Liebeskummer ist Luxus

Autor: Parisienne
veröffentlicht am: 12.03.2010




Nach dem wir in Ruhe unseren Kaffee ausgetrunken hatten, zogen wir uns an und beschlossen nach unten zu meiner Familie zu gehen. Ich ahnte schon, dass meine Mutter wohl nahezu in Tränen ausbrechen würde, ich wusste, dass sie Mia so sehr liebte, wie ein eigenes Kind, bestimmt würde sie sich für uns freuen.
Hand in Hand stiegen wir die Stufen hinunter, unten war der weiträumige Eingangsbereich des Hauses. Meine Mutter hörte uns kommen und kam aus einem anderen Raum ebenfalls in das Foyer. Als sie uns sah, lachte sie uns an und rief ganz laut:
'Na guten Morgen! Wird aber Zeit dass ihr runter kommt! Ihr habt noch eine halbe Stunde!'Mia und ich tauschten einen verständnislosen Blick. Dann blitzte Verstehen in ihren Augen auf.
'Du meine Güte! Die Hochzeit!'
'Habt ihr das etwa vergessen? Ich wollte euch gerade holen kommen! Los umziehen! Mia, dein Kleid ist hier.'
Mit diesen Worten reichte sie mir einen Kleidersack und bedeutete uns schnellstens wieder nach oben zu gehen.
Wir hätten beinahe die Hochzeit von einer Freundin unserer Mütter vergessen, die heute in einem Schloss außerhalb der Stadt gefeiert werden sollte.
Wir rannten die Stufen wieder nach oben und lachten laut, als wir die Tür hinter uns geschlossen hatten.
'Sie hat nichts gemerkt!' grinste sie mich an.
'Wir sind Hand in Hand da runterspaziert, ein glückliches Lächeln auf den Lippen, aber sie hat nichts mitbekommen!' wunderte auch ich mich.
Mia verschwand ins Badezimmer und auch ich beeilte mich mit dem Anzug und verzweifelte fast beim Krawatte binden.
'Was machen wir jetzt?' ertönte ihre Stimme aus dem Bad.
'Du meinst, ob wir es ihnen sagen sollen?'
'Wir haben ja ein bisschen Zeit im Auto.'
'Ich weiß nicht. Irgendwie… ist das doof.'
'Du hast recht.' stimmte sie mir zu, 'Also spielen wir heute noch beste Freunde? Immerhin sind ja auch meine Eltern da… die wissen ja auch von nichts, genau wie alle anderen, oder?''Ich denke nicht. Allerdings weiß ich nicht, ob ich das aushalte.' sagte ich wirklich nicht begeistert.
Grinsend steckte sie ihren Kopf durch die Badezimmertür:
'Das schaffen wir schon. Wir können ja mal spazieren gehen. Hilfst du mir mit dem Reißverschluss?'
Natürlich half ich ihr. Sie trug ein schwarzes knielanges Kleid mit schmalen Trägern und sah so ganz anders aus als sonst, ziemlich zum anbeißen. Ich drehte sie zu mir rum und gab ihr einen Kuss:
'Das steht dir unglaublich gut.'
'Du siehst auch echt gut aus im Anzug. Hab dich schon ewig nicht mehr so gesehen.'
Ich zog sie an mich und drückte sie ganz fest:
'Wir werden heute also noch ein bisschen Geheimniskrämerei betreiben, hm?'
Sie nickte nur und grinste. Dann verschwand sie wieder im Bad um sich die Haare zu machen und ich setzte mich auf das Sofa und versuchte mich innerlich darauf einzustellen. Das passte mir eigentlich gar nicht. Allzu lange musste ich so tun, als wäre sie nur eine Freundin für mich. Und heute, wo ich am liebsten aller Welt zeigen wollte, dass wir zueinander gehörten durfte ich das immernoch nicht. Als sie dann schließlich aus dem Badezimmer kam, geschminkt und frisiert, wurmte mich das noch mehr. Ich blickte finster vor mich hin und sie erwiderte den Blick. Wir wussten beide warum. Das liebte ich so an uns, wir lagen eindeutig auf der selben Wellenlänge. Sie wollte die Tür öffnen doch ich hielt sie zu und sah ihr noch mal tief in die Augen:
'So bald sich eine Gelegenheit ergibt will ich es ihnen sagen. Ich bin es so Leid dir nicht nahe sein zu dürfen.'
Sie schloss die Augen und legte ihren Kopf an meine Brust:
'Ich weiß. Es fällt mir auch verdammt schwer… zu schauspielern! Ich hoffe, das geht überhaupt. Am Ende sieht es uns jeder an.'
