Moonlight Shadow - Bei Vollmond bist du tot Teil 11

Autor: Belladonna
veröffentlicht am: 21.03.2008




‚Was hat er denn plötzlich? Warum ist er denn jetzt so abwesend?’ Gwen verstand diese ständigen Stimmungsschwankungen bei Ian nicht ganz. Mal war er nett und freundlich zu ihr, dann stritten sie sich auf einmal, als ob es kein Morgen mehr gäbe und dann, dann war er wieder so abwesend. Als befände er sich in einer anderen Welt. Weit, weit weg von der Realität. ‚In der Vergangenheit vielleicht?’ überlegte sie. ‚Eigentlich gar keine schlechte Idee. Ich könnte ihn doch mal nach seiner Vergangenheit fragen. Immerhin muss doch da mal etwas passiert sein. Seinen armen Bruder hat er bestimmt nicht so aus Spaß an der Freude mal eben schnell gebissen. Naja, bleibt immer noch die Frage warum William zu einem Werwolf mutiert, nach dem sein eigener Bruder ihn gebissen hat. Und wieso beißt Ian eigentlich seinen Bruder?!’ Gwen hatte so viele Fragen an Ian, doch sie traute sich irgendwie nicht so ganz recht diese auch zu stellen. ‚Was wenn er mich danach rausschmeißt? Ich weiß doch gar nicht, wo ich hier bin! Ich würde mich wahrscheinlich hoffnungslos verlaufen und dann draußen verhungern oder von wilden Wölfen gefressen werden. Apropos Wölfe. Hatte mich nicht ein Wolf entführt?! Mensch Gwen, spinnst du denn jetzt total?!’ So langsam sah sie nicht mehr ganz durch, was nun Fantasie war und was Wirklichkeit. War vielleicht die Erinnerung an das Klavierspiel ihrer Mutter auch nur eine Illusion? Ein Trugbild ihrer überspannten Fantasie? Vielleicht durch die Reizüberflutung der letzten Tage(?) ausgelöst? Ja, aber wie lange sie genau schon hier war wusste sie auch nicht mehr. Mehr und mehr kam Gwen sich verwirrt vor, sie hatte komplett ihr Zeitgefühl verloren. Wie lange saß sie schon hier mit Ian und überlegte ob sie ihn fragen sollte, oder nicht? Wie lange weilte sie schon hier?
Hatte Ian nicht aber gesagt, er habe ihre Mutter und ihren Vater gekannt, ihre leiblichen Eltern? Konnte dass denn eine Einbildung gewesen sein? Saß Ian vielleicht gar nicht neben ihr?
Einem plötzlichen Impuls folgend sprang sie auf und kniff Ian in den Arm.
„Autsch!“ schrie dieser überrascht auf. „Was soll das denn? Bist du vielleicht verrückt geworden? Springst hier durch die Gegend und kneifst nach Lust und Laune fremde Leute!“ fauchte er sie wütend an. Warum er jetzt schon wieder sauer auf sie war, konnte er sich selber nicht erklären.
„Ja.“ sagte sie einfach.
„Was, Ja?“ fragte er irritiert.
„Ja, ich bin verrückt geworden.“ antwortete sie seelenruhig.
„Aja?!“ überrascht sah er sie an. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
„Wie kommt’s denn?“
„Weiß ich nicht. Ich weiß nicht mehr, was Traum oder Realität ist. Ich habe kein Zeitgefühl mehr und früher oder später geht bestimmt auch noch mein Orientierungssinn flöten. Ich seh’s schon kommen. Dann irr ich durch die Gegend wie ein blindes, stummes, taubes, dummes Huhn.“
„Sag mal Gwen, bist du auf Drogen?“ besorgt sah Ian sie an. ‚Das hört sich nicht gut an. Das klingt mal ganz und gar nicht gut. Das ist alles andere als ‚gut’!’ dachte Ian panisch. Passierte ihr gerade dass selbe wie ihm damals? Womöglich, aber ganz sicher lag es mal wieder an dem Haus. Manchmal hasste er sein Haus wirklich. Nicht nur, dass er hier wie ein Gefangener lebte, eingesperrt in dem Kerker seiner Erinnerung, oder besser seiner Fantasie?!„Äh, nee, ich glaub mal nicht. Es sei denn, du hast mir im Tee gestern Abend welche verabreicht.“
„Was für Tee?!“
„Ja siehst du, das meine ich doch. Ich hab gar kein Zeitgefühl mehr. Wie lange bin ich schon hier? Warum entführt mich ein Wolf? Was ist mit meinen richtigen Eltern passiert? Wo bin ich hier eigentlich?“
„Soll ich dir die Fragen jetzt wirklich alle beantworten?“
„Ja, was denn sonst? Willst du sie dir vielleicht aufschreiben und hinterher aufessen?!“
genervt verleierte Gwen ihre Augen.
