Liebe-so dunkel wie der tot

Autor: Elvira3
veröffentlicht am: 27.02.2010




Ich schloss die Augen. Wie wunderschön er im Mondlicht aussah. Wie seine Schwarzen Haare herumwirbelten, als wenn jede einzelne Haarsträhne ein Eigenleben führen würde. Wie Gebildet und kraftvoll er dort auf dem hohen Berge stand. Ein Arm lässig angewinkelt und den anderen Arm gerade herabbaumelnd. Es gab keine Worte für sein Aussehen. Kein Mensch konnte je schöner sein, als dieser Mann.
'Mensch.' welch Ironie des Schicksals, das ich ausgerechnet daran dachte. Natürlich konnte sich kein Mensch mit ihm messen. Schließlich war er auch kein Mensch. Und ich hatte mich in ihn verliebt. In den Mann der mich zum Graben begleiten sollte. In den Tot.

Ich hatte ein schrecklichen Tag gehabt. Mein Freund hatte mich letzte Woche verlassen. Und noch dazu verlor ich meinen Job. Dabei konnte ich nichts dafür. Na ja…. Warum mussten auch immer so viele Leute zum Friseur gehen? Dann ist es doch nicht verwunderlich, wenn man mal zwei Kunden miteinander vertauschte. Zumindest hatte die Frau jetzt eine Glatze und der Mann eine schicke Lockenpracht. Und dann, tja ratet mal. Was würdet ihr tun, wenn ihr währenddessen Besuch von 'dem Tot' bekämmet? Genau, dumm aus der Tasse schauen. So besuchte er mich in meiner Ein-Zimmer-Wohnung und erklärte mir ich stürbe in einer Woche. Nein, das war alles andere als romantisch. So ging ich in meine Wohnung und knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Natürlich war ich geschockt als er kurz darauf hinter mir stand. Und das war die Geschichte wie ich ihn kennen lernte. Die Geschichte die kein Happy End erhalten würde.

