Black Tiger Teil 9

Autor: Any
veröffentlicht am: 04.02.2008




Er war verschwunden! Sie hatte nicht einmal gehört, als er gegangen war. Mit einem Ruck drehte sie sich um. Vor ihr stand Raven. Sie blickte ihm in die Augen und dachte ganz ungewollt an den Kuss. Automatisch griff sie sich an die Lippen. 'Was machst du hier? Wo ist River?'
'Jessie! Ich habe nicht einmal gesehen, wie River verschwunden ist! Irgendetwas stimmt da nicht!', meldete Silver sich zu Wort. Er saß nicht mehr auf ihrer Schulter, sondern auf einem Ast in einem Baum.
'River hat einen wichtigen Auftrag bekommen und musste gehen. Ich soll ihn entschuldigen.', sagte Raven.
'Aber er hat sich nicht verabschiedet! Er war einfach plötzlich weg! Ich hab nicht einmal einen Lufthauch gespürt. Und was für ein Auftrag bitte?'
'Ich kann dir nicht sagen, wie er das gemacht hat, aber du wirst es lernen. Das ist Teil deiner Ausbildung. Und was den Auftrag angeht, habe ich Schweigepflicht.' Wütend starrte sie ihn an. 'Ich hasse es!'
'Was?'
'Dass man alles aus euch herauskitzeln muss!'
'Muss man das?'
'Ja!'
'Das tut mir jetzt aber gar nicht leid.', er fühlte sich in ihrer Nähe im Moment so gar nicht wohl. Warum musste er sie auch küssen? Was, wenn sie Gefühle für ihn entwickeln würde? Oder er für sie?
'Hab ich mir gedacht… Andere Frage: Warum hast du mich geküsst?' Raven sah sie geschockt an. Das war jetzt genau das Thema, worüber er nicht reden wollte. Verzweifelt blickte er in ihre Augen. Das Grüngelb ihrer Iris stach, obwohl ihre blonden Locken wie immer vor ihrem Gesicht hangen, deutlich hervor. Jessica war hübsch. Oh ja… Sie war hübsch. Sie wusste es nur nicht. Aber er würde nicht derjenige sein, der es ihr sagte. Ihr Gesichtsausdruck war weder wütend, noch verwirrt. Er wirkte traurig. Ja… Traurig! Wieder erschrak er. Hatte er sie etwa schon wieder traurig gemacht? Alles was er tat war, sie zu verletzen.

Warum musste er auch ausgerechnet jetzt gerufen werden? Hätten Viper und Griffin denn nicht warten können? River war verärgert. Er mochte Jessie sehr. Viel mehr, als er dürfte. Er wusste, dass das nicht gut war, aber er fühlte sich einfach zu ihr hingezogen. Schon als er sie das erste Mal auf der Bank am Flughafen gesehen hatte, hatte er das Gefühl gehabt, dass sie etwas Besonderes war. Nicht, weil sie eine Gabe hatte, sondern ihr Charakter, einfach sie, war besonders. Er hatte so einen Drang, sie beschützen zu müssen. Was ist nur mit mir los?, fragte er sich, während er durch die dunklen Gänge lief.

Warum antwortet er mir nicht? Raven… Was geht in dir vor? Jessica sah ihn weiterhin an. Sie war nicht böse auf ihn, weil er sie geküsst hatte, oder immer wieder verletzen musste, sondern weil er sie so verwirrte. Er wirkte so unnahbar. Ganz anders, als sie ihn kennen gelernt hatte.'Warum bist du so anders?', Jessie wusste, dass die Beiden irgendwann über den Kuss reden mussten, aber es war offensichtlich zu früh für ihn. Er würde schon seine Gründe haben.Raven atmete erleichtert auf, als sie das Thema wechselte. 'Wieso anders? Nur, weil ich mich nicht so verhalte, wie du es gerne hättest?'
