Black Tiger Teil 12

Autor: Any
veröffentlicht am: 30.03.2008




„Was ist mit ihm passiert?“ River zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung.“ Diesmal brachte er die Lüge nicht ganz so gut zustande, wie beim ersten Mal und Jessie bemerkte sie sofort.
„Lüg mich bitte nicht an, River.“ Enttäuscht sah sie ihm in die dunkelblauen Augen. Es tat ihm weh. Sie hatte ihm vertraut, aber mit dieser Lüge war ihr Vertrauen geschwächt worden.„Jessie… Ich kann es dir nicht sagen! Ich würde es so gerne, aber es geht nicht. Ich selbst kenne nicht mal die ganze Wahrheit über ihn.“
„Aber du kennst zumindest einen Teil!“
„Wenn ich es dir sage, dann bringe ich ihn und dich in große Gefahr!“
„So groß kann sie schon nicht sein! Es ist ja nicht so, dass er der Teufel höchstpersönlich ist!“ Sie wusste nicht, wie nah sie der Wahrheit kam.
„Nein…“, antwortete er nach einer Weile. „Das ist er nicht.“
„Was ist er dann?“
River gab ihr keine Antwort. Schweigend saßen sie nebeneinander. Sein Arm lag noch immer um ihre Schulter.
„Ich denke, dass es besser ist, wenn ich jetzt gehe.“, murmelte er. Jessie sah ihn an. „Nein… Bitte bleib noch. Ich möchte nicht mehr alleine sein.“ River war verwirrt, blieb aber neben ihr sitzen. „Wieso allein? Du hast doch Silver! Der weicht dir doch nicht mehr von der Seite. Und falls er untertags nicht bei dir sein sollte, hast du doch Raven.“
„Ja… Aber Raven ist nicht… nicht wie du.“ Fragend sah er sie an. „Was meinst du damit?“
Jessie war die Situation unangenehm.
„Na du weißt schon…“
„Nein, weiß ich nicht.“ Er war neugierig geworden.
„Ich fühle mich ihm nicht so nahe wie dir.“
„Du meinst du vertraust mir mehr?“
„Nicht nur das… Bei dir habe ich das Gefühl, dass ich dir wichtig bin, dass ich zum ersten Mal wieder jemanden habe, der sich um mich sorgt. Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet.“ River zog sie etwas näher zu sich und legte nun auch den zweiten Arm um sie.„Aber warum? Warum vertraust du mir so sehr? Du kennst mich erst seit ein paar Tagen und hast keine Angst, dass ich vielleicht nur mit dir spiele!“ Sie sah ihm tief in die Augen. „Ich weiß, dass du nicht mit mir spielst.“
Hilflos hob er die Arme. „Woher? Woher weißt du etwas über mich, wo ich es doch selbst nicht weiß.“ Jessie lächelte. „Ich sehe es in deinen Augen.“ `Bei dir fühle ich mich sicher.´, fügte sie in Gedanken hinzu und wusste, dass er sie verstand.
Silver war aufgewacht und beobachtete das Geschehen mit missbilligenden Blicken. Er mochte Raven zwar nicht, und fühlte auch, dass er nicht der war, der er vorzugeben schien, dass er ein dunkles Geheimnis hatte, aber dennoch fühlte er, dass Jessie ihm sehr wichtig war. Er hatte es nicht verdient auf diese Art und Weise verletzt zu werden. Das war einfach nicht gerecht! Silver musste auch zugeben, dass er River mehr mochte, aber er merkte, dass auch River nicht immer ganz ehrlich war. Außerdem fühlte er, dass er stärkere Gefühle für Jessie hegte, als sie für ihn. Es war lediglich Freundschaft, was sie verspürte. Daraus konnte nichts Gutes werden.
„Was wolltest du eigentlich hier?“, fragte Jessie nach einer Weile der Stille.
„Dich sehen.“
„Wieso mich sehen?“
„Weil es schon ziemlich lange her ist, dass wir uns das letzte Mal getroffen haben.“ Sie gab sich mit dieser Erklärung zufrieden.
„Erzähl mir mal ein bisschen was über meinen dunklen Bruder.“ Bittend sah sie ihn an. River überlegte. Eigentlich sollte es nicht gefährlich sein, etwas über ihn preiszugeben. Schließlich konnte es ihr ja nur helfen, und so lang er nicht seine Identität verriet sollte es kein Problem sein.
„Was willst du wissen?“
„Wer er ist!“
„Das kann ich dir nicht sagen… Alles, außer das, und ein paar gewissen anderen Dingen.“, fügte er hinzu.
