Rückkehr zum Herzen Teil 5

Autor: Any
veröffentlicht am: 05.06.2008




Am frühen Nachmittag eine Woche später erhielt Ivette das Antwortschreiben ihres Vaters.Gespannt lief sie in ihr Zimmer und öffnete den Brief, wurde aber schon nach den ersten paar Zeilen stutzig. Wie sollte sie das nun wieder verstehen? Hatte sie ihrem Vater denn nicht schon oft genug weiß gemacht, dass sie mit so etwas nie einverstanden sein würde?Und was würde Etainne zu der Idee ihres Vaters sagen? Sie wollte sich seine Reaktion gar nicht erst ausmalen.
Ihn machte es sowieso schon ziemlich zu schaffen, dass es so schlecht um seinen Vater stand und er hatte sich in der letzten Woche nur so in seiner Arbeit vergraben, wie sollte er denn jetzt nun auch noch mit so einer schwierigen Entscheidung zu Recht kommen?

Er saß gerade wieder in seinem Arbeitszimmer und kümmerte sich um eines seiner Geschäfte, so wie immer, als es wieder einmal an seiner Tür klopfte. Jedoch wartete sein Besucher erst gar nicht sein `Herein!´ ab, sondern kam einfach ins Zimmer gestürmt.
Vor ihm stand nun plötzlich eine etwas hilflose Ivette, die ihm wortlos ein Schreiben ihres Vaters in die Hand drückte. Was mochte das nun wieder zu bedeuten haben?
Ivette beobachtete ganz genau Etainnes Mimik, während er den Brief las und stellte dasselbe Unglauben, wie es bei ihr selbst der Fall gewesen war, fest.
Am Ende ließ er die Hand mit dem Brief senken und starrte sie mit offenem Mund, ziemlich fassungslos, an.
'Das kann ich nicht von dir verlangen.', brachte er schließlich hervor. Ivette schüttelte jedoch nur den Kopf. Was blieb ihr denn anderes übrig? Außerdem war es ja nur für eine geraume Zeit und sie konnten sich wieder scheiden lassen, wenn es nicht klappte.
'Nein, Ivette! Du darfst das nicht als deine Pflicht oder deine Verantwortung sehen! Das betrifft allein mich!', wehrte er ab.
'Ist schon gut, Etainne. Ich werde mich dem Wunsch deines, und meines, Vaters beugen und Anstand beweisen, indem ich einem Freund aus der Klemme helfe.'
Bestürzt sah er das junge Mädchen an. Dachte sie denn überhaupt nicht an ihre Zukunft? Diese Entscheidung betraf nicht nur ihn, sondern auch sie! Und überhaupt, wollte er sie denn zur Frau nehmen? All diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf und er wusste nicht, wo er sie nun einordnen sollte.
'Ivette! Ich kann das nicht verantworten!'
Traurig sah sie ihn an. 'Du wirst müssen…'

Lieber alter Freund,
Mit Freuden darf ich Dir von der Verlobung von Deinem Sohn Etainne und meiner Tochter Ivette berichten. Ich denke, dass dieses Bündnis unsere Freundschaft noch mehr festigen wird und hoffe, dass Deine Gesundheit Dich die Hochzeit noch, gemeinsam mit uns, erleben lässt! Beten wir, dass uns Gevatter Tod wohl gesonnen ist!
Des Weiteren darf ich Dir mitteilen, dass meine Tochter vorhat mit ihrem Verlobten nach Frankreich zu reißen um dort ihr zukünftiges Leben mit Etainne zu verbringen. Ich muss mir selbst jedoch eingestehen, dass es eine harte Entscheidung war, mein liebes kleines Mädchen so plötzlich ziehen zu lassen. Es wird einsam ohne ihre Gesellschaft. Ich erhoffe mir, dass Du Zeit findest, mich zu einem Besuch zu euch einzuladen, sodass meine Tage, die ich in baldiger Zukunft nun nur allzu oft allein auf meinem großen Anwesen verbringen muss, nicht allzu langweilig werden.
Hochachtungsvoll,
Dein treuer Freund Lord Mallington

'Mein Vater wünscht, dass wir ihn so schnell wie möglich auf seinem Anwesen zu Hause in Frankreich besuchen kommen.', rief Etainne Ivette zu, die in der Bibliothek mal wieder eines ihrer Lieblingsbücher verschlang.