'Nein… Ich meine so anders im Bezug auf unser Kennenlernen.'
'Ach ja? Und wie soll ich mich verändert haben?'
'Na ja… Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich wichtig wäre, dass mich jemand braucht. Du hast deine Gefühle gezeigt, zumindest ein wenig, aber jetzt… jetzt zeigst du sie nicht mehr und jedes Mal, wenn ich dich treffe ist es nicht so, als würde ich dich besser kennen lernen, sondern ein neues ungelöstes Rätsel über dich taucht auf.'
'Dafür kann ich nichts.'
'Doch! Irgendetwas verändert dich!'
'Meinst du wirklich, dass du mich lange genug gekannt hast damals, dass du sagen kannst, dass ich mich verändere?', er war wütend. Sie war schlau und erkannte wahrscheinlich den Charakter eines Menschen sehr schnell. Zu schnell.
'Nein… Aber ich habe es in deinen Augen gesehen. Damals waren sie leer, wie als wäre es nur eine Hülle, aber jetzt… jetzt sehe ich Leben, aber auch Trauer darin. Du musst eine schwere Last tragen, aber auch das versteckst du hinter einer ausdruckslosen Fassade.' Sie war der Wahrheit wieder sehr nahe gekommen. Er sah ein, dass er ihr nichts vormachen konnte.
'… Es ist wahr. Ich musste mich verstellen, zur Tarnung, und was das andere angeht: Du hast keine Ahnung!'
'Nein…', Jessie war enttäuscht. Sie hatte gehofft, dass er sich endlich mal öffnen würde, aber er tat es nicht. 'Nein, ich habe keine Ahnung. Aber du lässt mich ja auch nicht an dich ran.''Ach und River lässt dich an sich ran? Mit ihm scheinst du dich ja prächtig zu verstehen!', er hatte geschrieen und ein paar Vögel flogen aufgeschreckt davon. Er spürte, dass es Eifersucht war, die aus ihm sprach.
Jessie blieb ruhig. Sie wusste nicht, warum er sich so aufregte, aber er zeigte endlich mal Emotion und damit war sie zufrieden. 'Nein, er lässt mich auch nicht an sich ran, aber er versteht mich. Er hört mir zu und ist für mich da. Bei ihm fühle ich mich wohl.'
'Und bei mir nicht?', Raven war leise geworden. Er klang traurig.
'Nein, dazu gibst du mir einfach keine Chance.'
Mit einem Ruck zog er sie an sich heran und hielt sie fest, sah ihr tief in die Augen. Warum nur, bedeutete sie ihm so viel? Er konnte es sich nicht erklären, aber auf einmal spürte er, dass sie ihm wichtig war. Sehr sogar. Er wollte es die ganze Zeit über nicht wahr haben, aber auf einmal, in diesem Moment, war es ihm klar geworden.
Jessica sah ihn an. Sie war nicht überrascht gewesen, als er sie an sich zog. Sie hatte gesehen, dass er etwas für sie empfand. In seinen Augen. Für einen kurzen Moment war es da, das Gefühl von… Liebe?, für sie.
'Ich habe dich geküsst, weil… ich… ich wollte nicht, dass du es sagst.'
'Was sage?'
'Dass du… nicht mehr Leben willst.', er drückte sie noch fester an sich, wie als wollte er verhindern, dass sie so etwas je wieder denken würde. Sie ließ es geschehen.Einfach die Tatsache, dass er etwas für sie empfand beruhigte sie, ohne das sie wusste, warum. Es war keine Liebe für ihn, die sie fühlte, sondern etwas anderes, ähnliches. Sie wusste noch zu wenig über ihn. Sie vertraute ihm einfach noch nicht genug.
Abrupt löste Raven seine Umarmung. 'Ich werde dich und… deinen Freund', er blickte argwöhnisch hinauf zu Silver. 'wieder hinein bringen. Morgen beginnt dann das Training. Einfach bei der Halle, bevor Morgengrauen.'
