Die zwei Schwestern - Ladys von Shiringham Teil 2

Autor: 2-Autoren-Geschichten
veröffentlicht am: 12.06.2008




2.
Vivien betrat zögernd das Haus, nicht ohne vorher nach der Hand ihrer Schwester gegriffen zu haben. So gingen sie nun Hand in Hand durch das düstere Gewölbe die Stufen hinab in die Familiengruft. Vivien überlegte fieberhaft an was ihr Vater gestorben sein könnte, aber sie kam einfach nicht darauf. Während sie noch darüber nachdachte, dass er ja eigentlich immer ein robuster Mann gewesen war, gelangten sie an den Eingang zur Familiengruft. Vivien drehte sich noch einmal zu ihrer Schwester um, doch als diese ihr aufmunternd zu nickte, nahm sie eine der Fackeln von der Wand, stemmte sich mit der anderen Hand gegen die massive Holztüre und die Scharniere gaben quietschend nach. Zögernd betrat Vivien den Raum, der seinem Namen alle Ehre machte.
Er war komplett aus Stein gemauert, ohne eine Fenster oder einen Luftschacht. Auch befand er sich so tief unter der Erde, dass es merklich kühl war. Vivien fröstelte. Sie wollte schon zum Sarg mit dem Namen ihres Vaters laufen, als ihr ein Gedanke kam. 'Cathy, an was ist Vater gestorben?!'

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'Es hat ihn auch erwischt', murmelte Catherine leise, mehr zu sich als zu Vivien. Langsam lies sie den Blick durch die bekannte Umgebung wandern und sagte etwas lauter: 'An der Pest.'
'Nein!' flüsterte Vivien. Mit schreckgeweiteten Augen sah sie Catherine an. 'Sag dass das nicht stimmt...'
'Doch. Ich wollte es zuerst auch nicht wahrhaben. Ich habe nur gemerkt, dass es ihm plötzlich schrecklich ging. Mutter und ich haben ihn versorgt, so gut es ging. Aber wir haben es nicht geschafft...', versagte Catherines Stimme. Wieder begann ihr Kopf zu schmerzen. Schon seit zwei Tagen, hatte sie nicht mehr geschlafen und essen konnte sie seit einer Ewigkeit auch nicht mehr. Alles was sie zu sich nahm, war nur um ihrer Mutter einen Gefallen zu tun und nicht um am Leben zu bleiben.
'Aber Cathy, die Prioren und Bischöfe sagen doch, dass die Pest eine Strafe Gottes für einen Sünder ist. Hat Vater gesündigt?'
'Ach, Vivien. Wie oft soll ich dir noch sagen nicht immer alles zu glauben, was diese Bischöfe sagen? Wie hätte unser armer Vater denn sündigen sollen? Er hat nie auch nur ein Getreidekorn gestohlen, geschweige denn etwas anderes. Unser Vater hat nicht gesündigt. Er hat keinem einzigen Tier etwas angetan, wie hätte er da Menschen verletzten können. Nein, er ist einfach krank geworden.'
Vivien sah sie schweigend an und meinte dann gefasst: 'Was ist mit dir? Hast du ihn berührt?'
Schweigend sah Catherine auf den Boden und entfernte sich mit einigen kurzen Schritten von Vivien.
'Du hast ihn berührt?!' schrie Vivien außer sich
'Was hätte ich denn sonst tun sollen?', schrie Catherine zurück 'Wer hat sich denn um ihn gekümmert? Mutter hat sich in ihrer Kammer eingesperrt gehabt und wollte nicht mehr raus. Wer hätte ihm helfen sollen? Wer, wenn nicht ich?'
'Aber…aber…Okok schon gut. Ich glaub ich hätte das Selbe getan.' bemerkte sie dann nachdenklich wobei ihre Stimme vor Verzweiflung brach.
'Es..es tut mir leid, Vivi', sagte Catherine mit zittriger Stimme und drehte sich zu ihrer Schwester um.