„Schade… Aber man nimmt, was man kriegen kann. Wie schaut er aus?“
„Er hat kurze braune Haare und haselnussbraune Augen, ziemlich gut durchtrainiert und…“„Was und?“
„Also ich kann das als Mann nicht so beurteilen, aber ich denke, dass er ganz gut aussieht, falls du das wissen wolltest.“ Sagte River und zwinkerte ihr zu.
Jessie boxte ihn leicht in den Bauch. „Du bist blöd!“
„Willst du sonst noch was wissen?“
„Wie ist sein Charakter? Bisher habe ich ihn ja nur von der schlechten Seite kennen gelernt.“„Er ist sehr still und verschlossen. Manchmal wird er schnell wütend, dadurch verliert er dann die Oberhand über den DarkSoul und verliert die Kontrolle über seinen Körper.“
„Man sollte ihn also lieber nicht reizen?“
„Es heißt, dass er sich besser im Griff hat, wenn er in der Nähe der `Tochterschlange´ ist… also brauchst du sich deswegen nicht zu sorgen, trotzdem solltest du es auf jeden Fall vermeiden.“
„Was, wenn er zum DarkSoul wird, während ich mit ihm alleine im Urwald bin? Was soll ich dann tun.“
„Am besten lässt du es erst gar nicht so weit kommen… Versuch am Anfang ihn zu beruhigen. Wenn das nicht klappt musst du ihm die Injektion mit einer Spritze geben. Raven wird dir aber noch zeigen wie und wo du diese Spritze einsetzt. Du musst höchstwahrscheinlich auch gegen ihn kämpfen.“
„Gegen ihn kämpfen?“, fragte sie ungläubig. „Wie soll ich denn bitte gegen dieses Monstrum ankommen?“
„Hauptsächlich deswegen wirst du ja trainiert.“
„Um gegen meinen `dunklen Bruder´ zu kämpfen? Na toll… Schöne
Überlebensaussichten…“ River lächelte Jessie sanft an.
„Mach dir keine Sorgen. Ich bin mir sicher, dass du das schaffst.“
„Wieso bist du dir immer so sicher, dass ich das alles hier packe? Ich meine, jeder hier scheint mehr über mich zu wissen und glaubt mehr an mich, als ich selbst es tue!“
„Wir wissen, dass du stark genug dafür bist, sonst hättest du gar nicht die Gabe bekommen.“„Ich verstehe nur Bahnhof… Wieso gerade ich?“ River schmunzelte. „Weil du eine außergewöhnlich Person bist und einen starken Charakter hast.“
„Steht das auch irgendwo geschrieben?“
„Nein.“
„Woher weißt du das dann?“
„Ich kenne dich.“
„Ja, aber auch nur ein paar Tage.“
„Das reicht auch schon. Jeder hier, auch wenn er dich nur ganz flüchtig einmal gesehen hat, weiß, dass du die Richtige bist, Jessica.“
„Uff… Ihr setzt ganz schön hohe Erwartungen an mich… Und bitte nenn mich nie wieder Jessica!“
„Wieso nicht?“, fragend sah er ihr in die grüngelben Augen.
„Ich mag das nicht sonderlich… Einfach nur Jessie reicht auch.“ Er lächelte sie an. „OK, Jessie. Ich werde jetzt wieder gehen. Du solltest schlafen und ich auch. Gute Nacht.“ Er löste die Umarmung, stand auf, hob sein T-Shirt auf, zog es wieder an und ging zur Tür.„Gute Nacht, River.“, flüsterte Jessie und sah zu wie er sie noch einmal anlächelte und dann verschwand.
Eine kurze Weile herrschte Stille.
„Was sollte das denn?“ Jessie schrak auf und schaute zu Silver, der sie missbilligend ansah.„Du bist ja wach!“
„Ja… schon eine ganze Weile.“
„Warum hast du denn nichts gesagt?“
„Was sollte das eben mit River?“ Sie verstand nicht, was er meinte. „Was soll denn gewesen sein?“
„Er hat dich umarmt.“
„Ja und?“
„Ich dachte, du magst Raven.“
„Das habe ich nicht gesagt!“
„Doch, dass hast du. Du hast gesagt, dass du Gefühle für ihn entwickeln könntest.“
„Ja, könnte.“
„Das ist nicht fair ihm gegenüber. Er liebt dich!“
„Das weißt du doch gar nicht.“
„Doch! Du hast es sogar selbst gesagt.“
„Und woher soll ich wissen, dass das auch stimmt, was ich denke?“
„Du weißt, dass es so ist!“
„Nein, weiß ich nicht!“
„Natürlich tust du das!“
„Nein! Und was ist bitte so schlimm daran, dass River mich umarmt hat? Raven weiß es ja nicht! Und außerdem macht man das so unter Freunden!“
„River empfindet mehr für dich, als nur Freundschaft.“
„Woher willst du das wissen?!“
„Ich fühle es eben.“
„Das bildest du dir doch nur ein!“
„Tue ich gar nicht!“, trotzig sah der Kleine sie an.