'Ist… gut. Aber woher soll ich wissen, wann Morgengrauen ist? Mein Zimmer hat weder Fenster, noch eine Uhr.'
'Ich werde dich sowieso abholen, da ich ja nicht weiß, ob du dich wieder verläufst.'
'Hey! Also nur, weil ich mich das eine Mal verlaufen habe, heißt das nicht, dass ich es wieder tun werde, klar?', sie sah ihn ernst an. Raven lächelte sanft. Der Knoten zwischen den Beiden war auf einmal gelöst, nicht ganz, das war klar, aber zumindest soweit, dass sie sich nicht immer anfauchten, wenn sie sich sahen. 'Ist mir klar, aber ich ärgere dich eben gerne.''Merke ich.'
'Stört dich das?' Jessica überlegte. Störte sie es? Nein, es war nur verletzend. Nicht immer, aber er traf immer ziemlich genau einen wunden Punkt an ihr. Darin war er wirklich gut. 'Nein… So etwas stört mich nicht. Nur, wenn du… einen wunden Punkt triffst, Rav.''Rav?', er runzelte die Stirn.
'Du nennst mich ja auch Jess.'
'Hast Recht.'
'Was genau trainieren wir eigentlich?'
'Na ja… Dein Überleben?', sagte Raven vorsichtig.
'Soviel ist mir auch schon bewusst. Aber du hast gesagt, ich lerne auch, so schnell zu verschwinden wie River.'
'Du meinst etwa so?' Er verschwand plötzlich aus ihrem Sichtfeld und stand hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um. 'Wie hast du das gemacht?'
'Das zeig ich dir noch. Es ist wie Teleportieren, dasselbe Prinzip… Na ja… Fast dasselbe.''Ist es… gefährlich?'
'Nein.'
'Dann ist ja gut.' Es überraschte sie fast gar nichts mehr, seit sie hier war, aber das lag… außerhalb ihrer Vorstellungskraft. 'Eine Frage: Wieso hast du dich nicht einfach teleportiert, als ich vor dir weggelaufen bin? Ich meine, als ich mich verlaufen habe und du mich gefunden hast. Wäre das nicht viel einfacher gewesen?'
'Ja. Es wäre einfacher gewesen, aber ich wusste ja nicht genau, wohin du gerannt bist und man kann sich immer nur zu einem Fleck teleportieren, den man genau vor Augen hat.''Wie meinst du das?'
'Na ja, du kannst nicht einfach nur daran denken, sondern musst die Stelle, zu der du willst, vor deinen Augen haben. Es sind eigentlich mehrere Sprünge die du machst, wenn dein Ziel weiter weg ist.'
'So? Das heißt, dass du nicht in deine Moleküle zerlegt wirst und dann irgendwo wieder vollständig auftauchst, so wie in Filmen?'
'Nein, du bewegst dich nur sehr schnell.'
'Ja klar…', sagte sie ironisch.
'Du beschwerst dich immer, dass ich dir immer nur sage, dass du alles erfährst, und jetzt, wo ich dir die Wahrheit ausnahmsweise mal früher sage, jetzt glaubst du mir nicht.', beschwerte Raven sich. 'Außerdem haben wir schon wieder zu lang geredet, ist ja schön und gut, aber ich hab noch zu tun, also komm jetzt… Und dein Vogel soll sich auch vom Ast bewegen, oder er bleibt hier draußen, was mit noch lieber wäre.' Er nahm Jessica bei der Hand und führte sie zurück zum Lift, wo er sie absetzte. Sie standen vor dem Stein, der sich über die Öffnung geschoben hatte.
'Was muss ich jetzt machen?', fragend sah sie ihn an.
'Pass gut auf, ich zeig es dir nämlich nur einmal.' Jessie nickte und wartete gespannt darauf, was gleich passieren würde.
