Liebeskummer ist Luxus - Teil 7

Autor: Parisienne
veröffentlicht am: 14.04.2010


----++-Und auf einmal wurde aus Freundschaft Liebe-++----


Der Wecker weckte mich umbarmherzig früh, aber ich sprang sofort aus dem Bett, ging duschen und verbrachte ein wenig mehr Zeit als sonst vor dem Spiegel. Ich konnte es kaum erwarten Vince wieder zu sehen. Ich stürmte die Treppe hinunter und meine Eltern begrüßten mich überrascht:
„Mia? Schon so munter?“
Ich zog nur meine Augenbrauen hoch und grinste verschlagen. Sie wussten doch sowieso warum.
„Es ist schön, dich wieder so zu sehen, mein Engel.“
Meine Mutter war mir irgendwie ein bisschen zu sentimental. Ich schwang mich auf einen Stuhl, aß eine Schüssel Schokomüsli und wartete. Ich war total hibbelig und konnte das erlösende Klingeln an der Haustür kaum noch erwarten, musste aber noch einige Minuten aushalten, da ich viel zu früh dran war. Als es dann endlich so weit war, sprang ich auf und rannte mit langen Sätzen zur Tür, riss sie auf und warf mich Vincent an den Hals. Er sah so gut aus, wie immer, und ich liebte es, sein Lächeln zu sehen, denn es galt nur mir. Er legte mir seine Hände an die Taille und setzte mich auf dem Treppenabsatz ab um mich zu küssen. Ich hielt es kaum aus, noch am Freitag hatte ich ihn ohne Kuss begrüßt, es schien mir ewig lange her zu sein! Er reichte mir meinen Kaffeebecher und ich warf meinen Eltern noch einen Abschiedsgruß zu, dann gingen wir Hand in Hand zur Schule. Wie immer bestand er darauf, meine Sporttasche zu tragen, ich sagte schon lange nicht mehr nein.
„Meinst du, alle wissen schon Bescheid über uns?“ fragte ich ihn mit dem Bauch voller Schmetterlinge und auch sonst bis oben angefüllt mit Glücksgefühlen.
„Ich bin nicht sicher, Janosch hält seine Klappe, aber Linda und Nike?“
„Die sicher nicht. Aber sie werden bestimmt trotzdem alle nicht schlecht gucken.“
„Ich freue mich schon drauf.“ Kicherte er und legte seinen Arm um meine Schultern, „Endlich kann ich allen Kerlen eine reinhauen, die dich belästigen.“
Vincent hatte keine Probleme damit, im Mittelpunkt zu stehen, ich schon eher.
„Als wenn mich schon mal jemand belästigt hätte… ich kann sehr abweisend sein, mach dir mal keine Gedanken!“
Ich musste ebenfalls grinsen. Es war so verrückt, er war schon immer mein Beschützer gewesen, aber irgendwie genoss ich es, wenn er so etwas sagte, es gab mir das Gefühl wirklich wichtig für ihn zu sein.
„Das ist jetzt aber meine Aufgabe. Und glaube mir, ich werde sie wahrnehmen.“
Er warf mir einen umwerfend lieben Blick zu und ich konnte nichts mehr dagegen sagen. Wir bogen in die Straße ein, an der die Schule lag und begegneten schon einigen Schülern, alle gafften sich die Augen aus dem Kopf, als wir beide Arm in Arm angelaufen kamen, Vince mit hocherhobenen Kopf und geradem Rücken. Er trug eine große Sonnenbrille und hatte sein Pokerface aufgesetzt, die Coolness in Person. Ich fühlte mich nicht ganz so wohl und duckte mich ein wenig unter seinen Arm. Wir durchschritten das Schultor und gingen durch die versammelten Schüler hindurch, alle starrten uns ungläubig an und tuschelten unter hervorgehaltenen Händen. Ich blickte Vince an, er grinste schelmisch und beugte sich dann zu mir herunter:
„Sieh nur, wie ihnen allen die Augen aus dem Kopf fallen!“
„Was wir machen ist wohl eine unerhörte Frechheit...“ erwiderte ich sarkastisch.
Janosch, Alex, Marius, Nike und Linda erwarteten uns bereits vor unserem Klassenraum und der Spießrutenlauf war vorbei. Wir traten ein und gingen zu unseren Plätzen, als erstes hatten wir Mathematik. In unserer Klasse waren die Leute nicht anders, unverhohlen zeigten sie ihre Überraschung, aber das war jetzt nicht mehr so schlimm, das Gröbste war geschafft. Einige der Mädchen saßen zusammen und schauten mich mit einem Gesichtsausdruck an, der mir schon alles sagte. Ich würde mich in der Pause darauf gefasst machen können, mit tausend Fragen bestürmt zu werden. Nike schaute mich mitleidig an und Linda gesellte sich zu den Anderen, um ihnen wohl schon einige Fragen zu beantworten. Es machte mir nichts aus, umso weniger musste ich dann dafür herhalten.
