Herz über Kopf - Liebe kennt keinen Verstand - Teil 2

Autor: Pumpernickelbrot
veröffentlicht am: 10.03.2015


Hey, hier der zweite Teil meiner Story. Hab jetzt über jedem Absatz immer ein Datum damit man weiß wie viel Zeit dazwischen vergeht...

Dienstag, 8. März
„Bewährung?“ schrie Sam als das Urteil feststand, „diese Nazis kommen auf Bewährung frei?“ Sie war außer sich. Ihre dunkelbraunen Augen funkelten zornig.
„Komm Sam, wir verschwinden hier“, sagte Ray und wollte sie mit Steves Hilfe zum Ausgang zerren. Da kamen die Freigesprochenen auch schon an ihnen vorbei.
„Na Schoko, hast wohl deine Torte nicht ganz im Griff“, feixte David, der ihren Wutausbruch wohl mitbekommen hatte, an Steve gerichtet. Dieser stellte sich sofort schützend vor Sam.
„Pass besser auf. Das nächste Mal kommst du sicher nicht so leicht davon!“ erwiderte er sauer.
„Hör mal zu Nigger, du drohst mir in meinem Land nicht hast du verstanden?“ David hatte seine Stimme gesenkt so dass nur Sam und Steve gehört hatten was er gesagt hatte.
„Du verdammtes Arschloch“, mischte sich Sam nun wieder ein. Steve hingegen blieb ganz ruhig.
„Der will uns nur provozieren Sam. Hör einfach nicht hin“ versuchte er Sam zu beruhigen.
„Kommt wir gehen“, warf Ray ein, packte Sam am Arm und zog sie an der Gruppe vorbei. Den ganzen Weg hinaus spürte sie noch Davids Blick in ihrem Rücken. Draußen stellte sie fest, dass sie, vermutlich vor Wut, eine Gänsehaut bekommen hatte.

David nahm seine Geldbörse und seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche seiner schwarzen Jeans und pfefferte beides auf das orangene Schlafsofa. Dann setzte er sich breitbeinig hin, löste die Schnürsenkel seiner Springerstiefel und zündete sich anschließend eine Marlboro an. Das würde diese Negersau schon noch bereuen, schwor er sich, keiner schleppte ihn oder jemanden aus seiner Gang einfach mal so vor Gericht. Sicher würden sie bereits heute Abend über ihre Rachepläne sprechen. Eigentlich hatten sie dieses mal Glück gehabt, dass sie nicht im Gefängnis gelandet waren. Gerade Marius' Vorstrafenregister war kein unbeschriebenes Blatt. Seines natürlich auch nicht. Doch wieder hatte er keine Freiheitsstrafe erhalten. Wieder war er nahezu ohne Konsequenzen davon gekommen. Sein Vater wäre stolz auf ihn gewesen. Er erinnerte sich nicht an viel von ihm, immerhin war er gestorben als David sechs Jahre alt war. Besoffen mit dem Auto gegen eine Felswand gefahren. Seit er damals den Jo b an einen Türken verloren hatte war er ständig besoffen gewesen. Wenn er David oder dessen Mutter dann schlug beteuerte er immer wieder, dass alles nur die Schuld der Ausländer war. Und David glaubte ihm. Irgendjemand musste ja daran Schuld sein. Und es war ihm lieber es auf irgendwelche Kanaken zu schieben als auf seinen eigenen Vater. Er nahm einen weiteren tiefen Zug von seiner Zigarette und griff nach seinem Handy. Er tippte die Nummer ein und wartete ? keine Antwort.
„Mum, ich wurde freigesprochenen“, redete er auf die Mobilbox. Dann stand er auf um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Dass seine Mutter nicht mehr mit ihm sprach war definitiv die Schuld dieser zwei Neger vom Gericht. Als sie von dem Vorfall am See erfahren hatte, war sie ausgerastet. Sie erklärte ihm, dass er bei ihr nicht mehr willkommen sei. Ein Nazischwein hatte sie ihn genannt. Sie verstand einfach nicht worum es ging! Das Telefon läutete. Einen Moment wünschte er sich es wäre seine Mutter, doch die Kontaktanzeige enttäuschte ihn. Es war Marius.
