Liebeskummer ist Luxus

Autor: Parisienne
veröffentlicht am: 24.01.2010




1. Prolog

Mein Name ist Vincent Van Kaldenkerken. Meine Geschichte begann an einem Tag im November. Der schwere eiskalte Regen war kurz davor zu Schnee zu werden und die Menschen hatten die Kragen ihrer Mäntel nach oben geschlagen und versteckten sich unter unscheinbaren Regenschirmen. Ich kann mich selber nicht mehr daran erinnern, weil ich erst knapp drei Monate alt war, aber meine Eltern Martin und Juliane erzählten mir immer wieder davon und die Fotos, die von diesem Tag existieren, kenne ich alle in- und auswendig. An besagtem Tag fuhr mein Vater viel zu schnell zum Krankenhaus, meine Mutter klammerte sich ängstlich und vorwurfsvoll schimpfend am Sitz fest und meine drei Jahre ältere Schwester Lana brüllte neben mir. Wir schlitterten um die Kurven und überfuhren mehrere rote Ampeln, aber es ging uns allen gut. Die besten Freunde meiner Eltern erwarteten ebenfalls ein Kind und eben war der Anruf gekommen, Mathias hatte völlig aufgelöst und gleichzeitig unglaublich erwartungsvoll gesagt, nein geschrien, dass es nun so weit wäre. Es war der 18. November, kurz nach 17 Uhr konnte man Babygeschrei durch die Flure hallen hören, Mia war geboren worden und auch ich brüllte mit ihr. Und so begann unsere gemeinsame Geschichte mit Mias erstem Atemzug.

Wir wuchsen nahezu gemeinsam auf. Unsere Eltern kauften zwei Häuser, die nur wenige hundert Meter voneinander entfernt lagen. Mia und ich spielten jeden Tag miteinander, besuchten gemeinsam den Kindergarten und wurden zusammen eingeschult. Unsere Familien verbrachten ihre Urlaube zusammen und an den Wochenenden übernachtete ich bei Mia oder sie bei mir. Wir waren unzertrennlich, die besten Freunde. In der Grundschulzeit, in der es für Jungs noch verpönt war, mit einem Mädchen befreundet zu sein, schlug ich das erste Mal einen anderen Jungen, der etwas Abfälliges über Mia gesagt hatte. Ich wurde rasend wütend und musste meine ganze Willenskraft aufbringen, um den Jungen nicht mehr weh zu tun als nötig. Ich warf ihm noch einen warnenden Blick zu, einen so ungeheuer wutentbrannten Blick, dass er sich noch heute daran erinnern kann. Ich beschützte Mia, obwohl sie das eigentlich nicht nötig hatte, aber sie bedeutete mir so viel wie meine eigene Schwester. Ich fand es niemals komisch, ein Mädchen als beste Freundin zu haben, für mich war es vollkommen normal und eigentlich nur vorteilhaft. Mädchen sagen einem Dinge, die Jungs niemals ansprechen würden und als Gesprächspartner sind sie manchmal sehr viel angenehmer. Wir wurden älter, doch unser Verhältnis blieb immer dasselbe. Wir konnten nächtelang miteinander reden und nie gab es irgendwelche Differenzen zwischen uns, die wir nicht ausräumen konnten. Wir unterstützten uns gegenseitig bedingungslos.

