Gefährliche Leidenschaft

Autor: Elvira3
veröffentlicht am: 09.01.2010




Ich schaute abermals genervt in den Spiegel. Meine Haare ließen sich heute kaum bändigen. Doch ich war hartnäckig. Einen weiteren Blick, ließ mich frustriert aufstöhnen. Ich ließ meine Hand, der den Kamm hielt, kraftlos sinken und schnaubte. 'Na gut du hast gewonnen,' entfuhr es mir. Anstatt mein kastanienbraunes Haar wie geplant in einer Hochsteckfrisur zu betonen, zog ich mir ein weißes Haargummi aus der Schublade meines Schminktisches und band mir mit geübter Zielstrebigkeit, meine chaotischen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz. Mein Spiegelbild stellte mir einen zufriedenstellenden Anblick dar. Mit einem Lächeln zog ich mir meinen schwarzen Parka um, bevor ich mein Schlafzimmer verließ um in die Kälte zu treten. Kalter Wind wehte mir entgegen. Ich spielte mit dem Gedanken wieder umzukehren und in mein kuscheliges Bett zu schlüpfen. Ein Buch zu schnappen und in eine andere Welt zu tauchen. So schnell wie der Gedanke aufgetaucht war, verwarf ich ihn wieder. Ich hatte meiner besten Freundin und so ziemlich die einzige Freundin versprochen, mir heute etwas Zeit für sie zu nehmen. Und so schmerzlich wie es war mich von meinem wunderbaren Buch zu trennen, tat ich dies ihr zuliebe. Der Schnee tauchte die Landschaft in eine wunderschöne Welt. Ich konnte nicht anders als stehen zu bleiben. Ich schaute hinaus in die große weite Landschaft. Ich lauschte dem Wind der mit meinen Haaren spielte. Ich schloss die Augen. Ich war froh in einem Dorf zu leben. Weit weg von dem Gestank und dem Straßenlärm von Städten. Das Handyklingeln in meiner Manteltasche löste meinen Tagtraum auf. Ganz benommen ging ich ran.
'Hallo?' fragte ich.
'Bist du vom Wind weggeweht worden oder hat dich ein Auto überfahren? Was schwer in einem Dorf ist, wo die Autozahl nur sehr mickrig ist. Wo bleibst du denn, Rosalia? Wenn du nicht bald herkommst komme ich und schleife dich an deinen Ohren hier her. Hast du mich verstanden? Hallo? Bist du überhaupt noch da? Hörst du mich?'
Ich konnte mir ein Augen drehen nicht verkneifen. Meine beste Freundin Carolin, eine ungeduldige und direkte Frau. Ich hatte sie früher nicht leiden können. Ich hatte sie in einem Schuhladen kennen gelernt. Die schwarzen Pumps vor mir wegnehmend hatte sie mich herausfordernd angelächelt. Und na hör mal, wer konnte schon Schuhen widerstehen? So hatten wir uns die Augen ausgekratzt bis eine von uns die Schuhe bekam. Nein, ganz so war es dann doch nicht. Schließlich waren wir zivilisiert. Wir hatten uns ein Wortgefecht geliefert und uns angezickt bis uns die Landesverkäuferin entnervt rausgeschmissen hatte. Und obwohl die Situation verrückt war, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Carolin hatte mich ganz verdattert gemustert und ich konnte mir schon vorstellen, wie sie mir innerlich den Vogel zeigte. Aber dennoch zuckten ihre Mundwinkel. Und schließlich rang sie sich zu einem Lächeln durch. Und das war der Begin unserer Freundschaft.

'Hey, muss ich mir Sorgen um dich machen?'
