Gestern, heute, morgen - Eine Liebe für die Ewigkeit - Teil 7

Autor: RaindropRaindrop
veröffentlicht am: 30.11.2012


Kapitel 7

In den nächsten Tagen wurde meine Willenstärke immer wieder auf die Probe gestellt.
Jeden Tag liefen Sean und ich uns über den Weg, ob in der Schule, an der Bushaltestelle, auf der Straße, und immer musste ich penibel darauf achten, ihn nicht aus Versehen in irgendeiner Weise zu berühren. In einem vollen Bus war es beinahe unmöglich. Es machte mich einfach fertig.
Aber auch Seans Gleichgültigkeit machte mir schwer zu schaffen. Mir kamen immer die Tränen, wenn er ohne eine Begrüßung oder auch ohne mich eines Blickes zu würdigen an mir vorbeilief.
Ich war eine Fremde für ihn, während er für mich wie Welt bedeutete.
In der Schule konnte ich mich noch zusammenreißen, mich ablenken und Mila war dabei eine große Hilfe, in dem sie mich mit meinen Gedanken für keine Minute alleine ließ, aber Zuhause gab es keinen Halt mehr und mit jedem Tag fiel ich immer tiefer in ein Loch, aus Verzweiflung, Angst und unerwiderter Liebe.
War ich wirklich so schwach, dass ich dem Schicksal nicht mal eine Woche trotzen konnte? Oder war das Schicksal einfach zu stark? Ich wusste darauf keine richtige Antwort, aber eins wusste ich. Wenn ich jetzt das Handtuch schmeißen würde, war Sean tot. Und das machte mir noch mehr Angst und bereitete mir noch mehr Schmerzen, als die Tatsache von ihm nicht ``gesehen`` zu werden.
Allerdings fragte ich mich auch, wie lang es noch gut gehen würde.