Vincent und ich überlebten den Tag ganz gut, wir saßen ja sowieso in jedem Fach nebeneinander und ich genoss es sehr. Er nahm unter dem Tisch meine Hand in seine und streichelte sie, wir lächelten uns ständig an und die Verliebtheit hielt mich absolut vom Unterricht ab, ich musste mich wahnsinnig anstrengen, den Ausführungen der Lehrer zu folgen. Vincent ging es scheinbar ähnlich, auch er musste sich manchmal dazu zwingen, seinen Blick von mir abzuwenden, das war eindeutig zu merken. Mark, der vor mir saß und schon die ganzen letzten Wochen versucht hatte, bei mir zu landen, starrte finster vor sich hin und bedachte mich mit keinem Blick mehr. Dabei hatte ich mich fast an seine aufdringliche Hilfsbereitschaft gewöhnt. Nur Vincent bekam einen warnenden Blick von ihm ab, er kicherte fies und legte den Arm um mich. Die Lehrer beachteten uns nicht weiter, für sie waren wir nur ein weiteres Pärchen, das dieses Alter fast zwangsläufig hervorbrachte. Ich war ihnen sehr dankbar. In der großen Pause auf dem Hof saßen wir mit den anderen auf ein paar Bänken und ertrugen tapfer die Kälte, weil die Sonne so schön schien. Vincent und ich saßen ganz nah beieinander und ich fühlte mich pudelwohl, er küsste mich und ich sah ein paar Mädchen hinter uns, die mich entsetzt und wütend anstarrten. Ich legte gleich noch demonstrativ einen Arm um ihn und freute mich fast zu sehr darüber, dass sie eindeutig eifersüchtig auf mich waren. Auf mich!

~*° Vincent °*~

Am Abend war dann die erste Probe mit Mia als meiner Freundin. Das war für mich total seltsam-schön. Es war der Wahnsinn! Ich schaute sie an und konnte endlich offensichtlich zeigen, dass ich sie liebte. Ich beobachtete sie und sie grinste mich an, sobald sie es bemerkte. Nach dem wir fertig gespielt hatten saß sie auf der Couch und mein Kopf lag in ihrem Schoß. Sie streichelte mein Gesicht und sah so bezaubernd aus. Nina war noch gekommen und sagte:
„Wisst ihr, wie süß ihr beiden seid? Ich bin so froh, dass ihr beide endlich zusammen gekommen seid. Vince, wie geht’s dir?“
Ich sah sie an und sagte:
„Unbeschreiblich... ich hab keine Ahnung, was für ein Wort ich dafür verwenden soll... ich fühle mich, als wenn ich nach einer ewigen Tortur endlich angekommen wäre. Als wenn ich sterben könnte, denn besser kann das Leben nicht mehr werden...“
Bei diesen Worten drehte ich mein Gesicht wieder Mia zu.
„Sag so was nicht!“ sagte sie mit einem leicht vorwurfsvollen Ton.
Ich entschuldigte mich bei ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Und du hast wirklich nichts gemerkt, Mia? fragte Janosch zweifelnd.
„Nein, nichts.“ Sie schüttelte ihre dunklen Haare, „Bis auf die letzten paar Wochen, da hab ich manchmal schon gestutzt, aber wenn Nina nicht gewesen wäre, ich hätte mir nie erlaubt das wirklich zu denken.“
„Ich hab mir ja auch Mühe gegeben, mich eben nicht zu verraten.“ wand ich ein.
„Das ist dir aber nicht gelungen. Ich hab mir schon länger gedacht, dass du dich verliebt hast.“ sagte Nina.
„Ich fand es auch offensichtlich, gleich von Anfang an.“ Kicherte Janosch, „Du warst total... anders, wie ein kleines Schoßhündchen. Und wie du sie immer angesehen hast!“
„Er war schon immer nett zu mir!“ meinte Mia.
„Das stimmt, aber nicht so!“ entgegnete Alex.
„Was hast du ihr denn gesagt? fragte ich Nina.