„Würd ich an deiner Stelle nicht machen.“
„Was?“
„Deine hübschen Äuglein so verdrehen. Ist nicht gut für die Muskeln.“
„Hä?!“ verständnislos blickte sie Ian an. ‚Was war denn jetzt los? Ist der vielleicht auf Drogen?!’
„Ja guck mich doch nicht so an, als wär ich verrückt geworden, dass ist wirklich so. Ist mal einer Tante von mir passiert. Die hat auch immer die Augen so verdreht und irgendwann ist ihr der Augapfel aus der Höhle gesprungen. Überdehnung der Muskeln. War kein schöner Anblick, dass kann ich die sagen.“
„Erspar mir doch bitte jegliche Details. Ich möchte das gar nicht wissen!“ fauchte Gwen wütend. „Vielleicht bist du ja auf Drogen, aber auf jeden Fall bist du ganz schön verrückt!“„Hey, das war wirklich so, kannst du mir glauben!“
„Ach ja? Und wann lebte deine komische Tante?“ fragte Gwen skeptisch.
„Vor ca. 200 Jahren.“
„Ach na dann.. – Was?!“ erstaunt riss sie die Augen auf und sah ihr wahrscheinlich grad an wie Auto. „Das ist nicht dein ernst, oder?“
„Doch, erst war es nur ein Spiel, dann wurde es ernst und Ernst lernt jetzt laufen.“ Lächelte er sie an.
„Wie? Boah spar dir deine Witze, das war nicht lustig und ich sag dir noch was:“ mit erhobenem Zeigefinger ging sie auf ihn zu. „Ich glaube dir kein Wort!“
Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und stolzierte aus der Halle.
Kopfschüttelnd blickte Ian ihr nach. ‚So viel Temperament in einem so zarten Persönchen, wie kann das nur gut gehen?!’

Während Gwenaell und Ian sich also mal wieder in die Wolle gekriegt hatten überlegte Loreen fieberhaft, wie sie ihre Mutter erreichen könnte. Diese war schon vor Stunden mit diesem komischen Antoine aufgebrochen und nun nicht mehr erreichbar. Ihr Handy hatte sie entweder ausgeschaltet oder gar nicht erst mitgenommen und das Restaurant, wo sie hin wollte, hatte sie ihr auch nicht gesagt. Kurz, Loreen hatte absolut keine Ahnung, wo ihre Mutter sich herum trieb. Und dabei war das jetzt so wichtig.
Gerade eben hatte eine komische Frau angerufen und wollte mit Ilona reden, nachdem Loreen ihr höflich versichert hatte, dass ihre Mutter nicht im Hause sei, meinte die Frau nur, dass sich möglichst schnell jemand bei ihr melden solle, sie wisse, wo sich Gwenaell Hoffmann aufhalte. Angeblich wäre sie entführt worden und Kamelia, so nannte sich die ominöse Dame, hätte dies beobachtet. Nun wäre es natürlich ihre Pflicht der Polizei den entscheidenden Hinweis zu geben, nur kenne sie sich in der Stadt nich aus und wolle auch nicht zur Polizei, lieber wolle sie den Täter mit einem großen Artikel in der morgendlichen Zeitung einschüchtern. Eigentlich dumm, wenn man es so betrachtete, doch Loreen hatte in dem Moment nur eins im Kopf, nämlich Gwen so schnell wie möglich zu befreien.
Das Problem an der ganzen Sache war nur, dass selbst Kamelia nicht wusste, wo Ian wohnte und so gab es keine Chance Gwen zu ‚befreien’. Das allerdings hatte sie wohlweißlich verschwiegen.