Als wir um die 13 Jahre alt waren gründeten wir zusammen mit unseren Freunden Alexander Kempinski und Marius Kastellani 'Dumbmachine', unsere Band. Es begann alles damit, dass Mia zu Weihnachten von ihren Eltern eine E-Gitarre geschenkt bekam. Noch am selben Abend hatte Alex sein Schlagzeug bei uns im Wohnzimmer aufgebaut, Marius hatte seinen Bass geholt und Mia und ich saßen auf der Couch und schrammelten auf unseren Gitarren herum. Wir gingen unseren Familien dermaßen auf die Nerven, dass Marius' Eltern Mitleid hatten und uns einen Raum in ihrem Keller zur Verfügung stellten. Von da an verlagerte sich unser Lebensmittelpunkt in diesen Keller, unseren neuen Probenraum. Und es wurde ein Spitzenprobenraum, wir hatten ein paar alte Couchen aufgetrieben und einen alten Kühlschrank. Auf der einen Seite bauten wir uns ein Podest, auf dem wir dann immer spielten. Es war wirklich toll, jeden Tag nach der Schule gingen wir direkt zum Bandkeller, klimperten unermüdlich auf Gitarren herum und versuchten weitere Instrumente beherrschen zu lernen. Wir spielten Anfangs unsere Lieblingslieder nach, versuchten uns aber bald daran, eigene Texte zu schreiben und Melodien dazu zu finden. Es stellte sich heraus, dass uns das gar nicht so schwer fiel. Mia und ich hatten jahrelang Klavierunterricht gehabt, das kam uns sehr zugute, wir konnten Noten lesen und schreiben. Alex war sowieso sehr musikalisch, er beherrschte neben dem Schlagzeug auch noch Gitarre und Bass und Marius lernte immerhin schnell.
Natürlich kamen irgendwann Gerüchte auf, dass Mia und ich mehr als nur Freunde wären. Aber in Wirklichkeit war es nicht so, wir waren zusammen aufgewachsen und hatten eine ganz besondere Bindung zueinander. Wir legten Wert auf die gegenseitige Gesellschaft und wussten zu schätzen, was wir aneinander hatten. Ich hatte tatsächlich niemals in Erwägung gezogen, dass Mia mal mehr für mich sein könnte, als meine beste Freundin.