Raven hob die Hand und bewegte sie in Richtung Stein. 'Du musst zuerst die kleine Ausbuchtung finden.' Er würde sie nicht einmal mit verbundenen Augen verfehlen, so geübt war er schon. Silver hatte sich wieder auf Jessies Schulter gesetzt und mit ihm, kam auch wieder der Schmerz zurück. Wenn er nicht auf ihrer Schulter saß, pochte sie leicht, aber es tat nicht so weh, als wenn der Vogel da war.
'Dann drückst du deinen Finger fest hinein und der Stein schiebt sich zur Seite… Siehst du?', erklärte Raven weiter und wie gesagt tauchte schon die Öffnung auf. 'Jetzt musst du nur noch auf den Lift warten und dasselbe machen, wie unten, als du und River eingestiegen seid.' Der Lift tauchte auf und Raven und Jessie stiegen ein, nachdem jeder seine Identität überprüft hatte lassen.
'Au.'
'Was hast du, Jessie?', Silver sah sie besorgt an. Raven hatte nichts mitbekommen.
'Na ja… Deine Krallen… Meine Schulter ist schon ganz wund.'
'Das tut mir Leid… Soll ich nicht mehr auf deiner Schulter sitzen?'
'Nein. Das ist schon OK. Ich bräuchte nur irgendetwas weiches, dass ich zwischen mein T-Shirt und deine Krallen geben könnte.'
'Zeig mal her.', Raven hatte mitbekommen, was sie dem Vogel zugeflüstert hatte.'Nein! Ist schon in Ordnung.' Verschreckte trat sie ein paar Schritte näher an die Glaswand.'Jetzt zier dich doch nicht so.'
'Wirklich! Es geht schon!'
'Lass mal sehen.'
'Aber-…'
'Kein Aber! Und jetzt komm her.'
Widerwillig stellte sie sich etwas näher an ihn heran. Silver krächzte auf, als Raven ihn zu verscheuchen versuchte. 'Ist schon gut Silver.', sagte Jessie um ihn zu beruhigen. 'Setz dich mal kurz auf meine andere Schulter, OK?'
Gesagt getan. Er sprang kurz auf Ravens ausgestreckten Arm, bohrte seine Krallen absichtlich tief in die Haut und setzte sich sanft auf die andere Schulter von Jessie. Mit schmerzerfülltem Gesicht sah Raven sie an. 'Das hat er mit Absicht gemacht.'
'Was? Ich? Niemals!', schnatterte Silver empört. Jessie unterdrückte ein Grinsen. Plötzlich blieb der Aufzug stehen, aber sie waren nicht unten angekommen, sondern er war hängen geblieben.
'Ach verdammt.'
'Was ist das?', fragte Jessie ängstlich und drückte sich wieder an die Wand zurück.'Das passiert öfter. Kein Grund zur Sorge. Der Lift ist einfach hängen geblieben. Zeigst du mir jetzt deine Schulter?' Hastig schüttelte sie den Kopf. Die Vorstellung mit Raven hier eingesperrt zu sein, gefiel ihr nicht so gut. 'Wie lang hängen wir hier fest?', fragte sie gepresst.
'Hm…', er schien zu überlegen. 'Höchstens ein paar Minuten.' Erleichtert atmete Jessie auf.'Jetzt lass mal deine Schulter sehen.' Er kam wieder einen Schritt auf sie zu und legte sanft seine Hand auf die wunde Stelle. Er strich sanft mit seiner Hand darüber und tastete sie ab. 'Sie ist ganz geschwollen, du solltest dich auf jeden Fall mal untersuchen lassen. Ich schicke Jennifer später zu dir. Sie wird sich um dich kümmern.'
