Ist das alles? Teil 20

Autor: Dani
veröffentlicht am: 31.05.2009




Als es dann endlich geschafft war, raffte ich zum zweiten Mal an diesem Tag meine Sachen zusammen und drängelte mich vollbepackt mit den ganzen Büchern, Blöcken und Heften durch die Masse meiner Mitstudierenden in Richtung Ausgang.
Einmal Teil dieser Masse wurde man ganz automatisch aus der Tür hinaus geschwemmt, wo sich dann langsam alle in alle Himmelsrichtungen verteilten, je nach dem, was man so vorhatte. Einige gingen zum Bäcker für ein zweites Frühstück, andere waren auf dem Weg nach Hause, zu einer weiteren Vorlesung oder in die Bibliothek.Mein Weg sollte mich in meine Wohnung führen, aber wieder einmal, stand der liebe Herr Gastdozent diesem Vorhaben im Wege.
Er stand dort, lässig an eine Wand gelehnt und unterhielt sich mit meinem Professor, der mich mit einer energischen Handbewegung zu sich beorderte. Leider hatte ich die beiden zu offensichtlich angestarrt, als das ich einfach so tun könnte, als hätte ich nichts gesehen, auch wenn mir dieser Gedanke ehrlich gesagt durch den Kopf gegangen ist.
Aber wohl erzogen, wie ich war folgte ich der unausgesprochenen Anweisung meines Professors und ging die wenigen Schritte zu ihnen.
'Fräulein Kramer, Herr Sullivan war sehr angetan von Ihrer freundlichen Führung heute Morgen und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diese fortsetzen könnten, da meine Zeit Wanderungen über den Campus nicht zulässt.'
Perplex starrte ich die beiden ungleichen Männer an. Freundliche Führung? Fortsetzen?
Heftig mit dem Kopf schüttelnd begann ich: 'A-aber das geht nicht… I-ich…'
Doch da hatte mein Professor dem lieben Herrn Gastdozenten schon auf die Schulter geklopft und sich zum gehen gewandt, also blieb mir wohl nichts anderes übrig, als seiner 'Bitte' folge zu leisten.
Wortlos drehte auch ich mich um und wie ich es erwartet hatte, folgte Herr Sullivan mir. Sullivan… ein ungewöhnlicher Name hier in München. Als hätte er meine Gedanken gelesen, erklärte mein neuer Schatten: 'Mein Vater ist Amerikaner, daher der Name. Ich würde es aber bevorzugen, wenn Du mich Marc nennst.'Ich biss mir auf die Lippen um ihm keinen giftigen Kommentar an den Kopf zu werfen. Was fiel ihm ein, mich einfach so zu duzen? Und warum erzählte er, dass ich ihn 'freundlich' herum geführt hätte? Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als einen unhöflichen Möchtegern-Amerikaner durch die Gegend zu führen!
Immer noch voll beladen mit meinen Büchern und Heften verbrachte ich über eine Stunde damit, dem Gastdozenten den Campus und die wichtigsten Gebäude zu zeigen und er kam nicht einmal auf die Idee, mich zu fragen, ob er mir was abnehmen könnte.
'So, das wars!', verabschiedete ich mich und drehte mich auf dem Absatz um und schlug den Weg nach Hause ein, schließlich hatte ich eine Menge nachzuarbeiten.
'Hey, wait a minute. Ich weiß noch gar nicht, wie Du heißt und ein Kaffee nach dem langen Spaziergang wäre auch nicht schlecht.', rief er mir hinterher, aber ich beachtete ihn nicht weiter.
Endlich zu Hause angekommen, lehnte ich mich von innen gegen die Tür und atmete einmal tief durch. Was war das bloß für ein Morgen gewesen?
Nachdem die Bücher ihren Platz auf dem Schreibtisch gefunden hatten, ging ich ins Bad um zu duschen, denn dafür war heute früh keine Zeit mehr gewesen. Anschließend machte ich mich in meinen kuscheligen Bademantel gehüllt und mit einem Handtuchturban auf dem Kopf auf den Weg in die Küche zum zweiten Frühstück, als es an der Haustür klingelte.
Genervt verdrehte ich die Augen und fragte mich, welcher meiner Kommilitonen sich heute meine Aufzeichnungen ausleihen wollte. Ich machte mir keine Gedanken um mein merkwürdiges Outfit, sondern öffnete die Tür. Als ich sah, wer dort grinsend mit zwei Bechern Kaffee vor der Tür stand, hätte ich sie am liebsten mit einem kräftigen Stoß wieder zugeschlagen. Doch da stand Mr. Marc Sullivan auch schon in meinem Wohnungsflur.
'Wo ist denn hier die Küche? Ach, ich hab schon…'