2. Wie aus heiterem Himmel

Aber irgendwann änderte sich doch etwas daran. Ich war gerade 15 geworden, Mia hatte noch ein paar Wochen bis dahin, es musste also ungefähr im September begonnen haben. An diesem Tag im September, an dem alles begann, warteten wir Jungs bereits im Bandkeller auf Mia. Bald hörten wir wie sie draußen die Treppe hinunter hüpfte, sie öffnete die Tür und betrat den Raum. Nie werde ich diesen Moment vergessen, er hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt wie eine Naturkatastrophe, ich kann mich noch immer an jede Einzelheit erinnern. Es regnete draußen und mit ihr kamen ein paar Tropfen hereingeweht. Sie war vermummt in mehrere Jacken, ihre Augen waren unter ihrer blauen Bommelmütze kaum zu sehen und ein knallrotes Blatt hatte sich in ihren langen dunkelbraunen Haaren verfangen, die ihr über die Schultern fielen. Sie schüttelte sich, als sie die Tür geschlossen hatte, das Blatt segelte zu Boden und sie rief:
'Hi! Es ist sooo kalt und ich hasse Regen!'
Wir begrüßten sie alle und sie schälte sich aus ihren vielen Sachen, bis sie in Jeans und Kapuzenpulli auf mich zu kam um mich zu umarmen, wie wir es immer zur Begrüßung taten. Ich sah sie näher kommen und es kam mir irgendwie wie in Zeitlupe vor... ihre Haare schimmerten ein bisschen im Licht der Neonröhren, sie lachte mich an mit diesem süßen Lächeln, dass mir so vertraut war wie alles andere an ihr. Ihre grünen Augen fielen trotz des schummerigen Lichtes sofort auf und ihre Wangen waren leicht gerötet von der kalten Luft. Dann stand sie vor mir, legte ihre Arme um mich und ich legte automatisch meine Arme um sie, ich war in dem Moment nicht in der Lage klar und strukturiert zu denken. Sie roch angenehm und ich spürte ihre Wange an meiner... Es war so komisch! Ich hatte ein Rauschen in den Ohren, als wäre ich unter Wasser. Da drang ihre Stimme durch den Nebel:
'Bist du schon fleißig? Was war das eben, klang cool!'
Ich brauchte eine Weile, um ihr zu antworten, ich schluckte und versuchte meine Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen:
'Die Melodie habe ich heute Nacht geträumt... hat's dir gefallen?'
Ich hörte mich selber reden. Irgendwas stimmte heute nicht mit mir. Mein Herz klopfte und ich konnte Mia nicht in die Augen sehen! Sie hatte weder etwas Besonderes an, noch hatte sie eine neue Frisur und lange nicht mehr gesehen hatte ich sie doch auch nicht! Heute in der Schule war es noch nicht so komisch gewesen.
'Das passiert mir auch manchmal. Meinst du, es wäre was für uns?'
'Mal sehen.' sagte ich leise.
Ich grübelte, als Mia ihre Gitarre auspackte und stimmte. Warum war es auf einmal so schwierig ganze Sätze zu bilden?! Ich musste mich total konzentrieren um auf ihre Fragen zu antworten und sie nicht nur hohl anzustarren. Sie kam wieder auf mich zu und legte ihre Hand auf meine Schulter, um mir etwas zu zeigen. Warum war mir ihre Berührung auf einmal so... bewusst?? Die Stelle, wo ihre Hand lag kribbelte und mir wurde heiß. Ich schaute sie an, anstatt das Notenblatt zu beachten, das sie mir hinhielt. Ich schüttelte meinen Kopf um die Gedanken loszuwerden. Schließlich wollten wir heute ernsthaft proben. Es könnte nämlich sein, dass wir in ein paar Wochen einen Auftritt haben würden. Aber während der ganzen Zeit schielte ich zu ihr rüber und freute mich jedes Mal, wenn sie mich anlächelte. Später am Abend, als wir genug gespielt hatten, gingen wir noch hoch in Marius` Zimmer. Morgen war ja Samstag, also ausschlafen. Ich hielt Mia die Tür auf und dankbar zeigte sie mir wieder ihr niedliches, kleines Lächeln, als sie sich an mir vorbeischob. Sofort zog sich ein komischer Schauer durch meinen Magen. Ich starrte ihr hinterher und vergaß fast, die Tür zu schließen. Ich lümmelte mich auf die Couch, neben Mia, sie war mir so nah... Marius schob eine DVD in den Player und der Film begann. Ich spürte Mias Arm an meinem, ich merkte, wie ich eine Gänsehaut an der Stelle bekam. Ich zwang mich meinen Kopf zu drehen und den Film zu verfolgen. Was passierte mit mir? Es war eigentlich ein Abend wie immer, wir ließen oft die Abende in Marius' Zimmer ausklingen, aber heute... Ich fühlte mich sehr wohl und gleichzeitig war ich total durch den Wind. Man konnte mich vergessen! Ich bekam nie mit, wenn mich jemand ansprach. Alex und Marius waren schon leicht genervt und musterten mich misstrauisch. Nach einer Weile lehnte Mia ihren Kopf an meine Schulter.
'Ich bin ein bisschen müde, macht's dir was aus?'
'Quatsch.' antwortete ich und zog sie an mich.
Als wenn mir das je etwas ausmachen würde. Mein Herz pochte wie wild. Es war keine ungewohnte Situation, man sah uns öfter so. Unsere Eltern bezeichneten uns immer als ‚Bruder und Schwester' und genau so beschrieb ich es auch immer. Mia schlief bald darauf ein und ich hielt sie in meinem Arm. Wie immer... Ich streichelte ihre Schulter und atmete den Geruch ihrer Haare so tief ein, dass ich mir einbildete, ihn nie wieder vergessen zu können. Pfirsich... vielleicht noch etwas Ananas oder Mango... Wieder musste ich mich dazu zwingen meine Aufmerksamkeit auf den Film zu richten. Ich bewegte mich keinen Millimeter, um Mia nicht zu wecken, sie sah so... friedlich aus. Als der Film vorbei war und alle nach Hause wollten, beugte ich mich zu ihrem Ohr herunter und flüsterte:
'Hey, wach auf...'
Sie blinzelte, dann schaute sie mich schläfrig an:
'Ist der Film vorbei?'
'Ja.' schmunzelte ich.
'Muss ich jetzt nach Hause laufen?' fragte sie mich mit großen Augen und ein wenig Missmut in der Stimme.
'Soll ich dich tragen?'
Ganz Gentleman schaute ich sie erwartungsvoll an.
'Wie, den ganzen Weg?' fragte sie ungläubig, 'Das schaff ich schon noch.'
Dann lehnte sie sich an mich und ich schloss sie ganz fest in meine Arme.
'Nur noch einen Moment wach werden.' murmelte sie.
Einige Sekunden blieben wir so sitzen, dann löste sie sich aus meiner Umarmung und stand auf, schnappte sich ihre Sachen und die Umhängetasche und verabschiedete sich. Ich tat es ihr nach und gemeinsam verließen wir das Haus. Alex musste in die andere Richtung laufen, aber Mia und ich konnten den meisten Teil des Weges gemeinsam gehen, nur die letzten hundert Meter trennten sich unsere Wege, aber heute brachte ich sie selbstverständlich bis vor die Haustür. Dort blieben wir stehen und Mia schaute mir ins Gesicht:
'Danke fürs Begleiten.'
Wieder dieses Lächeln. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden. Sie schlang noch einmal ihre Arme um meinen Hals und drückte sich kurz an mich. Dann steckte sie den Schlüssel ins Schloss und verschwand im Haus. Ich merkte gar nicht, wie ich lief, bis ich vor unserer Haustür stand. Ich kniff die Augen zusammen um wieder klar im Kopf zu werden und kramte meinen Schlüssel aus der Hosentasche. Dann schlurfte ich die Treppen hinauf bis in die erste Etage, wo mein Zimmer war. Ich ließ mich auf mein Bett fallen, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte an die Decke. So wie ich drauf war kannte ich mich nicht, ich war ja regelrecht durchgeknallt und entdeckte ganz neue Seiten an mir! Es war definitiv irgendetwas passiert.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich von Mia geträumt! Ich drehte mich um, aber natürlich war ich allein in meinem Bett. Augenblicklich verschwand die Hochstimmung, die ich nach dem intensiven Traum gehabt hatte, ins Nichts und hinterließ nur jede Menge Fragezeichen. An meinem verrückten Zustand hatte sich definitiv nichts geändert. Ich sprang auf und duschte erst einmal, um die letzten Traumbilder zu vertreiben. Mia schrieb eine SMS, das sie später vorbeikommen würde. Innerlich hüpfte ich wie ein Flummi und war gespannt, ob ich wieder so seltsam auf ihre Nähe reagieren würde, aber ich war mir fast sicher, dass es so sein würde. Ich konnte es kaum erwarten, bis sie kam. Als sie dann endlich an meine Zimmertür klopfte und mit einem breiten Lächeln eintrat war es mir, als wenn die Sonne mit ihr herein gekommen wäre. Ich grinste zurück, niemanden hätte ich jetzt lieber sehen wollen. Wie immer hingen wir in meinem Zimmer rum und hörten Musik, klimperten mit den Gitarren dazu und unterhielten uns über alles Mögliche. Wir hatten niemals Langeweile, es gab immer irgendetwas zu bereden. Immerhin fiel es mir heute etwas leichter ordentliche, zusammenhängende Sätze zu sprechen...