In dem Moment rief meine Mam nach uns und wir beeilten uns nach unten zu kommen.'Ist alles klar mit euch?' fragte meine Mutter, die mit meinem Vater, Mias Eltern und Lana in einer Reihe standen und uns anstarrten, so kam es mir zumindest vor. Alle sahen aus wie aus dem Ei gepellt, ich muss schon sagen, zwei hübsche Familien!
'Alles bestens, wieso?'
'Ihr kamt mir vorhin irgendwie… komisch vor.'
Ich warf Mia einen Blick zu und sie errötete. Wie süß! Ich streckte meinen Arm aus um sie an mich zu ziehen, ließ ihn aber rechtzeitig wieder sinken. Ich musste mich dringend zur Konzentration zwingen, sonst wäre unsere Show schneller beendet, als uns lieb war.'Deine Tasche ist im Auto, Schatz.' sagte Mias Mam und drückte uns beide kurz an sich.'Wo ist Andi?' fragte ich Lana.
'Der hat heute nicht frei bekommen.' antwortete sie.
'Können wir?' fragte mein Vater etwas ungeduldig.
'Erst noch ein Foto, Chris, sieh nur wie toll wir alle aussehen! Wie eine Bilderbuchfamilie.'Alle rollten mit den Augen aber meine Mutter scheuchte uns alle in den Garten unter einen Baum, stellte den Selbstauslöser ein und dann grinsten wir alle in die Kamera. Nachdem es geblitzt hatte rannte sie hin und schaute sich das Ergebnis an.
'Nein, wir müssen noch ein bisschen enger zusammenrücken, Vince, nimm Mia in den Arm! Lana, deine Kette hängt schief! Mathias, guck mal ein bisschen freundlicher! Achtung, gleich geht's wieder los!'
Ich ließ mir das natürlich nicht zweimal sagen und legte meinen Arm um ihre Hüfte. Sie schaute schüchtern zu mir nach oben und streichelte meine Hand. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Witz, entweder wussten sie alle Bescheid und ärgerten uns jetzt oder das war tatsächlich Zufall.
Dann endlich waren wir abfahrbereit, ich stieg mit Mia in das Auto ihrer Eltern ein. Das konnte man uns schon abkaufen, wir wären sicherlich auch gemeinsam gefahren, wenn wir nicht ineinander verliebt gewesen wären. Mias Eltern plauderten ein wenig mit uns aber das Gespräch drehte sich um nichts Ernstes. Ich konnte meine ganze Energie und Zeit darauf verwenden Mia anzusehen. Ihre Hand lag neben mir auf dem Sitz und ich schob sie in meine. Das Risiko ging ich ein. Ich saß ganz außen und Mia in der Mitte, wir rutschten so lange unauffällig hin und her, bis wir ganz nah nebeneinander saßen, Seite an Seite. Die Spannung war fast schon greifbar und ich wunderte mich, dass ihre Eltern wirklich nichts bemerkten. In einer Kurve wurde Mia gegen mich gedrückt und ich nutzte die Gelegenheit und küsste sie ganz leise und vorsichtig unter ihrem Ohrläppchen. Sie lächelte mich glücklich an. Dann ließ ich sie wieder los und wir setzten uns gerade hin. Als wenn nichts wäre.
Als wir die Autofahrt überstanden hatten war ich total durch den Wind und eigentlich überhaupt nicht bereit für die Freunde und Bekannten unserer Eltern, die uns von allen Seiten bestürmten, so kam es mir jedenfalls vor. Die Trauung in der Kirche war zwar ganz schön, aber wir saßen ja so auf dem Präsentierteller zwischen all den Leuten, ich konnte mir nicht mal getrauen Mia nur anzuschauen! Zumindest nur sehr vorsichtig. Danach liefen wir gemeinsam rüber zum Schloss, auch da gab es für uns keine Gelegenheit, uns irgendwie näher zu kommen. Einmal begegneten sich unsere Blicke und ich legte meine ganze Wehmut hinein um ihr zu zeigen wie sehr mir diese Situation gegen den Strich ging. Aber das war schon alles. An der langen Kaffeetafel fanden wir unsere Namenskärtchen immerhin nebeneinander, bekannt in unserer Gegend war nur noch Lana, alle anderen Namen sagten mir nichts. Unsere Eltern saßen scheinbar auch woanders. Wir nahmen Platz und mit uns einige Jungs und Mädels in unserem Alter. Auf dem Platz mir gegenüber ließ sich ein Junge fallen, der mir dann doch bekannt vorkam, Sebastian, wir hatten als Kinder viel zusammen gemacht, Mia kannte ihn auch noch. Das Buffet wurde eröffnet und wir redeten ein bisschen mit Sebastian und seinem Bruder Timo. Nach dem Kaffee gab es etwas Zeit für uns. Ich bedeutete Mia mir zu folgen und wir verschwanden so schnell und unauffällig wie es ging in den Wald, der an das Schloss angrenzte. Ich nahm sie an der Hand und zog sie hinter mir her, gerade weit genug, dass wir von keinem Fenster mehr gesehen werden konnten. Endlich waren wir allein und ich legte einen Arm um ihre Hüfte und zog sie ganz nah an mich heran.
