kurz verdunkelte sich ihr hübsches Gesicht. 'Es ist ja gar nicht MEIN Hund. Ich weiß nicht, wem er gehört.'
Phillip überlegte kurz. 'Nun, sollte sich in der nächsten Woche niemand melden, der Besitzansprüche auf ihn erhebt, wird er wohl deiner werden…'
'Das wäre toll… Aber ich kann ihn nicht behalten. Im Internat sind keine Haustiere erlaubt.''Wir finden schon eine Lösung, mach dir keinen Kopf…'
Victoria lächelte. Er hatte `wir` gesagt! Das war ein tolles Gefühl!
Ganz gentlemanlike hielt er ihr die Tür auf, als sie die Treppe nach unten in die Praxis hinunter gingen. `Er ist wirklich `wow`… aber leider zu alt für mich…` , dachte sich Victoria mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen.
Im Behandlungsraum war Sabine gerade dabei, dem Hund eine Halskrause anzulegen, damit er sich den Verband nicht abbeißen konnte.
'Hey, Sabine. Warum gehst du jetzt nicht nach Hause? Ich mache ohnehin gleich Feierabend.', bot Phillip seiner Assistentin an.
'Warum nicht… danke Phillip.' Sabine lächelte ihren Chef an und verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Wange.
Victoria beobachtete das Ganze, und wurde das Gefühl nicht los, dass zwischen den beiden mehr war, als ein Arbeitsverhältnis. Diese Erkenntnis versetzte ihr einen Stich ins Herz, was sie aber nicht wahr haben wollte. Schließlich war kannte sie Phillip erst seit ein paar Stunden.Statt weiter darüber nachzudenken, trat sie zu dem Hund, dem sie das Leben gerettet hatte, und strich ihm vorsichtig über den Kopf und den Rücken.
'Ich glaube ich nenne dich Paul…', flüsterte sie dem Tier zu. 'Paul?', lachte Phillip. 'Ja, ich finde das passt zu ihm.', prustete nun auch Victoria. 'Also gut… dann lass deinem Paul mal ein bisschen Ruhe und ich fahre dich zum Internat, bevor die noch die Polizei los schicken um dich zu suchen!'
Victoria schnitt eine Grimasse. Sie hasste das Internat schon jetzt. Alle waren so bieder und vornehm und wehe man verhielt sich nicht formvollendet…
'So schlimm?', fragte Phillip mitfühlend. 'Schlimmer!', gab Victoria zurück.
Spaßes halber legte Phillip seinen Arm um ihre Schulter und drückte sie kurz an sich. 'Arme Victoria, aber du wirst es überleben!'
Die Schmetterlinge in Victorias Bauch wuchsen zu wahren Monster-Faltern heran, so fühle es sich für sie zumindest an. Als hätte Phillip gemerkt, dass er ein viel zu junges Mädchen für das er darüber hinaus auch noch etwas empfand, obwohl er sie erst sei wenigen Stunden kannte, im Arm hielt, lies er sie schnell los unter dem Vorwand die Autoschlüssel zu holen.Paul wurde in einen geräumigen, mit weichen Decken und Kissen ausgelegten, Zwinger getragen und Victoria und Phillip verließen den Behandlungsraum.
Draußen regnete es immer noch im Strömen, also sprinteten beide so schnell wie möglich zu Phillips Pick-up. Lachend warfen sie sich auf die Sitze, denn sie waren trotzdem nass geworden.
Zehn Minuten später parkte Phillip vor dem Internatsgebäude. Er sah Victoria an und fragte: 'Soll ich noch mit rein kommen, um denen alles zu erklären?'
'Das wäre toll… mir würden sie sowieso nicht glauben!', lächelte Victoria dankbar.

Juliane hatte sich wieder im Griff, also stand sie auf, stellte das Telefon weg, und kehrte zu den anderen zurück. Sie gab Sebastian einen flüchtigen Kuss, bevor sie sich neben ihn setzte.'Na, war es schön mit einer alten Freundin zu telefonieren?', fragte er lächelnd. Juliane zuckte jedoch zusammen. Hatte er etwas gemerkt? Sie sah ihn schnell an und in ihren Augen flackerte ein Anflug von Panik. Doch als sie sein Lächeln sah, beruhigte sie sich wieder. Er wollte nur nett fragen. So war Sebastian immer, lieb und zuvorkommend und trotzdem tat sie ihm das Alles an. `Ein paar Monate noch. Dann ist alles vorbei…`, sagte Juliane sich und versuchte sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren.
Nach zwei weiteren siegreichen Runden von Daniel, wollten er und Bine aufbrechen. Sebastian brachte die beiden die Treppe hinunter zur Tür. Daniel und er gaben sich die Hand zum Abschied und Bine wurde kurz in den Arm genommen.
'Sebastian, hast du noch einen kleinen Moment?', fragte Sabine leise, als Daniel schon auf dem Weg zum Auto war. 'Aber sicher doch, Bine. Was ist los? Probleme mit Daniel? Das sah aber nicht so aus…'
'Nein, nein… mit uns beiden ist alles in bester Ordnung… es könnte gar nicht besser sein''Aber?', hakte Sebastian nach.
'Ach, ich mache mir solche vorwürfe wegen Victoria. Das ich sie nie besucht habe und so…''Bine, sie kann sich ohnehin an nichts mehr erinnern. Mach dich deshalb nicht fertig, das wird schon wieder!'
Er nahm sie noch mal kurz in den Arm, bevor sie sich verabschiedeten und Sebastian die Tür hinter sich schloss.
Er konnte Bines Schuldgefühle absolut nachvollziehen und genauso verstand er auch ihre Gründe, ihre beste Freundin in ihrem Zustand nicht zu besuchen. Victoria war einfach nicht mehr dieselbe und er war sich auch nicht sicher, ob sie es jemals wieder werden würde, darum hatte er begonnen, sich von ihr zu distanzieren. Momentan war es einfach, da sie tausende Kilometer weit weg war, doch wenn er Bilder von ihr sah, dann fühlte er noch immer diese Verwirrung, die sie in ihm auslöste.
Doch das durfte nicht sein. Er wurde in wenigen Monaten Vater und hatte eine weitere wichtige Entscheidung getroffen. Er würde Juliane fragen, ob sie seine Frau werden will. Dann hätte er seine eigene kleine Familie. Was machte es schon, dass er sich vor ein paar Monaten noch als viel zu jung dafür erachtet hatte.







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