Wie eine einzige Sommernacht - Teil 12

Autor: NoNo
veröffentlicht am: 12.09.2014


Kapitel 12

Immanuel

Die Fährüberfahrt dauert ungefähr 24 Stunden. Den Bus mussten wir unter Deck stehen lassen und unser Geld hat nur für eine Kajüte gereicht. Das heißt, heute Nacht wird es kuschelig werden. Doch wir haben schon auf engerem Raum zusammen schlafen müssen.
Ich sitze mit Emmi und Joschka auf dem obersten Deck, wo sich sogar ein kleiner Pool befindet. Emmi war darüber sofort ganz aus dem Häuschen. Jedoch liegt sie jetzt nur in ihrem weinroten Bikini auf der Liege neben mir und traut sich nicht ins Wasser, da es ihr zu kalt ist. In Gedanken muss ich über sie schmunzeln. Emmi friert so oft.
Kurz werfe ich ihr einen Blick von der Seite zu; wie sie so daliegt mit ihrer riesigen Sonnenbrille auf der Nase. Auf ihrem Bauch hat sie Krieg und Frieden und Tolstoi aufgeschlagen.
Emmi war schon immer sehr zierlich. Manchmal hat sie auch etwas von einer Puppe mit ihrer blassen Haut, welche in einem starken Kontrast zu ihren dunklen Haaren steht. Sie wirkt immer so zerbrechlich und dabei ist sie manchmal stärker, als wir alle zusammen.
„Wo sind Chris und Frieda?“ fragt Joschka plötzlich und reißt mich damit aus meinen Gedanken. Ich wende den Blick von Emmi ab.
Ich zucke mit den Schultern und Emmi wirft uns einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wir sind seit fünf Tagen unterwegs. Lasst die beiden doch mal alleine sein. Also, geht bloß nicht in unsere Kabine“ Sie kichert leicht und wieder muss ich an einen kleinen Panda denken.
„Du meinst… Also haben die beiden gerade…“ fängt Joschka an zu stottern.
„Ja, die beiden haben das, was wir nicht so regelmäßig haben“ stimmt Emmi zu und zuckt mit den Schultern.
„Sprich‘ bitte nur für dich selbst“ meine ich trocken und sie wirft mir einen geschockten Blick zu. Ich bereue meine Aussage sofort und schüttele nur mit dem Kopf. Eigentlich rede ich über sowas nicht mit Emmi. Ich möchte nicht, dass sie darüber Bescheid weiß.
„Du… du hast… Gibt es jemanden?“
Sie schaut mich aus ihren großen Augen an und am liebsten würde ich ihr sagen, dass es natürlich verschiedene Frauen in meinem Leben gibt, dass aber keine an sie heran kommt.
Ich würde ihr am liebsten sagen, dass ich letztes Weihnachten nicht bereue, sondern dass ich es einfach nicht vergessen kann und sie seitdem gar nicht mehr aus meinen Kopf bekommen. All das würde ich ihr am liebsten sagen – jetzt, gleich, sofort.
Doch ich kann nicht. Ich bringe diese Worte nicht über meine Lippen.
„Und? Gibt es jemanden?“ hakt jetzt auch Joschi nach.
„Nein. Nichts Ernstes“
„Ich frage mich, was bei uns schief läuft. Ich meine, wir sind doch alle heiß, gutaussehend und absolut liebenswert. Was ist nur los mit uns?“ Joschka gestikuliert hilflos mit den Händen und ich muss leise lachen. Ich weiß nicht, was mit uns los ist.
Ich spüre immer noch Emmis Blick von der Seite. Ich merke, dass ich nervös werde. Emmi macht mich immer nervös. Jeder Blick, jede Berührung.
Normalerweise machen mich Frauen nicht nervös, ich bekomme auch selten diesen Beschützerinstinkt, wie Chris. Doch bei Emmi ist alles anders.