'Na Mia? Meinst du wir haben das gut hingekriegt?'
Sie legte ebenfalls ihre Arme um mich und lächelte:
'Nein. Ich finde wir sind grottenschlecht. Wenn jemand uns beobachtet, sollte es kaum zu übersehen sein, dass ich dich die ganze Zeit anstarre.'
Ich lachte, es ging mir genauso. Dann lehnte ich sie mit dem Rücken gegen einen Baum und endlich durfte ich sie wieder küssen.
Später traten wir wieder aus dem Wald heraus, ungern, aber wir mussten. Auf der Wiese, die jetzt zwischen uns und dem Schloss lag, tummelten sich jede Menge Kinder, Menschen in festlichen Sachen und dazwischen sprangen weiß gekleidete Kellner mit Tabletts voller Getränken herum. Wir taten so, als wenn es normal wäre, dass wir aus dem Wald kamen.Als erstes bemerkte ich Lanas langen hellen Rock, der sich im seichten Wind bauschte und das weiße ärmellose Top, dass richtig leuchtete. Ich konnte mich vor Lachen kaum halten als ich ihren Blick sah, den sie uns zuwarf, als sie uns bemerkte. Sie sah so aus, als wenn sie dankbar wäre, wenn sie jemand erlöste. Um sie herum standen drei Männer und sie konnte offensichtlich der Konversation nichts abgewinnen. Wir beschlossen ihr den Gefallen zu tun und nahmen sie unter einem Vorwand mit rein ins Schloss.
'Man, danke. Jetzt schulde ich euch echt was. Wo kamt ihr eigentlich her? Wart ihr heimlich eine rauchen?'
Wir warfen uns einen Blick zu und Mia schaltete zuerst:
'Vielleicht?' sagte sie geheimnisvoll.
'Ist es öde?' lenkte ich schnell wieder von uns ab.
'Naja, geht. Bevor diese Schnösel aufgetaucht sind habe ich mit Luise geredet. Das war ganz nett, aber so langsam sind uns die Gesprächsthemen ausgegangen und so viele andere kenne ich hier gar nicht. Maaan, wollen wir uns die Kante geben? Es ist ja tödlich langweilig!'Mia lachte und ich stimmte zu. Wir gingen an die Bar und holten uns ein paar Getränke, dann traten wir auf einen Balkon nach draußen und der riesige Schlossgarten lag vor uns. Gleich gesellten sich auch noch Sebastian, Timo und einige ihrer Freunde zu uns. Und dass, was mich rasend machte, war, wie einer von ihnen Mia ansah. Er war kleiner als ich, dunkelhaarig und hatte einen schwarzen Anzug mit blauem Hemd und dunklerer Krawatte an.Er fragte sie irgendwas und sie antwortete höflich. Ich roch die Bierfahne, die er bereits hinter sich herzog, konnte aber nicht hören um was es ging. Der Typ stellte sich regelrecht dreist zwischen sie und mich und lies mich außen vor. In dem Moment rief meine Mutter mich von drinnen und ich musste wohl oder übel rein gehen um zu verstehen was sie von mir wollte. Nur ungern ließ ich meine Freundin mit diesem Kerl allein, aber ich hatte ja nicht vor lange weg zu bleiben. Es war vielleicht nur eine halbe Minute gewesen, aber als ich wieder nach draußen ging fand ich Mia und den Kerl auf der anderen Seite des Balkons. Sebastian redete auf mich ein aber ich verstand nicht ein Wort, bis ich mich zwang ihn anzusehen und seine Worte bewusst wahrzunehmen.
'Sag mal, ist Mia eigentlich noch zu haben? Sie ist süß! Ich meine ihr beide seid ja nur so befreundet, nicht wahr?
'Wer ist denn der Kerl da bei ihr?' antwortete ich mit einer Gegenfrage, fast schon rasend vor Eifersucht.