Endlich war die Schule aus und ich beschloss Nana einen Besuch abzustatten. Ich brauchte jemanden zum Reden und außer ihr kannte mich keiner wirklich.
“Hallo Abby.” - begrüßte sie mich an der Wohnungstür und an ihrem Blick konnte ich erkennen, dass man mir meine Sorgen ansehen konnte. “Komm doch rein, Liebes.” - sie sah mich mitfühlend an und trat einen Schritt zur Seite, damit ich reinkommen konnte.
Ich lief direkt in die Küche und ließ mich auf einen Stuhl fallen.
“Wie geht es dir?” - fragte sie und schaltete den Wasserkocher ein.
“Nicht gut.” - antwortete ich wahrheitsgetreu. “Es ist so schwer.” - meine Augen wurden nass. “So verdammt schwer.” - wiederholte ich und jetzt brachen alle Dämme.
“Ich weiß.” - liebevoll streichelte mir Nana über das Haar. “Ich weiß, wie schwer es ist, einem Menschen, den man liebt, aus dem Weg gehen zu müssen.”
“Es tut so weh.” - sagte ich und vergrub mein Gesicht in meinen Handflächen.
“Oh mein Schatz.” - Nana drückte ihre Wange an meinen Kopf und ich spürte ihre Tränen auf meiner Kopfhaut.
Der Wasserkocher pfiff auf dem Herd. Nana stellte zwei Tassen mit Kamille-Teebeutel auf den Tisch und goss diese mit Wasser über.
Ich umklammerte meine Tasse mit zwei Händen und saugte den Duft der Kamille auf. Nana saß mir gegenüber, sah mich an, sagte jedoch nichts. Sie wartete, bis ich von selbst mit dem Reden anfing.
“Sean ist in meiner Klasse und wohnt auch noch in der Nachbarschaft.” - erzählte ich ihr. Sie schwieg weiterhin und animierte mich mit ihrem Blick zum Weitersprechen. “Jetzt scheint es so, als hätte sich Mila in ihn verliebt und das ist einfach zu viel.” - erklärte ich und erneut musste ich gegen aufkommende Tränen ankämpfen. “Wenn sie dann mit ihm zusammenkommen würde, müsste ich auch noch meine Freizeit mit ihm verbringen.” - teilte ich mit ihr meine Sorge.
“Abby, soweit ist es noch nicht.” - Nana legte ihre Hand auf meine Schulter.
Ich lächelte hämisch auf.
“Mein Schicksal wird schon dafür sorgen.” - sagte ich dann verbittert und sah Nana an. Dem hatte sie nichts entgegenzusetzen und schwieg. Ich nahm einen Schluck aus meiner Tasse. “Erzähl mir mal von dir. Ich meine von dem Menschen, den du liebst.” - bat ich sie dann.
“Sein Name ist James Winters.” - ein schüchternes Lächelns umspielte ihre schmalen beinahe farblosen Lippen. “Als ich ihm das erste Mal begegnet hatte, war ich 18 Jahre alt. Damals habe ich in einem Restaurant neben dem Studium gearbeitet.” - erzählte Nana und blickte aus dem Fenster. Es schien, als wäre sie in ihre Erinnerung eingetaucht. “Er war der Sohn des Besitzers und war dort ab und zu mal als Gast.”
“Wann hast du dich an ihn erinnert?” - fragte ich.
“Zwei Tage bevor ich ihn das erste Mal sah.” - Nana wurde ganz traurig. “Als ich James dann traf und erfahren hatte, dass er der Sohn der Besitzer war, habe ich meinen Job sofort gekündigt.” - erklärte sie und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. “Doch so leicht war es nicht. Auf dem College hatte er dann die gleichen Kurse belegt, wie ich. Das machte die Sache natürlich nicht einfach. Es gab auch Tage, an denen ich am liebsten der ganzen Sache ein Ende gesetzt hätte und ihn anfassen wollte. Doch dann rief ich mir immer in Erinnerung, dass er doch sterben würde, wenn ich das tun würde. Lieber hatte ich ihn ahnungslos um mich, als gar nicht mehr.” - sie sah mich an. Ihr Blick sagte mehr als tausend Worte.
“Ich weiß nicht, ob ich es durchstehe.” - teilte ich ihr meine Zweifel mit.
“Abby, du bist stark.” - versicherte sie mir.
“Und weiter, hast du James dann auch weiterhin getroffen?” - wollte ich wissen.
“Abgesehen vom College war er noch mit dem Freund meiner besten Freundin befreundet und so kam ich nicht umher, ihn auch in meiner Freizeit zu treffen. James war auch sehr begehrt bei den Mädchen und hatte viele Freundinnen. Eine oder die Anderen brachte er auch manchmal mit.” - Nana wusch eine einsame Träne aus dem Augenwinkel weg. “Es war so schwer, ihn immer wieder mit einer Frau zu sehen. Dann traf ich deinen Großvater.” - erneut lächelte sie. “Er hatte mich sehr geliebt und ich … . Na ja, er gefiel mir. Wir haben geheiratet und deine Mutter bekommen. Das Leben hatte dann eine geregelte Bann eingeschlagen und ich fing an, James zu vergessen.” - erklärte sie. “Als dein Großvater dann starb und meine damals beste Freundin, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte, mit ihrem Mann zur Beerdigung anreiste, musste ich feststellen, dass ausgerechnet James ihr Ehemann war. Die ganzen Gefühle kamen wieder hoch und ich fühlte mich so schlecht, deinem Großvater gegenüber. Er war so ein toller Mann gewesen und ich hatte ihn auch gar nicht verdient.” - Nana schniefte.
Ich umschloss ihre Hand mit meiner. Meinen Großvater durfte ich nicht kennen lernen, weil er bereits gestorben war, als meine Mutter erst fünf Jahre alt war. Doch Nana hatte nie eine schlechtes Wort über ihn gesagt und auch die gebliebenen Erinnerungen meiner Mutter stellten einen guten und liebevollen Vater dar.
“Da trat James wieder in mein Leben.” - fuhr Nana fort. “Mit dieser Freundin traf ich mich auch ab und zu und immer musste ich daran denken, wer ihr Mann war. Wieder musste ich dem Drang widerstehen James zu berühren, um ihn an unsere gemeinsame Vergangenheit zu erinnern. Dann sind wir umgezogen und ich hoffte, James endgültig aus meinem Leben verbahnt zu haben. Doch wir trafen uns wieder vor 5 Jahren.” - ich sah Nana überrascht an. “James lebt jetzt nur einen Steinwurf von hier entfernt und wir sehen uns oft beim Einkaufen.” - erzählte sie. “Wie ich weiß, ist er alleinstehend.”
Einen Augenblick saßen wir schweigend einander gegenüber und hingen unseren Gedanken nach.
“Ich denke immer wieder daran, wie es wäre ihn zu berühren. Ich weiß, dass wir dann sterben würden, aber für eine gewisse Zeit wären wir auch glücklich. Nun bin ich auch schon über 70 und habe wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben und dieser Gedanke kommt immer öfters.” - mit ihren Worten jagte sie mir riesige Angst ein. Ich wollte Nana nicht verlieren, dann hätte ich niemanden mehr, mit dem ich mein Schicksal teilte und reden konnte.
“Sag so was nicht.” - bat ich sie, sprang auf und lief um den Tisch, um vor Nana auf die Knie zu fallen und mein Gesicht in ihrem Schoss zu vergraben. “Du wirst nicht sterben.” - natürlich war diese Aussage absurd, doch ich wollte nicht daran denken, geschweige den aussprechen.
“Wir alle müssen irgendwann gehen.” - sagte Nana und strich mir über den Kopf. “Und ich will glücklich sein, bevor ich sterbe.” - diese Sehsucht in ihrer Stimme tat mir weh.
Ich fragte mich, ob mich die gleiche Zukunft erwartete wie Nana. Müsste ich auch einen Mann heiraten, der mir zwar gefiel, aber ich ihn nicht liebte? Durfte ich auch kein Glück erfahren, wie Nana?
Mir kamen die Tränen.
Warum konnte ich nicht das Leben einer 17-jährigen führen? Mich verlieben, vielleicht auch mehrmals, mit meinen Freunden um die Häuser ziehen und mir keine Gedanken darüber machen, dass ich morgen -nur durch eine zufällige Berührung- tot umfallen könnte.
Doch das Schicksal gönnte mir kein normales Teenagerleben.






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