'Eigentlich habe ich eh etwas dazwischen gelegt, dass die Schulter nicht so belastet wird, aber viel scheint das ja nicht zu helfen… Aber ist gut, ich lass es anschauen.' Raven trat wieder zurück, nahm seine Hand aber nicht von ihr. Er starrte sie an. Wenn sie nicht dasselbe für ihn empfand, wie er für sie, dann wäre er verloren. Der Dämonenrabe wird von einem Fluch belegt sein und kann nur durch die Liebe beider erlöst werden…erinnerte er sich an die Legende. Jessica wusste so vieles nicht. Die Legende begann nicht erst jetzt sich zu erfüllen, sondern hatte schon vor Jahren angefangen. Es stand alles in dem `Buch der schwarzen Tiger´, aber sie musste es selbst lesen. Er durfte ihr nichts sagen. Und sie durfte es auch erst dann lesen, wenn sie es selber begriffen hatte.
Jessie war die ganze Situation unbehaglich. Er starrte sie so gedankenverloren an. Sie räusperte sich und er schien aus einer Art Starre zu erwachen. Schnell nahm er die Hand von ihrer Schulter.
Eine Weile sagte keiner von beiden was. '…Das ist komisch.', murmelte Raven nach einer Weile und stand auf. Während des Wartens hatten die Beiden sich hingesetzt, weil das Stehen unangenehm wurde.
'Was ist komisch?', fragend sah sie ihn an.
'Eigentlich hätten wir schon längst wieder weiter fahren müssen.'
'Wie meinst du das?'
'Na ja… Normalerweise dauert es nie so lang, bis sie den Lift wieder zum Weiterfahren gebracht haben.'
'Nicht?'
'Nein…' Jetzt stand auch Jessie auf.
'Und was heißt das jetzt?'
'Das wir warten müssen.'
'Ja, aber irgendwas muss da doch passiert sein! Du hast gesagt, dass das normal wäre und dass das… dieses Problem immer ganz schnell behoben ist!'
'Ja… Aber heute ist es anders. Ich spüre es.'
'Was? Was ist anders?'
'Spürst du denn nichts?' Verständnislos blickte sie ihn an. Was sollte sie denn spüren?Sie wollte gerade verneinen, als ein Ruck durch ihren Körper ging. Auf einmal hatte sie Angst. Gewaltige Angst. Etwas war hier. Etwas Böses, Dunkles.
'Was… Was ist das?', fragte sie schockiert. Es war bedrohlich, hatte keine Form… Nein. Es kam von der Luft, der Umgebung. Es war eine Aura von etwas, dass gefährlich was. Sehr gefährlich.
'Ich weiß es nicht.' Raven sah sie ernst an. Seine Augen zeigten keine Angst. Er war angespannt, dass sah man, aber Angst hatte er nicht. 'Es ist… gewaltig.'
'Aber was oder wer, verdammt noch mal, hat so eine Aura?' Sie schrie ihn panisch an. 'Raven! Sag mir was das ist!'
'Ich weiß es selber nicht und jetzt sei leise, oder willst du, dass es auf uns aufmerksam wird?' Erschrocken sah sie ihn an und versuchte sich zu beruhigen. Ihr Atem ging schnell und sie wurde fast verrückt vor Angst. Sie war hier in einem Glaskasten gefangen und konnte nur darauf warten, dass dieses… Etwas sie fand. 'Raven… Ich habe so Angst.', sie schluchzte. Es war für sie das erste Mal, dass sie so etwas Gewaltiges spürte.
'Das brauchst du nicht… Ich bin ja bei dir.', er zog sie zu sich in die Arme und hielt das zitternde Mädchen fest. 'Beruhig dich.', sagte er und strich ihr über den Kopf, während er angespannt versuchte zu erkennen, wem diese Aura gehörte. Und auf einmal war es ihm klar. 'Verdammt!' Deswegen hatten sie River also gerufen.
'Was?! Was ist?!', nervös sah Jessie ihn an.
'Nichts weiter. Es ist bald vorbei.'
'Du weißt, was es ist?'
'…Ja', antwortete er nach kurzem Zögern.
'Dann sag es mir!'
'Ich kann nicht.' Jessie riss sich aus seinen Armen. 'Raven! Ich habe Angst und ich möchte wissen, wovor!'