Genauso, wie sie vergessen hatte zu erwähnen, dass sie Gwen am Liebsten sofort den Hals umdrehen würde, wenn sie sie in die Finger bekommen würde. Gwen stellte für sie, Kamelia, die große Zauberin, eine gewaltige Gefahr dar. Nicht nur, dass Gwen ein wahre Schönheit war, das musste Kamelia ihr leider anerkennen, obwohl sie eifersüchtig wie sonst was auf sie war. Nein, es war viel mehr so, dass Gwen ihren ganzen schönen Plan zunichte machen konnte, wenn sie sich in Ian verlieben sollte, ernsthaft in Ian verlieben sollte, was bei Ians Charme eigentlich nicht schwer war, dann würde sie den Fluch vielleicht auflösen können. Und genau das war es, wovor Kamelia sich fürchtete. Mehr als 2 Jahrhunderte lang hatte sie versucht das Herz dieses geheimnisvollen Mannes zu erobern, erfolglos. Sie konnte und wollte einfach nicht hinnehmen, dass Gwen dies in wenigen tagen geschafft hatte. Anders konnte sich Kamelia es nicht erklären. Schließlich hatte sie Ian genauste Anweisungen gegeben. Er sollte Gwen umbringen. Sie sollte sein nächstes Opfer sein. Normalerweise war er, wenn er unter den Einfluss des Vollmondes stand völlig willenlos, nur diesmal hatte ihr Zauber versagt, oder sein Herz hatte sie besiegt. Ob seine Gefühle für dieses kleine Mädel denn stark genug sein könnten, um sich ihren Befehlen zu wiedersetzen? Offensichtlich schon. Das musste schleunigst geändert werden, nur wie, wenn sie nicht wusste, wo Ian das Mädel gefangen hielt?!

„Mam, na endlich! Ich versuche seit Stunden dich zu erreichen, wo zum teufel noch mal warst du denn so lange?!“ empörte sich Loreen wütend, kurz nachdem ihre Mutter die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Mensch, was regst du dich denn so auf? Man sollte meinen der liebe Herrgott persönlich wäre dagewesen und hätte nach mir gefragt.“
„Na der war’s nicht, aber dafür eine Frau, die wusste, was mit Gwen passiert ist. Sie sagt du sollst sie anrufen und die mit ihr treffen. Sie kann uns helfen Gwen wiederzufinden. Sie sagt, man hätte Gwen entführt und sie hätte den Täter sogar gesehen!“ plapperte Loreen aufgeregt los.
„Ja, aber warum ist sie dann nicht gleich zur Polizei gegangen?“ fragte Ilona ihre Tochter misstrauisch.
„Ja woher soll denn ich das wissen?!“ fauchte diese wütend.
„Hey, das war eine ganz normale Frage, also kein Grund mich gleich so anzufahren.“
beschwichtigte Ilona ihre Tochter.
„Ja Mensch, verstehst du denn nicht? Das ist doch DIE Chance Gwen zu retten!“
„Ja schon, aber ich weiß nicht so genau. Wenn die Frau doch weiß, dass Gwen entführt wurde und den Täter sogar noch gesehen hat, warum geht sie dann mit diesem Wissen nicht zur Polizei, anstatt zu mir zu kommen? Das ist doch unlogisch. Ich kann mir nicht helfen, aber ich traue der Sache nicht. Tut mir leid, Loreen, aber ich glaube nicht, dass ich mich mit dieser Frau unterhalten werde. Es gibt genügend Spinner, die nur auf Geld und Ruhm aus sind und am Ende die Polizeiarbeit behindern. Glaub mir, die Polizei kommt mit dem Fall bestens allein zurecht.“
„Aber die haben doch noch nicht mal den kleinsten Hinweis, was genau passiert ist!“ rief Loreen verzweifelt.
„Doch haben sie. Und glaube mir, Antoine wird alles daran setzen, um Gwen zurückzuholen.“„Woher willst du das denn so genau wissen? Du kennst ihn doch gar nicht richtig!“„Nein, aber er hat es mir erzählt. Er ist Gwens Onkel, er wird sie finden, glaub mir das doch mal!“
„Er ist was?“ nun war Loreen völlig verwirrt. Gwen hatte niemals was von einem Onkel erwähnt und soweit sie wusste hatten weder Elvira noch Wilbur Verwandte.