Sie sah auf und erblickte ihren Verlobten, der lässig im Türrahmen lehnte.
'So? Wünscht er das?', fragte sie fast schon kalt. Ihr war bei der ganzen Sache noch immer nicht ganz wohl, da sie sich immer erhofft hatte, nur der wahren Liebe wegen zu heiraten und nun hatte sie sich freiwillig zu einer Zwangshochzeit bereit erklärt.
'Muss ich dich daran erinnern, dass es allein deine Entscheidung war, mich als Gatten anzunehmen?', fragte nun Etainne, dem der unterkühlte Tonfall seiner Zukünftigen nicht verborgen geblieben war.
'Nein.', seufzte sie. 'Dass musst du nicht.'
'Hör zu.', verlangte Etainne. 'Mir ist bei der ganzen Sache genauso wenig wohl, wie dir, aber wir haben das frei entschieden, zumindest teilweise.', fügte er hinzu, um bei der Wahrheit zu bleiben.
'Ja, ich weiß.', murmelte sie leise und wandte sich wieder der Geschichte zu.
'Wirst du mich jetzt immer so kalt behandeln, oder wird sich das auch noch bessern?', verlangte Etainne zu wissen, aber sie ignorierte ihn.
Das ließ er sich nicht gefallen. Mit ein paar schnellen Schritten war er bei Ivette angelangt und riss ihr das Buch aus der Hand. Seinen Oberkörper beugte er ein wenig herab um mit ihr auf selber Augenhöhe zu sein. Starr sah sie gerade aus, nicht direkt ihn, sondern irgendwas in der Ferne an.
'Beantworte meine Frage.', zischte er zwischen den Lippen hindurch. Er hatte keine Lust mehr auf ihre Spielchen.
Aufgebracht wandte sie sich nun doch an ihn. 'Was verlangst du von mir, Etainne? Dass ich jetzt die brave Hausfrau spiele und mich dir beuge? Ich weiß, dass ich dir freie Wahl hatte, dich als Verlobten anzuerkennen oder nicht, und dennoch kommt es mir jetzt so vor, als ob man mich in eine Zwangsehe schickt! Ich liebe dich nun einmal nicht und deswegen werde ich mich nicht damit abfinden können! Auch nicht in ferner Zukunft! Also hüte deine Zunge und sei zufrieden, mit dem was du bekommst! Schließlich wirst du, nach dem wir dieses ganze Drama beendet haben, leicht wieder eine Frau finden! Aber ich frage dich, Etainne, was wird aus mir? Welcher Mann würde denn noch eine `gebrauchte´ Frau, als Gattin anerkennen?', brachte sie hervor, ohne auch nur einmal Luft zu holen, weswegen sie nun umso mehr um Atem rang, aber es tat ihr ungemein gut, diese Worte gesagt zu haben.Kopfschüttelnd sah Etainne das Mädchen vor ihm an. Wie sollte er nur aus ihr schlau werden? Es war doch ganz allein ihre Entscheidung gewesen, ihn zum Mann zu nehmen. Natürlich hatte ihr Vater sie quasi dazu gedrängt, aber im Endeffekt hatte er ihr die Wahl doch selbst überlassen und auch er selbst hatte sie zu nichts gezwungen. Jedoch konnten sie die Verlobung jetzt nicht mehr rückgängig machen, da sein Vater schon davon erfahren hatte und es als eine Beleidigung der Mallingtons an dem Namen Montgomery sehen, wenn sie die Verlobung nun wieder lösen würden.
Im Grunde also hatten sie gar keine andere Wahl mehr.
'Trotzdem kann ich es nicht akzeptieren, dass du mich weiterhin so behandelst, Ivette!', warf er ein. 'Ich trage keine Schuld an dieser Situation.'
`Doch!´, dachte sie missmutig, `Denn würde ich dich nicht so gut kennen und eine so starke Verbundenheit zu dir spüren, dann hätte ich mich anders entschieden…´.
Sie wusste, dass es falsch war, was sie langsam für ihn fühlte, aber sie konnte es einfach nicht verhindern, so wie damals.