Emmi verunsichert mich. Ich habe das Gefühl, auf Emmi aufpassen zu müssen.
Immer wenn sie mir etwas über andere Kerle erzählt, würde ich sie am liebsten schütteln und ihr sagen, dass all diese Männer sie doch gar nicht richtig kennen; dass sie nicht das sind, was sie braucht. Doch damit würde ich unsere Freundschaft zerstören – und zwar für immer. Also schweige ich.
Ich bin froh, als Timo wieder auf uns zu geschlendert kommt und Emmi ihren Blick von mir abwendet. „Wo warst du?“ fragt sie.
„Auf jeden Fall nicht in unserer Kabine“ gibt er zurück und grinst wissend. „Immerhin haben die beiden Sex – die Glücklichen“
„Ganz meine Worte“ kichert Emmi und Joschka nickt zustimmend. Ich zucke nur mit den Schultern und schweige.
„Ja, ich weiß“ Timo schlägt mich genervt gegen die Schulter. „DU hast dieses Problem nicht! Wenn ihr wüsstest, welchen Weibern ich morgens das Frühstück…“
„Ich gehe schwimmen!“ Emmis Stimme klingt unnatürlich laut und sie steht so abrupt auf, dass ich ganz genau weiß, wie sehr ihr dieses Thema missfällt. Ich habe es vorhin schon gemerkt, doch ich kann es nicht einordnen. Ich kann Emmi nicht einordnen.
Ihr Buch fällt mit einem Knall zu Boden. Ohne etwas zu sagen, hebe ich es auf.
„Was hat sie denn?“ fragt Timo, während wir ihr alle nachschauen. Genau wie eine Gruppe Sechzehnjähriger, die am Pool stehen. Irgendetwas regt sich in mir. Ist es Eifersucht, weil diese Jungs sie so offenherzig begaffen?
„Ich weiß nicht, was sie hat“ meint Joschka.
„Ihr wisst doch, wie Emmi ist“ hake ich das Thema ab und frage: „Wo warst du? Hast du mit Maria telefoniert?“
Timo verdreht die Augen und atmet laut aus. „Sie will uns in Athen besuchen“
„Sie will – was?!“ ruft Joschka aus.
„Du hast mich schon verstanden!“
„Ja, ja. Das schon. Ich kann es nur nicht begreifen. Du weißt schon, dass das ein Ding zwischen uns sein sollte. Emmi bringt dich um, wenn sie das erfährt“
„Ich weiß“ Timo seufzt erneut. „Sie würde auch nur die Tage in Athen bei uns bleiben und dann wieder nach Hause fliegen“
„Sie hätte auch gar kein Platz im Auto“ bemerke ich trocken.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass Timos Freundin vorbeikommen will. Ich mochte sie noch nie sonderlich. Sie ist zu zickig und egoistisch und alle zwei Wochen habe ich einen total zerstörten Timo in unserer Küche sitzen und muss ihn wieder aufbauen, weil sie wieder dies und jenes falsch verstanden hat.
„Leute, es sind nur fünf Tage, die sie bei uns bleiben würde!“ ruft er jetzt aus und fährt sich mit beiden Händen durch die Haare.
„Du willst gar nicht, dass sie kommt“ stelle ich schließlich fest. Ich verstehe seine Gestik sofort und auch seine Mimik drückt nicht gerade Freude aus.
Timo zögert einen Augenblick. Kurz sieht er aus, als würde er widersprechen wollen, doch dann nickt er: „Nein, ich habe gar keine Lust darauf, dass sie vorbei kommt. Das sollte mein Urlaub sein“
Joschka klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter und spricht dann das aus, was wir alle sowieso schon die ganze Zeit denken: „Es ist wirklich an der Zeit, dass du diese Beziehung beendest“