„Nur, dass ich vermutet habe, dass du schon ein klitzekleines bisschen länger in sie verliebt warst. Ich wusste es ja auch nicht wirklich, aber ich hatte schon oft gedacht, dass ihr beide ein superschönes Paar abgeben würdet.“
„Jetzt bist du doch sicherlich wieder besser drauf, oder?“ fragte Janosch mich.
„Besser geht nicht.“ antwortete ich.
„Also kann man jetzt wieder mehr mit dir anfangen, ja?“
„Nein, jetzt habe ich keine Zeit mehr. Zumindest nicht für dich.“
Ich grinste ihn fies an.
„Du wirst schon irgendwann wieder normal werden.“ grinste er zurück.
„Wo ist eigentlich Marie?“
„Keine Ahnung, sie ist grad böse auf mich. Sie hat sich nicht gemeldet.“
„Was ist denn los?“
„Ach, keine Ahnung. Sie denkt immer, ich hätte was mit Linda Lambretta.“
„Und?“
„Natürlich nicht!“
„Aber hättest du gern?“
Ich war ja nicht blind. Janosch knurrte und warf einen Bierdeckel nach mir.
„Marie ist eben ziemlich anstrengend. Ich glaube, ich muss mich von ihr trennen.“
„Oooh.“, machte Mia, „Ich war gerade dabei, sie ein bisschen näher kennen zu lernen.“
„Was macht sie denn?“ fragte Nina.
„Sie bildet sich ständig was ein. Und sie hat nie Lust mit mir irgendwo hinzugehen, sie will immer nur zu Hause auf dem Sofa rumhängen.“
„Meinst du sie fühlt sich ein bisschen ausgeschlossen? Aber wir sind doch eigentlich alle nett zu ihr gewesen.“
„Mich konnte sie wahrscheinlich sowieso nicht leiden.“ bemerkte ich.
Innerlich musste ich grinsen bei dem Gedanken daran, in welchem Zustand sie mich das erste Mal gesehen hatte. Ich hatte bei unseren Zusammentreffen immer das Gefühl, dass sie mich irgendwie komisch fand.
„Ich denke, sie mochte dich sehr.“
„Und was ist nun mit Linda?“ fragte Nina ihn direkt.
„Nichts ist mir ihr!“ knurrte er.
Die anderen begannen sich darüber zu unterhalten und stellten Mutmaßungen darüber an, wie Linda wohl zu Janosch stand. Mich durchflutete wieder dieses Glücksgefühl, wenn das jetzt immer so sein sollte... war ich ja gar nicht gewöhnt... ich kicherte und Mia schaute mich fragend an:
„Was ist?“
„Ich bin glücklich. Habe mich nur gerade gefragt, wie lange ein so gebeutelter Körper wie meiner das aushält...“
Nur um meine innerliche Aufgewühltheit noch zu verstärken lächelte sie mich strahlend an und drückte mich ganz fest. Ich hatte das Gefühl jeden Moment zu platzen. Ob dann lauter Herzen aus meinen Ohren geflogen kämen wie im Trickfilm? Ich streichelte ihr über das Haar und konnte nur dümmlich grinsen. Waaah! Ich hatte mir nicht mal annähernd vorstellen können, wie toll es war, mit Mia mehr als nur befreundet zu sein.

~*° Mia °*~

Die Zeit, die verging, ließ dieses euphorische Gefühl nicht verschwinden. Wir machten eigentlich alles wie immer, verbrachten dieselbe Zeit miteinander, aber wir entdeckten ständig neue Seiten an uns. Zum Beispiel liebte ich es Vincent unterhalb seines Ohrläppchens zu küssen, dann bekam er am ganzen Körper Gänsehaut. Ich liebte es auch, wie er mich manchmal minutenlang musterte, er schaute mich so liebevoll und zärtlich an und es war mir fast schon unheimlich, wie sehr er dann versunken war. Ich fragte ihn dann, was er denn sah, und er sagte immer:
„Dich. Ich habe mir monatelang verkneifen müssen, dich so anzusehen, ich habe viel nachzuholen.“
Er war so unglaublich lieb, er überraschte mich ständig mit irgendwelchen kleinen Aufmerksamkeiten, wenn er nicht bei mir war vermisste ich ihn fürchterlich, ich hatte fast schon körperliche Schmerzen.