Damals hatte sie ihr Herz an ihn verloren, jedoch wurde sie von dieser `Krankheit´ geheilt, indem er ihr ihren Bruder weggenommen hatte. Jetzt aber war er wieder hier, ihr so nah, aber andererseits doch fern und sie spürte, dass die alten Gefühle wieder aufzukommen drohten, konnte sich aber nicht dagegen wehren. Auch, wenn sie ihn jetzt bald heiraten sollte, war sie nicht glücklich. Er wollte sie in Wirklichkeit gar nicht, liebte sie nicht, er war ihr nur dankbar, dass sie ihm diesen Gefallen tat.
Lange starrten Etainne und Ivette sich gegenseitig in die Augen, wie ein stiller Kampf, aber keiner der Beiden dachte auch nur daran, aufzugeben.
Schließlich gab die junge zukünftige Montgomery nach und senkte ihren Blick.
'Darf ich weiterlesen?', fragte sie leise.
Etainne seufzte. Was sollte er nur mit dieser sturen Göre machen? Sie war wie eine Schwester für ihn gewesen, aber in den zwei Jahren, die er mit Ivette und ihrem Bruder verbracht hatte, war sie ihm so richtig ans Herz gewachsen, ohne, dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Wollte…
Doch dann hatte er sie verlassen müssen, konnte jedoch einen Teil der neu gewonnenen Familie mit sich nehmen, seinen besten Freund Noel, doch sie musste er hier zurücklassen, so gern er sie damals auch mitgenommen hätte, er wusste, dass Ivette ihre Heimat nicht so einfach verlassen würde und zwingen konnte er sie nun mal nicht.
Etainne drückte ihr das entrissene Buch wieder in die Hand, drehte sich um und verschwand aus der Bibliothek.
Wie sollte er es nur schaffen, dass sie halbwegs miteinander auskommen würden?
Die Situation erschien ihm gar nicht mehr so vorteilhaft, wie er am Anfang geglaubt hatte. Nicht nur, dass er ihren größten Wunsch zerstörte, in dem er sie zur Gemahlin nahm, obwohl sie ihn nicht liebte, sondern es kam auch noch hinzu, dass er sie unglücklich machte und das war das weitaus größere Problem für ihn. Was musste er auch einen so sturen Vater haben, der in dieser Hinsicht nicht mit sich verhandeln lassen würde, was Etainne nicht einmal wagen würde, da es ja der letzte Wille seines Vaters war.
Ihm fiel plötzlich wieder ein, was er Ivette eigentlich sagen wollte und kehrte noch einmal um.
Sie saß noch immer in derselben Haltung in dem Sessel und war über das Buch gebeugt. Als sie seine Schritte vernahm, sah sie auf.
'Was denn noch?', fragte sie ungehalten.
Der Ton ihrer Stimme ärgerte ihn, aber er hatte jetzt keine Lust, weiter mit ihr zu diskutieren und zwang sich innerlich zur Ruhe.
'Ich wollte dir nur noch schnell mitteilen, dass wir, sobald ich all meine Geschäfte zum Abschluss gebracht habe, nach Frankreich abreisen.'
'Gut.'
'Mehr hast du dazu nichts zu sagen?', fragte er irritiert.
'Willst du etwa, dass ich wieder mit dir streite?'
'Nein.', er schüttelte den Kopf. 'Ich hätte mir nur erwartet, dass du das nicht so einfach hinnehmen würdest, schließlich verlässt du deine Heimat.'
Sie klappte das Buch zusammen, legte es neben sich auf das kleine Tischchen und musterte ihn eindringlich.
'Manchmal verstehe ich dich nicht, Etainne… Im einen Moment willst, dass ich dich nicht so kalt behandle, weil sich das als Frau nicht ziemt und im nächsten Moment verlangst du von mir, dass ich wieder mit dir diskutiere? Das hat keine Logik.', warf Ivette ihm vor.
'Aber du verlässt deine Heimat.', wiederholte er noch einmal ungläubig.
'Und? Es soll Schlimmeres geben.', meinte sie.
'Aber ich dachte, dass du unter keinen Umständen deine Familie und dein Heimatland verlassen würdest!?'
Verwundert sah sie ihn an. 'Was hat dich das glauben lassen?'
'Ich dachte… denke, dass du deine Heimat nie freiwillig verlassen würdest.'
Nun sah sie ihn nur noch verwunderter an. Glaubte er das wirklich? Doch plötzlich dämmerte es ihr. Mit einem Satz stand sie auf ihren Beinen und legte die Hände an ihre Hüfte. Ihre typische Kämpferpose.