„Tust du wohl!“
„Nein!“
„Du nervst!“
„Danke!“ Dieser Vogel brachte sie manchmal wirklich zur Weißglut. „Ich dachte, du magst Raven nicht!“
„Tue ich auch nicht.“
„Was regt dich das mit River dann so auf?“
„Keiner hat es verdient, dass man mit ihm spielt.“ Silver wirkte plötzlich traurig, als ob er sich an etwas erinnert hätte, dass ihm selbst wiederfahren war.
„Was hast du denn?“, besorgt strich Jessie ihm über den kleinen Kopf.
„Ich weiß eben, wie Raven sich fühlen muss, wenn er es erfährt und das ist kein allzu gutes Gefühl muss ich dir sagen.“
„Hast du-…Ich meine: Wurde schon einmal mit deinen Gefühlen gespielt?“
Der Vogel deutete ein leichtes Kopfnicken an.
„Was… Was ist passiert?“, sie hatte überlegt, ob sie die Frage stellen sollte.
„Ich war in eine Vogeldame verliebt. Sie war so bildschön und hatte eine herzensgute Seele, zumindest dachte ich das immer. Ich habe sie wirklich sehr geliebt, mehr als alles andere. Aber sie hat nur mit mir gespielt, mir immer wieder Hoffnungen gemacht. Von Tag zu Tag mochte ich sie mehr und sie zeigte auch Interesse an mir. Ich dachte, dass sie meine Lebensgefährtin werden würde, aber kurz vor der Partnerwahl fand ich heraus, dass sie eigentlich schon lange einem anderen Männchen versprochen war und das sie nur mit mir gespielt hatte, die ganze Zeit über.“ Silver sah traurig aus. Sanft strich Jessie ihm über den Kopf.
„Wie… hast du es rausgefunden?“
„Ich habe ein Gespräch von ihrem, mittlerweile wahrscheinlich, Lebensgefährten gehört. Er hat sich darüber unterhalten, dass sie das mit mir sowieso nicht ernst meine und bald zu ihm gekrochen käme… Was auch wahr wurde.“
„Wenn du sie so sehr geliebt hast, warum hast du dann nicht um sie gekämpft?“
Erstaunt sah er sie an, dann wich seine Erstauntheit wieder zu der Traurigkeit über. „Ich habe sie geliebt! Wahrscheinlich liebe ich sie jetzt noch immer, auch wenn ich es gut schaffe, das Gefühl zu unterdrücken… Ich habe ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, mich so gut wie möglich um sie gekümmert, aber… was hätte ich ihr bieten können? Ich bin noch ein Jungvogel… unerfahren und dumm. Es ist wahrscheinlich besser so. So kann sie glücklich sein und das ist es, was wahre Liebe ausmacht.“
„War sie auch ein Jungvogel?“
„… Ja.“
„Dann hättet ihr die Erfahrungen gemeinsam sammeln können!“
„Und wenn? Sie hat mich nie wirklich geliebt.“
„Woher weißt du das so genau?“
„Wieso sonst hätte sie einem anderen Männchen das Versprechen geben sollen, seine Lebensgefährtin zu sein?!“ Ohne Grund war er wütend geworden.
„Vielleicht hatte sie ja keine andere Wahl!“
„Inwiefern?“
„Ihre Familie hätte sie dazu zwingen können, oder vielleicht sogar der Andere selbst!“ Jessie wusste nicht, warum sie das Vogelweibchen, von dem sie nicht mal wusste, ob es wirklich existierte, verteidigte. Wahrscheinlich, weil sie sich unbewusst in derselben Situation befand. Silver schüttelte nur den Kopf.