'Ich kann es dir nicht sagen! Eigentlich sollte das gar nicht passieren!'
'Was nicht passieren?'
'Na alles! Ich hätte dir nie so viel erzählen dürfen und `er´ hätte nicht erwachen sollen!'
'Wer hätte nicht erwachen dürfen?'
'Die schwarze Seele deines dunklen Bruders!'
'Was?!'
'Wenn ich nur irgendwie helfen könnte!' Er klang verzweifelt. 'Ich habe gewusst, dass das Mittel, dass wir ihm geben, irgendwann nicht mehr helfen würde, aber es ist zu früh! Ich dachte, dass wir noch Zeit hätten!'
'Zeit hätten? Wofür?'
'Um ihn zu bändigen!' Jessica verstand nichts mehr. 'Wer ist mein dunkler Bruder?'
'Du lernst ihn kennen, falls er das überlebt.' Geschockt sah sie ihn an.
'Falls er das überlebt?'
'Wenn die schwarze Seele in ihm erwacht wird er zur Bestie. Er kann sich dann nicht mehr kontrollieren und tötet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Man kann ihn schwer wieder beruhigen und falls es sehr schlimm ist, muss man ihn vielleicht sogar…' Er sprach nicht weiter.
'Vielleicht sogar was?'
'Töten.' Bis hierin habe ich es Chiara geschickt
'Töten?! Aber er gehört doch zur Legende! Außerdem ist er ein Lebewesen! Ihr könnt ihn nicht einfach so töten!'
'Ich habe ja auch nicht gesagt, dass wir es tun, sondern dass wir es müssten, wenn er sich nicht mehr beruhigen lässt.'
Ein Beben ging plötzlich durch den ganzen Schacht des Aufzuges und die Lichter begannen zu flackern.
Jessie presste sich wieder ängstlich an die Wand. 'Was war das?'
'Offensichtlich hat er-…' Raven wurde jäh unterbrochen, als ein noch stärkeres Beben durch den Aufzug ging und der Strom ausfiel.
Jessie schrie auf und versuchte sich an irgendetwas festzuhalten. Was, wenn der Aufzug abstürzen würde?
20 Meter in die Tiefe zu fallen, noch dazu in einem Glasaufzug, stellte sie sich nicht gerade angenehm vor. Das Wackeln ließ langsam nach. Sie tastete sich an der Wand entlang und suchte den Schalter, den man betätigte, um Hilfe zu rufen.
'Jess? Alles in Ordnung?', hörte sie Raven flüstern.
'…Ja. Aber was ist das?', sie zitterte vor Angst.
Sie hörte ein Brüllen, es kam von weiter Ferne, aber es war so laut und wild, dass ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.
Sie wollte gar nicht wissen, was dieses Brüllen verursachte. Es musste groß und von Natur aus böse sein.
Sie schicken mich mit diesem… diesem Monstrum alleine in den Urwald? Panik beschlich sie.
Sie sprang nach vorne und knallte hart gegen Raven der laut aufächzte.
'Was tust du?'
'Ich… Ich will nicht mit ihm alleine sein.'
'Mit wem? Wovon redest du?'
'Ihr dürft mich nicht mit diesem Ding alleine in den Urwald schicken!' Sie unterdrückte die Tränen und presste ihr Gesicht gegen seine Brust.
'Aber… So besagt es die Legende. Wenn ich ehrlich bin gefällt mir die Vorstellung, dich alleine mit ihm wegzuschicken, gar nicht, aber es muss sein und du wirst das schaffen!''Aber wie? Ich kenne meinen dunklen Bruder nicht und… und… Bitte Raven!' Flehend sah sie ihn an, was er natürlich nicht sehen konnte, da es ja dunkel war.
Behutsam legte er seine Arme um sie und drückte sie an sich. 'Keine Sorge… Nach dem Training wirst du alles wissen! Du wirst wissen, wie man ihn beruhigt. Ich werde dir alles zeigen.'