'Das ist Zach, der australische Cousin von irgendeinem von hier. Er ist auch scharf auf sie, er war schon ganz nervös als er sie vorhin nirgends finden konnte.'Sie lachten, aber ich antwortete nichts mehr darauf, drehte mich einfach um und ging zu Mia und diesem australischen Schleimer, der ihr schon richtig auf die Pelle gerückt war. Ich schob mich vor ihn, sah ihn vielsagend an und sagte leise, aber scharf:
'Du musst sie entschuldigen. Aber sie hat jetzt keine Zeit mehr.'
Ich schnappte mir ihren Arm und zog sie hinter mir her wieder nach drinnen. Der Typ blieb mit offenem Mund stehen und auch Lana sah uns seltsam hinterher.
'Danke.' sagte Mia hinter mir, aber ich war noch immer ziemlich wütend und brauchte jetzt dringend eine ruhige Ecke für uns. Im Foyer bog ich in einen Gang ein und öffnete die erste Tür. Dahinter war es düster und leer, eine Art Lagerraum voller Tische und Stühle, das wenige noch verbliebene Tageslicht erhellte den Raum kaum. Ich bugsierte uns beide da rein, schloss die Tür hinter uns und zog sie so nah an mich heran wie es nur möglich war.'Ich hasse es, wie diese Typen dich anstarren.'
Und dann küsste ich sie fordernder als ich erst vorhatte, aber es kam wie von allein. Ich sah Rot wenn ich an den dämlichen Australier dachte und küsste sie nur noch mehr. Sie drückte sich an mich und erwiderte meinen Kuss, doch dann löste sie sich von mir und sagte:'Denkst du ich bin die einzige, die hier angestarrt wird? Ich würde auch gern meinen Arm um dich legen wenn eine von den aufgetakelten Tussen hier dir hinterher starrt.'
Ich seufzte und überlegte. Wir mussten diese blöde Party hier irgendwie hinter uns bringen ohne uns vor allen zu verraten.
'Ich habe keine Lust mehr auf das Versteckspiel.' jammerte ich und legte meinen Kopf auf ihre Schulter.
Sie wuschelte mir durch die Haare und sagte:
'Wenn wir es nicht mehr aushalten kommen wir wieder hier her! Hier sind wir ungestört. Und morgen erzählen wir es als erstes unseren Eltern.'

~*° Mia °*~

Ich staunte über mich selbst. Wow konnte ich rational sein! Ich stand hier in einer dunklen Kammer mit Vincent, er hatte mich gerade wie wahnsinnig geküsst und trotzdem bekam ich einen klaren Gedanken zu Stande! Anscheinend tat unser Versteckspiel meinem interaktiven Nervensystem gut. Es war also passiert. Es war dann doch alles ziemlich schnell gegangen, aber ich fühlte mich gut damit. Ich hatte mich eigentlich darauf eingestellt eine Weile abwarten zu müssen, bevor ich mich trauen würde, Vincent näher zu kommen. Aber ich konnte gestern Abend einfach nicht anders, ich musste ihn küssen. Ich hatte in dem Moment auch gar keine Angst mehr, ich kannte ihn doch, ich konnte sein Verhalten interpretieren, ich war mir sicher, er wollte es auch. Und so war es auch, ich hatte seine Aufregung den ganzen Abend schon gespürt. Er war die ganze Zeit in mich verliebt gewesen. Ich hätte nie eifersüchtig sein müssen! Ich hatte immer versucht heraus zu finden, welches glückliche Mädchen sein Herz so erobert hatte, es war so umwerfend zu wissen, dass ich es war. Ich hatte ja keine Ahnung! Ich war total überwältigt. In diesem Moment hier in dieser Kammer war ich glücklich.
Nach einer Weile hatten wir wieder genug Mut für die Party gesammelt und wagten uns zurück ins Getümmel. Vincent verabschiedete sich kurz nach unten zu den Toiletten aber ich wollte ihn nicht gehen lassen. Ich schaute mich schnell um, niemand war weit und breit zu sehen, also rannte ich ihm hinterher und auf der halben Treppe hatte ich ihn eingeholt und drückte ihm lachend einen Kuss auf. Er küsste mich zurück und so taumelten wir beide den restlichen Weg zu den Toiletten lachend und scherzend hinunter. Vor der Tür drückte er mich gegen die Wand und küsste mich genau in dem Moment als die Tür aufging. Erschrocken blickten wir in das noch viel erschrockenere Gesicht von meiner Mutter Juliane.
'Aaaah!' kreischte sie leise auf, 'Was macht ihr denn hier?!'
