Wie eine einzige Sommernacht - Teil 3

Autor: NoNo
veröffentlicht am: 20.12.2012


Kapitel 3

Joschka

Nun sitzt Frieda bei uns hinten, während Timo dem Bus ordentlich einheizt. Seit er im Sommer für eine Baufirma gearbeitet hat, fährt er wie ein Irrer.
Der Motor von Friedas Auto brummt, als würde er gleich abheben wollen. Timo lenkt trotzdem auf die mittlere Spur.
Chris und Emmi werfen immer mal wieder einen Blick in die Landkarte, obwohl ich mir sicher bin, dass sie noch nicht einmal einen Plan hat, wo wir jetzt gerade sind.
„Leg’ die mal rein“ Ich krame meine CD aus dem Rucksack und reiche sie nach vorne zu Chris. Er zieht skeptisch die Brauen zusammen und liest vor, was auf dem Cover steht: „Kützer Roadtrip“.
Sofort fängt Frieda an zu lachen und auch Chris’ Lippen verziehen sich zu einem breiten Grinsen. „Alter, ist das lang her!“ murmelt Timo und schüttelt mit dem Kopf, während Chris die CD einlegt. Das erste Lied kennt jeder von uns: New Shoes von Paolo Nutini.
Emmi wippt mit dem Fuß im Takt und seufzt. „Lange her, Leute, was?“ Sie dreht sich über die Schulter nach hinten, zu uns, um und lächelt traurig.
„Aber es war echt geil!“ ruft Timo aus und beschleunigt den Bus erneut.
Ich glaube, es war der Sommer vor dem Beginn der Kursstufe, als wir zusammen zur Hütte von Emmis Großeltern in Ungarn gefahren sind. Ganz spontan, ganz planlos, ganz entspannt. Gute Musik, ein wenig Gras, viel Bier.
Ich grinse vor mich hin, während ich daran denke, wie Emmi beinahe die Küche in Flammen gesetzt hat, Timo unbedingt Feuerholz hacken wollte (weil es ja soviel Spaß macht!) und Immanuel die Musik immer lauter drehte, bis der Bass in den Ohren dröhnte.
„Wie lange ist es her?“ fragt Frieda und man sieht ihr an, wie konzentriert sie nachdenkt.
„Vier Jahre?“ ist meine unsichere Antwort. Es könnte allerdings auch schon vor fünf Jahren gewesen sein. Auf jeden Fall kommt es mir vor, wie eine Ewigkeit.
„In Ungarn habe ich festgestellt, das mir das Angeln nicht liegt“ bemerkt Chris trocken und wir müssen alle lachen bei der Erinnerung daran, wie er stundenlang auf dem Steg an der Donau saß und versuchte, wenigstens einen Fisch zu fangen. Lediglich eine Alge hat er herausziehen können.
Wütend über sich selbst, schmiss er die Angel ins Wasser und damit war für ihn geklärt, dass wir als alte Männer keine Angelausflüge machen würden.
„Aber hauptsache fünfzig Euro für so eine doofe Angel ausgegeben“ zieht Frieda ihn auf und stupst ihn von hinten in die Seite. „Und dann hast du das Teil noch nicht mal behalten. Nein, natürlich muss man sie wutentbrannt in die Donau schmeißen!“
Chris verzieht das Gesicht zu einer Grimasse, dreht sich aber zu ihr um und küsst sie. Er will ablenken. Er will nicht weiter über seinen missglückten Angelversuch reden.
„Ist es wirklich schon vier Jahre her?“ fragt Emmi schließlich und wieder schwingt diese Nostalgie in ihrer Stimme mit. Ich glaube, sie leidet am meisten unter diesen Veränderungen, auch wenn sie sich in Heidelberg gut eingelebt hat. Sie ist zufrieden, sie kommt klar – Emmi kommt immer klar. Aber ich bezweifle, dass sie im Moment glücklich ist.
„Scheint so. Dafür können wir uns aber alle noch gut daran erinnern“ Timo wirft einen Blick in den Rückspiegel und zwinkert uns zu, als Immanuel nüchtern fragt: „Du auch?“
Timo lacht und schüttelt mit dem Kopf: „Nein, ich war hacke!“