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'Es muss dir nicht leid tun Cathy. Ich hätte bestimmt das Selbe getan. Was mich nur so bestürzt hat ist, dass ich dich nicht auch noch verlieren möchte.' Sie sah Catherine mit nassen Augen an und warf sich in ihre Arme. 'Versprich mir, dass du immer bei mir bleibst, egal was passiert.' schluchzte sie.
'Natürlich, Vivi. Egal was passiert, ich werde immer da sein. Versprochen.'
Vivien verharrte noch einen Moment in der Umarmung ihrer Schwester, dann machte sie sich widerstrebend los und meinte: 'Wir müssen uns um Vaters Geschäfte kümmern. (Einwurf: was war der von Beruf? Vielleicht Tuchhändler?!) Er hat uns für so einen Fall doch bestimmt einen Brief oder etwas Ähnliches hinterlassen oder?!'
'Ja, das hat er tatsächlich. Ich hab ihn oben im meinem Zimmer. Ich wollte ihn nicht ohne dich öffnen.'
'Na dann lass uns doch am Besten hochgehen und ihn auf machen.' Insgeheim fiel Vivien ein riesiger Stein vom Herzen. Da ihr Vater keinen Sohn gehabt hat, hatte sie immer versucht ihm den Sohn zu ersetzen. Ihre widerspenstigen Haare trug sie damals kurz geschnitten,
kombiniert mit einem kurzen Lederwams und Hosen. In der höheren Gesellschaft galt es als ungebührlich Mädchen in Hosen herumlaufen zu lassen, aber Vivien hatte sich schon damals gewünscht ihrem Vater seinen größten Wunsch, einen Erben, zu erfüllen.
Wenn sie jetzt scheiterte, weil er ihr keine Anweisungen dagelassen hatte wie sie und Cathy sein Geschäft weiterführen sollten, waren alle früheren Jahre umsonst. Dann würde das Geschäft aufgegeben werden müssen.
'Nein, so weit kommt es nicht!' schwor sie sich insgeheim, als sie an Catherines Zimmer ankamen.
Sie ließ Cathy den Vortritt und schlüpfte nach ihr in die große Kammer. Sie sah den Umschlag sofort. Er lag auf dem massiven Schreibpult ihrer Schwester und wartete nur darauf gelesen zu werden. Gerade als Catherine nach dem Umschlag greifen wollte fiel Vivien etwas ein. 'Halt Cathy warte. Wann hat Vater diesen Brief geschrieben? War er schon krank?!''Ja, es war ganz am Anfang seiner Krankheit. Er meinte ich würde es zu gegebener Zeit brauchen, aber was er damit gemeint hatte hat er mir nicht gesagt.'
'Hmmm, aber dann können wir den Brief nicht einfach so anfassen!! Wir werden die Pest auch bekommen wenn wir ihn berühren! Es wurde doch schon alles von ihm verbrannt oder?!'
'Ja, alles was von ihm übrig geblieben ist, ist dieser Brief.'
'Vater auch?' setzte sie gleich darauf ängstlich hinzu. Es gab nur einen Weg einer Pestepidemie zuvorzukommen und das war, alles möglicherweise infizierte zu beseitigen. Was wenn Mutter es nicht übers Herz gebracht hatte ihn verbrennen zu lassen?! Sie sah ihre Schwester auffordernd an.

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'Ja. Vater auch...'
Klar erinnerte sie sich daran. Es waren kaum Stunden vergangen seitdem er verbrannt worden war. Müde wanderte ihr Blick zu dem Brief, der einzigen Hinterlassenschaft ihres geliebten Vaters. Der einzige Beweis, außer ihr und ihrer Schwester, dass er gelebt hatte.
'Soll ich ihn öffnen?' fragte Catherine und bewegte sich schon auf ihr Schreibpult zu, um den Brief zu ergreifen.
'Nein!' schrie Vivien außer sich vor Angst. 'Wir dürfen ihn nicht berühren. Nimm eine Zange oder etwas anderes zu Hilfe.'
'Vivi, ich habe ihn doch schon längst berührt', antwortete Cathy gelassen und genervt zugleich.
'Du hast WAS?!'
'Beruhig dich, Vivien. Es ist ja nichts passiert.'
'Aber du weißt nicht ob nicht noch etwas passieren wird. Was wenn du in ein paar Wochen auch so krank wirst? Dann habe ich niemanden mehr der mich liebt und den ich liebe.''Jetzt mal doch nicht gleich den Teufel an die Wand, Vivi. Komm lass uns jetzt den Brief öffnen. Wenn du willst benutz ich sogar ein Tuch um ihn nicht anzufassen', antwortete Catherine gelassener als sie war. In ihrem Inneren brodelte alles. Sie wusste selber in was für eine Gefahr sie sich gebracht hatte. In was für einer Gefahr sie sich noch immer befand. Das einzige was sie jetzt noch tun konnte war hoffen. Hoffen dass ihr nicht das gleiche Schicksal zuteil werden würde, wie ihrem Vater.
'Ok, aber sei bitte ganz vorsichtig und werf den Briefumschlag dann gleich in den Kamin, ja?'
'Ja.' Schnell zog sie eines ihrer alten Tücher hervor und griff nach dem Umschlag. Vorsichtig zog sie noch ein anderes Tuch hervor und öffnete behutsam den Brief.
'Könnest du mir mal kurz helfen, Vivi?'