Völlig handlungsunfähig schloss ich die Tür und folgte ihm in die Küche, wo er bereits am Tisch saß und seinen Kaffee schlürfte. Als er mich sah, machte er eine einladende Handbewegung in Richtung des zweiten Stuhls und des zweiten Bechers Kaffee.
Wortlos setzte ich mich, nahm den Becher in die Hand, trank aber nicht.
'Du musste mich für den größten Idioten der ganzen Stadt halten!', stellte er lachend fest.
Nicht wissend, was daran so lustig war, erntete er einen giftigen Blick. 'Allerdings, um ehrlich zu sein halte ich Sie für einen unhöflichen Möchtegern-Macho.' Erschrocken, dass ich das wirklich laut gesagt hatte, senkte ich den Blick, was ihn noch mehr zum lachen brachte.
'Du bist ja wirklich süß. Cute like sugar und gleichzeitig sour like… wie sagt man auf Deutsch?'
'…Zitrone.', flüsterte ich mehr automatisch, als gewollt. In was für eine Situation war ich hier bloß geraten? Ich saß nur im Bademantel mit einem Mann, den ich erst wenige Stunden kannte in meiner Küche! Und zu allem Überfluss schien er sich pudelwohl zu fühlen!
'Genau, Zitrone! Und sag mal Sweety, wohnst du allein hier?'
Er hatte es sich mittlerweile gemütlich gemacht und seine langen schlaksigen Beine auf einen zweiten Stuhl gelegt.
'Wie kommen Sie darauf?', stellte ich ausweichend eine Gegenfrage, was ihn schon wieder zu lachen brachte.'Es ist nur dein Name auf dem Türschild! Und bitte sag nicht 'Sie' zu mir, so alt bin ich noch nicht! I´m Marc…', grinsend streckte er mir die Hand entgegen, die ich zögerlich ergriff.
'Und darf ich auch wissen, wie Du heißt Fräulein Kramer?'
'Alicia', antwortete ich ihm schlicht.
'Das passt… ein schöner Name für eine schöne Frau!'
Angesichts dieser Schmeichelei musste ich lachen und das war wohl der Moment, in dem das Eis zwischen uns brach und ich begann, die merkwürdige Situation zu akzeptieren und diesem unverschämten Amerikaner eine Chance zu geben.
Er schien ein Gespür dafür zu haben, wann die richtigen Momente gekommen waren, denn just an diesem Punkt, stellte er die Frage, die mein Leben aufs Neue verändern sollte:
'Du suchst nicht zufällig einen netten Mitbewohner, der Dir morgens Kaffee kocht und die Einkaufstüten schleppt?', zum ersten Mal zeigte er einen Anflug von Unsicherheit, was der einzige Grund war, warum ich nicht schlichtweg abgelehnt hatte.
Ein Mitbewohner… naja, warum eigentlich nicht? Aus unerfindlichen Gründen mochte ich Marc Sullivan und vielleicht war er genau der Richtige, um mich aus meinem Mauseloch zu ziehen.
Dass ich ihm keine Antwort auf seine Frage gegeben hatte, merkte ich in meiner Nachdenkerei nicht und so stand er auf und verabschiedete sich: 'Okay, I understand. Entschuldige bitte!'
Bevor ich überhaupt etwas sagen konnte, hatte er die Küche verlassen und den halben Flur durchschritten, also sprang ich auf und meinte trocken: 'Der Ersatzschlüssel liegt auf dem Türrahmen, deine Sachen kannst du heute Nachmittag zwischen 15 und 16 Uhr bringen.'
Lächelnd drehte er sich um, warf mir eine Kusshand zu und verließ die Wohnung mit den Worten 'See you later, Sweety!'
Und dann war ich wieder allein und musste mich erst einmal setzen. Was war bloß in mich gefahren? Ich, die schüchterne, fast menschenscheue Alicia hatte nun plötzlich einen freakigen Amerikaner als Mitbewohner, der zudem Gastdozent an meiner Uni war und den ich erst seit ein paar Stunden kannte!
Stöhnend ließ ich meinen Kopf auf die Knie sinken: Wie sollte ich das bloß meinem Vater beibringen? Er würde ausrasten! Also beschloss ich, ihm einfach gar nichts zu erzählen.
Nachdem ich mich angezogen hatte, leerte ich mittlerweile kalten Kaffee in den Ausguss und versuchte dann den Stoff der Vorlesung vom Morgen nachzuarbeiten, aber meine Gedanken schweiften immer wieder ab und so machte ich mich daran, den mehr oder weniger ungenutzten Raum aufzuräumen. Eigentlich stand bloß ein Bett darin, in dem meine Eltern schliefen, wenn sie mich besuchen kamen, was aber während meiner bisherigen Studienzeit erst ein einziges Mal vorgekommen ist. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob Marc das Zimmer wohl mögen würde und ja, ich freute mich sogar darauf, einen Mitbewohner zu haben.







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