„Was hast du getan, nachdem du rausgefunden hast, dass sie einem anderen versprochen war.“
„Ich bin gegangen…“
„Warum?“
„Jessie! Ich habe dir doch gesagt, dass ich ein Verstoßener bin. Ich wurde dort nie gern gesehen. Obwohl das nicht mein Clan war, haben sie irgendwann davon Wind gekriegt und waren alle gegen mich! Was hätte ich tun sollen? Sie auch zu einer Verstoßenen machen?!“„Hast du dich wenigstens von ihr verabschiedet?“ Traurig sah der Vogel zu Boden. „Nein… Nein, das habe ich nicht.“
„Wieso nicht?“
Seine Antwort kostete ihn Überwindung, dass sah sie, aber sie ließ nicht locker. „Sie hätte mit mir kommen wollen…“ Verwirrt versuchte Jessie etwas an Silvers Gesichtsausdruck zu erkennen. „Wieso hätte sie mit dir kommen sollen? Schließlich hat sie dich ja nicht geliebt!“Verlegen sah er weg. „Ich habe dich angelogen… Ich bin, nachdem ich das Gespräch von dem anderen Männchen belauscht hatte, zu ihr geflogen und habe sie darauf angesprochen. Natürlich war ich am Anfang sehr enttäuscht von ihr, aber sie hat mir erklärt, dass sie mir nicht sagen könne, warum sie einem Anderen ihr Versprechen gegeben hatte, aber dass sie nur mich lieben würde und das es ihr unendlich Leid tut. Sie wollte mit mir weglaufen!“„Wieso habt ihr es nicht getan?“
„Weil ich ihr nichts bieten konnte! Die Gerüchte um mich verbreiteten sich schnell… zu schnell… bald wäre ich auch von ihnen gejagt worden, hätte ich sie dieser Qual aussetzen sollen?“
„Also bist du ohne ein weiteres Wort einfach abgehauen und hast sie im Stich gelassen? Obwohl du mit ihr glücklich hättest werden können?“ Er nickte.
„Das ist doch totaler Blödsinn! Sie hat dich geliebt! Es wäre ihr egal gewesen, wenn sie ein Leben als Flüchtling hätte leben müssen, Hauptsache sie wäre mit ihrem Geliebten, also dir, zusammen gewesen!“
Heftig schüttelte der Kleine den Kopf. „Ich wollte ihrem Glück nicht im Weg stehen.“„Also hast du sie, ohne eine Erklärung, oder einem Abschied, verlassen?“
„Ja.“, er sagte es kalt und gefühllos.
„Aber… Aber…“, Jessie hob hilflos die Arme. Sie verstand ihn nicht. Schließlich hätte er mit diesem Vogelweibchen glücklich werden können! Stattdessen hatte er sich selbst und höchstwahrscheinlich auch sie unglücklich gemacht. Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt um mit ihm darüber zu streiten. Was geschehen war, konnte man nicht mehr ändern. Sie ließ ihre Arme wieder sinken und sah zu dem Tangar. Sie glaubte an die wahre Liebe mit der man glücklich bis an sein Lebensende sein würde, auch wenn es bei ihr bis jetzt nicht so ausgesehen hatte. Sie war fest entschlossen, den Richtigen zu finden…
„Was empfindest du Raven gegenüber?“, fragte Silver, nachdem er mitbekommen hatte, dass Jessie das Thema ruhen lassen würde. Sie sah ihn etwas verwirrt an. Der Vogel seufzte. „Also ich meine, liebst du ihn, oder hast du nur freundschaftliche Gefühle ihm gegenüber?“
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich es nicht weiß…“
„Hasst du ihn?“
„Nein.“
„Also magst du ihn?“
„Ja.“
„Sehr?“
„…Ja.“, antwortete sie widerwillig.
„Aber du liebst ihn nicht… zumindest noch nicht?“
„Gen-… Na ja, dass mit dem lieben wird schwieriger als ich gedacht habe…“
„Inwiefern?“
„… Ich denke nicht, dass ich ihn wirklich jemals lieben könnte… und wenn, niemals so stark, wie er mich.“
„Sei dir da mal nicht so sicher.“
„Wieso? Kennst du meine Gefühle etwa besser als ich selbst?“ Herausfordernd sah sie ihm in die kleinen Äuglein.
„Ja. Vergiss nicht, dass ich kein Mensch bin! Ich bemerke eure wahren Gefühle leichter, als ihr selbst es tut.“ Kurz schien er noch etwas anhängen zu wollen, beließ es aber dann dabei.Nachdenklich sah Jessica Silver an. Stimmte das wirklich? Es konnte etwas dran sein, schließlich konnten sich die Tiere nicht mit den Menschen verständigen.