Ich war mir der Situation durchaus bewusst. Vincent stützte sich noch immer links und rechts von meinem Kopf an der Wand ab und war ganz nah über mich gebeugt. Allerdings waren unserer Köpfe ihr zugedreht. Keiner von uns sagte vor Schreck ein Wort, stattdessen ging die Tür neben Juliane auch noch auf und Vince' Mutter Malin erschien nichtsahnend. Ruckartig blieb sie stehen, schaute fragend von uns zu Juliane, kam aber nicht dazu etwas zu sagen, stattdessen sagte meine Mutter zu uns:
'Könnt ihr das, was ihr da eben gemacht habt bitte noch mal für Malin machen?'
'Mam!' setzte ich etwas hilflos an.
Aber Vincent unterbrach mich indem er mein Gesicht wieder zu sich drehte und mir einen zärtlichen Kuss gab.
Ich hörte Malin nach Luft schnappen, sah aber erst noch Vincent in die Augen bevor ich mich wieder unseren Müttern zuwandte. Malin stand der Mund offen und meine Mam griff dümmlich grinsend nach ihrer Hand und zog sie die Treppen hinauf. Wir hörten sie aufgeregt reden, als sie sich ein bisschen entfernt hatten.
Dann schauten wir beide uns wieder in die Augen, Vince hatte eine Augenbraue hochgezogen und grinste, ich konnte auch nicht anders.
'Das war's wohl.' sagte er trocken.
'Ich denke unsere schlechte Schauspielerei hat endlich ein Ende.'
Nach einer Weile trauten wir uns wieder nach oben, das Abendessen war schon serviert worden und wir nahmen wortlos auf unseren Stühlen platz. Lana schaute uns fragend an:'Wo wart ihr? Ich habe euch schon gesucht!'
Wir grinsten sie an und Vince gab mir ein Küsschen auf die Wange. Lana ließ Messer und Gabel, die sie in der Hand gehabt hatte fallen und unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei:'Habt ihrs endlich hinbekommen?'
'Du wusstest davon?' fragte ich sie zweifelnd.
'Klar. Schon ne Weile. Vince konnte es nicht vor mir verheimlichen.'
'Du hattest Recht. Bloß gut.' meinte er zu seiner Schwester.
Sie lächelte nur wissend und Vincent gab mir auf meinen fragenden Blick zu verstehen, dass ich die Antwort später bekommen würde.
Er stand auf, um sich an der Bar etwas zu trinken zu holen und hielt mir seine Hand hin. Ich ergriff sie und spürte augenblicklich nicht nur die Augen unserer Eltern auf uns gerichtet, sondern den ganzen Saal. Ich grinste leise vor mich hin und warf einen ganz kurzen Blick zum Tisch unserer Eltern, sie grinsten ebenfalls.

~*° Vincent °*~

Als wir wieder zu Hause ankamen war es zwar schon spät, aber ich wollte Mia einfach noch nicht alleine lassen. Ihre Eltern waren auch noch auf, sie waren schon eine Stunde eher wieder nach Hause gefahren während wir zwei und Maren den Bus genommen hatten. Hand in Hand betraten Roxy und ich das Wohnzimmer, wo ihre Eltern auf dem Sofa saßen. Malin las und Mathias sah sich ein Fußballspiel im Fernsehen an.
Sie blickten beide auf, als wir in der Tür auftauchten:
'Na, da seid ihr ja!' sagte ihr Vater ganz beherrscht, 'Wie geht es euch?'
Er schauspielerte ganz fürchterlich.
'Na los. Sagt was ihr sagen wollt!' sagte Mia herausfordernd.
Ihre Eltern warfen sich einen Blick zu und grinsten uns dann an.
'Na dann... tja. Herzlichen Glückwunsch.'
Ich konnte mir ein Lachen fast nicht mehr verkneifen. Es war zu komisch die beiden so mühsam beherrscht zu erleben.
'Ach, wisst ihr! Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, den Freund meiner Tochter kennen zu lernen.'
Wir prusteten los. Mathias verschränkte seine Arme und musterte uns aufmerksam:
'Ich hatte mir schon ein paar Fragen und Hinweise zurechtgelegt. Aber da du mein Kind wahrscheinlich besser kennst als ich selber... was soll ich dir da nur sagen?'
Malin war aufgestanden und kam uns entgegen, um uns zu umarmen.
'Ich glaube wir haben die beiden regelrecht dazu gezwungen, sich ineinander zu verlieben, schließlich haben wir euch immer zusammen gesteckt. Ihr seht wunderbar zusammen aus, das dachte ich ja sowieso schon immer.'
'Und mir fällt wirklich nichts ein, was ich dir sagen könnte, Vince.'
Mathias wirkte zufrieden.
'Ich werde gut auf sie aufpassen, das verspreche ich euch.'
'Das wissen wir. Du bist der Beste für sie.'