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Vivien nahm eines der Tücher die Catherine ihr hinhielt und begann vorsichtig die zusammengefalteten Blätter aus dem Umschlag zu ziehen. Der Umschlag war sehr groß und schwer, weshalb Vivien vermutete, dass sich nicht nur ein paar Blätter darin befanden und als sie nun den Umschlag ins Feuer warfen und sich den Inhalt ansahen, bemerkten sie ein kleines, in schwarz gefärbtes Leder gebundenes Büchchen. Vivien zog es behutsam unter de Blätterstapel heraus und schlug es vorsichtig auf. Sie hätte beinahe gejubelt vor Glück. 'Cathy, schau mal. Da stehen Vaters Handelspartner mit samt ihren Bestellungen und Bezahlungen drinnen.' Erleichtert sah sie ihre Schwester an.
'Wenigstens etwas', meinte diese mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen.
Jetzt wurde auch Vivien wieder still und begann die Blätter zu ordnen. Als sie den Anfang gefunden hatte, las sie das Geschriebene laut vor.

'Liebe Cathy, liebe Vivi. Ich weiß dass ich schwer krank bin und nicht mehr lang zu leben habe. Ich möchte nur dass ihr wisst, wie sehr ich euch liebe. Ihr habt mein Leben mit Freude und Liebe erfüllt.

Cathy, du bist die ältere. Schon als ich dich das erste Mal in meinen Armen hielt, hatte ich mein Herz an dich verloren. Schon damals, ab der Minute in der ich dich sah, hieltst du mein Herz in deinen kleinen Händen. Mein kleine Prinzessin. Du hast mich nie enttäuscht und gabst mir nie Grund zur Klage. Du bist nun eine intelligente junge Frau und wenn ich dich abends neben meinem Krankenlager sitzen sehe, bin ich so wahnsinnig stolz auf dich. Trotzdem, manchmal würde ich dich am liebsten noch mal auf meinen Knien schaukeln und auf dem Schoß sitzen haben, so wie ich es immer getan habe als du noch ein kleines Mädchen warst. Pass auf dich auf und schütze dein Herz, denn es gibt so viele schlechte Menschen auf der Welt. Ich liebe dich von ganzem Herzen und werde immer auf dich aufpassen.

Vivien, du warst das Licht meiner alten Tage. Ich weiß dass es nicht immer einfach für dich war mir den Sohn zu ersetzen, den ich mir gewünscht habe, aber ich muss dir noch sagen, dass ich keinen besseren Sohn hätte bekommen können. Ich erinnere mich noch gut an die junge Frau mit den kurzen Haaren und den lustigen Sommersprossen, die mich schlussendlich im Schwertkampf und Wettreiten besiegt hat. Die Erinnerung an unsere gemeinsamen Jagdausflüge zaubert mir noch heute ein Lächeln ins Gesicht, auch wenn jede noch so kleine Bewegung schmerzt. Ich weiß dass du nicht mehr rechtzeitig hier sein wirst, aber das ist nicht so schlimm. Ich weiß du wirst deinen Weg auch ohne meine Unterstützung meistern, denn du bist stark und hast das Herz einer Löwin. Ich habe dich so wahnsinnig lieb und hätte mir nichts mehr gewünscht als dich noch einmal zu sehen, aber ich weiß auch dass es so besser ist. Behalte mich als den Mann in Erinnerung, der ich war. Denn dieser Mann wird dich für immer lieben und - hoffentlich - vom Himmel aus so gut wie möglich beschützen. Pass auf deine Schwester auf und werdet glücklich.

Ihr beide habt mehr Glück in mein Leben gebracht als ich mir je erträumt habe. Wenn ich daran denke wie glücklich all die Jahre mit euch gewesen waren und dass das nichts Selbstverständliches ist, bin ich bereit zu sterben. Viele Leute werden dieses Glück, das einen überkommt wenn man das erste Mal sein Kind sieht - egal ob erstes oder zweites - nie erfahren.

Alles was ihr wissen müsst steht auf den nachfolgenden Blättern und in dem Buch.

Lebt wohl meine Engelchen und passt auf euch auf. Ihr habt mich zu Lebzeiten nicht enttäuscht und ich bin sicher ihr werdet es auch jetzt nicht tun.

In tiefer Liebe
für immer

Vater

Ps: Ich habe in meinem Leben viel Schuld auf mich geladen. Bitte tut mir den gefallen und pilgert für mich zu der Wallfahrtstätte des heiligen Jakobus nach Santiago de Compostella und verstreut meine Asche über dem Meer, am Ende der Welt. Wenn ihr euch dazu nicht durchringen könnt, verstehe ich das, aber ich hätte die Gewissheit, dass meine Seele zur Unsterblichkeit ins Paradies eingeht.'

So, ich bitte um Komentare, seien es positive oder negative. Da ich Sani leider nicht mehr erreiche, hoffe ich sie auf diesem Weg zu erreichen. Wir sollten weiterschreiben oda?!^^

lg Dani (und Sani, die ja wieder fleißig mitgeschrieben hat.)







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