Moonlight Shadow - Bei Vollmond bist du tot Teil 10

Autor: Belladonna
veröffentlicht am: 10.03.2008




Hay, also erst einmal ein ganz doll großes SORRY, dafür, dass ihr so lange auf die Fortsetzung meiner Geschichte warten musstet. Leider geht bei mir zur Zeit alles mehr drunter und drüber als so, wie es laufen soll und deswegen kann es passieren, dass ihr ab und zu mal etwas länger warten müsst. Ich hoffe ihr nehmt mir das nicht allzu übel... Lg, Steffi

Genervt verleierte Ian die Augen. Dieses kleine Biest würde wohl nie aufgeben.
'Guck mich nicht so an!' meinte sie gespielt zornig. 'Du hast schon recht, ich wird erst dann lockerlassen, wenn ich weiß, wieso ich hier bin.'
Verdammt, das hatte er ja total vergessen, sie konnte ja Gedanken lesen.
'Ach, woher weißt du das denn?' fragte sie ihn.
'Woher weiß ich was? Ach das- äh, ist eigentlich egal. Du wirst es schon noch früh genug erfahren.'
'Und wann wird das sein?'
'Irgendwann vielleicht mal, wenn du so weit bist, zu verstehen.'
'Willst du mir damit etwa sagen, ich sei dumm?' fragte sie entrüstet.
'Nein, will ich nicht, nur dass du in gewissen Dingen etwas unerfahren bist.'
'Aha, na dann...'
'Ja, komm, lass uns jetzt runter gehen, du hast doch bestimmt Hunger.' meinte er dann.'Hm, stimmt, wenn ich jetzt so darüber nachdenken, könntest du schon recht haben. Aber bitte warte auf mich, ich verlaufe mich in diesem Scheiß-Schloss sonst nur wieder.''Hey, hey, beleidige nicht mein armes Haus!'
'Ja, dein armes Labyrinth. Tut mir ja ausgesprochen leid!' erwiderte sie mit vor Sarkasmus triefender Stimme. Ian musste schon wieder schmunzeln, die Kleine war echt genial. Wie konnte ein Mensch allein denn nur von so viel Sarkasmus erfüllt sein?
'Ja geht halt!' fauchte sie ihn plötzlich an.
'Weißte, langsam nervt's, hör doch mal auf ständig meine Gedanken zu lesen!' fuhr er sie unvermittelt an.
'Ja würd ich ja gerne, geht aber nicht! Geh halt wenn's dich stört!' giftete sie ihn an.Was war nur plötzlich los mit den beiden? Noch eben waren sie per Du und jetzt wären sie sich am Liebsten gegenseitig an die Gurgel gesprungen. Komisch, wie schnell manche Menschen die Meinung wechseln konnten.
Mit einem letzten vernichtenden Blick auf Gwen gerichtete drehte Ian sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. Er war schon fast wieder draußen, als ihm noch etwas einfiel: 'Ach ja, falls du Hunger hast, Essen gibt es im Salon.' Dann klickte die Tür von draußen und er war weg. Erstaunt sah Gwen ihm nach. War das jetzt ihre Schuld? Was hatte sie nur getan? Was war denn nur in sie gefahren, so kannte sie sich doch gar nicht. ‚Ja toll, Essen im Salon, aber wo der Salon ist, hat er mir nicht gesagt. Und wie soll ich den jetzt finden?' wütend schmiss sie sich wieder aufs Bett und bereute es nach wenigen Sekunden schon wieder. Jetzt würde sie wieder Stunden benötigen um sich hieraus hoch zu kämpfen.
‚So ein verdammter Mist aber auch!' schimpfte sie wütend vor sich hin. ‚Das war doch einfach unfassbar. Was bildet dieser Mensch sich eigentlich ein? Erst entführt er mich, dann werde ich von seinem Bruder, eher Monster, halb umgebracht und nun schnauzt der mich wegen Nichtigkeiten auch noch so voll. Der hat sie doch nicht mehr alle beisammen!'Wenig später allerdings musste sie dann schon einsehen, dass sie ihn auch ganz schön angefahren hatte, aber er hätte doch trotzdem nicht so austicken zu müssen?