~*° Mia °*~

Ich schaute Vince von der Seite an. Mir fiel auf, dass er sich verändert hatte, er war irgendwie groß geworden und sah wahnsinnig gut aus. Seine blonden Haare trug er ziemlich lang und wild, seine großen, blauen Augen waren unübersehbar, wirklich unvergesslich, und seine Gesichtszüge waren sehr markant geworden. Ich wusste, dass er etwas ganz Besonderes war. Eine feierliche Stimmung befiehl mich, Vincent summte zu der Melodie, die er gerade zupfte und ich war auf einmal von einer solchen Hochstimmung erfüllt, dieser Junge da drüben rettete mir jeden Tag das Leben in dem er mich früh mit einem Becher Kaffee abholte und mich in Mathe abschreiben ließ. Ich war solch ein Glückskind, einen so guten Freund zu haben! Er hatte wahrscheinlich gar keine Ahnung, wie wichtig er für mich war. Ich wollte ihm etwas in der Art sagen, doch dann überlegte ich es mir anders. Stattdessen sagte ich:'Vince, weißt du eigentlich, dass Mariella auf dich steht? Sie hat es Nina erzählt, sie hat total von dir geschwärmt! Wie findest du sie?'
Erwartungsvoll blickte ich ihm ins Gesicht. Ich erzählte ihm immer sofort, wer sich wieder in ihn verknallt hatte, ich fand es immer unheimlich amüsant, wie er dann reagierte. Vincent war nicht so leicht zu erobern, bis jetzt hatte ihn noch kein Mädchen so beeindruckt, dass er sie in Erinnerung behalten hätte. Ich wartete immer darauf, dass er mal grinsen würde wenn ich ihm von einer Verehrerin erzählte. Aber wie jedes Mal legte er die Stirn in Falten und schaute skeptisch auf.
'Mariella? Ich mag sie nicht besonders. Wieso erzählst du mir das?'
'Hätte ja sein können, dass dich das interessiert...'
'Nee lass ma. Ich finde die echt nervig. Hab außerdem eh schon selbst gemerkt, dass die irgendwas hat. Die kann ja nicht ein bisschen ernst sein. Nur am Kichern... das finde ich so scheiße!'
Er lachte mich an. Ich grinste zurück. Aber es wird nicht mehr lange dauern, dachte ich. Bald wird er sich verlieben. Und er würde sich die Mädchen aussuchen können.