„Was… empfindet Raven für mich?“, sie wusste, dass das eine dumme Frage war, die sie eigentlich nicht stellen durfte, aber aus irgendeinem Grund interessierte es sie brennend, die Antwort zu wissen.
„Ich dachte, dass weißt du…“
„Vielleicht irre ich mich ja… Bitte sag mir einfach, was du denkst.“
Der Kleine seufzte. „Na gut… Also, hier meine Analyse…“, begann er ironisch, was ihm einen bitterbösen Blick Jessies einbrachte. „Er liebt dich… definitiv. Daran gibt es nichts zu zweifeln, aber irgendetwas breitet ihm sehr starke Schmerzen… Er hat irgendeine große Last zu tragen, die er aber niemanden aufbürden kann, außer sich selbst. Etwas zerfrisst ihn von innen… Es ist so, als würde jeden Tag ein Teil seiner Seele von einer dunklen Seele gefressen werden. Deswegen kann er dir nicht die Wahrheit sagen. Er hat Angst, dich dadurch zu verlieren.“
Silver hatte genau das gesagt, was sie schon längst wusste, sie wollte es nur bestätigt haben. Als der Vogel geendet hatte, nickte Jessie bestätigend. „Ja, du fühlst dasselbe wie ich… Aber ich würde ihm so gerne helfen… Ich weiß nur nicht wie, wenn er mir nicht sagt, was ihn so belastet.“
„Er wird es dir nicht sagen.“
„Ich weiß.“, sagte sie bedauernd. Wieso musste alles nur so unglaublich kompliziert sein? Eine Weile dachte sie über das Geheimnis Ravens nach, aber sie fand keine passende Erklärung. Sie sah zu Silver, aber anders als erwartet, sah er sie nicht mehr vorwurfsvoll an, sondern schlief tief und fest.
Jessie beschloss, sich nun auch hinzulegen und eine Runde zu schlafen. Schließlich wusste sie nicht, was der neue Tag so bringen würde. Und wenn ihr dunkler Bruder mal wieder seine innere schwarze Seele freiließ wollte sie nicht wegen Übermüdung die Zukunft der Welt aufs Spiel setzen.

Am nächsten Morgen stand Raven pünktlich wie immer vor Jessies Zimmertür.
Sie öffnete ihm, nachdem er eine Weile geklopft hatte.
„Hey! Endlich wach? Ich steh schon eine halbe Ewigkeit vor deiner Tür.“
Sie murmelte ein leises `Entschuldige´ und verschwand in Richtung Bad.
„Beeil dich gefälligst!“, hörte sie Raven rufen.
Als sie wieder zurückkam, saß Raven auf ihrem Bett und Silver saß auf dem Kasten. In Ravens Hand befand sich ein Buch, dass sich Jessie mitgenommen hatte. Es war ein Buch ihres Vaters. Er hatte es ihr damals von einer Expedition mitgebracht. In dem Buch ging es um Brasilien. Benjamin war schon immer fasziniert von diesem Land gewesen. Er sagte, dass du in diesem Land deine wahre Bestimmung und die innere Ruhe fänden würdest.
Interessiert starrte Raven ein Foto von ihr und ihrem Vater an. Dieses Foto hatte sie immer in diesem Buch versteckt und hatte es, wie sie kleiner war und sich einsam fühlte, herausgeholt und es angeschaut. Auf diesem Foto saß sie auf seinem Schoss und lachte in die Kamera. Benjamin hatte eine Hand auf ihren Kopf gelegt und strahlte genauso glücklich in die Kamera.
Raven hatte sie nicht bemerkt und sie bemerkte ein sanftes Lächeln in seinen Zügen. Wie versteinert stand sie da. Was sollte das? Wieso schnüffelte in ihren Sachen herum. Entsetzt wurde ihr bewusst, dass das Buch unter ihrer Unterwäsche gelegen hatte. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Bloß nicht aufregen… Gerade als sie ihn auf sich aufmerksam machen wollte, fiel ein weiteres Foto aus einer der Seiten. Jessie hielt den Atem an. Sie hatte es völlig vergessen! Das war Eines von ihr und Martin, wie sie noch zusammen waren.Interessiert legte Raven das Buch und das Foto weg und hob das andere auf. Sein Gesichtausdruck verhärtete sich und er wirkte wieder kalt und unnahbar.
Sie räusperte sich verlegen. Er sah auf und wollte schnell das Buch und die beiden Bilder unter der Decke verschwinden lassen, hatte aber nicht genug Zeit.