Der Mailänder Dom ist schon recht hübsch, das muss ich zugeben.
Der große Piazza davor und die Shoppingarkaden sehen nobel und typisch italienisch aus. Und leider auch ziemlich teuer. Trotzdem holte sich Chris ein Eis und beschwert sich jetzt, dass er für eine Kugel Eis zwei Euro zahlen musste.
„Ist es nicht schön hier?“ fragt Emmi und dreht sich einmal im Kreis. Ihre Spiegelreflexkamera hängt ihr um den Hals und ihr weißes Kleid bauscht sich auf, während sie sich im Kreis dreht.
„Der Stau vorhin war auch schön“ brummt Immanuel und sie wirft ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Wir fahren ja gleich weiter!“ Sie macht ein Foto von Immanuel, wie er sie prüfend mustert und steuert dann auf den Dom zu. Wir anderen folgen ihr.
Die Schlange vor dem Dom – zu 90% bestehend aus Japanern oder Chinesen – sieht nicht sehr einladend aus. Doch ich kenne Emmi, und Emmi wird sich trotzdem anstellen.
Timo neben mir stöhnt genervt auf und fährt sich über die schweißnasse Stirn. Hier unten im Süden ist es noch viel heißer als bei uns in Deutschland und das, obwohl nur noch die Abendsonne scheint. Trotzdem gibt es keinen Schatten auf dem Piazza und auf einmal erscheint mir der Dom gar nicht mal so übel.
Bestimmt ist es drinnen, zwischen den dicken Kirchengemäuern, kühler als hier draußen. Ganz zu Schweigen von Friedas Bus, welcher mittlerweile eher einem Backofen gleichen muss.
Emmi dreht sich zu uns um und sagt: „Bitte lächeln!“
Bevor alle reagieren können, hat sie den Auslöser gedrückt und ich kann mir schon gut vorstellen, wie das Bild aussieht. Timo mit offenem Mund und dümmlichem Blick; Frieda, welche sich die Haare zurückstreicht; Immanuel mit dem typisch ernsten Gesichtsausdruck.
Ich glaube, von uns gibt es nur solche Bilder. Emmi mag keine gestellten Fotos und deswegen gibt es nur die, die an Mitten im Leben erinnern.
Wir stehen in der Schlange direkt hinter einer japanischen Reisegruppe, von denen jeder allein hundert Bilder von der Fassade des Doms macht. Von dem vielen Klicken bekomme ich Kopfschmerzen.
„Ohne Witz, wie kann man zwei Euro für eine Kugel Eis verlangen?!“
Jetzt geht das wieder los!
Ich liebe meine Freunde wirklich, aber manchmal können sie mir echt auf die Nerven gehen.
„Das war zu erwarten, Chris. Wir sind auf einem Platz direkt an der Hauptattraktion ganz Mailands. Hier ist alles abnormal teuer“ erklärt Timo.
Er und Emmi waren vor zwei Jahren in Brüssel und haben da so ihre Erfahrungen mit teurem Essen an schönen Touristenplätzen gemacht. Seitdem achten beide eher darauf, wo sie sich etwas kaufen.
„Und warum sagst du mir das nicht vorher, du Vogel?!“
„Alter, du bist alt genug!“
Eine Taube fliegt über uns hinweg und nur wenig später spüre ich etwas Nasses auf meiner Schulter. Eigentlich wollte ich, dass so was nicht passiert!
„Joschi, ich glaube, die Taube hat…“ beginnt Frieda und ich merke, wie sehr sie sich das Lachen verkneifen muss.
Ich schaue auf meine Schulter und sehe auf dem schwarzen T-Shirt einen weißen Fleck. Eindeutig Taubenscheiße.
„Ja, sie hat mich angekackt“ sage ich trocken und schiebe trotzig die Unterlippe nach vorne.
Und jetzt brechen alle in Gelächter aus. Es war typisch, dass mir das passiert. Schon in der achten Klasse in Paris (Schüleraustausch mit dem Französischkurs) wurde ich von einer Taube angeschissen und tappte in Hundescheiße.
Frauen ziehe ich nicht magisch an. Scheiße irgendwie schon. Welch eine Ironie des Schicksals!
Frieda wischt sich die Tränen aus den Augen und reicht mir ein Taschentuch. „Ich hatte gerade das Déja-vù meines Lebens!“ Wieder kichert sie, als uns eine Männerstimme unterbricht.
„No entry!“
Emmi steht vor einem großen Security-Typen und starrt ihn aus ihren großen Augen an, während er ihr wild gestikulierend zu verstehen gibt, dass sie den Dom nicht betreten darf. Sie ist zu knapp gekleidet.
Eigentlich hätte uns das früher klar sein sollen. Die Italiener haben doch alle einen Knall und die Katholiken erst recht!
„Aber…“ stammelt Emmi, doch er wiederholt nur seine Worte: „No entry!“ Diesmal lauter und energischer und Emmi zuckt mit den Schultern und dreht sich wieder zu uns um.
Wir sind etwas zurückgeblieben und nicht weiter in der Schlange vorgerückt, sodass Emmi jetzt auf uns zukommt und grimmig murmelt: „Mailand ist scheiße! – Wurdest du angekackt?“ Ihr Blick fällt auf mich und sie zieht prüfend die Brauen zusammen.
„Ja – leider. Und du hast Recht: Mailand ist scheiße!“






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Kommentare

I.AMsterdamI.AMsterdam

20.12.2012 16:25:21

Ein schöner Teil, so lebendig, realistisch und humorvoll. :-) Toll finde ich, dass du scheinbar aus jeder Sicht ein Kapitel schreibst, das macht das Ganze wirklich interessanter, weil man so einen Einblick in die Gedankenwelt der anderen bekommt. Sehr schön! :-) LG


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