~*° Vincent °*~

Ich wunderte mich. Warum war Mia auf Mariella zu sprechen gekommen? Die interessierte mich nicht ein bisschen, sie war überhaupt nicht mein Geschmack und außerdem so zickig! Ich hasste Mädchen wie sie. Ich überlegte, warum sie mir immer wieder brühwarm erzählte, wer angeblich in mich verliebt war. Wollte sie mich verkuppeln? Ich schaute meine beste und einzige Freundin an. Sie trug heute die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und hatte leicht gerötete Wangen. Es sah niedlich aus, wie sie sich da eine Haarsträhne hinter das Ohr schob. Ich dachte, dass es nicht mehr lange dauern würde, dann würde jemand sich in sie verlieben. Ich wusste, dass es schwer für mich werden würde, wenn sie dann ihre Zeit nicht mehr ausschließlich mit mir verbringen würde, ich wurde äußerst wehmütig bei dem Gedanken. Ich machte mir in letzter Zeit oft Gedanken, ob unser Leben immer so weiter gehen würde, bestimmt nicht, das wäre einfach zu schön. Irgendwann würde sich bestimmt alles ändern. Ich hoffte inständig, dass es noch lange dauern würde.
'Du siehst gut aus, Vince.' sagte sie zu mir gewandt, 'Du bist echt verdammt gutaussehend geworden...'
Ich schaute erstaunt auf, als sie mir das so unvermittelt eröffnete. Sie lächelte mich an. Es verstärkte noch dieses besondere Gefühl in mir, ich spürte wieder dieses Ziehen in der Magengegend. Ich legte meinen Kopf schräg und ließ mir auf der Zunge zergehen, was sie da gerade gesagt hatte und dachte, dass sie auch sehr, sehr hübsch und klug und süß und witzig war...
'Du noch viel mehr.' sagte ich aber.
Sie dankte es mir, indem sie noch breiter grinste. Und ich musste wegschauen weil ich Angst hatte, dass ich irgendwie zu viel verriet.

Später am Abend gingen wir noch ins SUNSET, das war das einzige nennenswerte Etablissement in unserer Kleinstadt, in dem wir viel Zeit verbrachten in diesen Jahren. Wir trafen dort immer alle unsere Freunde. Marius und Alex natürlich, und Vincee, Nina, Linda und Janosch. Ich behielt Mia die ganze Zeit im Auge. Ich beobachtete, wie sie mit ihren Freundinnen sprach, wild gestikulierend. Sie zog Grimassen und lachte laut auf, wenn jemand eine witzige Bemerkung machte. Am liebsten hatte ich ihren skeptischen Gesichtsausdruck, dann zog sie ihre Nase leicht kraus und die Augenbrauen zusammen. Es wirkte eher niedlich als zweifelhaft. Ich sah ihr alles sofort am Gesicht an. Ich kannte jeden Ausdruck, jedes Zeichen, jede Andeutung. Ich hätte ihre Augen in allen Facetten aufmalen können, ich könnte jede Stimmung allein anhand ihrer Augen interpretieren, so vertraut war sie mir.
Und ich wusste, etwas hatte sich verändert, etwas, das ich nicht mal auszusprechen wagte, geschweige denn daran zu denken, aber im tiefsten Innern war mir bereits bewusst, was mit mir los war.