'Etainne Montgomery!', rief sie. 'Hältst du mich etwa für ein kleines Mädchen, dass Heimweh haben könnte, wenn es mal nicht zu Hause sein kann?!'
Sofort hob er abwehrend die Hände. 'Nein! Ich dachte nur-…'
'Was?! Was hast du gedacht, Etainne? Dass ich auf ewig hier zu Hause sitzen will und Wurzeln schlage?!'
Sie wusste nicht, warum sie das so wütend machte, aber wahrscheinlich lag das daran, dass Etainne sie damals nicht einmal gefragt hatte, ob sie ihn nach Frankreich begleiten wollte.Etainne räusperte sich verlegen. 'Du musst mir verzeihen. Ich hatte angenommen, dass du es nicht gut heißen würdest, deine Heimat zu verlassen.'
'Hast du mich deswegen damals nicht mitgenommen?', fragte Ivette nun leise und traurig. 'Hast du mich deswegen hier allein gelassen?'
Verwirrt sah er in ihr Gesicht und versuchte Gefühle darauf zu erkennen. 'Du hättest… wärst mit mir gekommen, wenn ich dich gefragt hätte?', fragte er ungläubig.
'Natürlich!', rief sie nun aus. 'Schließlich wollte ich doch bei meiner Familie sein!'
'Aber dein Zuhause ist doch hier.', sagte Etainne verwirrt. Sie wäre mit ihm gekommen? Aber er dachte doch immer, dass…
'Nein!', widersprach Ivette. 'Mein Zuhause ist meine Familie, aber du hast mich gezwungen sie gehen zu lassen und in Einsamkeit zu leben.', flüsterte sie.
'Aber dein Vater war doch bei dir.'
'Etainne! Siehst du hier irgendjemanden außer dir und mir? Nein! Und so war es auch die letzten zwei Jahre! Mein Vater war ständig unterwegs auf irgendwelchen Geschäftsreisen, ich war immer allein, aber zu dem Wohl meines Bruders habe ich das hier, die Einsamkeit, akzeptiert!', sie machte eine ausschweifende Geste mit der Hand.
'Aber… Ich dachte,… du… also…', verlegen räusperte Etainne sich.
Was hatte er ihr nur angetan?
'Bitte geh…', flüsterte sie leise und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen, da die ersten Tränen ihre Wangen hinabliefen.
Erschrocken machte Etainne ein paar Schritte auf sie zu und wollte sie in den Arm nehmen, aber Ivette wehrte ab.
'Geh!', sagte sie nun etwas lauter und schluchzte.
Etainne fühlte sich hilflos. Was sollte er denn nur machen? Er hatte sie unglücklich gemacht und nun heiratete sie ihn auch noch um seinetwillen, opferte ihr Freiheit wegen ihm. Wie sollte er seine Fehler nur jemals wieder gut machen?
Er schloss sie sanft in die Arme, auch wenn sie sich dagegen wehrte, er drückte sie fest an sich, wollte ihr Trost spenden, nachdem er diese Trauer verursacht hatte. Er konnte wohl nichts anderes, als Unheil anrichten. Zumindest was Ivette betraf.
Er roch den Duft ihrer Haare. Süß…
Es fühlte sich richtig an, sie so zu halten, aber durfte er denn so denken? Schließlich empfand sie gegenüber ihm nicht die Gefühle, die eine Ehefrau für ihren Mann zutage bringen sollte. Konnte sie ihn überhaupt lieben? Oder die wichtigere Frage: Konnte er sie lieben? So lieben, wie sie es verdient hätte?
Er war sich nicht sicher… Vielleicht mit der Zeit, aber immer nur auf freundschaftlicher Ebene, so wie damals, als sie noch jünger waren. Sie war für ihn nie mehr als eine kleine Schwester gewesen und würde es womöglich auch immer sein. Er wusste nicht, warum er sie damals geküsst hatte, aber in diesem einen Augenblick war sie nicht mehr die kleine Göre für ihn, sondern eine Frau. Eine begehrenswert hübsche Frau.
Sanft strich er ihr durch das offene Haar, das sich über ihren Rücken wellte. Ivette hatte aufgegeben, sich gegen seine Berührung zu wehren, auch wenn sich das für eine Frau nicht gehörte.