„Heil! Was gibts Boss?“, grüßte er den Anführer der Gang. Marius war bereits elf Jahre älter als David, also zweiunddreißig. Marius war es gewesen der David nach dem Tod seines Vaters unter die Fittiche genommen hatte. Er behandelte ihn stets wie einen kleinen Bruder. Bereits mit elf trat David dann der Gang bei. Sein Mitgliedstattoo, eine Hakenkreuz am rechten Oberarm, bekam er mit fünfzehn.
„Heute um neun, Raimunds Garage“, sagte Marius kurz angebunden und legte auf. David streifte sich die Schuhe ab und legte sich aufs Bett. Die Gruppe war seine Familie, sein Zuhause. Die anderen respektierten ihn und obwohl er der jüngste war, war er Marius' rechte Hand. Keiner aus der Gang würde es je wagen Marius oder ihm zu widersprechen. Hier konnte er tun was er wollte. Die anderen schauten zu ihn auf. Außerdem bekam er, neben Lukas und Marius, immer die heißesten Mädchen. Ja, alle Girls die mit der Clique abhingen himmelten die drei an. Marius der Anführer, Lukas der Schöne und David, überdurchschnittlich gutaussehend, groß, schlank, sportlich, clever und so geheimnisvoll... Und doch wünschte er sich manchmal einfach ganz normal zu sein. Eine gewöhnliche Familie zu haben. Eine Mutter die noch mit ihm sprach. Ein Vater der noch am Leben war. Doch seine Familie war die Gang. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es bald neun war. Er zog seine Stiefel wieder an, schlüpfte in seinen langen Ledermantel, schnappte sich den Schlagring von der Garderobe, deren Spiegel ein riesiges Hakenkreuz zierte, und ging zur Tür hinaus um sich, wie fast jeden Tag, mit der Gang in Raimunds Garage zu treffen.

Dienstag, 15. März
„Ich geh noch schnell mit Cora raus“, rief Sam vom Flur aus ins Wohnzimmer der WG und legte ihrer Labradorhündin die Leine an.
„Bis später“, riefen Steve, Ray und deren Freunde von der Uni, Amir und Oskar, im Chor.
Seit der Gerichtsverhandlung vor einer Woche schlief sie schon schlecht. So ein Mitternachtsspaziergang würde ihr sicher gut tun. Sie spazierte durch die schwach beleuchtete Fußgängerzone des Studentenviertels in Richtung Innenstadt. Im Zentrum gab es einen schönen Park wo es zwar offiziell nicht erlaubt war Hunde frei laufen zu lassen, doch Nachts war dort ohnehin meistens niemand mehr. Als sie endlich die 'gute Seite' des Parks erreichte, befreite sie Cora von ihrer Leine (die andere Seite des Parks war keine gute Gegend, umgangssprachlich wurde dieser Stadtteil als Glasscherbenviertel bezeichnet). Im Licht der Straßenlaternen erkannte Sie nun, dass ihr Lieblingsplatz unter der großen, alten Eiche, besetzt war. Gerade als sie das erkannte stürmte ihre Hündin schon auf den Baum zu.
„Sie tut nichts!“ rief sie, um den Passanten nicht zu erschrecken. Doch dann als sie näher kam und der Passant sich erhob stockte ihr der Atem. Es war einer von der Nazigruppe die ihren Bruder und Steve verprügelt hatten.
„Cora komm sofort her“, befahl sie dem Labrador der sofort gehorchte. Schnell befestigte sie die Leine am Hundehalsband und wollte sich sofort aus dem Staub machen.
„Hey warte mal, ich kenne dich doch!“ hörte sie plötzlich eine bedrohlich klingende Stimme hinter sich.
„Sie müssen mich verwechseln“, log Sam, doch schon hatte David sie am Arm gepackt und zwang sie dadurch zum stehenbleiben.
„Lass mich los oder ich hetze meinen Hund auf dich!“ sagte sie panisch.
„Was dieses Schoßhündchen?“ Während er das sagte streichelte er gelassen mit der freien Hand über Coras Kopf. Er stand ihr nun direkt gegenüber. Dadurch dass er sicher mehr als zwanzig Zentimeter größer war als sie musste er nach unten schauen. Sie versuchte nicht zu blinzeln als er sie mit seinen stahlblauen Augen direkt ansah. Sie wollte wegrennen oder schreien doch sie fühlte sich wie gelähmt. Lauf weg. Schrei. Doch sie war wie hypnotisiert.