„Naja-„ wand sich Ilona unter dem prüfenden Blick ihrer Tochter. „Also ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen darf. Naja gut. Also, Elvira und Wilbur sind nicht Gwens leibliche Eltern. Die sind nämlich vor einigen Jahren bei einem schweren Unfall ums Leben gekommen und Antoine war zu der Zeit irgendwo unterwegs. Er hat erst Monate später von dem Tod seiner Schwester und deren Mannes erfahren. Da war Gwen aber schon bei den Hoffmanns, die müssen die Chibeaux’ wohl gekannt haben. Naja, jedenfalls darfst du das niemandem sagen, hast du mich gehört?“ eindringlich musterte sie Loreen. Die stand ganz verblüfft da. Sie hatte zwar schon lange vermutet, das Gwen keine richtige Hoffmann war, zumindest nicht von Geburt her, aber damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Zumal sie ihr nie ein Wort davon gesagt hatte und eigentlich hatten die beiden sich immer alles erzählt. ‚Naja, vielleicht hatte Gwen ja auch keine Ahnung davon gehabt.’ dachte Loreen.
„Loreen? Du darfst das niemandem sagen, hast du gehört? Loreen???“ eindringlich musterte Ilona ihre Tochter.
„Jaja“ antwortete diese nur zerstreut.

Gwen unterdessen lief ziel- und planlos durch das riesige Schloss. Im Stillen verfluchte sie sich dafür, dass sie einfach so davon gestürmt war, denn sie hatte nicht mal den Hauch einer Ahnung, wo sie sich gerade befand und wie sie zu dem Zimmer zurück konnte. Besser noch, wie sie einen vernünftigen Ausgang aus diesem Irrgarten fand. Denn ein Fenster konnte man schwerlich als solchen bezeichnen und selbst wenn sie eins fand, welches nicht vergittert war, so sah sie sich doch einem ziemlich hohen Abgrund gegenüber.
‚Wie kann man in so etwas nur leben?’ fragte sie sich kopfschüttelnd. ‚Ich würde hier ja schon nach Stunden komplett verrückt werden. Aber halt mal, bin ich das nicht schon irgendwie? Immerhin führe ich gerade mal wieder Selbstgespräche. Oh Gott, Gwen, sieh bloß zu, dass du hier raus kommst, ansonsten wirst du noch völlig irre!’
Ganz tief in Gedanken versunken merkte Gwen mal wieder überhaupt nicht, dass sie sich erstens verlaufen hatte und dass ihr zweitens jemand folgte. Jemand, der mit Sicherheit nichts Gutes im Schilde führte.

‚Wo ist sie denn nun schon wieder hingerannt?’ fragte sich Ian leicht verärgert. Seit fast zwei Stunden rannte er nun schon kreuz di quere durchs ganze Haus und noch immer keine Spur von Gwenaell. ‚Sie kann doch nicht einfach so verschwinden!’ So langsam wurde es ihm aber auch zu bunt. Ständig lief Gwen einfach weg und er ihr hinterher, weil sie sich sonst hoffnungslos im Haus verirrte und wahrscheinlich nie wieder zurück finden würde. Wenn sie doch nur endlich mit sich ins Reine kommen würde, dann würde das Haus ihr von ganz alleine den richtigen Weg weisen. Ian Carter- Davenport, lebte nämlich in einem magischen Haus. Das Haus half einem jeden Menschen, der es betrat dabei, seine Bestimmung zu finden und sich selbst neu zu erschaffen. Man musste es nur von ganzem Herzen wollen. Und hatte man einmal seine Bestimmung gefunden, so erledigte sich der Rest von ganz alleine. Als Ian in dieses Haus kam, nachdem Kamelia ihn verfluchte hatte, wollte er nur noch sterben. Er hatte das einzigste, was ihm lieb und teuer war auf dieser Welt, seine geliebte Frau Donna, im Wahnsinn umgebracht und sah keinen Sinn mehr darin, weiter zu leben.