Die ersten Wochen mit Vincent als meinem Freund waren wunderschön, sie gingen so schnell vorbei. An unserem ersten Monatsjubiläum saßen wir beide auf dem Teppich vor seinem großen Fenster und starrten aneinandergelehnt in die Dunkelheit, im Hintergrund lief Weezer, es war ein perfekter Moment. Nach einer Weile wandte er sich mir zu, nahm mein Gesicht in seine Hände, sah mich ganz intensiv an und gab mir einen unglaublich süßen Kuss. Als er danach sein Gesicht wieder anhob und mich anschaute, sah er so ernsthaft aus, sein Blick war so tiefgründig und bedeutungsvoll, dass ich allein davon schon Gänsehaut bekam. Er flüsterte fast:
„Ich empfinde so viel für dich, ich hatte mir nicht vorstellen können, dass das möglich ist. Du bist das Wichtigste für mich, du bist so wichtig, dass es nicht mal das richtige Wort dafür gibt. Es ist nicht nur das Gefühl, es ist alles an dir, das du so bist wie du bist, dass du mir dein Herz geöffnet hast und mich als Teil von dir ansiehst... Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich je einen anderen Menschen lieben könnte, denn das tue ich. Mia Theissen, ich liebe dich...“
Mir stockte der Atem. Er hatte diese Worte gesagt! Die Worte, die ich ebenfalls schon so oft sagen wollte. Ich begriff, dass es für ihn das erste Mal war, dass er sie aussprach und er sich das mit Sicherheit gut überlegt hatte. Ich war ebenfalls mit einer solchen Liebe erfüllt, dass ich es richtig verstehen konnte, was diese Worte bedeuteten. Er liebte mich! Dieser unglaublich gutaussehende, wunderbare, umwerfende Mensch schenkte mir sein Herz! Mir, dieser unvollkommenen, wankelmütigen Person, die von Blindheit geschlagen sich selber so lange belogen hatte. Ich musste erst einmal tief Luftholen, bevor ich irgendetwas darauf erwidern konnte.
„Ich liebe dich auch, so sehr! Ich kann nicht glauben, womit ich dich verdient habe!“
Er strahlte jetzt, ein bisschen erleichtert und überglücklich.
„Ich kann nicht verstehen, womit ich d i c h verdient habe. Du bist mehr als nur meine Freundin, du bist der Mittelpunkt meiner Welt! Und dass ich jetzt mit dir zusammen bin und dich küssen darf und dir so nahe sein darf, das überfordert mich fast, das kann mein Kopf fast gar nicht verarbeiten, ich muss mich ständig konzentrieren, um nicht völlig bescheuert neben dir auszusehen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Glaub mir, du siehst nicht bescheuert aus, Vince. Fallen dir nicht all die Mädchen auf, die dir hinterher starren, sobald du irgendwo hingehst? Fällt dir nicht auf, dass du selbst das schönste Mädchen der Schule haben könntest, ach was, der ganzen Stadt. Und dann sieh nur, du hast das Mädchen bekommen, dass du sowieso schon die ganze Zeit hattest.“
„Ich glaube, du müsstest mal öfter in den Spiegel schauen, Mia. Niemand wird mir auch nur annähernd so viel bedeuten wie du, ich kann mich glücklich schätzen, dass du mit mir zusammen sein willst! Ich fasse es nicht, dass du das nicht siehst!“
Ich nahm seine Worte mit einem leichten Lächeln hin, auch wenn ich selbst genau wusste, dass ich überhaupt nicht perfekt war, nicht im Geringsten. Aber wenn er mich sogar liebte, dann musste es irgendetwas an mir geben, was er wollte.
Er ging kurz nach unten und ich stand auf um einen Blick in den Spiegel zu werfen. Auf dem Weg dahin stolperte ich über einen Stapel Bücher, ‚Pharao‘ von Boleslaw Prus fiel mir auf den Fuß und ich schrie kurz auf, ausgerechnet ein so dickes Buch! Ich legte es auf den Stapel zurück, direkt auf einen Sammelband mit Mankell-Krimis. Dann stellte ich mich vor den Spiegel, was bitte fand er nur an mir?
Ich fand meine Haare ganz schön, sie hatten einen kräftigen dunklen Braunton und fielen mir locker auf die Schultern, aber ich musste auch einiges dafür tun, dass sie so aussahen. Mein Gesicht war nichts Besonderes, schmale Lippen, kleine Nase, normale Augen, alles nicht besonders schön oder auffallend proportioniert, ich hatte schon hunderte Mädchen gesehen, die schöner waren als ich. Ich konnte nicht länger darüber nachdenken, denn Vince kam mit einem kleinen Kuchen wieder, auf den er ein paar Kerzen gesteckt hatte.
„Hab ich selber gebacken!“ grinste er.