‚Vielleicht waren wir ja auch mehr oder weniger beide dran schuld?' überlegte sie schließlich.Mit einem tiefen Seufzer versuchte sie aufzustehen, was ihr aber mal wieder nicht gelang.‚Selbst schuld Gwen, selbst schuld' dachte sie sich. ‚Was musst du dich aus Frust aber auch immer aufs Bette werfen? Naja, was müssen die Betten auch so grauenvoll weich sein?' So konnte man's natürlich auch sehen, nur brachte sie das kein Stück weiter. Also drehte sie sich einfach auf die Seite und ließ sich aus den Federn rollen. Nach einer eher schmerzhaften Landung auf dem Teppich rappelte sie sich fluchend auf. Zu ihrem Leidwesen war sie genau auf der Schulter gelandet, in die sich Stunden zuvor noch so unerbittlich die Krallen des Wolfsmenschen gebohrt hatten. Zwar sah man jetzt nichts mehr davon, wie Gwen erleichtert feststellen konnte, doch tat es nach wie vor sehr weh, wenn sie an ihre Schulter kam.‚Fluch über sie!' schimpfte sie verdrießlich vor sich hin und stapfte anschließend missmutig zur Tür. Erstaunt stellte sie fest, dass diese offen war. Zögernd trat sie auf den Korridor und blickte sich um. Diesmal würde sie sich den Weg genau merken. Gwen hatte wirklich keine Lust darauf, sich ein weiteres Mal in diesem Monstrum zu verirren, wer weiß wem sie dann in die Arme rennen würde. Vielleicht hätte sie beim nächsten Mal nicht so viel Glück, man konnte ja nie wissen. Und sie konnte sich gut daran erinnern, dass ihre Mutter ihr einmal gesagt hatte, man solle das Schicksal nicht herausfordern. Moment mal, dass hatte doch niemals Elvira gesagt?! So poetisch konnte die gar nicht sein, dass hatte Gwen schon oft genug mit erlebt. Doch warum konnte sie sich dann so genau daran erinnern, dass eine Frau, die sie selbst ‚Mama' genannt hatte, ihr dies gesagt hatte? Gwen war restlos verwirrt und wäre schon fast wieder falsch abgebogen. Aber eigentlich wollte sie doch gar nicht zum Salon, also entschloss sie sich kurzer Hand doch mal den Gang nach links zu probieren. Wenig später schon stand sie vor einer Tür und da sie keine Lust hatte wieder umzukehren versuchte sie diese zu öffnen. Und siehe da, sie ging sogar auf. Nun kam Gwen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie befand sich plötzlich in einem riesengroßen Saal, an dessen Wänden bestimmt hunderte von Spiegeln hingen. Der Boden war mit Marmor gefliest und von der Decke hingen vergoldete, glasbehängte Lüster herab. Zwischen den großen Spiegeln zierten große Gemälde in goldenen Rahmen die Wände und am anderen Ende des Saales sah sie einen antiken Flügel stehen.
Langsam setzte Gwen sich in Bewegung. Zwar war sie bemüht keinen Lärm zu machen, doch ihre Ansätze hallten gespenstisch laut auf den Fließen wieder und ein Echo, dem Klang nach von einer ganzen Tanzgesellschaft kommend, flog durch den Saal. Erschrocken zuckte Gwen zusammen, als sie hörte welchen Krach sie doch machte. Garantiert hatte man sie gerade im ganzen Schloss gehört. Hastig zog sie ihre Schuhe aus und schlich auf Socken weiter.Wie magisch davon angezogen ging sie genau auf den Flügel zu. Er faszinierte sie. Sie konnte sich auf einmal auch daran erinnern als ganz kleines Mädchen immer Klaviermusik gehört zu haben. Doch Elvira und Wilbur besaßen weder eines noch interessierten sie sich in irgendeiner Weise für klassische Musik.
Gwen hingegen liebte diese Musik. Vor einigen Jahren hatte sie heimlich Klavierunterricht genommen, doch irgendwann hatte ihr Taschengeld nicht mehr gereicht und sie hatte aufhören müssen. Hätte Wilbur das mitbekommen, oh, sie hätte schrecklichen Ärger gekriegt. Ihr Vater war gegen jegliche Form von Musik. Manchmal fragte sie sich, wie ein solcher Mensch wohl in einer Welt leben konnte, die voll von Musik war. Bedachte man doch nur mal die vielen Castingshows heutzutage. Aber vielleicht war er ja auch immer nur gegen Instrumentalmusik, nur, wie hatte er dann seine Hochzeit überleben können? Schließlich spielte dort ja auch Musik.