„Du hast doch nicht etwa Angst vor mir?“ flüsterte er. „Im Gericht letztens warst du doch noch so selbstsicher. Keiner deiner zwei Negerfreunde hier um sich vor dich zu stellen hm?“ Seine Stimme klang heißer und bedrohlich.
„Lass mich sofort los oder ich schreie“, sagte sie nun mit fester Stimme. Ihre Angst wich immer mehr ihrem Zorn. Außerdem hatte sie ja noch Cora. Auch wenn ihre Hündin unter normalen Umständen niemals beißen würde so dachte sie doch, dass Cora sie gegen einen Angreifer verteidigen würde, obwohl sie momentan keine Anstalten dazu machte.
„Schrei doch“
„Lass mich los!“
„Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass deine beiden Nigger-Freunde sich in nächster Zeit besonders in Acht nehmen sollten. Wir wollen ja nicht das ihnen etwas schlimmes passiert“ „Was meinst du damit?“ Endlich löste er den Arm von ihrem Handgelenk.
„Das wirst du schon bald sehen, Kleine“, mit diesen Worten machte er am Absatz kehrt und zog ab.

„Wo warst du?“ fragte Marius als David wieder in Raimunds Garage auftauchte, „du warst über eine Stunde weg.“ „Ich war spazieren und ich hab nachgedacht.“ „Worüber?“ „Über die beiden Neger vom Gericht. Vielleicht sollten wir uns die Sache nochmal überlegen.“ „Willst du die Aktion etwa abblasen? Denkst du ich hab umsonst heraus gefunden wo die Negersau arbeitet? Denkst du das Bruder?“ „Natürlich nicht, ich meine ja nur. Wenn uns jemand erwischt dann sitzen wir wirklich ein. Und zwar ordentlich lange!“ „Hast du etwa Schiss? Hey wir tragen Masken, schon vergessen. Man kann uns nichts nachweisen. Und so wie ich das geplant habe kann der Neger dann nicht mehr sprechen, geschweige denn uns identifizieren. Dafür sorge ich. Versprochen. Und jetzt geh rüber zu den anderen. Kerstin hat schon wieder nach dir gefragt. Gönn dir ein bisschen Spaß heute Nacht. In zwei Tagen ist es soweit!“ David wusste, dass es aussichtslos war Marius umzustimmen. Wenn er einmal einen Entschluss gefasst hatte dann war er einfach nicht mehr umzustimmen. Gedankenverloren ging er auf die üppige Blondine zu die ihn seit seiner Wiederankunft nicht mehr aus den Augen lies. Ja, Kerstin würde ihn sicher von seinen albernen Gewissensbissen ablenken.

Mittwoch,16. März
Am nächsten Abend machte sich Sam wieder mit Cora auf den Weg in den Park. Als sie ankam stand er bereits mit einer Zigarette im Mund unter der alten Eiche.
„Was hast du gestern gemeint?“ wollte sie von ihm wissen als sie endlich den Platz unter dem Baum erreichte.
„Du hast Mut, dass du dich nochmal hier her traust“, sagte er und warf die Marlboro auf dem Boden bevor er sie mit dem Schuh austrat.
„Lass die Spielchen. Was meintest du gestern als du sagtest mein Bruder und Steve sollten sich in nächster Zeit in Acht nehmen? Was habt ihr vor?“ „Vielleicht solltest du deinen Bruder ausrichten, dass er sich am Samstag freinehmen soll...“ „Was meinst du?“ „Er jobbt doch im Sevens oder? Sag ihm am Samstag wäre es besser die Schicht zu tauschen.“ „Woher weißt du wo Ray arbeitet?“ „Woher ich das weiß ist doch egal. Sag ihm einfach, dass er diesen Samstag besser nicht arbeiten, und schon gar nicht alleine abschließen soll“ „Ich verstehe nicht...“ „Vielleicht solltest du mir einfach nur vertrauen“, mit diesen Worten verschwand er wieder.
