Mein american Nightmare

Autor: chica**
veröffentlicht am: 27.02.2009




1.Kapitel
Ich liebe Amerika. Ich liebe das Land, ich habe es immer geliebt und ich schätze egal was auch noch passiert, ich werde es immer lieben.
Aber erstaunlich ist es doch angesichts dessen, was mir dieses Land bereits angetan hat,…ein markerschütternder Schrei; eine bleierne Kugel durchbohrt Fleisch; ein schmatzendes Geräusch; Blut spritzt, ein Schmerz, als würde das Bein abgerissen durchdringt den ganzen Körper bis zum Kopf und bohrt sich in die Schläfen…
Sogar heute noch bringt mich schon allein der entfernteste Gedanke an damals um den Verstand und der Schmerz und die Wut, die jeden Tag aufs Neue in mir aufflammen rauben mir beinahe die Besinnung.
Es ist brutal, dass ich trotzdem jeden Tag mindestens 3mal zurückdenken muss. Es ist brutal, aber meine Eltern verlangen von mir eine Therapie durchzustehen, um zu verarbeiten. Als ob ich dazu jemals im Stande wäre. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich nicht meinen Verstand, meine Moral und meine gute Erziehung vergessen soll, wenn mich diese Frau Stunde um Stunde immer tiefer in die Abgründe meiner eigenen Seele zwingt. Ich erzähle ihr, Dr. Marianne, nichts von dem, was tatsächlich in mir vorgeht, ich will nicht, dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung hat, was sich in meinem Kopf abspielt. Schon die Vorstellung macht mich… krank,… verletzlich… verwundbar... Und außerdem… wer erzählt schon seiner Psychologin was tatsächlich in ihm vorgeht?
'Du musst endlich vergessen; damit abschließen!' Das hör ich in letzter Zeit einfach zu oft, als dass es noch irgendeine Wirkung auf mich zeigen könnte außer dass sich meine Laune noch mehr verschlechtert. Das ist auch so ein Problem. Meine Freunde meinen ich sei einfach ein wenig verschlossen; meine Familie ich sei unansprechbar geworden. Nichts von beidem trifft zu. Ich kann mich einfach mit niemandem unterhalten, weil diese Gespräche immer so nichtssagend sind und scheinbar immer nach einem bestimmten Muster ablaufen. Die anderen Mädchen in meiner Klasse haben einfach keine besseren Gesprächsthemen, als das tägliche Wetter, Schuhe, Kosmetik, Jungs und Mode. Nicht das eines der Themen etwas Schlechtes wäre, aber da sie immer nur so oberflächlich angesprochen werden, habe ich nie das Gefühl, dass auch nur irgendetwas Wichtiges gesagt wird. Ich würde schätzen etwa ¾ von allem, was sich in meiner Schule und Umgebung unterhalten wird könnte man wegschneiden und nichts wirklich Bedeutendes würde verloren gehen. Und daher, dass mir das alles so unwichtig ist, sehe ich auch überhaupt keinen Grund mich diesen Unterhaltungen anzuschließen. Es gibt sowieso keinen Menschen, der versteht wie ich mich fühle und der meine Beweggründe verstehen könnte. Also warum zum Teufel sollte ich mich über das Wetter unterhalten, wo ich doch 6 Monate lang...