Schon oft hatte Gwen sich gefragt, ob Elvira und Wilbur wirklich ihre Eltern waren. Sie hatten eigentlich praktisch nichts mit ihr gemein. Natürlich hätte sie es sich nie getraut ihnen diese Fragen zu stellen, da hätte es sofort Maulschellen geregnet, aber so manches Mal hatte sie sich schon dabei ertappt, sich zufragen, wie wohl ihre richtigen Eltern gewesen sein müssen. Immer vorausgesetzt natürlich, dass sie nicht doch bei ihren leiblichen Eltern lebte.Völlig gedankenverloren klimperte Gwen einfach ein bisschen auf den Tasten herum. Wie viel Spaß ihr das doch immer gemacht hatte! Und wie lange sie schon kein Klavier mehr von Nahem hatte sehen dürfen! Es war einfach nur entspannend, so leicht auf den Tasten herumzutippen. Wer sie jetzt hätte hören können hätte sich wahrscheinlich gefragt, was genau sie da eigentlich spielte. Doch das wusste Gwen ja selbst nicht ganz so genau. Sie konnte sich aber daran erinnern, dieses Lied vor vielen Jahren schon einmal gehört zu haben. Ihre Mutter, da wart sie sich sicher, hatte immer vor einem schönen alten Flügel gesessen und diese Melodie gespielt und dabei hatte sie gesungen. Und wie sie gesungen hatte! Gwen konnte sich noch an den zauberhaften Klang dieser Wahnsinns Stimme erinnern. Eine Stimme, bei der ihr immer ein Schauer über den Rücken gelaufen war. Ganz deutlich konnte sie sich plötzlich an diese Szene erinnern. Sie war noch nicht sehr alt, vielleicht 1-2 Jahre und immer zum Einschlafen hatte ihre Mutter ihr vorgespielt.
Mit einem Mal war sie sich ganz sicher. Elvira und Wilbur waren nicht ihre wirklichen Eltern. Aber hatte das nicht auch schon der komische Polizist vor ca. einem Monat zu ihr gesagt? Dieser- wie hieß er doch gleich?- Antoine?!
Und plötzlich wusste sie auch, was ihre Mutter ihr da immer vorgesungen hatte und sie begann mitzusingen. Erst zögerlich, ganz leise nur. Später dann sang sie aus vollem Halse.

‚Huch? Was ist das denn für ein Geräusch?' fragte sich Ian, der Gwens Gesang noch etliche Zimmer enternt deutlich hören konnte.
‚Wie von einem Engel' dachte er träumerisch. Zu letzt hatte er Donna vor vielen Jahren singen hören und- Moment mal!- hörte er da nicht leise Klaviermusik? ‚Wer würde es denn wagen sich einfach in den großen Saal zu schleichen und auf Donna's Flügel zu spielen?!' Wütend machte er sich auf in Richtung Halle. Irgendetwas ließ ihn aber kurz vor der Tür doch noch inne halten. Eigentlich hatte er vorgehabt hineinzustürmen und den Störenfried am Schlafittchen zu packen und hochkant aus seinem Hause zu schmeißen. Am Besten durch eines der großen Fenster! Aber halt mal, was war dann mit dem Fensterglas? Nein! Das musste nun wirklich nicht noch kaputt gehen. Wer würde denn schon hier hinaufkommen und ein Fenster reparieren?!
Leise öffnete er die große Tür und lauschet angestrengt in den Raum hinein. Da vernahm er deutlich diese bezaubernde Stimme. Eine Stimme, die ihn in alte Zeiten zurück versetzte. Zeiten zu denen er noch träumen und lieben konnte. Zeiten, in denen er das Leben genoss, weil er und Donna, seine geliebte Donna, ein Teil von ihm waren. Doch diese Zeiten waren lange her. Teil einer Vergangenheit, die so schön und doch so schmerzlich war, dass es ihm das Herz brach, wenn er daran zurück dachte. Wie oft doch hatte er sich gewünscht, dass all dies nur ein schrecklicher Albtraum wäre. Ein Traum aus dem er am Morgen schweißgebadet aufwachen würde und neben sich in Donna's liebreizendes Gesicht schauen würde. Dann würde er sich mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen zurücksinken lassen, die Decke um sie beide drapieren und an seine Liebste gekuschelt wieder einschlafen. Doch 2 Jahrhunderte voller Einsamkeit und ohne Liebe machen einen Menschen verbittert und lassen sein Herz erkalten. Erst Gwen, dieses seltsame junge Mädchen, mit den alten Augen ließ ihn wieder etwas auftauen.