Sam stand regungslos da. Wenn sie eins und eins zusammenzählte hieß seine Warnung wohl, dass diese Gang ihrem Bruder am Samstag nach Sperrstunde vor dem Sevens auflauern wollte. Doch warum warnte er sie? Das Sevens war eine kleine Studentenbar in der Ray jeden Freitag und Samstag jobbte um sich neben dem Studium etwas dazuzuverdienen. Für gewöhnlich schloss die Bar um zwei Uhr morgens, danach machte er noch alleine Abrechnung und ging dann immer zu Fuß nachhause. Natürlich vertraute sie David nicht und doch wollte sie ihrem Bruder die Nachricht überbringen. Doch was sollte sie sagen? Das sie einen der Typen von der Nazigang getroffen hatte und der sie gewarnt hatte? Nach etlichen weiteren Minuten machte sie sich auf den Heimweg. Es blieb ihr wohl nichts über als Ray die Wahrheit zu sagen. Das war's vermutlich mit den nächtlichen Parkspaziergängen...

Samstag, 19. März
Obwohl sie ihm die ganze Geschichte erzählt hatte, hatte sich Ray nicht davon abbringen lassen heute zu arbeiten. Steve war seiner Meinung. Die beiden wollten sich nicht einschüchtern lassen, zur Sicherheit beschloss Steve jedoch bis nach der Abrechnung bei Ray zu bleiben. Es war halb zwei Uhr morgens. Sie zog sich ihre schwarze Herbstjacke über und verabschiedete sich von Cora. Ray und Steve hatten ihr natürlich verboten heute ebenfalls in die Bar zu gehen, von wegen zu gefährlich. Aber sie ließ ihren Bruder und ihren besten Freund sicher nicht alleine in dieser Situation. Die Bar war nur drei Blocks von der WG entfernt, also hatte sie noch genug Zeit um vor der Gruppe da zu sein, falls sie wirklich auftauchen würden. Bereits nach wenigen Minuten erreichte sie die Fußgängerzone in der sich das Sevens befand als sie plötzlich am Arm gepackt wurde. Noch ehe sie schreien konnte wurde ihr der Mund zugehalten und sie wurde in den schmalen Spalt zwischen zwei Häuser gezogen.
„Bist du verrückt geworden?“, hörte sie Davids Stimme und die Hand löste sich von ihrem Mund. Er riss seine Maske vom Gesicht. Im schwachen Licht, dass von den Straßenlaternen der Fußgängerzone in die schmale Gasse drang, durchbohrte sie sein Blick.
„Was willst du hier?“ fragte er dann, ohne eine Antwort auf seine erste Frage abzuwarten.
„Was fällt dir ein? Ich hole meinen Bruder ab, lass mich sofort los!“ sagte sie laut, während eine seiner Hände immer noch ihren Arm festhielt. Augenblicklich ließ er sie los.
„Schrei nicht so, spinnst du? Willst du etwa, dass die anderen uns hören?“ „Hast du etwa Angst, dass die uns hier zusammen sehen oder was ist los?“ „Nur weil ich dich in Ruhe lasse heißt das nicht, dass die anderen das auch tun!“ „Das nennst du in Ruhe lassen? Mir den Mund zuhalten und mich in eine dunkle Gasse zehren?“ „Das ist kein Spaß Mädchen, das wird auch keine billige Kneipenschlägerei. Meine Jungs nehmen die Sache mit der Anzeige ziemlich ernst und sind verdammt wütend.“ Erst jetzt bemerkte sie den Schlagring in seiner Hand.Um ihr zu zeigen wie ernst es der Gruppe war zückte er nun auch ein Messer aus der Gesäßtasche.
„Siehst du das jetzt ein? Wir sind vorbereitet. Besser du versteckst dich und schreibst deinem Bruder eine SMS, er soll sich in der Bar einsperren“ „Warum hast du mich gewarnt?“ Ohne ihr zu Antworten wandte er ihr den Rücken zu und verließ die Gasse. Dann hörte sie schon die Rufe seiner Freunde. „Dave, wo warst du Mann?“ Aus den Augenwinkeln sah sie nun die anderen der Gang zu ihm stoßen. „Ich war pissen“, konnte sie ihn noch antworten hören ehe sie sich in der schmalen Gasse weiter zurückzog und hinter einem Müllcontainer platz nahm. Dort zog sie sofort ihr Handy aus der Jackentasche und schrieb eine SMS an Ray:
Die haben Messer, schließt von innen ab. Hab mich versteckt, bin in Sicherheit.