Wenige Wochen später bemerkte es Janosch. Er war ein enger Freund von mir, aber er kannte mich erst seit einigen Monaten. Vielleicht kam ihm deshalb die Beziehung zwischen Mia und mir so unnormal vor, alle anderen kannten es ja nicht anders. Janosch hatte mal wieder bemerkt, wie ich Mia den ganzen Abend durch angesehen hatte. Und da wusste er Bescheid. Als wir später bei mir zu Hause waren, sprach er es aus:
'Vincent, weißt du was ich glaube?'
'Was denn?'
Ich hatte keine Ahnung was jetzt kommen würde, völlig nichtsahnend sah ich ihn an.'Du hast ein Riesenproblem am Hals, weil du dich nämlich in deine beste Freundin Mia verliebt hast!'
Triumphierend schaute Janosch mich an. Mir stockte der Atem, langsam wandte ich mich ihm zu, meine Kinnlade fiel mir herunter und ich sagte erst mal gar nichts. Mein erster Reflex war alles abzustreiten und zu protestieren. Doch gleich schloss sich mein Mund wieder, mir wurde bewusst, dass es schlicht und einfach die Wahrheit war. Ich fühlte mich hilflos und überfordert. Ich konnte einfach nichts dagegen machen... Also räusperte ich mich, schluckte einmal und begann zu stottern:
'Wie... ich... verliebt meinst du?'
Es war das erste mal, dass ich mir gestatte das Wort auszusprechen. Es fühlte sich wie ein Fremdkörper auf meiner Zunge an und ich hatte das Gefühl, dass allein schon die Art und Weise, wie ich es aussprach, alles verriet. Janosch hatte mir direkt in die Augen gesehen und nun verzogen sich seine Lippen zu einem Grinsen.
'Ich habe so Recht...!'vIch setzte mich auf mein Bett und ließ mich nach hinten fallen, die Arme verschränkte ich unter meinem Kopf. Ich versuchte krampfhaft meine Empfindungen zu kontrollieren und meine Gedanken zu sortieren, konnte aber nicht anders als breit zu grinsen. Nach ein paar Sekunden hatte ich meine Sprache wiedergefunden:
'Was soll ich tun? Ich habe keine Ahnung, was auf einmal mit mir los ist. Aber ich weiß es auch. Ich bin so was von… verliebt… in sie... das kam von einem Moment auf den anderen... ich konnte es mir erst nicht erklären, ich wollte mir gar nicht gestatten daran nur zu denken...''Oh man... Und ich weiß endlich, warum du immer all die Mädchen abblitzen lässt...'Ich setzte mich wieder auf und schaute Janosch an. Ich interessierte mich in der Tat in keinster Weise für irgendein anderes Mädchen.
'Ich weiß. Echt beschissen klischeehaft, sich in seine beste Freundin zu verlieben.'Ich sah auf einmal wieder die Hoffnungslosigkeit der Situation und fühlte mich total dämlich. Das Glücksgefühl von eben verschwand so schnell wieder, wie es mich umgehauen hatte. Wahrscheinlich hätte man nicht niedergeschlagener sein können. Ich versuchte irgendetwas zu finden, was noch positiv war, schon um mich selbst wieder aufzubauen:'Aber es hat den Vorteil, dass ich ständig in ihrer Nähe sein kann. Ich bin ihre erste Bezugsperson, das ist ein schönes Gefühl. Ich habe echt niemals in Betracht gezogen, mich in sie zu verlieben. Ich kenne sie doch schon immer… Das glaubt mir keiner…'
'Mich wundert das nicht. Ihr werdet älter, da passiert sowas. Und, ich finde das ganz und gar nicht klischeehaft. Wirst du es ihr sagen?'
'Auf keinen Fall!'
Ich erschrak direkt. Das kam für mich überhaupt nicht in Frage. Davor hatte ich noch viel zu viel Angst.'Zumindest nicht so bald. Ich muss mir erst überlegen, was auf dem Spiel steht. Ich genieße momentan einfach, ihr Freund zu sein. Und du hältst schön die Klappe! Wenn du irgendeiner Menschenseele davon erzählt, ich schwöre dir, ich bringe dich um!'
Ich meinte es Todernst, drohte Janosch mit dem Zeigefinger und kniff meine Augen zusammen, Janosch erhob schützend seine Hände und grinste nur noch breiter.
Also war es jetzt offiziell. Ich hatte vor Janosch und besonders vor mir selbst zugegeben, dass ich in Mia verliebt war. Es war ein großer Schritt für mich, endlich konnte ich über meine nächsten Vorgehensweisen nachdenken, ich konnte endlich auf etwas hinarbeiten. Ab diesem Abend lag ich tagelang sinnlos irgendwo rum und dachte an meine beste Freundin Mia, die ich schon kannte, als sie noch winzig klein war. Ich blätterte alle Familienalben durch und ließ unser gemeinsames Leben noch einmal Revue passieren. Mia und ich als Babies an der Ostsee. Mia und ich als Kinder im Freizeitpark. Mia und ich mit 9 oder 10 zu Weihnachten. Ich kannte sie besser als mich selbst! Und ich fand sie so schön. Ich fand sie schöner als jedes andere Mädchen, dass ich kannte. Ich genoss das Gefühl in meinem Bauch und jedes Lächeln, dass sie mir schenkte. Ich wusste, ich war das erste Mal in meinem Leben so richtig verliebt.




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