Ja, sie hatte alte und weise Augen. Augen die von einer Lebenserfahrung sprachen, die ein Mensch mit 15 unmöglich haben konnte. Augen, die so voller Verstehen in die Welt blickten. Aufmerksam und ach so traurig. Sie hatte einen schweren Verlust erlitten, das wusste er. Gwen hatte ihre Eltern verloren, als sie noch ein Baby gewesen war. Vielleicht war es ihr nie wirklich vergönnt gewesen in einer richtigen Familie aufzuwachsen.
Ihm schon, doch er hatte nach und nach dem Wahnsinn verfallend fast seine gesamte Familie ausgelöscht Nur sein Bruder und Robin lebten noch. Hatten ihn sozusagen überlebt.
In so mancher einsamen Nacht voller Schatten der Erinnerung, die sein Gemüt verdunkelten, hatte er sich gewünscht einfach die Augen schließen zu können und niemals mehr aufzuwachen. Doch das Leben musste immer weiter gehen und außerdem hatte er Donna auf ihrem Sterbebett versprechen müssen weiter zu leben und sie niemals zu vergessen. Als ob er das könnte!

Irgendetwas riss ihn plötzlich aus seinen Gedankengängen. Er hatte sich schon wieder in der Vergangenheit verirrt. Seit Gwen in diesem Haus weilte, passierte ihm das öfters. Zu oft, wie er fand. Angestrengt lauschte er, doch so sehr er auch horchte, er vernahm keinen Laut.Ha! Das war's doch auch! Noch eben erfüllte leichte Klaviermusik die Luft und brachte die Töne zum schwingen, jetzt war alles still. Wenig später hörte er ein leises Schluchzten und schniefen. Dann sah er schließlich Gwen. Sie saß wirklich am Flügel und sie weinte.Weinte um die Familie, die sie eben wiedergefunden und noch ein zweites mal verloren hatte. Weil ihr nun mit schrecklicher Gewissheit klar geworden war, dass ihre leiblichen Eltern tot waren. Vor vielen Jahren gestorben. Sie hatte keine Chance, sie jemals wieder zu sehen. Ihnen jemals zu sagen, wie sehr sie sie geliebt hatte und wie sehr sie sie jetzt brauchte.Gwen fühlte sich so einsam und allein, verlassen von Gott und der Welt.
Ein Gefühl, welches Ian zur Genüge kannte. Dieser rang indes übrigens mit sich, ob er nun zu Gwen hingehen sollte um sie zu trösten, oder ob es besser wäre, wieder zu gehen.
Schließlich entschied er sich dafür zu ihr hinzugehen und mit ihr zu reden. Hätte er sie vor wenigen Minuten noch am Liebsten in hohem Bogen hinausgeworfen, so wollte er sie jetzt nur noch im Arm halten und ihr Trost geben, ihr zeigen, dass sie, egal wie einsam und verlassen sie sich jetzt fühlte, doch nicht allein auf der welt gab. Dass es durchaus Menschen auf dieser welt gab, die sie gern hatten und denen etwas an ihr lag.
‚Gott Ian, war das jetzt ein Zugeständnis oder so etwas in der Art?' fragte er sich. Nur fand er keine Antwort darauf, weil er sich seiner Gefühle selbst noch nicht sicher war. Was für ihn aber sicher war, war die Tatsache, dass Gwen tief in seinem Inneren eine Seite seines Herzens berührt hatte, von der er dachte, dass sie nach Donna's Tod nicht mehr existiere.
Lautlos schlich Ian nach vorne zum Flügel. Dort saß immer noch Gwenaell und weinte stumme Tränen vor sich hin.
Sie hörte ihn nicht kommen und erschrak so fürchterlich, als er sie sanft in seine Arme nahm. Mit großen Augen blickte sie in sein lächelndes Gesicht.
'Was- Was machst du hier? Ich dachte du bist sauer auf mich?'