'Ich bin ja noch dran. Du machst mich wahnsinnig, weißt du das? Jetzt lege ich mein Buch weg um mich mit dir zu treffen und dann versuchst du, mich zu Tode zu quatschen!' Ich sprach gespielt zornig mit ihr. Carolin überging den letzten Satz, als hätte sie den nicht gehört.'Süße, ich bin so froh, dass du dein Buch weggelegt hast. Ich hatte schon Angst, das du dich für immer in dein Zimmer einnistest. Mäuschen, du bist 19Jahre, dein Leben hat gerade erst begonnen! Geh raus, feire und hab Spaß und verkriech dich nicht armselig in deinem Bett.' Carolins Stimme überschlug sich fast. Ich konnte mir geradezu vorstellen, wie Carolin hin und her lief, wie eine Katze bei Überlegungen. Das Taxi das ich bestellt hatte, bevor ich das Haus verließ, stand keine 100m mehr von mir entfernt. Ich ging darauf zu und stieg ein. Ich wechselte ein paar Worte mit dem Taxifahrer der Bob zu heißen schien und wandte mich wieder meinem Handy zu. Doch vorher konnte ich mir kein spöttischen Lächeln verkneifen. Bob. Wie Bob der Baumeister. Als der Taxifahrer mir einen bösen Blick zuwarf, fiel mir auf, dass ich den Kosenamen laut ausgesprochen hatte. Ich kniff die Augen zu und schimpfte mich innerlich. Ich hielt das Handy gegen mein Ohr und konnte gerade noch hören, wie Carolin vor Ungeduld fluchte. Ich seufzte. Ich wusste, das meine Freundin noch lange nicht fertig war. Und wie zur Bestätigung fand Carolin den Faden wieder und begann mit einer nun nicht ganz so hektischen Stimme wieder an zu reden.
'Du bist seid….na ja….du weißt schon… irgendwie…äh?!' Ich wollte mir gerade eine Haarsträhne wegwischen, verharrte aber in der Position. Ich war nun nicht mehr weit von dem Treffpunkt entfernt. Aber das meine Freundin nicht die richtigen Worte fand, war nun wirklich etwas außergewöhnliches.
'Carolin, lass uns das gleich besprechen, wenn es dir so schwer fällt. Ich bin keine 5min. mehr von dir entfernt.' Ein erleichtertes Tschüss ertönte aus der anderen Leitung und schon war die Verbindung abgebrochen. Ich schaute einige Sekunden auf mein Handy, als ob es eine Antwort auf Carolins komischen Verhalten enthielt. Dann zahlte ich dem Taxifahrer der mich dabei böse musterte. Mich schüttelte es innerlich. Ich stieg aus und ging Richtung Einkaufzentrum. Als ich den Blick von Bob auf mir spürte, beschleunigte ich mein Tempo. Als ich gerade vor dem Eingang stand, drehte ich mich kurz um und sah den flammenden Blick von Bob. Er schaute verlegen weg, was ihn rettete. Hätte er mich weiterhin gemustert, wäre ich stur umgekehrt und hätte ihm etwas gesagt, was man nicht unbedingt als freundlich bezichtigt. Und wahrscheinlich hätte ich noch höflich das Trinkgeld zurück gefordert. Ich erschrak, als ich eine warme Hand auf meiner Schulter spürte. Ich drehte mich um und sah in das Gesicht von Carolin. Sie lächelte. Ohne es zu bemerken, breitete sich auch auf meinem Gesicht ein Grinsen aus. Wie gut es tat, sie wieder zu sehen.
'Ich habe schon gedacht du bist eine leere Hülle. Schön anzusehen aber der Geist scheint weit weg zu sein.'
Ich verstand die Zweideutigkeit. Viele hätten es wahrscheinlich als Beleidigung empfunden, aber ich kannte Caro einfach zu gut um böse auf sie zu sein. Und schließlich verletzte es mich nicht, wenn sie meinen Verstand bezweifelte. Schließlich tat ich das auch hin und wieder. Ich streckte ihr meine Zunge aus und ging voran zum Einkaufszentrum. Ich staunte. Es sah wunderschön aus. Überall hingen goldene bis silberner Deko. Weihnachtsduft schlug mir entgegen. Ich atmete tief ein. Ich ging zur Rolltreppe und warf einen Blick zurück, ob mir Carolin auch wirklich folgte. Als ich sie sah blieb ich stehen und wartete, dass die Rolltreppen mich nach oben führten. Oben angekommen fand ich gleich das kleine Caffee wo ich mich früher gelegentlich mich Carolin getroffen hatte. Aber das war einmal. Es war voll und wir fanden nur schwer einen Platz. Als wir uns endlich gegenüber saßen, Carolin mit einem Becher Kaffee und Keksen und ich mit einem Becher Schokolade und einem Stück Kuchen, war ich fröhlicher Stimmung. Sie schien genauso zu fühlen, was ich an ihren strahlenden Augen erkannte. Wir aßen schweigend und ich wartete, dass sie fortfuhr. Sie seufzte, wohl wissend, dass ich sie interessiert anschaute. Sie hatte wohl gehofft gehabt, etwas Zeit schinden zu können. 'Aber nicht mit mir' dachte sich Rosalia.