Malin lachte uns an.v'Ich kann dich noch nicht mal in der Familie willkommen heißen, Vince, du bist doch sowieso schon wie ein Sohn für uns. Aber ich bin so glücklich, dass du Mia selbst durch die schlimmsten Zeiten begleitet hast. Ich bin sicher, ihr beide werdet euch gut tun.'
'Wo ich jetzt so drüber nachdenke, warum sind wir nicht schon viel eher darauf gekommen, die beiden zu verkuppeln?!' sagte Mathias zu Malin gewandt.
'Das finde ich auch. Ich glaube, es gibt keine bessere Voraussetzung, als sich schon ewig zu kennen.'
'Ich kann euch versichern, dass ich sie auf Händen trage. Ich empfinde schon... eine Weile so für sie. Es ist einfach nur unglaublich für mich.'
Mia sah mich so zärtlich an, dass ich schon wieder Angst bekam, das Schwindelgefühl würde mich umhauen, und Malin legte mir eine Hand auf die Schulter und schluckte ein wenig:
'Das sieht man dir an. Außerdem haben wir sie dir schon immer absolut ohne Angst anvertraut. Wir wissen, dass du alles für sie tun würdest.'
'Ich fasse es nicht. Wie groß ihr geworden seid... Es ist wie Vorherbestimmung.'
Mia umfasste meine Hand noch fester und sagte:
'Wir gehen noch ein bisschen hoch, ja? Bis Morgen.'
'Ja, macht euch noch einen schönen Abend!' rief Malin uns hinterher.
Ich konnte hören wie sie seufzte. Und ich war froh, da hatten wir das auch noch hinter uns gebracht. Auch wenn ich nie wirklich Angst vor der Reaktion von Mias Eltern gehabt hatte, ich war so froh, dass jetzt die wichtigsten Menschen Bescheid wussten und alle positiv reagiert hatten. Nun stand uns nur noch unsere Klasse morgen bevor. Aber das machte mir nichts aus, im Gegenteil, ich freute mich wie ein kleines Kind, dass der aufdringliche Mistkerl, der vor ihr saß und sie immerzu anschmachtete, nun endlich mal mitbekommen würde, dass das jetzt allein mein Privileg war. Ich grinste schadenfroh vor mich hin. Ich würde sie demonstrativ vor ihm küssen. Und ich würde überhaupt ab jetzt jeden mit einem finsteren Blick bestrafen, der es wagen würde, sie mehr als nötig anzustarren.
Mia und ich kuschelten uns auf ihr Bett und gingen in Gedanken noch mal diesen Sonntag durch. Ich war mir sicher, dass es der schönste Sonntag meines bisherigen Lebens war, der erste Tag mit Mia als meiner Freundin.

~*° Mia °*~

Ich lag gerade an ihn gelehnt auf meinem Bett und wir kicherten bei dem Gedanken an die Reaktion meiner Eltern.
'Ich habe ihnen richtig angemerkt, wie sehr sie sich beherrschen mussten.' sagte Vince.Ich sah ihn an und es haute mich fast um. Wie hatte ich es nur all die Jahre in seiner Gegenwart ausgehalten, ohne mich in ihn zu verlieben!? Er blinzelte zwischen seinen blonden Haarsträhnen hindurch und ich war nicht mehr zurechnungsfähig. Ich nahm seine Hand und drückte ein Küsschen darauf. Er lachte und strich mir über den Kopf.
'Du bist so süß... meine kleine Puppe...'
'Sag das nicht immer!'
Eigentlich fand ich es gar nicht so schlecht. Aber das konnte ich ja nicht einfach so zugeben.'Was soll ich dann sagen? Schatz? Schnecke? Perle?' fragte er mit einem süffisanten Tonfall und einer hochgezogenen Augenbraue.
'Neeeiiin! Das ist alles schrecklich. Sag einfach, was du willst. Wie wär's mit Mia?''Das sage ich auch, aber jetzt bin ich dein Freund, jetzt will ich dieses Privileg auch so richtig auskosten.'
'Du warst auch schon vorher mein Freund.'
'Aber ich durfte dich nicht küssen.'
Und da legte er gleich eine Hand an meine Wange und küsste mich ganz zart und lang. Ich hätte die Zeit vergessen, hätte nicht mehr gewusst wo ich bin, hätte er noch lange so weiter gemacht. Aber er ließ mich wieder los, ich war regelrecht enttäuscht.
'Das darfst du nicht so oft machen.'
'Warum?'
Er sah gleich ganz erschrocken aus.
'Weil ich noch mal ohnmächtig werde. Ich wusste ja nicht, dass küssen mit dir so wahnsinnig ist, dann hätte ich das doch schon mal eher versucht.'