Er musste sie finden! Niemand durfte sich ihm in den Weg stellen! Wieder schleuderte er einen dieser lästigen Menschen mit einer seiner Klauen aus dem Weg. Sie hatten ihn eingekreist, aber es würde ihnen sowieso nichts helfen. Wenn er musste, würde er sie alle umbringen.
Endlich hatte er sich freigekämpft. Mit einem gewaltigen Satz gelangte er zu dem großen Tor. Einige der Menschen versuchten gerade es zu schließen, aber er durchbrach es mit seiner gewaltigen Körperkraft einfach. Die Holsplitter flogen in alle Richtungen davon. Ein paar waren in seiner schuppigen Haut stecken geblieben. Doch die Schmerzen spürte er fast gar nicht. Seine Wut wurde nur noch mehr gesteigert! Mit seinem langen, mit Stacheln besetzten Schwanz peitschte er wild um sich und riss so seine Gegner zu Boden. Die schwarzen Flügel hatte er eng an seinen Körper gelegt, damit sie die dünne ledrige Haut nicht verletzten. Seine spitzen Zähne gruben sich gerade in einen Leib eines Menschen. Er war sofort tot.Er breitete seine Schwingen aus und setzte ab.
Es wurde still.

Ein Rucken ging durch den Fahrstuhl und das Licht ging wieder an. Ängstlich sah Jessie sich um. Sie fuhren wieder. Alles schien wieder normal zu sein. Jessie atmete erleichtert auf.Langsam setzte sie einen Fuß auf den Steinboden des Raums, als sie unten angekommen waren.
'Silver, du kannst wieder schauen. Es ist vorbei.', sagte sie sanft und streichelte ihm über das Köpfchen, das zur Hälfte unter einem Flügel verborgen war. Eines seiner Augen blickte sie ängstlich an. 'Was war das Jessie?'
'Ich weiß es selbst nicht so genau…'
Raven hatte einen Arm um sie gelegt und hatte bis jetzt schweigend neben ihr gestanden und sich argwöhnisch umgeschaut. Es war offensichtlich vorbei. Sie hatten ihn wieder unter Kontrolle.
'Ich bringe dich jetzt zurück in dein Zimmer.', sagte er und zog sie sanft, aber kraftvoll in Richtung Tür.
Er führte sie durch Gänge, andere als beim Hingehen, zurück.
'Warum gehen wir einen anderen Weg?'
'Weil es sicherer ist.' Jessie schluckte schwer und lief zügig weiter.
Plötzlich wieder ein Beben, aber diesmal gewaltiger. Jessie fiel hin und Silver konnte gerade noch von ihrer Schulter springen, damit er nicht verletzt wurde. Auch Raven war gestürzt. Kleine Teil der Wand bröckelten ab und die wenigen Lichter im Gang flackerten.Verdammt! Er ist noch immer nicht beruhigt? Das konnte nichts gutes heißen. Schnell rappelte Raven sich auf und half auch Jessie beim aufkommen.
Sie sah sich panisch um. 'Es ist noch nicht vorbei, oder?'
'Nein…'
Silver kreiste über ihren Köpfen und zwitscherte aufgeregt.
'Ich muss nachsehen, was da los ist! Jess! Du bleibst hier! Genau hier, verstanden? Du wartest, ist das klar?', Raven wandte sich und wollte gehen, als sie ihm am Arm festhielt. 'Nein!', rief sie panisch. 'Bitte lass mich nicht allein! Was, wenn wieder die Lichter ausgehen?'
'Keine Sorge! Dir passiert schon nichts.'
'Und dir?' Verdutzt drehte er sich zu ihr um und blickte ihr in die grüngelben Augen. Wieso fragte sie das? Es verwirrte ihn, aber er sah ihre Angst… und die Sorge, die Sorge um ihn.Sanft strich er ihr durch die Locken. 'Mir passiert schon nichts.'