'Du erwartest doch nicht etwa die Sonne jemals wiederzusehen, wenn du dich weiterhin so unkooperativen und stur verhältst…' Ein höhnisches Lachen. Mittlerweile erscheint es wie das des Teufels persönlich aus der eigenen Hölle emporgestiegen. 'Ich könnte dir ein Foto zeigen, oder du siehst einfach selbst nach… von oben, vielleicht reserviert dir der Lord noch einen Fensterplatz in seinem heiligen Reich?!' Wieder dieses freudlose Lachen, das die Knochen anzusägen scheint. Eine andere wohlklingende Stimme, aber noch viel brutaler, die auf freundliche, Weise dir das Messer in den Rücken stößt: 'Unserem kleinen Singvogel hat es die Sprache verschlagen. Sing, Vöglein, Sing! So sing doch endlich…'
Etwas Nasses schleckt mein Gesicht ab. Ich schiebe Cassy, meine liebste Mischlingsdame, von meinem Gesicht weg, woraufhin sie sich an meiner Seite auf dem Boden zusammenrollt, auf dem ich, wie ich auf einmal feststelle, mich keuchend zusammengekrümmt habe. Ich streichel die Hündin sanft, während mir wieder einmal klar wird, wie sehr ich sie vergöttere und dass ich diese ganze Hölle ohne sie höchstwahrscheinlich nicht durchgestanden hätte. Selbst wenn alle Welt sich gegen mich wendet, ist Cassy an meiner Seite und wärmt mich. Ich bin so froh, sie zu haben, aber andererseits plagt mich auch der Gedanke, dass sie eigentlich eine bessere Herrin verdient hätte als mich. Sie hätte eine glückliche, ausgelassene, des Lebens frohe Gesellschafterin verdient, die mit ihr über die Felder tollt und ihr völlig sinnentleerte Spielzeuge kauft und die sie nicht gerade nach einer verfluchten Sagengestalt benennt. Dahingegen hat sie mich. Ein deprimiertes, unglückliches, lebensmüdes und verzweifeltes Etwas. Ich bin ein gebranntes Kind. Mein Problem ist, ich kann noch nicht einmal jemandem die Schuld geben. ich könnte sie meinen Peinigern geben, da sie mein Leben endgültig in Stücke gerissen haben, oder aber meinen Eltern, da sie dieses ganze Unglück überhaupt erst begonnen haben, oder aber mir selbst. Aber ich kann es nicht. Ich kann meinen Entführern nicht einmal böse sein, da ich sie verstehe. Ja, ich weiß, das klingt unglaublich, aber das ist meine besondere Gabe. Ich verstehe verschiedene Standpunkte, auch wenn sie mir nicht gefallen und ich sie viel lieber nicht verstehen würde. Ich bin ein Mittelding. Ich steh in der Mitte; quasi das neutrale Glied zwischen den Fronten. Der Botschafter. Und bekanntlich wird der regelmäßig von einer der zwei Parteien abgeschlachtet. Ich fühle, dass ich praktisch dazwischen stehe als Dämpfer und mit einer mehr sympathiere, als mit der anderen, aber dennoch gehöre ich nirgendwo wirklich dazu. Es ist einfach alles so kompliziert. Wenn ich es verstünde hätte ich sicherlich eine Sorge weniger, aber vielleicht ist es mir einfach bestimmt nie irgendwohin zu gehören, oder mich wohlzufühlen. Wer kennt schon Helios unergründliche Wege?! Andererseits… ich bin eine Hexe und andere würden mich wahrscheinlich als privilegiert betrachten. Dabei ist es mein ganz persönlicher Fluch. Eine Strafe für ein früheres Leben. Als ob ich irgendetwas dafür könnte, was ich vor etwa 1950 Jahren getan habe… Ja, wie nachtragend die 'Pullusse', wie ich den Rat der Schwarzen magischen Kreaturen und Geschöpfe der Unterwelt heimlich nenne) doch sind. Und daher dürfte es wohl keinen wundern, dass ich immer kurz davor bin all diesen kleinen Kinder den Hals umzudrehen, wenn ich sie mit provisorischen Zauberstäben und Fingern auf sich deuten und 'Hex, hex' rufen. Was für eine Schande diese Blocksbergs doch über uns gebracht haben. Als ob hexen so einfach wäre… Wenn mein Tag daraus bestehen würde mit einem Stock die Kreaturen aufzuspießen, die mich immer dann angreifen, wenn ich mit ihnen verhandle, würden die mich wohl glatt weg auslachen und man stelle sich nur vor, was für eine Schmach das über mich bringen würde. Unvorstellbar! Dabei könnte ich fast als ganz normales Mädchen durchgehen, wenn ich nicht schon(abgesehen von dieser Hexensache) von Natur aus so unnormal wäre. Ich bin ganz und gar nicht das