'Hast du ja schon mal, sogar zweimal.'
'Zweimal? Ach, du meinst das eine mal nach dem Konzert im Moon? Ich weiß auch nicht was mich da geritten hat.'
'Du hast mich total gefoltert damit! Du kannst mich nicht einfach küssen und danach is wieder nix. Ich musste mich so beherrschen...'
Er war ganz nah vor mir und ich spürte seinen Atem auf dem Gesicht. Ich konnte mich auch kaum noch beherrschen, geschweige denn ganze Sätze bilden.
'Beherrschen?'
'Ich hätte dich beinahe gepackt und nicht mehr losgelassen.' raunte er in mein Ohr.
'Ich bin mir fast sicher, dass mich das nicht gestört hätte.'
Jetzt rückte er ein Stückchen weg.
'Wie meinst du das?'
'Hättest du mich weiter geküsst, ich hätte, glaube ich, nichts dagegen gehabt.'
'Soll das heißen, ich hätte mich ein paar Wochen weniger nach dir verzehren können?'Seine Stimme klang theatralisch und er betonte das Wort ‚verzehren'.
'Vielleicht. Ich denke ich war schon da ziemlich verliebt, hab mich bloß nicht getraut, mir das zu erlauben.'
'So ging's mir auch am Anfang.'
'Dass du dir das einfach nicht eingestehen konntest? Weil ich dir so... vertraut war?''Ja. Ich hatte Riesenangst, dass ich mit so einem Geständnis unsere Beziehung zerstören würde. Du warst mir schon immer so wichtig, ich wollte das ja nicht kaputt machen.''Genau das dachte ich auch. Und es war so schwer.'
'Was?'
'Dir in die Augen zu sehen, ohne dass du was merkst.'
'Ich hab manchmal gedacht, wenn sie das jetzt nicht gemerkt hat...'
'Wenn ich dir zu lange in die Augen gesehen habe, war da schon irgendwas. Aber ich war einfach zu blind. Und bescheuert.'
'Nein, es war einfach noch nicht an der Zeit. Sieh mal, jetzt ist der richtige Zeitpunkt.'Und wieder küsste er mich. Ich griff in seine Haare und zog ihn an mich heran. Nach wenigen Minuten löste er sich schon wieder von mir, ich wollte ihn festhalten, aber er war stärker.'Mia, es ist schon so spät und morgen ist Schule. Ich sollte jetzt gehen.'
'Aber, du kannst doch bleiben! Du musst doch nicht gehen!'
Ich war ganz erschrocken, ich hatte fest damit gerechnet, dass er bei mir schlafen würde.'Ich will die Geduld deiner Eltern nicht überstrapazieren. Ich hole dich doch morgen früh ab, wie immer. Ich würde auch am liebsten bei dir bleiben, aber das ist jetzt was anderes. Wir müssen erst noch rausfinden, wie sie dazu stehen.'
'Warum sollten sie was dagegen haben?'
'Weil ich jetzt das hier mit dir mache.'
Und wieder küsste er mich, diesmal heftiger. Alles drehte sich um mich herum. Und auf einmal war es wieder vorbei. Ich rang nach Atem.
'Sie freuen sich doch für uns.' brachte ich nur mühsam hervor.
'Das soll ja auch so bleiben.'
Er war aufgestanden und nahm meine Hand.
'Bringst du mich noch zur Tür?'
'Selbstverständlich.'
Ich war enttäuscht, ich hatte mich so auf das einschlafen mit ihm gefreut. Und nun wollte er gehen, nur wegen meiner Eltern! Es war doch egal, was sie dachten. Ich schob meine Unterlippe vor und schmollte ein wenig. Er legte einen Finger unter mein Kinn und hob mein Gesicht an:
'Süße, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich bei dir bleiben will, ich will dich gar nicht mehr aus den Augen lassen, aber wir müssen vernünftig bleiben. Ich will, das alles richtig läuft, es soll so perfekt wie möglich sein, ich will das hier auf keinen Fall versauen. Und wenn das heißt, dass wir uns an neue Regeln gewöhnen müssen, dann ist das besser, als dich nicht mehr sehen zu dürfen.'
Ich wusste, dass er Recht hatte, es war nur verantwortungsbewusst von ihm. Ich war direkt ein wenig stolz, dass ich einen so vernünftigen Freund hatte. Trotzdem war ich traurig, ich wollte ihn einfach nicht gehen lassen. Wir gingen die Treppen nach unten und er setzte sich sein Cap auf und zog sich seine Jacke an. Ich drückte mich ganz fest an ihn.
'Wie soll ich ohne dich einschlafen?' jammerte ich.