'Raven?!', hörten sie eine Stimme am Ende des Ganges rufen und weitere Stimmen folgten. Sie kamen näher.
Es war Jennifer mit einer Gruppe von Männern, die Jessica zuvor noch nie gesehen hatte. Keuchend blieben sie vor ihnen stehen.
'Raven…', Jennifer keuchte, der Schweiß rann ihr in Bächen vom Gesicht herab. Sie hatte überall einzelne Kratzer, nicht schlimm, aber so viele, dass man sah, dass sie gekämpft haben musste. Die Männer die mit ihr kamen sahen nicht besser aus.
'Gut, dass ich dich gefunden habe! River ist außer Gefecht gesetzt worden und ` `er´ ist ausgekommen.' Jessie verstand nur Bahnhof, aber sie erkannte an dem Gesichtsausdruck Ravens, dass das nichts Gutes verheißen konnte.
'Wo habt ihr ihn zuletzt gesehen?', wollte er wissen.
'In den nördlichen Gängen, aber er ist so schnell, dass man ihm nicht einmal durch Teleportjumps einholen kann.'
'Teleportjumps?', fragte Jessie dazwischen.
'Erklär ich dir später. Du bleibst jetzt hier!' Sein Ton war befehlend und man spürte, dass er keine Widerrede duldete. 'Ich komme bald wieder und hole dich. Bis dahin gib keinen Mucks von dir und halte die Augen offen! Sobald du irgendwas Verdächtiges siehst oder hörst schreist du so laut du kannst, klar?' Sie nickte. Er machte ihr Angst, aber jetzt war keine Zeit dafür, ihn zu fragen, was das bedeuten sollte.
Er drückte sie noch einmal an sich und verschwand mit der Gruppe in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Silver setzte sich wieder auf Jessies Schulter. 'Das klingt… nicht gut.'
Sie gab darauf keine Antwort, sondern starrte weiterhin Raven nach. 'Er kommt doch wieder, oder?'
'…Ja…', murmelte sie.
Was konnte nur passiert sein? River war außer Gefecht gesetzt? Sollte das etwa heißen, dass… Die Panik machte sich wieder in ihr breit. Sie spürte, wie ihr der Schweiß die Stirn hinabrann und sie lehnte sich gegen die Wand und sank an ihr hinab. Sie schloss die Augen und versuchte sich innerlich zu beruhigen.
'Jessie? Was hast du?' Sie öffnete ihre Augen wieder und blickte in das besorgte Gesicht Silvers.
'Nichts… Es geht mir gut. Ich habe nur etwas Angst.' Mitleidig sah der Vogel sie an. 'Ich habe auch Angst.'
Die Lichter flackerten wieder. Überall hörten sie Stimmen, die laut durch die Gegend schrieen. 'Es wird alles gut.', sie hatte es zu sich selbst zugeflüstert. Die panische Angst in ihr wurde immer stärker. So hatte sie sich noch nie gefühlt. Krampfhaft versuchte sie die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.
Das Licht fiel aus und sie spürte wie Silver zusammenzuckte.
Jessie presste ihre Augenlider zusammen und versuchte jetzt so leise wie möglich zu sein.Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit. Sie hörte nichts. Das Rufen und Schreien hatte aufgehört. Sie hörte nicht mehr die hastigen Schritte der Männer, die durch die Gänge gerannt waren. Es herrschte einfach nur Stille.
Sie öffnete ihre Augen und sah sich um. Aber es war so stockdunkel, dass man die eigene Hand nicht mehr erkennen konnte. Sie war alleine in der Dunkelheit.
Sie hatte das unangenehme Gefühl beobachtet zu werden. Ängstlich schaute sie um sich, aber sie konnte sowieso nichts erkennen.
Plötzlich spürte sie einen kalten Luftzug über sich und sah hinauf. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.







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