Wie eine einzige Sommernacht - Teil 11

Autor: NoNo
veröffentlicht am: 09.09.2014


Kapitel 11

Frieda

Ich stehe wartend in der Zimmertür unseres Hostels. Die Jungs sind schon zum Hafen gegangen, während Emmi noch hektisch im Zimmer herumrennt und irgendwelche Kleinigkeiten in ihre Handtasche stopft. Unsere Reisetaschen haben die Jungs schon mitgenommen.
„Emmi! Beeil dich mal ein bisschen! Ich will unsere Fähre nicht verpassen“ ermahne ich sie, doch sie geht gar nicht auf mich ein.
„Wo ist mein Ring? Ich hatte doch einen Ring um…“ In Gedanken versunken durchwühlt sie erneut ihr Bett, aber ihren Ring findet sie nicht.
„Scheiß doch auf deinen Ring, Ems!“ drängele ich weiter. Normalerweise halte ich nichts von Pünktlichkeit und normalerweise stresse ich auch keine anderen Menschen, aber wenn wir die Fähre auf das Festland verpassen, dann verpassen wir auch unsere Fähre nach Griechenland. Und das will ich unter allen Umständen vermeiden. „Emmi!“ Jetzt schreie ich sie fast an.
Sie zuckt zusammen, fährt sich mit der Hand durch ihre rotbraunen Locken und nickt. „Du hast Recht. Scheiß auf den Ring“ Sie schultert sich ihre rote Handtasche, nimmt ihren gigantischen Sonnenhut in die Hand und folgt mir zur Rezeption.
„Tut mir Leid“ murmelt sie noch, als ich den Schlüssel einfach auf die Theke lege und mit Emmi das Hostel verlasse.
„Es muss dir nicht leid tun“ Ich lächele sie an und muss dann aber lachen. „Meistens merkst du das doch gar nicht, wenn du Schmuck verlierst“ Emmi braucht mindestens alle paar Monate neuen Schmuck, weil ihre alten Teile einfach weg sind.
Sie schaut mich kurz unsicher an und zuckt dann mit den Schultern: „Der Ring war ein Geschenk“ Ihr Blick verwirrt mich. Ich habe das Gefühl, sie verheimlicht mir etwas. Ich will nachfragen, doch da entzieht sie sich meiner Hand, setzt eine heitere Miene auf und winkt Richtung Hafen. „Das sind die Jungs!“
„Und die Fähre!“ rufe ich aus, schnappe mir Emmis Hand und beginne zu rennen.
„Das war aber knapp“ bemerkt Chris während wir auf die Fähre gehen und unser Zeug einfach auf dem obersten Deck fallen lassen. Bis zum Festland sind es nur 20 Minuten. Dann sehe ich meinen Bus wieder. Innerlich freue ich mich schon, meine alte Blechkiste wieder zu sehen.
„Emmi hat ihren Ring gesucht“ erkläre ich und drücke Chris einen Kuss auf den Mund.
„Emmi sucht nie Schmuck“ Chris lacht und fährt sich mit der Hand durch seine blonden Locken. „Sie verliert doch nur alles“
Ich zucke mit den Schultern und blicke zu Emmi, welche bei Timo, Immanuel und Joschi steht. „Der Ring war was besonderes“ sage ich mit einem gespielt verschwörerischen Unterton.
Chris lacht leise auf, legt mir den Arm um die Schulter und wir gehen zu den anderen. Und während ich so mit den anderen zusammenstehe, beschleicht mich das Gefühl, dass wir das letzte Mal in dieser Konstellation Urlaub machen.