'Du kannst an mich denken, das würde mich glücklich machen.' sagte er mit einem langen Blick in meine Augen.
'Das mache ich doch sowieso. Aber es ist nicht dasselbe.'
'Ich weiß, aber es muss uns erst mal genügen. Ich hab eine Idee.'
Er zog sich seine Jacke wieder aus und das blaue T-Shirt, dass er darunter trug, ebenfalls. Dann reichte er es mir mit einem Lächeln:
'Du kannst mein T-Shirt haben. Macht man das nicht so? Und ich brauch deins.'
Ich drückte das T-Shirt an meine Brust und schnupperte daran, es roch wahnsinnig gut nach ihm und seinem Parfüm. Das war eine wirklich gute Idee, sie gefiel mir so gut, dass ich gleich besänftigt war.
'Du kannst mein Halstuch haben.'
Ich wickelte es ab und hing es ihm über die nackten Schultern.
'Wirst du nicht frieren, bloß in der Jacke? Es ist nicht mehr besonders warm draußen.'
'Ich habe doch jetzt das hier.'
Auch er vergrub sein Gesicht erst mal ganz tief im Schal.
'Außerdem friere ich nicht so leicht, und weit muss ich auch nicht gehen.'
'Dann ist es ja gut. Ich hätte dir auch noch einen Pullover geliehen.'
'Damit ich ihn dir ausleiere? Schau dir mal deine kleinen, schmalen Schultern an. Das funktioniert nicht.'
Er grinste mich an und mein Herz klopfte wie wild.
'Ich muss jetzt gehen, auch wenn ich am liebsten bleiben würde. Ich werde einfach so schnell wie möglich einschlafen, dann ist es schneller morgen.'
Er zog mich an sich und ich schlang meine Arme ganz fest um ihn. Ich hob mein Gesicht für einen Gutenachtkuss und dann verließ er das Haus. Er drehte sich noch einmal um und winkte mir und ich lächelte und winkte zurück. Ich wollte ihm am liebsten Hinterherrennen und mit ihm gehen, aber ich zwang mich die Tür zu schließen und drehte mich um, um nach oben zu gehen. Meine Mutter stand in der Tür zu ihrem Schlafzimmer und sagte:
'Ist Vince gegangen?'
'Ja.' sagte ich ein wenig unglücklich.
'Komm mal her mein Schatz.'
Sie breitete ihre Arme aus und drückte mich an sich. Ich hatte überhaupt keine Lust, jetzt irgendwas mit ihr auszudiskutieren, ging aber, wenn auch wiederwillig, zu ihr.
'Wie ist es?'
'Wie ist was?'
'Na ja, ihr beide? Ist es das, was du willst?'
'Ich weiß nicht, ob ich jemals glücklicher war.'
'Auch nicht mit Nicholas?'
Vorsichtig stellte sie die Frage, die ich mir selbst schon gestellt hatte, und ich hatte eine Antwort:
'Auf jeden Fall. Mit Vince ist es... anders, intensiver, ernster. Ich glaube ich liebe ihn.''Dass ihr beide so zueinander gefunden habt ist wirklich wahnsinnig schön… ich freue mich so sehr, für euch beide! Eure Beziehung war schon immer ungewöhnlich. Er ist wie ein Bruder für dich, wie hat sich das verändert?'
'Ich weiß es auch nicht, auf einmal… war da mehr.'
'Es ist wirklich unglaublich.'
Sie schüttelte mit dem Kopf und ich fragte sie:
'Ist es komisch für dich?'
'Ich gebe zu, ein bisschen schon. Aber er ist so lieb, wie könnte ich das nicht gut finden? Er ist ein guterzogener, sehr gutaussehender Gentleman.'
'Sag das nicht so... das klingt, wie aus dem letzten Jahrhundert. Du kennst ihn doch, du brauchst dir wirklich keine Gedanken zu machen.'
'Ich weiß. Ich hoffe nur, ihr beide seid alt genug, um diese Beziehung durchzuhalten. Wenn es nicht gut geht, dann habt ihr es euch sehr viel schwerer gemacht.'
'Bitte sag so was nicht, Mama, wir könnte ich jetzt daran denken! Außerdem wüsste ich nicht, was wir falsch machen könnten.'
'Du hast recht. Jetzt schlaf schön, es ist schon so spät, morgen siehst du ihn ja wieder.'Ich umarmte sie noch einmal und dann hüpfte ich die Treppe hoch, kuschelte mich in mein Bett und auf das T-Shirt von Vince, es hatte genau die Farbe seiner Augen. Ich hatte noch gar nicht lange an ihn gedacht, da war ich eingeschlafen.




Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7