Dann wartete sie. Die Minuten die verstrichen kamen ihr vor wie Stunden. Erst eine gefühlte Ewigkeit später hörte sie wieder Stimmen. Es kam ihr vor als wären etliche Stunden verstrichen doch ihr Handy sagte ihr, dass es erst zwei Uhr achtunddreißig war. Die Gespräche wurden nun lauter. „...das nächste Mal ist die Negersau dran...“, „...wie können wir ihn nur verpasst haben?...“, ? endlich entfernten sich die Stimmen der Gang. Trotzdem wartete sie noch weitere zwanzig Minuten bevor sie aus ihrem Versteck hervor kam und zum Sevens rannte. „Ray, mach auf, ich bins“


Sonntag, 20. März
Den ganzen Sonntag über hatten sie Krisenbesprechung. Die Polizei würde nichts tun ehe etwas passiert war. Das wussten sie. Als sie am Abend noch immer keine Lösung für das Naziproblem gefunden hatten, verkündete Sam, dass sie noch mit Cora raus wolle. Allein. Natürlich wussten sowohl Ray als auch Steve, dass sie in den Park wollte. Nach einer langen Diskussion darüber, ob es klug war, dass sie wieder dort hin ging, ließen die beiden sie schließlich gehen. Es war schon fast Mitternacht als sie endlich im Park ankam.
„Ich dachte schon du kommst nicht“, grüßte er Sam als sie im Park ankam und streichelte Cora die gleich auf ihn zu kam.
„Mir war nicht klar, dass wir verabredet waren“, erwiderte sie.
„Und doch bist du hier“, flüsterte er, „Vielleicht ist es besser wenn wir hier verschwinden.“ „Warum?“ „Keine sichere Umgebung hier. Die Jungs kommen hier oft durch um diese Uhrzeit“ „Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich mit dir wo hingehe, oder?“ „Naja du bist hier. Und jetzt sag bloß nicht das wäre ein Zufall. Komm!“ Dann packte er sie am Handgelenk und zog sie mit sich. Cora machte keine Anstalten ihr Frauchen zu verteidigen sondern trottete den beiden artig hinterher. Sam warf ihrem Hund einen bösen Blick zu. Verräterin. Vor einem alten VW Golf blieben sie schließlich stehen. Der Lack war rostig und der Wagen hatte überall Kratzer und Dellen vorzuweisen. Er öffnete erst für Cora die Hintertür die sofort in das Auto sprang. Dann ging er selbst auf die Fahrerseite.Nach kurzem überlegen öffnete Sam die Beifahrertür und stieg ebenfalls in das Fahrzeug.
„Was tun wir hier eigentlich?“ fragte sie, während er den Motor anließ und geschickt rückwärts ausparkte.
„Wir fahren zu mir“
„Warum?“
„Weil es im Park nicht sicher ist“ er bog in die Gegend ein, die umgangssprachlich als Glasscherbenviertel bekannt war.
„Verarsch mich nicht. Du weißt was ich meine“ „Nein, keine Ahnung“ „Warum willst du dass ich mitkomme?“ „Warum fährst du mit?“ „Du hast mich sozusagen gezwungen. Und jetzt beantworte meine Frage.“ „Ich hab dich nicht gezwungen. Du hättest jederzeit gehen können“, nun hielt er, wiedereinmal ohne ihre Frage zu beantworten, vor einem riesigen Betonbau an, „wir sind da.“ Er stieg aus, öffnete die Hintertüre für Cora und ging, nachdem auch Sam ausgestiegen und das Auto abgeschlossen war, voraus in das heruntergekommene Gebäude. Der Anblick des Vorraums seiner Wohnung, die sich im vierten Stock befand, löste augenblicklich Übelkeit in ihr aus. Auf dem Spiegel der Garderobe klebte ein riesiges schwarzes Hakenkreuz. Als er sich streckte um seinen schwarzen Ledermantel aufzuhängen erkannte sie das Mitgliedstattoo seiner Gang, ein vier Zentimeter großes Hakenkreuz , das unter seinem kurzärmeligen schwarzen T-shirt auf seinem rechten Oberarm hervorblitzte.
„Mir ist schlecht“, flüsterte sie.
