Nichts hält für die Ewigkeit

Autor: Dermott
veröffentlicht am: 18.03.2004




Dampf hatte die Spiegel beschlagen. Das Wasser lief. Sie stieg in die Dusche, stellte sich direkt unter den Wasserstrahl. Es war viel zu heiß, doch ihr machte es nichts aus. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Hier konnte ihr nichts geschehen, hier unter diesem Wasserstrahl konnte sie kein Leid der Welt erreichen.

Sie lehnte ihren Kopf zurück, schloss die Augen und ließ das Wasser auf ihr Gesicht tropfen. Ihre Hände glitten an ihrem nackten Körper entlang. Sie ließ sich völlig von dem Gefühl der Sicherheit zudecken, dachte nicht an das was geschehen war, dachte nicht an ihn. Sie vernahm nur das Plätschern des Wassers.

„Nur Wasser“, sagte sie sich im Stillen. „Wassermann.“
Es kam so plötzlich. Ein Stich in den Magen.

Sie öffnete ihre Augen, ihr Blick fiel als erstes auf ihre zitternden Hände. Sie drehte ihre Handflächen nach unten, schloss sie zu Fäusten, bis die Knochen weiß herausstachen.

Ein verzweifelter Schrei entrann ihrer Kehle. Die Tränen, die ihre Wangen hinunterrollten vermischten sich mit dem heißen Wasser. Mit ihren Fäusten schlug sie in die Wand. Schrie. Weinte. Immer wieder schlug sie mit ihren Handflächen auf die Fliesen, bis sie schließlich kraftlos am Boden kauerte.

Die Sehnsucht schnürte ihr die Kehle zu. Sie hätte gerne ein Messer in ihre Brust gerammt um dem Schmerz zu entrinnen, der sie weder schlafen noch essen ließ. Und dann rief ihr eine warme Stimme zu.

„Nein, das darfst du nicht. Er ist es nicht wert. Er hat dich nur ausgenutzt, er hat deine Liebe nicht verdient. Ich weiß, dass nichts deinen Schmerz verschwinden lassen kann, außer der Zeit. Mit der Zeit heilen alle Wunden, seien sie noch so groß.“

Durch die feuchten Augen sah sie ihre Hände. Sie zitterten nicht mehr, waren blass. Sie fragte sich für wen oder was es sich noch zu leben lohnte, für wen oder was es für SIE noch zu leben lohnte.

„Er“, sagte sie laut. „Er, der dir alles versprochen hat. Seine Treue, seine Liebe, sein Vertrauen. Er, der dir seinen Schwur gab dich nie zu enttäuschen, dich nie zu verletzen. Er, der dir das Gefühl von Geborgenheit gab. Er, der dir die Sterne vom Himmel holte, und dich letztendlich doch noch verletzte.“

Sie schloss ihre Augen, atmete tief durch. Ihr ganzer Körper begann zu beben.

„DU!“, fauchte sie die Wand an, als würde er dort vor ihr stehen. „DU! Du Bastard! Hast große Worte gespuckt um mich warm zu halten, falls diese kleine Schlampe es sich doch noch anders überlegen sollte, bist du nicht allein! Du verdammtes Arschloch!“

Mit ihrer Faust verpasste sie sich einen harten Schlag in den Magen, der ihr die Luft aus den Lungen riss. Sie kauerte nach Atem ringend in der Dusche, ließ die wunderschöne Zeit mit ihm noch einmal passé laufen.

Sie erinnerte sich an seine starken Arme, die ihre Taille umschlossen, wenn sie sich innig küssten, seine Schultern, an die sie liebte sich an zu lehnen. Seine vollen, geschmeidigen Lippen, die ihre Lippen begehrten. Seine warmen, blauen Augen, in denen sie sich spiegelte, wenn er sie ansah. Sein traumhaft schönes Lächeln, das so warmherzig klang, dass es die ganze Welt in gute Stimmung versetzen konnte. Seine Stimme, die ein seltsames Kribbeln in ihrem Magen auslöste.

Er war immer so aufmerksam und romantisch. Jedes Mal wenn er zu ihr kam, brachte er eine rote Rose mit, die sie dann in die Vase stellte. Er war für sie der Traummann schlechthin, ihre Liebe zu ihm wuchs von Tag zu Tag und er hatte sie nie enttäuscht. Umso geringer war das Verständnis und größer war der Schock als sie ihn mit einer anderen an seine Seite sah.

Sie wollte ihn überraschen und klingelte ohne Vorankündigung an seiner Tür.

Von drinnen hörte sie eine leise, romantische Musik, lautes Gelächter. Dann vernahm sie Schritte, ihr Herzschlag wurde schneller, ihre Hände schwitzten. Dann ging die Tür auf und er stand vor ihr. In seiner vollen Größe und zu ihrem Entsetzen in seinem Bademantel. Er erstarrte und ihr Lächeln fror ein. Es waren keine Worte nötig. Sein geschockter Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Was machst du denn hier?“, hatte er stotternd gefragt und ängstlich über die Schulter geschaut. „Es ist ein wenig unpassend.“

Sie wollte etwas sagen, doch sie konnte nicht. Etwas hielt sie zurück. In ihrem Kopf schwirrten zu viele Gedanken, als dass sie hätte etwas erwidern können. Sie sah ihn an und dann hörte sie eine weibliche Stimme aus der Wohnung rufen.