Ich grinste zurück und ging ihm entgegen, im Gegensatz zu mir wirkte er so anziehend! Ich konnte nicht anders, als ihn immerzu anzublicken, ich durfte mich an ihn kuscheln und ihn anhimmeln! Ich war so ein Glückskind… ich pustete die Kerzen aus und wir schnitten den Kuchen in kleine Stückchen und naschten davon. Dann reichte er mir auch noch ein kleines Päckchen, natürlich riss ich es sofort auf. Ein kleines Silberarmband kam zum Vorschein, mit einem Anhänger auf dem sein Name stand. Er legte es mir gleich um und freute sich, dass ich mich so freute. Es war ein wunderschöner Abend, besonders, weil er dieses Mal nicht ging, sondern bei mir blieb, das erste Mal, seit dem Abend an dem wir zusammengekommen waren, blieb er über Nacht. Als wir müde wurden kuschelten wir uns in mein Bett und lauschten den sanften Tönen von Cat Stevens, es war einfach perfekt. Überhaupt waren wir ein Traumpaar, wir waren füreinander bestimmt, dessen waren wir uns sicher.

Das erste Jahr verging, wir kamen in das letzte Schuljahr und liebten uns noch immer unvergleichlich. Das nächste Weihnachten und Silvester war wieder wunderschön. Wir spielten ein großes Weihnachtskonzert vor über fünfhundert Leuten, es war der Hammer. Vincent und ich fuhren wieder in den Winterurlaub, dieses Mal nur wir zwei allein. Und dieses Mal durfte er mich küssen, um Mitternacht, als das Feuerwerk den Himmel erhellte.


----++-Nach den sonnigen Zeiten kommen…Schatten-++----

Mit unserer Band ging es gut weiter. Wir mieteten uns übers Wochenende in ein Studio ein und nahmen sieben Songs für ein Demo auf. Es war sehr anstrengend, jeder hatte seine Vorstellungen. Wir waren alle zu einer utopischen Zeit aufgestanden und dementsprechend unmotiviert gewesen. Aber dann machte es doch einen Riesenspaß und jeder gab sein Bestes. Vincent musste in so einem Glaskäfig seine Parts einsingen, er fühlte sich überhaupt nicht wohl so eingesperrt. Am Ende hatten wir es geschafft, wir hielten eine CD mit unseren eigenen Songs in den Händen und waren total fertig. Wir wollten jetzt wirklich Ernst machen und unsere Musik verkaufen, Labels finden und richtige Aufnahmen machen.
Wir hatten ein T-Shirt entworfen und brauchten nun immer einen, der sie bei unseren Auftritten verkaufte. So kam Martin zu uns. Er war es auch, der irgendwelche Connections zu Dealern hatte, sodass er immer öfter etwas mitbrachte. Wir alle kifften ab und zu und mit der Zeit probierten wir auch andere Drogen. Ich fand das alles am Anfang wahnsinnig lustig und aufregend, es war unser kleiner Geheimclub. Doch mit der Zeit wurden die Folgen immer unabsehbarer, öfters liefen die Abende aus dem Ruder, besonders in Verbindung mit Alkohol. Leider konnten wir unsere Exzesse bezahlen, wir verdienten richtig Geld mit der Band. Meine und Vince‘ Eltern ahnten nichts, sie vertrauten uns bedingungslos und wir hielten alles gut von zu Hause fern. Aber im Probenraum und Backstage ließen wir es ganz schön abgehen. Wir waren gut und beliebt, unser Ruf eilte uns voraus, Vincent war ein regelrechter Star, er heizte dem Publikum ein und ließ sie mitsingen wie ein alteingesessener Profi. Ich gönnte ihn und uns den Spaß, wir waren jung, wir wollten das alles Mal mitmachen, ausprobieren, in gewissen Maßen. Doch Vincent war es, der irgendwie immer tiefer in einen ausgedehnten Drogenkonsum reinrutschte. Mit der Zeit beobachtete ich immer besorgter, dass Vince‘ Verhalten sich veränderte. Sein so ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein schwand immer mehr, er kam und ging wann er wollte, wurde schlechter in der Schule und verlor in meinen Augen an Reife und Souveränität.
Anfangs waren es nur die Wochenenden, an denen er sich gehen ließ. Ich schrieb den Drogen teilweise seinen großen Erfolg als Sänger zu, deshalb akzeptierte ich es, oder versuchte es zumindest.
Doch irgendwann kam Vince auch mit irgendetwas bedröhnt zur Schule. Da begann ich zu reden, ich machte mir furchtbare Sorgen. Er war auf einmal nicht mehr derselbe, er war ein völlig anderer geworden. Ich liebte ihn noch immer wie wahnsinnig und er mich auch, daran hatte ich nie Zweifel, er stellte mein Wohl über alles Andere und enttäuscht mich nie, ausgenommen… ja, ausgenommen mit dieser Drogensache.