„Schon gut…“, ihre Stimme war leise und zu ihrem bedauern überhaupt nicht wütend, obwohl sie allen Grund dazu hätte. Verlegen nahm Raven die Bilder wieder in die Hand und zeigte auf das von ihr und ihrem Vater.
„Ist er das?“
Sie schluckte, dann nickte sie.
„Und das?“, er zeigte auf das andere Bild und sie sah Martins umwerfendes Lächeln, während sie ihre Arme um ihn geschlungen hatte.
„Martin…“
„Wer ist Martin?“
„Er… ist mein Exfreund.“, das Thema war ihr unangenehm und sie schaute zu Boden.„Warum ist er jetzt nicht mehr dein Freund?“
„Ich möchte nicht darüber reden.“
„Wieso nicht?“
„Es ist… lange her und unwichtig.“
„Wieso hast du dann noch ein Bild von ihm?“, sie vernahm ein klein wenig Eifersucht aus seiner Stimme.
„Das geht dich nichts an.“, sagte sie schroff und versuchte ihm das Bild aus der Hand zu nehmen, aber er wich ihr geschickte aus.
„Doch! Das geht mich sehr wohl was an!“
„Ich wüsste nicht wieso!“, wieder schnappte sie nach ihm und wieder verfehlte sie es.„Sag es einfach! Wenn das sowieso unwichtig ist, kannst du es mir ja ruhig sagen.“
„Nein!“
„Dann gebe ich dir das Bild auch nicht wieder!“
Wütend starrte sie ihm in die Augen. „Dann behalt es eben…“, grummelte sie.
„Und das auch?“, jetzt hatte er sich das Bild ihres Vaters geschnappt.
„Niemals!“, mit einem gewaltigen Satz sprang sie auf ihn zu und versucht das Bild an sich zu reißen. Wieder ohne Erfolg.
„Dann sag mir, was es mit Martin auf sich hat.“
„Nein.“
„Dann kann ich es dir leider nicht wiedergeben.“, enttäuscht steckte er es in eine seiner Hosentaschen.
„Gib es zurück!“, ihre Stimme klang drohend und die Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben.„Nein.“, antwortete er knapp und hämisch grinsend.
„Raven! Das ist nicht lustig! Gib es mir zurück!“
„Erzählst du mir dann von Martin?“
„Nein.“
„Wieso nicht?“
„Weil dich das nichts angeht.“
„In gewisser Weise schon.“
„So? Ich wüsste nichts.“, herausfordernd sah sie ihm in die Augen.
Er schien sich die Antwort gut zu überlegen. „Ich möchte etwas über dich und dein Leben erfahren, Jess.“ Ihre Kinnlade klappte hinunter. Das konnte doch nicht wahr sein! Was dachte er sich dabei? Doch nicht wirklich, dass sie ihm ihrer Lebensgeschichte einfach so aus heiterem Himmel, nachdem er ihr das Foto ihres Vaters und ihres Exfreundes gestohlen hatte, erzählte? Sie schnaubte auf. „Und das willst du dadurch erreichen, mir meine Erinnerungen an geliebte, beziehungsweise ex-geliebte, Menschen wegnimmst?“
Raven grinste ein wenig beschämt. „Ja.“
„Aber du erzählst mir doch auch nie etwas von dir!“, entrüstet sah sie ihm in die dunklen Augen. Etwas war anders. Sie bemerkte plötzlich etwas anderes als diese sonst immer vorhandene Kälte in ihnen. Er sah glücklich, offen und ein wenig schelmisch aus. Lebensfroh! Das war es, was Jessie die ganze Zeit als fehlend fühlte!
Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen. „Das Thema hatten wir doch schon öfter, Jessie.“
„Na und? Ich verstehe nicht, wieso ich dir etwas über mich erzählen sollte, wenn du mir genau gar nichts erzählst?“
„Das ist unfair! Ich habe dir doch schon von meiner Jugend erzählt!“
„Pf! Das kann man nicht werten!“
„Wieso nicht?“
„Es klingt ziemlich unwahrscheinlich.“
„Was?“
„Deine `Jugend´.“
„Was klingt daran unwahrscheinlich?“
„Alles! Ich glaube einfach nicht, dass River seine Familie so im Stich hätte lassen können!“Ungläubig sah Raven sie an, dann wurde er wütend. „Immer geht es im River! River, River, River! Bist du etwas verliebt in ihn oder was soll das?“ Sie sah ihn mit einer Mischung aus Wut und Entsetztheit an. „Das glaubst du wohl doch selbst nicht!“
„Mittlerweile schon! Du vergleichst mich immer mit meinem Bruder! Aber ich bin nicht er! Ich bin eben so wie ich bin und es tut mir leid, wenn ich deinen Ansprüchen nicht gerecht werde!“ Das saß! Verletzt sah sie ihn an. Wie konnte er nur denken, dass sie immer alles auf seinen Bruder bezog? Das stimmte doch gar nicht, oder doch? Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr wurde ihr bewusst, dass er Recht hatte. Jessica Cohan, die es hasste von allen verurteilt zu werden, hatte Raven dazu verurteilt, wie sein Bruder zu sein! Eine einzelne Träne ran ihre Wange hinab. Als Raven das sah, taten ihm seine Worte leid. Er wollte sie in den Arm nehmen und sich entschuldigen, aber sie schlug seine Hand weg. Mit zitternder Stimme begann sie zu erzählen. Sie erzählte und erzählte. Von der ersten Erinnerung bis zu dem Zeitpunkt wo sie allein zu Hause war und Jenny, Harald und er plötzlich in ihrem Haus standen.
Die ganze Zeit über rannten Tränen über ihre Wangen und Raven saß schweigend daneben, hörte ihr einfach zu.
Als sie ihre Erzählung geendet hatte, nahm er sie in den Arm und drückte sie schweigend an sich. Sie schluchzte in seine Schulter und spürte, wie sich sein T-Shirt mit der Nässe voll sog, aber er veränderte seine Haltung nicht sondern drückte sie im Gegenteil noch fester an sich. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und bekam eine Gänsehaut von seinem Atem, der ihr sanft in den Nacken blies. Jessie hatte plötzlich das Gefühl im nahe sein zu wollen. Sie spürte ihre Zuneigung zu ihm und drückte sich noch fester an ihn.
Langsam schob Raven Jessie ein Stück von sich. Verwirrt suchte sie den Blick seiner Augen, aber er versuchte fast krampfhaft ihr auszuweichen. Er nahm sanft, aber bestimmt, ihre Arme von ihm und murmelte: „Wir sollten trainieren gehen…“
Etwas enttäuscht zuckte Jessie mit den Schultern und folgte Raven in Richtung Halle, wo sie wieder verschiedene Kampftechniken erlernte. Sie sprachen nur das Nötigste miteinander und am Ende des Tages landete Jessie erschöpft in ihrem Bett. Neugierig hupfte Silver neben sie und starrte sie eine Weile an.
„Was ist?“, fragte Jessie ihn nach einer Weile. Der Kleine schüttelte nur den Kopf, sagte dann aber doch etwas: „Heute war… Raven anders.“
Sie zuckte mit den Schultern, sagte aber nichts weiter dazu. „Ich denke, dass du heute sein Vertrauen gewonnen hast… Es war ein gewagter Schritt, aber du hast ihm endlich gezeigt, was es heißt, Vertrauen zu empfinden.“, fuhr er unbeirrt fort.
„Silver… Ich möchte jetzt nicht darüber reden.“ Sie wusste nicht wieso, aber Raven hatte sie gekränkt. Sie hatte sich ihm offenbart, ihre ganze Lebensgeschichte erzählt, aber trotzdem fühlte sie sich ihm jetzt weiter entfernt als je zuvor.
„Wieso nicht?“
„Ich… Es hat nichts gebracht! Gar nichts! Er hat sich nur noch weiter von mir entfernt! Du hast gesehen wie er reagiert hat!“, brach es aus ihr heraus.
„Du musst Geduld mit ihm haben.“
„Aber ich… Ich kann nicht mehr länger, Silver!“
„Was? Was kannst du nicht mehr länger?“
„Ich kann es nicht mehr länger leugnen! Ich mag ihn! Womöglich liebe ich ihn sogar!“„Jessie-…“
„Und weißt du, was ich gedacht habe?! Ich habe gedacht, dass er dasselbe für mich empfindet! Wie konnte ich nur so dumm sein?!“ Tränen rannen ihr über die Wangen. Der Vogel hüpfte ein wenig näher zu ihr und wischte mit einem seiner Flügel ihr Gesicht trocken.„Nicht weinen! Er liebt dich genauso!“
„Nein!“, sie schüttelte sich heftig. „Nein, das tut er nicht!“
„Aber ich habe doch auch gesehen-…“
„Gar nichts hast du gesehen!“, unterbrach sie ihn. Jetzt sagte Silver nichts mehr. Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, ihr jetzt widersprechen zu wollen. Sie musste es von selbst merken, dass Raven sie liebte. Und er musste lernen, ihr zu Vertrauen. Aber bei beidem konnte der Tangar nicht helfen.