'Bin ich nicht. Und es tut mir leid, dass ich vorhin so gemein zu dir war. Ich habe dich gesucht, um mich bei dir zu entschuldigen, hätte aber nie gedacht, dich im Salon zu finden.''Es tut mir leid, ich weiß, ich hätte wahrscheinlich nicht herkommen dürfen. Ich wollte ja gar nicht herumschnüffeln, ich habe nur die Küche gesucht und als ich dann diesen Raum hier entdeckt habe...' stammelte sie vor sich hin.
'Ich wusste gar nicht, dass du Klavier spielen kannst.' lenkte Ian sie von diesem Thema ab.'Doch kann ich. Ich habe vor einigen Jahren mal Unterricht genommen.'
'Hm, hast du etwa aufgehört?'
'Naja, nicht freiwillig...'
'Soll heißen?' hakte Ian nach.
'Naja, ich musste aufhören, weil ich kein Geld mehr hatte um die Stunden zubezahlen.''Haben deine Eltern dir das denn nicht bezahlt?' wunderte sich Ian, obwohl er eigentlich während seiner Beobachtungen schon mitbekommen hatte, dass Gwen den Leuten wohl so ziemlich egal gewesen sein muss.
'Nein, haben sie nicht. Mein Vater hasst jegliche Art instrumentaler Musik, aber ich kann mich an eine Zeit erinnern, als ich noch ganz klein war, da spielte mir immer jemand vor dem Einschlafen dieses Stück auf dem Klavier vor.' erzählte Gwen traurig.
'Vielleicht war es ja nicht immer so, dass dein Vater keine Klaviermusik mag.
Möglicherweise mochte er die früher ja?'
'Nein, das glaube ich eigentlich nicht.'
'Hm, und was glaubst du dann?'
'Dass Wilbur und Elvira nicht meine leiblichen Eltern sind. Das sagte zumindest auch Antoine.'
'Antoine?!' überrascht riss Ian die Augen weit auf. Der lebte also auch noch? Das wurde ja immer unübersichtlicher!
'Ja, kennst du ihn?' etwas verwirrt sah Gwen Ian an, als dieser weit weg in Gedanken schien.'Äh, wie bitte?' fragte er etwas durcheinander.
'Ich frage ob du Antoine kennst? Er sagte er wäre mein Onkel.' Wiederholte Gwenaell ihre Frage.
'Ja, ja ich kannte ihn, oder, naja kenne ihn. Dass er dein Onkel ist, wusste ich nicht, aber ich kannte ihn. Ihn und seine Schwester. Das wird dann wohl deine Mutter gewesen sein.'
'Du kanntest meine Mutter?' fragte Gwen ganz aufgeregt.
'Hm, ja. Jetzt fällt mir erst auf, wie ähnlich du ihr siehst.'
'Woher kennst du sie denn?' Gwen war plötzlich ganz aufregt und hüpfte wie ein Gummiball auf und ab. Sie konnte es gar nicht erwarten endlich mal etwas über ihre leiblichen Eltern zu hören. Wie sie wohl sind? Oder waren? Ob es stimmte, was Antoine ihr gesagt hatte, dass ihre Eltern tot waren? Gleich würde sie es hoffentlich erfahren.
'Setz dich doch erstmal wieder hin.' Schlug Ian vor, den es sehr verwirrte, dass Gwen tatsächlich Lillianes Tochter gewesen sein soll. Aber sie sah ihr sehr ähnlich, dass musste er schon zugeben. Lange rote Locken und leuchtend smaragdgrüne Augen. Dazu diese blasse, wie Seide schimmernde Haut. Dass es ihm nicht schon viel eher aufgefallen war! Sie war eine Schönheit, ja das war sie. Genau wie ihre Mutter. Die war auch eine Schönheit gewesen, eine irische Rose, auf einer französischen Insel. Ja, und war ihr Vater nicht sogar Franzose gewesen? Daher auch ihre natürliche Anmut, diese Eleganz und Selbstsicherheit, die sie ausstrahlte. Er hätte es wissen müssen!
'Äh, ja. Ich kannte deiner Eltern. Ich traf sie vor vielen Jahren auf einer kleinen Insel vor Frankreich.' begann er schließlich zu erzählen.
'Aber was machten sie denn in Frankreich? Ich dachte immer meine Mutter sei Irin gewesen?' mit großen Augen sah sie Ian an.