Die Jungs und ich versuchten Vince zu ein paar Einschränkungen zu bringen, doch er schränkte sich nicht ein. Ich hatte eine solche Angst um ihn, dass ich von einem Tag auf den anderen komplett aufhörte, ich wollte nie wieder etwas damit zu tun haben. Ich kapierte, dass ich gerade miterlebte, in welchen Teufelskreis einen das Zeug bringen konnte. Ich weinte und bettelte ihn, er würde es auch lassen, doch immer wieder machte er weiter und er wurde immer unberechenbarer. Sein Charakter veränderte sich regelrecht, er wurde richtig kreativ, wenn es darum ging, Ausreden oder Erklärungen zu finden.
Von da an litt unsere scheinbar unkaputtbare Beziehung. Wir hatten ein tolles Jahr hinter uns, aber jetzt war die Situation zwischen uns oft angespannt und ich konnte den unsichtbaren Schatten nicht länger ignorieren. Natürlich merkten auch bald unsere Familien, was los war. Das war für mich das größte Tabu gewesen und er hatte es überschritten. Es war das Schlimmste, ihre Enttäuschung uns gegenüber zu spüren und in ihre schmerzverzerrten Gesichter sehen zu müssen. Ich schämte mich so, was brachte es, dass ich nichts mehr von Drogen wissen wollte, ich hatte mitgemacht und Vincent schaffte den Absprung einfach nicht mehr. Unsere Eltern verboten uns, mit der Band wegzufahren, ich spürte wie langsam alles über uns zusammenbrach. Jetzt war auch noch das Verhältnis zu unseren Eltern schwierig, sie versuchten alles, aber Vince hörte ja nicht mal auf mich, wir kamen einfach alle nicht richtig durch zu ihm. Er zeigte sich immer einsichtig, reuig, ernsthaft und bekümmert, aber all das strafte er in der nächsten Nacht wieder lügen, wenn er wieder abgehauen war.
Die Zeit lief und lief, und es wurde immer schlimmer. Er tauchte jetzt öfters völlig zugedröhnt mitten in der Nacht bei mir auf und murmelte wirres Zeug. Ich brüllte ihn an, schüttelte ihn, schlug ihm ins Gesicht und versuchte krampfhaft, ihn wieder zu klarem Verstand zu bringen. Aber ich hatte keine Chance, ich legte ihn ins Bett, drückte mich an ihn und versuchte ihn zum Einschlafen zu bekommen, das war der einzige Weg. Am nächsten Morgen konnte er sich dann an nichts mehr erinnern. Dann versprach er mir, dass sowas nie wieder vorkommen würde, er weinte und schämte sich und jedes Mal sah ich, dass er es ehrlich meinte und es ihm wirklich furchtbar Leid tat. Ich verzieh ihm jedes Mal. Aber bald geschah alles wieder von vorn. Irgendwann hing er an der Nadel, da wusste ich, Vincent war süchtig.

Ich ging zu Martins Haus, ich gab ihm einen großen Teil der Schuld, schrie ihn an, drohte ihm, schlug ihn. Doch ich erreichte nichts. Ich begriff, dass Martin auch nur ein Spielball in diesem Sumpf war, er war ja selber abhängig.
Seine Familie und ich schleiften Vince zur Suchthilfe und zu Beratungen, nichts zeigte irgendeine Wirkung. Der gute Wille war immer zu erkennen, aber nie hielt er es durch. Das war nicht mehr mein Vincent, weder mein bester Freund, noch der, den ich liebte, immernoch abgöttisch liebte. Jeden Tag wurden die Schmerzen in meinem Herz schlimmer, ich weinte zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester und er weinte mit uns, wenn er mal wieder auftauchte, um sich zu entschuldigen. Und das Schlimmste war, ich hatte keinen besten Freund mehr, mit dem ich darüber reden konnte. Sicher, ich hatte Nina, Alex, Marius, Janosch und Nike und Linda, aber das war nicht dasselbe. Es war nicht mein Vince.
Irgendwann verschwand er dann einfach mal für zwei Tage, niemand wusste, wo er steckte und sein Telefon war ausgeschalten. Ich stand eine solche Angst aus, dass ich dachte, ich würde jeden Moment zusammenbrechen. Lana war nach Hause gekommen und stundenlang saßen wir mit ihren und meinen Eltern im Haus herum und warteten. Irgendwann kam er, sah furchtbar aus und ich konnte ihn einfach nicht ansehen.