Also war er tagelang durch den dunklen Wald geirrt und hatte schließlich zu diesem Haus gefunden. Halb verhungert, frierend und mit zerrissener Kleidung kam er hier an und hatte schon unterwegs den Entschluss gefasst hier sein tristes Leben zu beenden. Doch das Haus hatte ihn nicht gehen lassen. Es hatte ihn immer wieder davon abgebracht sich das Messer ins Herz zu rammen. Bis heute wusste er nicht, wie es das gemacht hatte, aber es war so.Anfangs hatte er lange Zeit vor dem großen Kamin gesessen und einfach nur in die Flammen gestarrt, hatte versucht zu begreifen, was geschehen war. Hatte versucht damit klar zu kommen und nach und nach begann er dann auch zu verstehen, zu begreifen, dass auch er für etwas höheres lebte und sich dieser Macht beugen musste. Er hatte einen Weg zu sich selbst gefunden und gelernt trotzdem Mensch zu bleiben, obwohl er zu jedem Vollmond neu losziehen musste um unschuldige junge Frauen und Mädchen zu töten. Daran wäre er fast zerbrochen, doch das Haus, er hatte es still und heimlich auf den Namen Valeria getauft, weil er eine Tante mit eben diesem Namen gehabt hatte und diese hatte stets zu ihm gehalten und ihn niemals verurteilt. Er hatte mit all seinen Problemen, Sorgen und Nöten zu ihr kommen können und sie hatte immer eine Lösung oder einen Ausweg aus dem Schlammassel gefunden. Also hatte er dieses Haus nach seiner Tante Valeria benannt, weil auch dieses Haus ihm bei der Suche nach einer Lösung half. Es machte ihm wieder zu einem Menschen und gab ihm das Gefühl trotz allem noch etwas wert zu sein. Er hatte die erste Zeit sehr gelitten, genau so, wie Gwen jetzt litt. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie es ihr gehen musste, hatte er doch selber alles auch durchgemacht. Doch ihm hatte es geholfen und er war sicher, dass es ihr auch helfen würde, wenn sie doch endlich den ersten Schritt dahin wagen würde. Aber sie schien Angst davor zu haben und das verstand er in gewisser Weise auch, nur machte es ihm so langsam keinen Spaß mehr sie ständig suchen zu müssen. Das ging ihm nämlich allmählich gewaltig auf den Biss.

In der Zwischenzeit hatte auch Gwen bemerkt, dass sie sich nicht allein auf diesem schier endlos wirkenden Gang befand. Von Zeit zu Zeit hörte sie leichte Schritte auf den Fliesen, wenn der Teppich aufhörte oder ein Rascheln, wie von langen Gewändern ausgelöst, einen Atem, so lautlos wie ein Lufthauch. Doch sie hörte, oder viel mehr, spürte es ganz genau.Mit Grausen erinnerte sie sich daran, was passiert war, als sie sich das letzte Mal verlaufen hatte. Allein der Gedanke daran diesem Wesen, oder was auch immer es war, noch einmal zu begegnen, jagte ihr einen eisigen Schauer den Rücken hinunter. Gwen war nicht oft ängstlich, eigentlich hatte sie kaum je Angst gehabt in ihrem Leben, aber seit sie sich hier befand, an diesem seltsamen Ort bekam sie es immer mehr mit großer Angst zu tun.
Dieses Haus erschien ihr irgendwie verzaubert, als hätte es eine eigene Seele und würde atmen, leben, wie ein Mensch.
‚So ein Quatsch!’ rügte sie sich gedanklich. ‚Als ob ein Haus atmen und leben könnte wie ein Mensch! Gwen, du wirst ganz eindeutig verrückt! Demnächst hörst du vielleicht noch Stimmen aus dem Jenseits, oder was?!’ Mit einer unwirschen Handbewegung verscheuchte sie diese abstrusen Gedanken aus ihrem Kopf und ging zügig weiter. Irgendwann würde sie schon wieder zu ihrem Zimmer kommen, nur wann?!
Auf einmal hörte sie es ganz deutlich. Die Fußtapsen waren plötzlich nicht mehr leise, sondern laut, als würde jemand absichtlich mit viel Schwung auf dem Boden herumspringen und das ziemlich dicht hinter ihr. Waren es erst nur schwache Geräusche, so wie sie sind, wenn man alleine durch einen dunkeln Gang geht, von der überreizten Fantasie vorgegaukelt, so waren sie es nun nur allzu wirklich. Zu laut um noch ein Trugbild zu sein. War das Echo zu wirklich um noch als Einbildung zu gelten.
Nur, wer oder vielleicht was?, war da hinter ihr? Und wollte dieses Etwas oder dieser Jemand ihr absichtlich Angst machen? Oder hatte er sie gar nicht bemerkt?
Nein, das konnte es nicht sein, dieser Jemand war zu lange hinter ihr hergegangen um einfach zufällig vorbeikommen zu können. ‚Gwen, ganz ruhig, wenn dieses etwas dich hätte abschlachten wollen, dann hätte es das bestimmt schon längst getan und nicht so lange gewartet, bis du in Panik ausbrichst!’ sagte diese nervtötend rationale Stimme in ihrem Kopf. Zugegeben, sie hatte recht, aber Gwen wollte jetzt nicht rational denken, sie war so emotional aufgewühlt in letzter Zeit, dass ihr einfach der Blick für die Realität abhanden gekommen schien.