Langsam ließ ihr beständiges Schluchzen nach und es erklang nur noch ein leises Wimmern.Sie fühlte sich so wohl in seinen Armen. Am liebsten wäre sie ewig so stehen geblieben, aber sie wusste, dass das nicht ging. Was würde er von ihr denken? Dass sie so leicht zu haben war, obwohl sie immer sagte, dass sie mit niemandem verheiratet sein könnte, den sie nicht liebt. Und nun war sie umschlungen von den starken Armen eines Mannes, dem sie einmal gesagt hatte, dass sie ihn hasste? Nun gut, Ivette musste sich eingestehen, dass sie gerade begann sich wieder in ihn zu verlieben, aber erging es ihm denn genauso wie ihr? Liebte er sie? Oder fühlte er sich nur schlecht und wollte sie trösten?
Schmerzhaft wurde ihr die Lage der Situation bewusst und sie drückte ihn von sich.Verwirrt sah Etainne sie an, während seine Hände jetzt auf ihren Schultern ruhten. 'Habe ich etwas falsch gemacht?', wollte er wissen und Unsicherheit spiegelte sich auf seinen Zügen wieder.
Sie schüttelte den Kopf. 'Nein, hast du nicht, aber ich möchte dir nicht so nahe kommen, schließlich findet diese Heirat nicht aus Liebe statt und dementsprechend sollten wir uns benehmen.'
Das klang einleuchtend, aber, verdammt, es hatte sich alles so richtig angefühlt! Zumindest fand Etainne das so, aber wie sah Ivette das?
Er versuchte wieder ihre Gefühle vom Gesicht abzulesen, aber das Einzige, was er sah, war Unsicherheit.
Wieso war sie unsicher? Was machte sie so stutzig? Lauter Fragen schwirrten in seinem Kopf herum und er musste zugeben, dass sie sich alle um Ivette drehten.
'Es wäre jetzt besser, wenn du mich eine Weile allein lässt.', flüsterte sie, da sie sich beobachtet vorkam, so wie er sie anstarrte.
Etainne nickte nur stumm und verschwand in Richtung Tür.
Erschöpft ließ sich Ivette auf den Sessel der Bibliothek fallen. Was sollte sie nur machen? Sie hatte sich wieder in denselben Mann verliebt, der sie schon einmal verlassen und ihre Familie zerstört hatte? Konnte das gut gehen? Schließlich war sie für ihn nur die kleine Göre von damals, nichts besonderes, keine Frau.
Bekümmert widmete sie sich wieder ihrem Buch, war aber zu unkonzentriert. Schließlich klappte sie es zusammen und legte es beiseite, als auch schon eine der vielen Zofen hereingestürmt kam.
'Miss, Miss!', rief sie aufgeregt. Ivette erinnerte sich, dass das die eine Zofe war, die immer überreagierte, sobald etwas nicht ganz so lief, wie es sollte, auch wenn es nur eine Kleinigkeit, die leicht behoben werden konnte, war.
'Was ist geschehen?', fragte Ivette und sah der Zofe, die völlig außer Atem war, beruhigend in die Augen. Es war eine ältere kleine Dame, die schon vieles in diesem Anwesen mitgemacht hatte, aber trotzdem war sie nie ruhiger geworden. Immer hatte sie Stress. Ivette fragte sich manchmal, ob diese alte Dame irgendwann mal einer Herzattacke erliegen würde, wenn sie so weiter machte, aber noch schien sie bei guter Gesundheit zu sein.
Noch immer sehr aufgeregt begann sie zu erzählen: 'Miss! Ich wollte gerade einen Tee für Euch und den jungen Montgomery anrichten, als es an dem Tor klopfte. Als ich öffnete, stand mir ein Adelsmann gegenüber, Lord Ashford ist sein Name, der offensichtlich Geschäfte mit Mister Montgomery zu regeln hat, aber als ich bei seinem Zimmer ankam und ihm von seinem Gast berichten wollte, war er nicht vorzufinden. Ich habe überall gesucht, aber ihn nirgends gefunden, und da der werte Lord langsam ungeduldig wurde, bin ich so schnell es ging zu Euch geeilt.', erzählte sie hastig.
Ivette brauchte kurz Zeit um die gesagten Worte ganz zu realisieren. Lord Ashford war hier? Aber sie hatte gedacht, dass Etainne all seine Geschäfte mit ihm schon zum Abschluss gebracht hatte.
'Danke!', rief sie der Zofe noch einmal zu, dann eilte sie zu der Empfangshalle, wo schon ein, vor Ungeduld mit dem Fuß tippender, Lord Ashford stand.