„Hey, Patric, wer ist denn an der Tür? Komm schnell und lass mich nicht zu lange warten.“ Darauf lachte sie.

Er hatte sich nervös umgedreht und als er wieder sie anschaute, stieß er einen enttäuschten Seufzer aus.

„Ich nehme an du willst nun die Wahrheit wissen?“, es war weniger eine Frage an sie. Die Reue in seiner Stimme war nur gespielt, das wusste sie, das spürte sie.

Er erklärte ihr es sei seine Schwester, die wieder zu Besuch in der Stadt wäre und bei ihm vorbei geschaut hatte um über den Geburtstag seiner Großtante zu reden. Und sie hätte ihn nach einem sehr anstrengenden Tag erwischt. Er wollte nach dem Duschen ins Bett gehen und sich ausruhen, da klingelte es an seiner Tür.

Sie schloss ihre Augen, drehte sich um und ging ohne ein Wort zu sagen, versuchte ihre Tränen bis zu ihrer Wohnung zurück zu halten. An ihrer Tür brach sie zusammen.

Er rief sie an, sie ging nicht ran. Er sprach ihr zahlreiche Nachrichten auf den Anrufbeantworter, sie löschte sie ohne sie zu hören. Er schrieb ihr Briefe, sie verbrannte sie auf der Stelle. Er klingelte an ihrer Tür, sie machte nie auf.

Drei Wochen ertrug sie diesen Schmerz. Nun war sie an dem Punkt angekommen, an dem sie sich sagte, dass es keine Zukunft gibt.

Das Wasser prasselte unentwegt auf die weißen Fliesen in der Duschkabine. Sie hörte das Telefon klingeln und hob den Kopf. Ein Schluchzer entrann ihrer Kehle.

„Nein“, sagte sie leise.

Der Anrufbeantworter schaltete sich ein.

„Hallo, das ist der Anschluss von Nadine Kierich. Ich bin im Augenblick nicht da, bitte hinterlassen Sie mir nach dem Piepton eine Nachricht und Ihre Telefonnummer. Ich werde Sie zurückrufen, sobald ich zu Hause bin. - piep “ Eine lange Pause, dann meldete sich plötzlich eine Frauenstimme, die sie gar nicht kannte.

„Äh... Nadine? Ich weiß, dass du da bist. Bitte geh ran. Ich muss unbedingt mit dir sprechen. Es ist wirklich sehr wichtig.“

Nadine wollte aufstehen und zum Handtuch greifen, als die Frau am Telefon hin zu fügte, dass es sich um Patric handle. Nadine schüttelte den Kopf und begann wieder zu weinen.

„Wieso nur?!“

Während die Frau am Telefon sie bat ab zu nehmen, stach Nadine der Rasierer auf dem Wannenrand ins Auge.

„Nadine, nimm ab. Es ist wirklich wichtig. Ich denke du hast da etwas falsch verstanden gehabt.“

Ohne sich dessen bewusst zu sein, griff Nadine zum Rasierer, zog die Rasierklinge raus und betrachtete sie. Den Rasierer ließ sie fallen, der dumpf auf dem Fliesenboden aufprallte.

Nadine lachte laut auf, dabei rollten Tränen ihre Wangen hinab. Es war ein trauriges Lachen, als würde sie sich selbst auslachen und in ihrem Inneren dafür verfluchen.

Ihre Hände zitterten, die setzte die Rasierklinge an ihre Vene. Ihre freie Hand schloss sich zur Faust und die blaue Ader wurde besser sichtbar.

„Was willst du noch in dieser Welt?“, hörte sie jemanden in ihrem Kopf fragen. „Du wirst von allen ausgenutzt und enttäuscht. Beende dein Leid. Tu es!“

Nadine atmete tief durch, ihre Finger umschlossen die Rasierklinge fester. Sie war scharf und glänzte in dem schwachen Licht der Badezimmerlampe. Nadine schrie laut auf, als sich die Klinge in ihr Fleisch bohrte.

Sie ließ sie weinend fallen, sah wie das Blut sich mit dem Wasser vermischte und die Fläche um ihre Füße langsam rot wurde. Das Blut tropfte von ihrem Arm herunter. Vor ihren Augen verschwamm alles und sie ließ die Rasierklinge fallen. Sie landete auf ihrem Fuß. Nadine weinte nun nicht mehr.

Sie sah vor ihrem inneren Auge, wie Patric in seiner Wohnung war. Er stand unter der Dusche, als es an der Tür klingelte. Er runzelte die Stirn, stellte das Wasser ab, zog sich einen Bademantel an und stürmte zur Haustür. Als er diese öffnete stand eine Frau vor ihm. Er lächelte und bat sie herein. Sie umarmten sich und lachten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war er überrascht sie zu sehen. Sie sagte ihm etwas und setzte sich auf die Couch.

Auf dem kleinen Tisch neben dem Sofa stand ein Foto, Patric, seinen Eltern und ihr. Ein Familienfoto.

Die Bilder verschwammen langsam vor ihrem geistigen Auge und ihr Blick wurde wieder klarer.

Nadine fasste sich an den Kopf, als hätte sie etwas vergessen. Sie drehte schnell den Wasserhahn zu, band ein dünnes Handtuch um ihre Handgelenk und streifte sich einen Bademantel um. Danach rannte sie so schnell sie konnte in die Diele, wo das Telefon stand und wählte die Rückruftaste auf dem Anrufbeantworter.

[Februar - März 2004]









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