'Du hast dich irgendwie verändert. Na ja. Und das erst seid diesem Ereignis. Ich möchte dich nicht bedrängen, aber du hast mit niemanden darüber geredet und ich mache mir nun ernsthaft Sorgen. Verdammt, nicht nur Sorgen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Du verfällst zunehmend in eine Depression. Ich wollte warten, bis die Zeit alle Wunden heilt. Und erst dachte ich, es ist nun soweit. Bis ich verstanden habe, das gar nichts gut ist. Denn du liest nicht nur. Du betest deine Bücher beinahe an. Und ich bin nach den Jahren endlich dahinter gekommen. Du liest um alles um dich rum zu vergessen, um dich zu verstecken. Dabei vergisst du auch deine Freundin. Rosalia, du warst mal ein so fröhliches Mädchen, das kann doch nicht alles verschwunden sein. Rosalia, nein, ich wollte dich nicht verletzen. Bitte hör mir zu…ich…!'
Doch ich hörte nicht mehr zu. Ich rannte schon aus dem Caffee. Bewusst das ich mich kindisch verhielt, indem ich wegrannte. Aber das schien mir nicht wichtig. Ich wusste auf was Carolin hinauswollte. Und als ich es erkannt hatte ist mein Herz zersplittert. Die letzten Sätze hatte ich nicht mehr verstanden. Ich wollte es nicht verstehen. Ich wusste was sie mit dem Ereignis gemeint hatte. Nämlich den Tod meiner Eltern. Der Moment der mir alles genommen hatte. Meine kindliche Fröhlichkeit, meine Liebe und meine Naivität. Ich hatte mir geschworen gehabt, niemand mehr an mich heran zu lassen. Ich wollte nicht mehr verletzt werden. Und die einzige Person die ich noch liebte, hatte mich gerade verletzt. Vielleicht nicht wissend, wie tief mich diese Worte trafen. Als ich gerade in die Kälte hinaustreten wollte, hörte ich den letzten verzweifelten Ruf. Den Ruf nach meinem Namen. Doch ich blickte nicht zurück. Ich rannte einfach. Ich seufzte erleichtert auf, als ich den Schnee unter meinen Füßen spürte. 'Endlich draußen.' schoss es mir durch den Kopf. Doch sonst vernahm ich nichts mehr, weder die Rufe hinter mir noch die spöttischen Blicken von der Menschenmenge. Ich konzentrierte mich vollkommen auf meine Füße und das die Tränen die hochzusteigen versuchten, nicht auszubrechen drohten. Ich rannte und rannte und verlor mit der Zeit meine Orientierung. Meine Seitenstechungen ignorierend rannte ich zur Brücke die ich entdeckt hatte. Ich stützte mich mit meinen Händen auf dem Brückengelände ab. Mein Atem ging schnell. Aber das einzigste was ich spürte war die eisige Umklammerung meines Herzens. 'Du bleibst gefälligst stark.' schrie eine Stimme in mir. Ich hatte alles verloren, aber nicht meinen Stolz und meine Stärke. Und das würde ich auch nicht jetzt tun. Mein Herz war da anderer Meinung, dieses wäre am liebsten in tausend Stücke zersprungen. Ich hatte Angst, dass meine Vergangenheit mich einzuholen drohte. Ich drückte meine Fingerspitzen in mein Fleisch und spürte wie ich Anfing zu bluten. Die Bilder erschienen mir vor das geistige Auge. Bilder. Blut. Mein Magen rebellierte. 'Rosalia, du hast es ohne Hilfe geschafft, wieder ins Leben zu stapfen. DU WIRST JETZT NICHT SCHWACH!' Ich strich gedankenverloren mit einer Hand über meine Haare. Ich schloss die Augen und versuchte wieder regelmäßig zu atmen. Als ich die Augen öffnete und ein Schatten erblickte, machte mein Herz einen Satz. Ich bemerkte erst jetzt, das es dunkel war und ich keine Menschenseele entdecken konnte. Der Schatten wurde immer größer. Nun bekam ich es mit der Panik zu tun. Und bald sah ich eine immer schärfer werdende Person. Ein Mann, wie ich im dritten Blick bemerkte. Er kam immer näher und schon aus der Ferne hatte ich bemerkt, das er groß und gefährlich aussah. Er stand keine 2m von mir entfernt. Meine Beine standen wie verwurzelt da, ich schaute ihn an. Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen bevor er den Abstand überwand, der uns trennte. Ich spürte seine Daumen auf meiner Halsbeuge. 'Er wird dich ersticken.' war der erste Gedanke. Und dann hörte ich das eiskalte Kichern bevor ich spürte, wie die Luft meiner Lunge entwich.







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