Als er sie erblickte erhellte sich sein Blick. 'Miss Mallington! Was für eine Ehre Euch wieder zu sehen.', er verbeugte sich und nahm ihre Hand in seine, um sie zur Begrüßung zu küssen, wie die Etikette verlangte. Wieder wurde Ivette leicht rot. Soviel Anstand bekam sie selten zu Gesicht.
'Die Ehre ist ganz meinerseits.', erwiderte sie, als er sich wieder aufgerichtet hatte und machte einen leichten Knicks.
'Aber nicht doch!', rief der Lord belustigt. 'Eure Anwesenheit allein reicht schon aus, um ein Männerherz höher schlagen zu lassen.', sagte er ganz unverfroren.
Ivette lächelte leicht. 'Ihr seid ein Charmeur, Lord Ashford.'
'Aber keineswegs! Ich spreche nur die Wahrheit!', wehrte er ab, lächelte ihr aber anzüglich zu.
Langsam wurde ihr die Situation unangenehm. 'Nun, was führt Euch auf unser schönes Anwesen?', wollte sie wissen, obwohl sie es sich schon denken konnte, nachdem, was die Zofe ihr berichtet hatte.
'Ach, dies und jenes, aber hauptsächlich dringende geschäftliche Angelegenheiten, die Mister Montgomery und mich betreffen.', meinte er. 'Wisst Ihr zufällig, wo sich mein Freund derzeit aufhält?'
Ivette schüttelte bedauert den Kopf. 'Nein, entschuldigt, ich bin ihm das letzte Mal in der Bibliothek des Hauses begegnet und habe ihn seither nicht mehr gesichtet. Das muss jetzt schon eine gute Viertelstunde her sein.', vermutete sie.
'Schade, nun denn, ich werde wohl auf ihn warten müssen, wenn es Euch recht ist?', fragend sah er ihr in die Augen.
Ivette nickte und deutete auf eine Bank die sich im Raum befand. 'Setzt Euch, ich werde einer meiner Zofen anordnen, Euch Tee und Gepäck zu bringen.'
'Das wäre nett! Nichts ist gegen eine gute Tasse Schwarztee einzuwenden, möchte ich meinen.', plapperte der Lord vergnügt drauf los, während er sich in Richtung Bank bewegte und sich dort dann niederließ.
Ivette rief eine Bedienstete, knickste noch einmal vor dem Lord und wollte sich dann auf den Weg zu ihrem Zimmer machen, als er sie noch einmal aufhielt.
'Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir hier Gesellschaft leisten könntet, damit mir das Warten nicht allzu unangenehm wird, natürlich nur, wenn es Euch keine Umstände macht.', fügte er hinzu, sah sie aber bittend an.
Was hätte Ivette da schon erwidern können? Ihre Erziehung verlangte, seiner Bitte nachzukommen. Sie seufzte und ließ sich neben dem Lord nieder, der bereitwillig zur Seite gerutscht war, dann aber aufstand, als ihm wieder einfiel, dass die Etikette es so verlangte. Frauen sitzen, Männer stehen!
Die beiden Adeligen begannen sich angeregt zu unterhalten.
'Ich weiß, es ziemt sich nicht, aber wenn ich Euch die Frage stellen dürfte: Wie steht es um Eure Wahl eines Gatten?', fragte Lord Ashford nach einer Weile.
Ivette errötete. Ihr fiel wieder ein, dass sie ihm, als er das erste Mal hier zu Besuch gewesen war, gesagt hatte, dass niemand in Aussicht wäre. Nun zugeben zu müssen, dass sie mit Etainne verlobt war, war fast schon eine Demütigung.
Sollte sie ihm denn die Wahrheit sagen? Sie wusste, dass es ein schweres Vergehen wäre, zu lügen, aber so diesen Mann sah sie womöglich nie wieder in ihrem Leben, wenn sie nach Frankreich reisen würde, also wo lag das Problem? Dann fiel ihr aber wieder ein, dass Lord Ashford vor ihrer Abreise noch einige Male mit Etainne zu tun haben würde und Etainne würde seinen Freund bestimmt nicht anlügen. Was also tun?
Verzweifelt suchte sie nach einer passenden Antwort, als ihr diese abgenommen wurde.'Sie ist mit mir verlobt!'







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