In dieser Nacht schlief Jessie wieder schlecht. Immer wieder plagten sie Albträume, aber diesmal waren es nicht die Üblichen mit Martin, sondern mit Raven! Er stand vor ihr und sah sie ausdruckslos an, seine Arme hingen schlaf an seinen Seiten herab und um ihn war überall Blut, aber er selbst schien nicht verletzt zu sein. Verwirrt beobachtete sie, wie eine einzelne Träne seine Wange hinab lief und lautlos in die große Blutlache tropfte. Sie sah sich um. In diesem dunklen Raum lagen überall Leichen, auch River und Silver lagen mit verdrehten Gliedern unter den vielen anderen verstümmelten Toten. Das viele Blut… Was war hier geschehen? Sie sah wieder zu Raven, der sich nun über eine etwas Schmächtigere Gestalt beugte und sie mit Trauer und einer gewissen Art Zärtlichkeit ansah. Jessie trat näher heran, damit sie sehen konnte, wer das war. Ein Schauer lief ihr durch die Glieder. Das konnte nicht sein!
Da lag ein Mädchen mit blonden Locken und vor Entsetzen weit geöffnete grüngelbe Augen. Es war sie selbst, die da vor ihr lag. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Sekundenlang starrte sie sich an, dann wandte sie sich wieder Raven zu. Sie wollte fragen, was passiert war, aber Raven hatte sich verändert. Hasserfüllt starrte er auf seine eigenen Hände und plötzlich begann er wie von Sinnen zu schreien. Er presste sein Gesicht gegen seine Finger und Jessie bemerkte, wie sein ganzer Körper zu pulsieren beging. Dann begann er sich seine eigene Haut von dem Leib zu reißen und unter ihr kamen schwarze Haare zum Vorschein. Sie trat ein paar Schritte zurück, aber offensichtlich bemerkte er sie nicht. Wie auch? Sie lag tot in diesem ganzen Blut.
Immer mehr Hautfetzen landeten am Boden. Immer mehr dieser absurden Haarmasse tauchte auf und als Raven, soweit man dieses… Ding noch so nennen konnte, seine ganze Haut abgezogen hatte, stand ein Monstrum, das nicht mehr die geringste Kleinigkeit mit dem Jungen zu tun hatte, vor ihr. Er hatte den Kopf eines Drachen, aber das Fell einer Raubkatze und die ledrigen Flügel einer Fledermaus. Die vier Beine endeten in langen scharfen Klauen und ein schuppiger langer Schwanz peitschte um sich.
`Seine Augen!´, dachte Jessie voller Entsetzen. Es hatte die Augen von Raven! Es lag derselbe unendlich traurige, schmervolle Ausdruck in ihnen!
Schweißgebadet setzte Jessie sich in ihrem Bett auf. Sie war in ihrem Zimmer. Alles nur ein Traum… und doch klopfte ihr Herz so stark, dass sie dachte ihr würde die Brust zerspringen! Was war nur passiert? Es hatte alles so real gewirkt! Aber das konnte nicht sein!
`Raven kann doch nicht…´, doch sie dachte den Gedanken nicht zu Ende.
War es das, was Raven zu verheimlichen hatte?
Ihr Zimmer war dunkel und es hatte nicht den Anschein, dass Raven sie bald holen würde, aber sie konnte nicht mehr einschlafen.
In den frühen Morgenstunden kam Raven wieder. Er sah wieder verändert aus, hatte dunkle Ringe um die schwarzen Augen und die Lebensfreude in seinen Augen war wieder verschwunden. Sein Anblick erschreckte sie.
„Du bist schon wach.“, seine Stimme klang müde und schwach und das Gesagte war mehr eine Feststellung als eine Frage. Sie nickte nur stumm, auch wenn es unnötig war.
Silver schlief noch. Sanft streichelte Jessie ihm über den Kopf und folgte Raven, der schon beim Türrahmen auf sie wartete.
Schweigend gingen die beiden in die Halle und trainierten.
So ging es die ganzen nächsten drei Wochen und jede Nacht träumte Jessie dasselbe. River hatte sie seit seinem letzten Besuch nicht noch einmal besucht. Sie machte sich ein wenig Sorgen um ihn, doch nach dem Training war sie immer viel zu müde um nach ihm zu suchen.







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