„Tut mir leid“ sagte er, als würde ihm gerade erst zum ersten Mal bewusst was da auf seinem Spiegel und seinem Oberarm zu sehen war, „Ich hab nicht daran gedacht“ „Natürlich nicht...“ „Willst du was trinken?“ „Am besten etwas Hochprozentiges.“ Er führte sie in das kleine Wohnschlafzimmer. Eine riesige Flagge mit einem Hakenkreuz, die quer über die Zimmerdecke des kleinen Raums hing, ließ keinen Zweifel an seiner Einstellung offen. Und doch war sie hier. Ein farbiges Mädchen. Cora hatte es sich bereits auf dem Schlafsofa gemütlich gemacht und Sam ließ sich neben ihrem Hund nieder während er in der kleinen Küche verschwand. Nach wenigen Minuten kam er wieder mit einem Shotglas voll Wodka für sie, einer Schüssel voll Wasser für Cora und einem Bier für sich selbst. Er setzte sich auf das Sofa und zündete sich eine Malboro an. Sie trank ihren Wodka auf Ex aus. Sie schwiegen eine Weile.
„Willst du noch einen?“
„Nein, lieber ein Wasser“
Mit der Zigarette im Mund verschwand er wieder in der Küche und brachte ihr ein Glas Wasser.
„Sagst du mir jetzt was das alles soll?“ „Was soll was?“ „Vielleicht sollte ich jetzt gehen, das führt zu nichts“ wie von der Tarantel gestochen sprang sie auf und ging ins Vorhaus, „Cora, komm“ „Warte... ich, ich meine, ich weiß auch nicht was das soll...“ „Warum hast du mich damals gewarnt“ „Ich weiß nicht... ich wollte einfach nicht, dass jemanden etwas ernsthaftes passiert. Noch nicht einmal jemanden wie... wie deinem Bruder“ „Du meinst noch nicht einmal einem Neger?“ „Du verstehst das nicht“ „Nein das verstehe ich wirklich nicht!“ Wieder schwiegen beide.
„Warum hast du mich hierher mitgenommen?“ fragte sie nach einer Weile.
„Ebenso könnte ich dich fragen warum du mitgefahren bist!“ Gerade als sie etwas darauf sagen wollte klingelte ihr Handy. Die Anzeige sagte ihr dass es Ray war. Verdammt. Sie ließ sich schnell eine Ausrede einfallen.
„Wo zur Hölle bist du Samira? Du bist schon seit einer Stunde weg!“ „Sorry Ray, Lisa hat Stress mit Fabian, darum bin ich zu ihr gegangen. Ich hab vergessen dir Bescheid zu sagen. Ich komm bald heim“ log sie ins Telefon.
„Soll ich dich abholen?“
„Nein ist schon OK, ich bin bald da.“
„Okay, pass auf auf dich. Schöne Grüße an Lisa“ „Bis dann“ Sie legte auf und wandte sich wieder David zu: „Ich sollte jetzt wirklich heim“ „Ich fahr dich“ Zehn Minuten später fuhren sie auf den Parkplatz ihres Wohnblocks.

Freitag, 25. März
„Wo bist du heute nur mit deinen Gedanken?“ Lisa beäugte Sam besorgt. „Ist alles okay mit dir?“ „Hm? Ach sorry, ich bin nur ein bisschen müde, war lange auf gestern“ „Bist du dir sicher, dass das alles ist? Du wirkst überhaupt so zerstreut in letzter Zeit!“ „Ja, ja, alles prima. Es war nur alles etwas viel in letzter Zeit. Du weißt schon, die Gerichtsverhandlung, Lernstress und so weiter“ „Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst oder?“ „Na klar, Lisa, das weiß ich doch“ Die beiden Freundinnen saßen in der Mensa. Bis zur nächsten Vorlesung waren es noch knapp zwei Stunden. Lisa war Sams beste Freundin, aber von David wollte sie dennoch nichts erzählen. Und was sollte sie auch sagen? Sie wusste ja selber nicht was das war was zwischen ihnen lief. Bei ihm in der Wohnung war sie zwar nicht mehr gewesen, doch sie hatten sich diese Woche täglich im Park getroffen. Sie trafen sich jetzt immer schon früher, zu einer sicheren Uhrzeit, und schauten Cora beim Herumtollen zu. Natürlich wusste sie wer, oder besser gesagt was er war und mit so jemanden könnte sie nie befreundet sein aber dennoch hoffte sie, dass er heute Abend wieder da sein würde.
„Du machst es schon wieder!“ Lisa riss sie aus ihren Gedanken.