'Sie war ja auch Irin, aber dein Vater war Franzose. Deine Mutter traf ihn vor vielleicht 20 Jahren bei einer Reise nach Frankreich. Sie war damals, glaube ich, gerade 18 Jahre jung und sie verliebte sich sofort in ihn. Leonard Chibeaux hieß er. Und wie es das Schicksal so wollte, verliebte er sich auch in Lilliane LeThistle, das war deine Mutter. Sie war eine wahre Schönheit. Sie hat dir ihre Augen, ihren Teint und ihre Figur vererbt. Auch die Haare hast du von ihr. Du siehst ihr praktisch wie aus dem Gesicht geschnitten aus. Es wundert mich, dass ich dich nicht gleich als ihre Tochter erkannt habe.'
'Habe ich auch etwas von meinem Vater geerbt?' fragte sie neugierig.
'Ja, die Nase, den Mund, die kleinen Ohren.' Ian lächelte leicht. Sie hatte wirklich viel von ihren Eltern. 'Du bist einen Eltern sehr ähnlich. Deine Mutter war genauso klug und dickköpfig wie du. Dein Vater war nicht ganz so vernarrt in seine Ansichten, aber er konnte gut mit Worten umgehen, das kannst du auch. Wo du aber dein aufbrausendes Temperament her hast, ist mir ein Rätsel!' meinte er lachend.
'Ich und aufbrausendes Temperament???! Ich bin die Sanftmütigkeit in Persona!' witzelte Gwen grinsend. Sie wusste selber, dass sie manchmal ganz schön kratzbürstig werden konnte, aber dass er das in der kurzen Zeit, in der sie jetzt hier war schon mitbekommen hatte, erschreckte sie doch. Sie hatte wohl nicht gerade den besten Eindruck bei ihm hinterlassen.'Wenn du sanftmütig bist, dann bin ich die Kaiserin von China!' stichelte Ian weiter. Es tat ihm gut, hier so mit ihr herum zualbern. Schon viel zu lange hatte er das vermisst, hatte er das gebraucht. Doch niemand war dagewesen. Jetzt war Gwen da, die kleine Gwen. Doch wie lange würde sie noch bleiben, wenn sie erst um sein schreckliches Geheimnis bescheid wüsste? Würde sie die Flucht ergreifen oder würde sie bleiben? Würde sie ihn retten und dabei ihr eigenes Leben riskieren, oder würde sie sich in Sicherheit bringen und ihn seinem Schicksal überlassen? ‚Was bringt es mir denn, jetzt darüber nachzudenken?' fragte er sich. Irgendwann würde sie es erfahren müssen, doch die Zeit bis dahin wollte er mit ihr genießen. ‚Ian, wirst du jetzt sentimental? Hast du dich etwa in das kleine Biest verliebt? Gott bewahre! Sie ist viel zu jung und zu gut für dich, Ian!' Einen Narren schimpfte er sich, weil er überhaupt darüber nachdachte. Gwen hatte etwas besseres verdient, als ihn.
'Worüber denkst du nach?' riss Gwen ihn plötzlich wieder aus seinen trüben Gedanken.'Ich- ach, ist eigentlich egal...' ein wenig hilflos stotterte er herum. Es war ihm peinlich, dass er so über ihr ‚Beziehung' nachdachte. Immerhin war er mehr als 200 Jahre älter als sie. Das würde niemals gut gehen. Er besaß eine komplett andere Weltanschauung als sie. Nur wollte er es sich nicht so ganz eingestehen. Getreu dem Motte: Die Hoffnung stirbt zu letzt. Nur hatte er überhaupt noch Hoffnung? Nach zwei Jahrhunderten, die er nun schon in Einsamkeit und Dunkelheit lebte? Hörte man da nicht irgendwann auf zu hoffen, zu leben? Existierte man dann nicht eigentlich nur noch?
Es war lange her, seit er sich diese Fragen zu letzt gestellt hatte. Die letzten Jahre war es einfach nicht mehr wichtig gewesen. ‚Warum jetzt wieder?' fragte er sich. Ob es wohl daran lag, dass Gwen Gefühle in ihm auslöste, die er so lange schon nicht mehr gefühlt hatte? Vor denen er so viel Angst gehabt hatte, weil er dachte, dadurch Donna's Andenken nicht genügend zu würdigen? Hatte er überhaupt das Recht jemals wieder zu lieben, richtig zu leben, nachdem er so viel Unglück und Schmerz, Trauer über die Menschheit gebracht hatte? War es da nicht an der Zeit endlich mal etwas Gutes zu tun?







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