„Deine Lippen sind schon ganz blau“ Ich reiche Emmi die Hand und helfe ihr aus den Pool heraus. Mittlerweile ist die Sonne schon untergegangen und die Luft auf dem Meer ist deutlich kühler geworden.
„Ist ganz schön kalt geworden“ meint Emmi und während sie redet, schlagen ihre Zähne leicht aufeinander. Wie damals in Neapel.
Ich reiche ihr ein Handtuch und sie legt es sich um die Schultern. „Wo sind die anderen?“
„Ein Deck weiter unten. Eine Kleinigkeit essen“
„Oh“ Sie spitzt ihre Lippen und ich weiß schon jetzt, was sie sagen wird.
„Du hast auch Hunger?“ frage ich sie deshalb, bevor sie es aussprechen kann. Sie schlägt die Augen nieder und lacht. „Ja, wie immer“ Dann schaut sie wieder zu mir hoch und fragt: „Warum warst du nicht schwimmen?“
„Ich musste mit Timo reden. Es geht um Maria“
„Ich weiß, die beiden haben Stress“ Sie hält das Handtuch mit einer Hand fest, während sie in ihre Flipflops kriecht. „Ich muss mir noch schnell was anderes anziehen. Kommst du mit – Moment… Sind Chris und Frieda wieder da?“
Ich schüttele den Kopf und lache: „Ja, die beiden sind auch schon unten“
Wir gehen die Treppe zu unserer Kabine hinunter und schweigen, bis ich sage: „Nochmal wegen Maria. Die Sache ist etwas anders. Sie haben nicht nur ein bisschen Stress. Er hat kein Bock mehr auf sie“
„Ich weiß, ich weiß. Er sollte einfach Schluss machen“
„Sie kommt nach Athen für ein paar Tage“ bringe ich schließlich hervor und abrupt bleibt Emmi stehen und schaut mich geschockt an. Kurz öffnet sich ihr Mund, dann schließt er sich wieder und sie wendet sich ab und geht weiter.
Ich folge ihr nicht, denn sie wird jeden Moment wieder stehen bleiben. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kenne Emmi zu gut.
Sie hält inne und dreht sich wieder zu mir um. „Sie wird ihm den Urlaub versauen“ bemerkt sie leise.
„Sie wird uns allen den Urlaub versauen“ erwidere ich nüchtern und zucke mit den Schultern.
„Warum sagt er denn nicht nein?“
Ich werfe Emmi einen vielsagenden Blick zu und sie nickt wissend. Timo ist nicht gut im Nein sagen. Timo will niemanden wehtun und schon gar nicht Maria. Er würde lügen, wenn er behaupten würde, ihm liege nichts mehr an ihr. Aber anscheinend reicht es nicht mehr für eine Beziehung.
Momentan wollte ich nicht mit ihm tauschen. So schön Beziehungen auch sein können, sie bedeuten auch immer Stress, Schmerz und Tränen.
Deswegen macht Timo morgens meinen Bekanntschaften immer das Frühstück, bevor sie gehen. Deswegen sehe ich die meisten Frauen einmal in meinem Leben und dann nie wieder. Ich habe selten ein zweites Date.
„Wissen die anderen schon davon?“
Ich nicke und es erübrigt sich zu erwähnen, dass niemand davon sonderlich begeistert ist. Einfach weil es ein Urlaub von uns Freunden sein sollte und weil niemand von uns mit Maria je so richtig warm geworden ist. Außer eben Timo.
Emmi schweigt, bis wir vor der Kabinentür stehen und sie meint: „Ich zieh mir schnell was anderes an. Wartest du hier?“
Ich nicke und sie verschwindet in die Kajüte, während ich mich an die Wand lehne und kurz zur Decke starre; in das grelle Licht, das die Flure erleuchtet. Und in diesem Moment frage ich mich wieder, was Emmi mit mir gemacht hat.






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Kommentare

Mary-Lou

13.09.2014 12:16:18

Sehr schön, dass du endlich weiter schreibst. Ich liebe diese Geschichte :)


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