Nach ziemlich genau eineinhalb Jahren Beziehung war die Grenze erreicht. Vincent taumelte wieder einmal völlig losgelöst in den Probenraum. Er hatte eine Platzwunde an der Stirn und sein rechter Wangenknochen war blaugeschlagen. Der linke Ärmel seines Pullovers war abgerissen und man sah die völlig zerstochene blutige Armbeuge. Seine Lippen waren aufgesprungen und er erzählte völlig unzurechenbares Zeug. Er war ganze drei Tage nicht auffindbar gewesen. Niemand hatte ihn gesehen und ich hatte schlimmste Alpträume ausgestanden.
Ich konnte den Anblick nicht ertragen. Marius und Alex stützten ihn und versuchten ihn auf einen Sessel zu bugsieren, mir kamen die Tränen. Ich sprang auf, würdigte ihn keines Blickes und rannte so schnell es ging aus dem Probenraum, die Stufen hinauf und in Richtung meines Zuhauses. Tränen strömten mir über die Wangen, ich sah nichts um mich herum und die Trauer und die Ohnmacht und die Wut schnürten mir die Kehle zu. Ich warf mich auf mein Bett und weinte bitterlich. Ich wollte gar nicht daran denken, aber mir kamen Bilder in den Kopf, wie ich schon einmal wegen eines Jungen hier gelegen hatte. Und so tieferschüttert war. Dieses Mal war es meine Mam, die mir die Treppe hinauf folgte. Sie klopfte an die Tür und betrat den Raum. Ich wendet ihr mein Gesicht zu, sicher sah ich furchtbar aus. Die letzten Tage waren schlimm gewesen, die Ungewissheit, die Angst, die Angespanntheit... all das sah meine Mutter mir bestimmt an. Sie nahm mich in den Arm, ich klammerte mich an sie und weinte mir die Augen aus. Ich fand erst keine Worte. Die Zeit verstrich und meine Mutter Malin streichelte mir den Kopf. Dann brach alles aus mir heraus, ich erzählte ihr alles, wie fertig mich das machte, wie sehr ich ihn liebte und wie sehr er mir weh tat. Dann schlugen meine Gefühle in Wut um. Ich schimpfte und zeterte, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und legte meine Stirn in Falten. Nur um wieder zu weinen anzufangen.
Am Ende hatte ich eine Entscheidung getroffen. Ich wollte konsequent sein und ich musste auch wieder lernen, an mich selbst zu denken, ich war ein seelisches Wrack geworden. Fahrigkeit und Schusseleien hatten früher nie zu mir gehört.
Ich machte mich auf den Weg zu Vince. Draußen war alles festlich geschmückt, es war wieder Anfang Dezember, Weihnachtszeit. Juliane öffnete mir die Tür. Sie sah grau im Gesicht aus und ihre Augenringe zeigten, dass auch sie in den letzten Tagen viele Sorgen gehabt hatte. Wortlos drückte sie mich an sich. Ich war für sie wie eine Tochter und sie meine zweite Mutter, ich wusste, dass Vince ihr mit am Meisten von allen weh tat. Ich sah ihr an, dass sie sich in diesem Moment für ihren Sohn schämte.
„Er ist oben.“
Juliane trat beiseite, ich war mir sicher, sie wusste, was ich vorhatte. Ich musste mich distanzieren, sonst nahm Vince mich mit nach unten. Trotz allem, was Vince mir angetan hatte, wusste ich, dass er mich über alles liebte, er brauchte meine Nähe mehr als alles andere, er würde nur sehr schwer, wenn überhaupt verkraften, was ich ihm jetzt sagen würde.
Ich klopfte an Vincents Tür, er öffnete. Die Fenster waren abgedunkelt, ich musste mich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Langsam nahm ich ihn war, er hatte geduscht und saubere Klamotten angezogen. Seine Armbeugen waren frisch verbunden, seine Platzwunde war versorgt worden und blutete nicht mehr. Sein Haar war gekämmt und seine Augen blickten wieder klar. Beschämt schaute er zu Boden. Ich schlüpfte hinein und setzte mich auf sein Bett. Er schloss die Tür und kam näher. Ich ergriff als erstes das Wort:
„Setz dich zu mir.“
Er kam und tat was ich gesagt hatte. Er schaute mir in die Augen und wusste sofort, dass es diesmal ernst werden würde. Sofort spiegelte sich Angst auf seinem Gesicht.
„Nein!“
Er nahm meine Hände.