'Jetzt verfolgst du mich seid zwei Tagen durch meinen Lebensalltag und ich weiß immer noch nicht wie du heißt. Soll ich dich etwa Mr. Tod nennen? O Gott…Mr.? Bist du überhaupt männlich?' ich redete mich total in Rage und vergaß mit wem ich eigentlich sprach. Erst durch sein Räuspern wurde ich aus meinem Trance- ähnlichen Zustand wachgerüttelt.'Wie du siehst stehe ich vor dir als männliche Person. Also kannst du mich als Mann ansehen.'
Das schien mir nicht einleuchtend. Schließlich war er es doch der mir erzählt hatte, das er wieder weiblich noch männlich war.
'Aber der Körper ist doch gestohlen! Ich kann mir nicht vorstellen, der Tod hätte blonde Haare und schöne weiche Haut wie ein Baby. Außerdem ist der Tod kalt und du bist heiß wie….' ich errötete, als ich die Zweideutigkeit meines Satzes erfasste. Ich hörte ihn leise lachen und meine Arme begannen zu kribbeln.
'Das ist eurer Problem, Liebes. Ihr denkt immer alles genau zu wissen. Was nicht wissenschaftlich bewiesen ist, kann nicht existieren. Ihr habt schon längst aufgehört auf eurer Bauchgefühl zu achten. Es ist einfach nur traurig. Ich bin beide Geschlechte. Die Figur die du siehst, ist dass was du zu sehen erwartest. Wie hättest du reagiert wenn eine hellhäutige Frau vor dir stände und dir erklärte, er müsse dich ins Reich der Schlafenden bringen? Und jetzt habe ich eine Frage an dich: Was ist Gott vom Geschlecht her?'
Ich verstand seine Frage nicht genau und antwortete mit der naivsten Antwort die mir einfiel.'Männlich.'
'Warum? Ihr stellt euch immer einen alten Mann mit einem weißen, langen Bart bis zum geht nicht mehr hin. Dabei könnte es genauso gut eine pummelige nette Frau sein.'
Ich schüttelte den Kopf. Das klang alles so verdammt logisch. Ich kam mir vor wie eine fünfjährige die gerade erfahren hatte der Weihnachtsmann existiere nicht.
'Warum schmeiße ich ihn nicht einfach raus?' grummelte ich leise vor mich hin. Es sollte nicht an ihn gerichtet sein, aber dennoch antwortete er. Ich wunderte mich, das er nach zwei Tagen 'Fragen und Antworten' immer noch die Geduld besaß mit mir in einem Zimmer zu hocken.
'Camille, darüber hatten wir uns ja schon geeinigt dass dies keine so gute Idee wäre mich rauszuschmeißen. Wir könnten es auf die leichte Tour machen und du würdest deine restliche Zeit genießen oder auf die schwere, wenn du es kaum erwarten konntest früher von der Erde zu weichen.'
'Ich hasse DICH!'
Wieder lachen. Schön und wohlklingend voll. Ich legte meine Zeitschrift aus der Hand und lief im Zimmer auf und ab. Nicht das ich viel Platz dafür gehabt hätte. Ich schaute aus dem runden Fenster in die ferne Landschaft. Die Bäume warfen Blätter ab und die frische Luft kündigte den Herbst an. In zwei Tagen hatte ich Geburtstag. Ich würde 25 werden.'Sag mal, wird es ein qualvoller Tod?' Er schien nicht verblüfft und schüttelte den Kopf.'Die ersten Sekunden wird es wehtun, denn deine Seele reißt sich von der Welt los. Aber das geht schnell vorbei. Und dann kommst du in das Paradies.'
Ich war geschockt wie gleichgültig er klang. Aber er hatte ja schon tausende zu der Pforte gebracht, wo der Geist sich für immer mit dem Himmel oder Hölle verband. Es machte ihm keinen Unterschied mehr, wie viele noch starben.
'Ich meinte nicht qualvoll in Sinne meines Todes. Sondern ob es qualvoll für die anderen sein wird.'
'Euer Gedächtnis ist kurz, sie werden sich schon davon erholen.'
Grundgütiger. Er hätte ruhig etwas mitfühlender sein können!
'Wie bist du gestorben?' Er sog scharf den Atem ein. Seine Augen wirkten traurig, doch keine Sekunde und er hatte seine Fassung wiedererlangt.
'Wie kommst du darauf das ich gestorben bin um dies zu sein?' Er zeigte auf die Stelle wo sein Herz sein musste. Wahrscheinlich war dort nur irgendein unheimliches, schwarzes Loch.'Es schien mir irgendwie nur logisch. Du kannst ja nicht als so ein Wesen geboren sein. Zumindest würde es mich wundern. Also wie war dein Leben?'
Er schien mich sich zu ringen und plötzlich wurde seine Miene steinhart. Ich schlug die Augen nieder aus Scham. Ich wollte ihm nicht zu nahe treten. Angst breitete sich in mir aus. Was wenn er mich sogleich von meiner Seele trennte?
'Geh schlafen.' Seine Stimme klang gepresst.
'Es ist helllichter Nachmittag, du kannst mich nicht….'
'Hast du nicht gehört was ich sage? Es hat dich gar nicht zu interessieren was ich für ein Leben geführt habe. Wenn du denkst dich damit bei mir einschmeicheln zu können hast du dich getäuscht! Was mich betrifft habe ich mich sehr wohl in deinen Angelegenheiten einzumischen. Und du wirst nun brav in dein Zimmer gehen und wenn du schlau bist, nicht nochmals so einen Versuch starten!'
Schreckensbleich befolgte ich seinen Befehl. Ich hatte noch nie jemand so ausrasten erlebt. Und die Anschuldigungen die er mir unterstellte, trafen mich wie Peitschenschläge. Ich wäre nie im Leben darauf gekommen ihn mithilfe meiner Weiblichkeit zu umschmeicheln, nur um länger zu leben. Ich versuchte panisch die Tränen fortzuzwinkern. Das er mich anschrie und mir meinen Willen wegnahm, bedeutete noch lange nicht, das ich auch noch meinen Stolz vor ihm verlieren würde. Ich ging wütend mit verletztem Stolz und verwirrten Sinnen in mein Schlafzimmer. Ich würdigte ihn keines Blickes mehr und verschwand.

Er war erstaunt gewesen, als er Camilles Frage hörte. Aber erstaunter, dass es sie wirklich interessierte. Noch nie hatte sich jemand für ihn interessiert. Er hatte immer nur des Menschens Verachtung und den Hass auf ihn gespürt. Sie hatte ihm aber andere Gefühle entgegen gebracht. Aber sie hatte so etwas verletzliches und mitfühlendes an sich. Er hasste es, wie er mit ihr umgegangen war. Aber er hatte auch ihre Verliebtheit gespürt. Und die wollte er nicht nähren. 'Lieber von Anfang an dein wahres Wesen zeigen als zu spät.' Und doch hatte er ein Teil seines Selbst zerstört, als er sie dort mit ihren Tränen kämpfen sah. Ihre liebreizendes Gesicht sah in diesem Moment so verletzt drein, dass er sich hätte umbringen können, wäre er es nicht schon tot gewesen. Aber er konnte es nicht riskieren. Verdammt sie würde bald sterben. Er verfluchte sich selbst, als er sie voller Stolzes die Tür zuknallen hörte. Und dann drang die leise, wimmernde Stimme durch sein Gehör.







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