„Was?“
„Erde an Sam. Ich hab dich was gefragt...“ „Oh, sorry, ich hab gerade nicht richtig zugehört.“ „Ja das habe ich gemerkt. Gehen wir heute Abend ins Sevens?“ „Ähm..., ja, ich weiß noch nicht... ich bin ehrlich gesagt im Moment nicht so in Ausgehlaune.“ „Ach komm schon. Nur wir zwei. Wir hatten schon ewig keinen Mädelsabend mehr. Biiittteeee“ „Na schön, ich bin dabei“ Dann begann Lisa irgendetwas über ihren Freund Fabi zu erzählen doch Sam war längst wieder in ihrer Gedankenwelt. Sie überlegte ob sie David Bescheid geben solle, dass sie an diesen Abend nicht kommen würde. Dann viel ihr ein, dass sie ja nicht einmal seine Nummer hatte und auf Facebook waren sie natürlich auch nicht befreundet. Außerdem, warum sollte sie ihm Bescheid sagen? Es war ja nicht so, dass sie verabredet waren. Sie waren nur zufällig beide oft abends im Park.
„Hey Sam“ diesmal war es nicht Lisa die sie aus ihren Gedanken holte. Amir, ein Freund von Ray und Steve, stand plötzlich am Tisch der beiden Mädchen.
„Hallo Amir, du erinnerst dich an meine Freundin Lisa?“ „Ja natürlich, hi Lisa“ „Hallo, schön dich wiederzusehen“, sagte Lisa lächelnd.
„Willst du dich zu uns setzen?“, lud Sam ihn ein.
„Ja gern. Meine Vorlesung ist erst in einer halben Stunde“ Amir schaffte es mit seiner lustigen und charmanten Art sogar Sam in seinen Bann zu ziehen. Tatsächlich war es das erste Mal seit langem, dass sie eine ganze Weile nicht an David denken musste. Als Amir schließlich in seine Vorlesung musste und die beiden Freundinnen wieder alleine ließ flüsterte Lisa aufgeregt: „Bahnt sich da etwa was an zwischen euch?“ „Ach was, er ist nur ein Freund“, lachte Sam, nicht ohne rot zu werden.
„Ein verdammt heißer Freund aber“, Lisa strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Es war ihre Lieblingsbeschäftigung Sam zu verkuppeln. Allerdings klappte das nie. Aber in einem hatte sie recht. Heiß war Armin. Er war ungefähr einen Meter fünfundachtzig groß, schwarze Haare und einen breiten muskulösen Oberkörper. Seine Augen waren braun und er hatte diesen typischen 'Hunde-Welpen-Blick'. Ohne, dass sie wusste wie ihr geschah huschten ihre Gedanken von Amir zu David. Der war um einiges größer als Amir und wirkte, obwohl beide sehr muskulös und trainiert waren, um einiges dünner. Außerdem hatte David platinblondes Haar und blaue Augen. Im Gegensatz zu der stets gebräunten Haut von Amir hatte David einen sehr hellen Teint. Auch vom Kleidungsstil unterschieden sie sich wie Feuer und Eis. Während Amir, der Sunnyboy, meistens Billabong T-Shirts und allgemein lässige Klamotten trug, sah man David fast Ausschließlich in seinen engen schwarzen Jeans, einfarbigen T-shirts und seinem Lederm antel. Erstaunlicher Weise hatte er die ganze Woche im Park normale schwarze Turnschuhe anstelle seiner Springerstiefel mit den weißen Schuhbändern getragen. Als sie ihn am Montag ohne seine Springer sah hatte sie ihn direkt darauf angesprochen. Obwohl er nicht geantwortet hatte wusste sie, dass es ihretwegen war.
„Bedeutet dein verträumter Blick, dass du wünschtest da wäre mehr als Freundschaft?“ „Mehr als was, hä?“ „Du sagtest ihr seit nur Freunde... Wünschtest du da wäre mehr zwischen Amir und dir?“ „Mit Amir? Nein, er ist ein Freund meines Bruders. Das wäre komisch.“ „An wen hast du dann Gedacht und sag nicht an niemanden!“ „Komm wir bereiten uns auf die Vorlesung vor. Wir haben nicht mehr lange Zeit“ lenkte Sam vom Thema ab.
„Okay, aber heute Abend im Sevens kommst du mir nicht so leicht davon“, grinste Lisa.






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