Unwillkürlich ging ihr Atem schneller und ihr Herz schlug einen höheren Takt. Ängstlich blickte sie sich um, konnte aber niemanden hinter sich erkennen. ‚Gwen, du bist einfach nur verrückt geworden, Einbildungen sind das, ganz einfach! Da ist niemand, da war niemand und wer sollte denn schon in dieses Hochsicherheitsgefängnis reinkommen?!’ zischte ihr wieder ihre innere Stimme zu. Und obwohl das alles so verdammt logisch klang, konnte sie sich nicht wirklich beruhigen. Instinktiv spürte sie, dass da hinter ihr etwas war, nur hatte sie absolut keine Ahnung was. Was aber noch viel wichtiger erschien war, dass sie auch nicht wusste, wer etwas von ihr wollen könnte. Zumal eigentlich auch keiner wirklich wusste, dass sie sich hier befand, außer natürlich Ian, Robin und dieses komische Wesen, nach Robins Erzählung zu urteilen, Ians Bruder William. Aber der war doch ein paar Etagen über ihr, oder war sie ein paar Etagen über ihm? Doch wohl hoffentlich nicht schon wieder im selben Stockwerk wie gestern gelandet! Ihr Orientierungssinn hatte sie nun tatsächlich komplett verlassen. Sie wusste nicht mehr, wo sie war und auch nicht wie sie hergekommen war.
„Verdammter Mist hier!“ fluchte sie laut los, als sie zu allem Überfluss auch noch ohne Vorwarnung vor einer massiven Steinwand stand. „Na toll! Wer baut denn bitte in seinem Haus urplötzlich Steinwände mitten in die Gänge?!“ wütend trat sie mit Schwung gegen die Wand und heulte sogleich vor Schmerz auf, weil die Wand natürlich nicht nach gab, dafür tat ihr jetzt auch noch der Fuß weh. ‚Na wenigstens weißt du jetzt, dass sie wirklich aus Stein ist!’ spottete die Stimme in ihrem Kopf leise.
„Ja super!“ fauchte Gwen. ‚Kann vielleicht mal einer dieses Dinge abstellen?’ fragte sie sich gequält, denn allmählich fing diese Stimme tierisch an zu nerven. ‚Mein Gott, noch ein Weilchen so weiter und ich werde schizophren.’
‚Bist du das nicht schon?’ spottete wieder dieses Stimmchen. ‚Immerhin redest du jetzt gedanklich seit geraumer Zeit mit dir selbst.’
„Super Gwen, ich gratuliere, Sie haben so eben den Verstand verloren!“ stöhnte sie auf.‚Warum zur Hölle nochmal rede ich jetzt von mir in der 3. Person??? Ich muss echt schwachsinnig geworden sein!’
Als sie dann auch noch ein leises Kichern hinter sich vernahm, gab ihr dies den Rest. Lange hatte sie sich gewehrt, aber jetzt konnte sie nicht mehr. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie schlug die Hände vors Gesicht.
Auf einmal ziemlich schwach auf den Beinen lies sie sich gegen die wand sinken und rutschte wenig später mit den Rücken an eben dieser auf den Boden. Nun ließ sie all den aufgestauten Tränen freien Lauf. Wie sehr verwünschte sie doch dieses Haus. Niemals wollte sie hier her gekommen sein. Sie könnte immer noch ‚glücklich’ ihr Leben bei Elvira und Wilbur Hoffmann führen, oder eher fristen, zur Schule gehen, lernen und brav das tun, was andere von ihr verlangten. Aber war das wirklich das was sie wollte? Wollte sie eine willenslose Sklavin ihrer Adoptiveltern sein? Wollte sie sich wirklich ihre eigene Meinung verbieten lassen und nach der Pfeife ihrer Erziehungsberechtigten tanzen? Wollte sie ihr junges Leben wegwerfen, ihre Kindheit eingesperrt in einem kleinen, steinernen Käfig verbringen und nicht muff noch maff sagen?
Nein, sie wollte frei sein, ganz sie selbst. Ihre Meinung konsequent vertreten und so leben, wie sie es für richtig hielt. Sie wollte Spaß haben, wollte die Welt sehen und andere Kulturen kennenlernen. Und als ihr dies klar wurde rannen ihr die Tränen noch heftiger über die Wangen. Was hatte sie doch bisher alles in ihrem Leben versäumt!







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