„Bitte, tu das nicht! Süße, es tut mir so Leid... ich weiß, ich habe dir das schon so oft angetan! Aber bitte, bitte nicht! Bitte schau mich nicht so an! Ich kann einfach nicht sagen, was mich immer dazu bringt... ich habe doch wirklich alles versucht!“
Er zog mich an sich, doch ich wand mich aus seiner Umarmung:
„Aber es geht nicht mehr. Weißt du, ich kann einfach nicht mehr! Vincent, es macht mich kaputt!“
„Mia... tu mir das nicht an... ich weiß, ich habe dir schon so viel versprochen, ich kann es schaffen! Ich will es! Ich will es! Bitte gib mir noch eine Chance, nur noch eine letzte! Einmal noch, bitte Mia, bitte!“
Er war leichenblass und umklammerte fest meine Hände, seine Augen waren geweitet vor Angst.
„Ich kann nicht! Jedes Mal wird es schlimmer! Jedes mal geht es mir schlechter! Ich kann nicht mehr schlafen, ich kann nicht mehr denken! Vincent, ich liebe dich! Ich liebe dich so sehr, dass ich dir immer wieder verziehen habe! Ich habe an dich geglaubt! Ich habe dir vertraut! Und jedes Mal, wirklich jedes Mal, hast du mich enttäuscht, verletzt, betrogen! Ich weiß nicht mehr weiter. Ich kann nicht mehr! Sieh mich an, ich bin ein Wrack! Wenn ich in meinem Leben noch etwas erreichen will, dann muss ich weitermachen!“
„Nein! Mia, bitte! Ich verspreche dir...“
Ich unterbrach ihn:
„Hör auf damit! Du hast allen so viel versprochen! Du hast sie alle belogen! Und mich am Meisten! Ich kann nicht zählen, wie oft du gesagt hast, du würdest für immer bei mir bleiben, und dennoch bist du mit irgendwelchen Leuten abgehauen, die niemand je zuvor gesehen hatte! Jeder war dir wichtiger als ich! Du hast mir mehr weh getan als ich ertragen kann. Gerade nicht von dir. Vincent, du wirst immer der einzige Mensch sein, der mich wirklich kennt. Aber ich kann das alles nicht mehr ertragen. Ich muss weiter machen!“
„Nein!“
Verzweifelt versuchte Vince mich umzustimmen:
„Ich brauche dich! Ich brauche dich so sehr! Du bist alles, was ich habe! Nichts bedeutet mir so viel wie du auf der ganzen Welt! Ich würde alles für dich geben! Alles, Mia ich werde es schaffen! Aber dafür brauche ich dich!“
„Wenn ich dir so wichtig wäre, wie du sagst, dann würdest du mich nicht so quälen! Du kannst nicht beides haben! Und du hast dich entschieden. Ich habe dir so viel Zeit gegeben! Aber falls du es nicht gemerkt hast, ich halte das alles nicht mehr aus! Auf dich zu warten! Dich so zu sehen! Zu wissen, dass du deinen Körper und deinen Geist zerstörst!“
„Mia!“
Vincent liefen jetzt die Tränen die Wangen hinunter, er zitterte am ganzen Körper. Ich weinte ebenfalls. Dann ließ ich es endlich zu, dass er mich in seine Arme nahm und wir weinten beide.
„Ich liebe dich...“
Vince sprach sehr leise.
„Ich liebe dich auch.“
Ich flüsterte ebenfalls fast.
„Ich werde dich immer lieben.“ schluchzte er, „Bitte, lass mich nicht allein!“
Wir sahen uns in die Augen. Ein letztes Mal fanden sich unsere Lippen für einen Kuss. Der letzte Kuss war lang und intensiv, aber dann war es vorbei. Ich löste mich aus Vince‘ Umarmung und stand auf. Er versuchte mich wieder an sich zu ziehen:
„Nein! Oh Gott, nein! Bitte nicht, Mia, bitte nicht! Bitte lass mich nicht allein! Ich liebe dich! Ich werde es schaffen, gib mich nicht auf!“
Er schrie es fast.
Blind vor Tränen ging ich auf die Tür zu, ich trat hinaus, schloss sie wieder hinter mir und lehnte mich von außen dagegen. Ich versuchte ruhig zu atmen und der Verzweiflung die Stirn zu bieten, die mich zu lähmen schien. Drinnen schluchzte Vincent wie ein kleines Kind, völlig aufgelöst und fassungslos. Als ich die Stufen hinunter ging, hörte ich ihn schreien:
„Ich liebe dich!!! Ich liebe dich, Mia!!“
Ich stürmte aus dem Haus und blickte mich nicht mehr um.

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