Mädchen wie es im Buche steht und meine Mutter es sich gewünscht hat. Bis ich wusste, dass ich eine Hexe war, war ich nicht viel normaler als jetzt. Meine Mutter hatte sich immer eigentlich mehr ein Mädchen gewünscht als ein Jungen. Umso glücklicher war sie, als sie dann auch tatsächlich eines bekam. Bloß war ich leider ganz und gar nicht nach ihrem Geschmack. Und noch schlimmer traf es sie, als mein jüngerer Bruder schwul wurde. Aber immerhin sieht er umwerfend aus und hat schon einige Werbeproduktionen hinter sich. Im Gegensatz zu mir war meine Mom der Prom-Queen-Mädchen-Typ. Du weißt schon die Schul-Diva, die mit dem heißesten Jungen der Schule zusammen ist, immer eine Schar schnatternder, kichernder Mädchen um sich schart und auch sonst in allem die beste, erfolgreichste und hübscheste ist. Ganz zu ihrem Leidwesen bin ich so ziemlich das Gegenteil von ihr. Sie erhoffte sich eine, die in ihre Fußstapfen treten würde, deren beste Freundin sie wäre, mit der sie shoppen gehen kann, und die sie auf dem laufenden und für absolut cool und modern hält. Aber so bin ich nicht. Ich bin eher die rebellische Einzelgängerin, die sich in ihrer Freizeit hinter dicken, uralten Wälzern verkriecht, Hochkarätiges und kulturell wertvolles liest, wie Shakespeare, Jane Austen oder Dickens. Etwas, was sie nicht einmal mit ihrem gut trainierten Hintern angeschaut hätte. Außerdem bleibt der erwartete Schwarm Freundinnen in unserem so steril gehaltenen Down-Town-Appartement aus. Stattdessen flüchte ich jeden Tag für mehre Stunden zu meiner besten Freundin Jennifer aufs Land. Sie und ihre Mutter leben dort zwar nur in einer kleinen Wohnung, aber es ist die Umgebung, die frische Luft, dieses Gefühl von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten und selbstverständlich meine Freundin, die mich dorthin ziehen. Ich habe Jenny bei unserer gemeinsamen Fachärztin für Psychologie und Neurologie kennengelernt. Dr. Marianne versuchte mit uns eine Doppeltherapie, die sie Täter-Opfer-Ausgleich nannte, bei der wir aber bis heute nicht rausbekommen haben, wer von uns der Täter war. In ihrer Anwesenheit kommen wir beide uns wie das Opfer vor, insbesondere, wenn sie den Mund aufmacht, um uns ihre Glückskeks-Weisheiten zu verkünden. Ihre Doppelsitzung begann sie mit den viel versprechenden Worten, dass wir die beiden aussichtslosesten Fälle seien und sie hoffe so etwas daran ändern zu können. In der Schule sind wir uns pausenlos an die Kehle gegangen und haben nur deshalb von einander abgelassen haben, weil wir uns gegen Marianne zusammengeschlossen haben. Genau genommen waren nur ein paar Wochen abgemacht, aber mittlerweile sind wir schon ein halbes Jahr lang befreundet. Wir sind beide Freaks. Außenseiter in unserer Klasse. Und wir lieben es, denn wir wissen, das dies unser Platz ist. Mit den Make-Up-Girlies können wir uns einfach nicht identifizieren, denen es immer nur um Jungs geht, und die es nicht mal ein paar Tage ohne Freund aushalten können. Ich persönlich habe nie das Bedürfnis verspürt mich an einen Jungen zu ketten und tagelang nur an ihm dran zukleben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mit meiner Familie verkracht bin. Die sehen das nämlich ganz anders. Mein Vater, ein typischer Player, verbringt die meiste Zeit in unserem Ferienhaus in Italien, wahrscheinlich schon mit jüngeren Models. Für meinen Dad überhaupt kein Problem. Er ist Schauspieler… Meine Mutter Model. Da falle ich als schwarzes Schaf in der Familie selbstverständlich noch mehr auf, da ich weder mit Schönheit noch mit überragender Dummheit gesegnet bin. Die Voraussetzungen Nummer eins für Catwalk-Treter, wie meine Mutter unterschwellig immer wieder einfließen lässt. (Das mit der Dummheit geht natürlich auf mein Konto!) Von daher, da ich kaum kontrolliert werde und mir übermäßig viel Freiraum für eine 15 Jährige zugesprochen wird, fällt es auch kaum auf, wenn ich ab und zu statt ins örtliche Einkaufscenter einen kurzen Abstecher in die Unterwelt mache.









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