Die Luft im Bus ist stickig und heiß. Ich habe das Gefühl, bei dieser Luft nicht atmen zu können. Schnell kurble ich das Fenster auf der Beifahrerseite runter. Auch wenn es mein Bus ist, so habe ich im Moment einfach nicht den Nerv dafür Auto zu fahren. Also lasse ich Joschi fahren.
„Es ist jetzt kurz vor neun. Wir müssen in drei Stunden spätestens in Ancona sein. Sonst kommen wir gar nicht mehr auf die Fähre drauf“ erklärt Chris, während er sich neben mich setzt und eine Karte Italiens auf seinen Schoß ausbreitet.
„Ich fahre so schnell ich kann, Chef!“ Joschka lässt sich auf den Fahrersitz fallen und dreht den Schlüssel um. Der Bus springt ratternd an.
„Halt! Ich muss noch meinen Hut wegpacken!“ schreit Emmi von draußen und rennt zum Kofferraum.
„Irgendwann verbrenne ich diesen Hut“ knurrt Timo leise und ich muss grinsen. Denn auch ich habe etwas Ähnliches gedacht.
„Das hab ich gehört!“ gibt Emmi zurück und setzt sich neben Immanuel auf die Rücksitzbank. Sie schlägt die Tür zu und wir fahren los.
Wenn Joschi fährt, fühle ich mich immer am sichersten. Timo rast, Emmi verfährt sich dauernd und Immanuel wird schnell zum offensiven Fahrer. Aber ich bin ja selbst nicht besser. Ich merke immer, wie Timo sich verkrampft, wenn ich am Steuer sitze. Ich schaue zu Timo durch den Rückspiegel und muss grinsen. Timo war schon immer der Verrückteste von uns. Manchmal ist er auch etwas langsam. Er ist der, der bei einem Witz immer erst zwei Minuten später lacht.
„Du schaust mich so an… Das verwirrt mich, Fried“ Timo zieht irritiert die Brauen zusammen.
„Ich habe nur nachgedacht“
„Über was?“ fragt Emmi neugierig. Sie rutscht auf ihrem Sitz hin und her und wirft den beiden Jungs einen strafenden Blick zu. „Ihr macht euch immer so breit“
„Vielleicht ist dein Hintern aber auch einfach zu breit“ zieht Timo sie auf und Emmi klappt empört die Kinnlade herunter. „Das find ich nicht lustig! Vor allem weil’s nicht wahr ist“
Ich kann nicht anders, ich pruste laut los. „Genau über solche Momente habe ich nachgedacht!“ Mit diesen Worten drehe ich mich wieder um, doch die Diskussion auf der Rücksitzbank geht weiter.
„Ja, Emmi. Dein Hintern ist wirklich nicht breit“ gibt sich Timo jetzt geschlagen. „War ja nur ein blöder Spruch“
„Ich weiß, es ist nur…“ Emmi bricht ab und schaut aus dem Fenster. Ich seufze leise und werfe Chris einen vielsagenden Blick zu. Emmi war schon immer unser Problemkind.
Mit fünfzehn Jahren wurde sie auf einmal immer dünner und dünner, bis ich mich dazu durchgerungen habe, mit ihren Eltern zu reden, um ihnen zu sagen, dass ihre Tochter ein Problem hat. Emmis Eltern hatten selten Zeit für sie gehabt. Sie waren beruflich zu eingespannt und noch dazu hatte Emmi drei kleine Geschwister, welche natürlich mehr Aufmerksamkeit brauchten, als ein fünfzehnjähriger Teenager.
Dann war Emmi ein paar Monate in einer Klinik. Wir besuchten sie regelmäßig und meistens auch alle zusammen. Trotzdem sah man ihr an, wie schlecht es ihr ging. Nur einmal hat Immanuel sie gefragt, warum sie aufgehört hatte zu essen. Emmis Antwort war sehr einsilbig: „Aufmerksamkeit“
Seitdem hatten wir sie nicht mehr gefragt. Wenn sie darüber reden wollte, hätte sie es getan.
Mittlerweile geht es Emmi wieder gut. Sie isst und isst und hat trotzdem ständig Hunger. Doch wenn man Witze über ihren Körper macht, findet sie das selten lustig.
Ich drehe mich über die Schulter zu Emmi um und knuffe sie kurz ins Knie, doch sie winkt nur ab und schenkt mir ein für sie typisches Lächeln: „Es ist doch schon fünf Jahre her. Es ist alles okay“
Kurz herrscht betretenes Schweigen im Bus, bis Joschi ausruft: „Ancona, 35km!“
„Wie viel Zeit haben wir noch?“ fragt Immanuel, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen.
„Noch eine knappe Stunde“ antwortet Chris und schaut dann anerkennend zu Joschka. „Gut gefahren“
„Ich hätte es schneller geschafft“ Timo verschränkt die Arme vor der Brust und schaut gespielt trotzig.
„Ich hätte mich wahrscheinlich verfahren“ murmelt Emmi und schmunzelt.
„Wahrscheinlich?“ Immanuel sieht sie von der Seite an und zieht skeptisch die Brauen zusammen. „Eher ziemlich sicher“
Emmi zieht eine Grimasse und wir alle müssen lachen.






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