Wie ich auf einmal mit dem verdammt komplizierten Umstand umgehen musste verliebt zu sein...
Autor: Parisienne
veröffentlicht am: 27.02.2010
Ich stand vor dem Spiegel, ein mitgenommenes, tränengerötetes und verquollenes Gesicht blickte mir entgegen. Mein Gesicht.
Ich war wieder in Berlin und ich war froh darüber, denn ich hätte diese Sache fast nicht durchziehen können. Es hatte mir das Herz zerrissen. Niklas’ Tränen hatten in mir Emotionen ausgelöst, die ich so noch nicht kannte, es war meine erste Trennung. Hey, dachte ich, meine erste Beziehung ist vorbei, du bist kein Neuling mehr, du hast alles Mal erlebt. Ich hatte also jetzt Erfahrungen gemacht. Was für beschissen fiese Erfahrungen. Diese Trennung war heftig, die ganzen letzten Wochen waren heftig gewesen, Niklas hatte schon die ganze Zeit dunkle Vorahnungen gehabt, wie er mir erzählte. Nachdem ich ihm bestätigt hatte, dass es mit uns vorbei war, weil ich ans andere Ende der Welt ziehen würde, hatte er mir das zu erst gar nicht abgenommen, er hatte es nicht wahr haben wollen. Er versuchte mit aller Macht mich dazu zu überreden unsere Beziehung aufrecht zu erhalten, weil es einfach so sein müsste, wie er die ganze Zeit betonte. Aber ich konnte das nicht. Ich hoffte inständig, dass dieser schreckliche Schmerz in mir mit der Zeit nachlassen würde und ich in Kanada ein neues Leben anfangen könnte. Dann wäre uns beiden geholfen, auch Nik hatte die Möglichkeit sich in seinen Jungen Jahren noch mal auf sich selbst zu besinnen. Ich hatte größere Angst davor eine Kanada–Deuschland-Beziehung aushalten zu müssen und immer wieder aufs Neue weit weg zu fliegen oder am Flughafen heulend dem Stahlvogel hinterher zu blicken, als einfach alles zu vergessen und hinter mir zu lassen. Toll, das hatte ich mir ja suuuper ausgedacht. Es tat einfach nur unglaublich weh. Aber ich hatte es tatsächlich durchgezogen, ich hatte ihm in die Augen gesehen und gesagt, dass ich ohne ihn leben könnte. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn lieben würde und ich hatte es ihm bestätigt. Aber es wäre eben einfach unmöglich.
Ich würde ihn definitiv niemals vergessen, wie ich mir das so gedacht hatte. Klar, ich wusste es würde eine ganze Weile dauern, aber jetzt wusste ich: Niemals. Never ever, ich würde ihn für immer in meinem Herzen tragen. Ich ließ mich auf mein Bett fallen und blickte direkt in Niks ozeanblaue Augen. Es war ein Bild vom Februar diesen Jahres, als wir in Laax in der Schweiz waren. Er trug seine Snowboard-Montur und die Sonne brach sich in dem verspiegelten Goggle, das er nach oben geschoben hatte. Blonde Haarsträhnen rahmten sein schönes Gesicht ein. Nein, dieser Junge war der erste, den ich je geliebt hatte. Und bis jetzt auch der Einzige. Und in diesem Moment war ich mir nicht sicher, ob ich mich jemals wieder verlieben könnte.
Als Niklas gemerkt hatte, dass es mir Ernst war, und dass ich es mir auch wirklich überlegt hatte, fing er an sich mit Händen und Füßen zu wehren. Er weinte und schrie, beteuerte mir seine Liebe, sagte er wäre NICHTS ohne mich und wöllte nicht eine Sekunde ohne der Gewissheit leben, dass ich da wäre. Ich weinte mit ihm, es war der reinste Horror. Dann nahm er meine Hände, und ich liebte das Gefühl noch immer. Seine Hände waren immer wärmer als meine. Dann nahm er mich in seinen Arm und wir schluchzten uns gegenseitig in die Schultern. Schließlich küsste er mich und der wohlige Schauer, der mir den Rücken hinunter lief hätte mich beinahe dazu gebracht zu sagen: Vergiss alles was ich gesagt habe, vergiss ALLES... Ich musste so schnell wie möglich dafür sorgen, dass seine bebenden Lippen meinen fernblieben, das war ja nicht auszuhalten. Er griff in mein Haar und küsste mich fordernder, härter. Sein Körper drückte mich an die Wand und ich war kurz davor alle meine Sinne zu verlieren, mich ganz seinen Berührungen hinzugeben. Aber das war der falsche Weg, verdammt noch mal, er versuchte hier mit allen Mitteln der Kunst mich davon abzuhalten ihn zu verlassen. Und er beherrschte es ziemlich perfekt, mich von allem abzubringen, dafür musste er mich nur so küssen, wie er es gerade tat. Seine Leidenschaft umschloss mich, gelang durch jede Pore in mich hinein, ich wollte und konnte mich nicht wehren. Sein Geruch war allgegenwärtig und wirkte auf mich immer noch wie das stärkste Aphrodisiakum.
STOPP.
Ich drehte mein Gesicht weg von ihm und atmete schwer, er genauso.
„Das ändert nichts an der Situation.“ brachte ich hervor.
„Ich liebe dich.“ sagte er, ohne auf mich einzugehen und zwang mich ihn wieder anzusehen, in dem er meinen Kopf einfach zu sich zurückdrehte.
Bevor ich noch irgendwas sagen konnte spürte ich schon wieder seine Lippen auf meinen und er legte sich total ins Zeug, ich war schon wieder kurz vor’m Hyperventilieren. Ich wollte etwas sagen, aber er ließ mich nicht, er verstopfte meinen Mund einfach mit seinem. Ich konnte auch nicht einfach gehen, er hatte seine Hände links und rechts neben mir an der Wand abgestützt und er war einfach viel stärker als ich.
„Du denkst doch nicht wirklich, dass ich das so einfach hinnehme.“ hauchte er mir zwischendurch in mein Ohr, danach begann er daran herumzuknabbern. Seine Lippen wanderte weiter meinen Hals hinab und ich hatte endlich den Mund frei zum reden:
„Wir haben doch keine Wahl...“
„Es gibt immer eine Wahl.“
„In diesem Fall... oooh... keine.“ seufzte ich, während er genau wusste, wo er mich küssen musste um mich wahnsinnig zu machen.
„Ich lass dich nicht gehen.“
„Ich werde aber gehen. In ein paar Wochen...“
„Nein.“
„Doch, Nik!“ mit diesen Worten versuchte ich ihn von mir wegzudrücken, aber er umklammerte mich nur noch fester und steckte mir wieder die Zunge in den Hals. Schließlich wehrte ich mich aber mit Erfolg und er ließ mich los. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt wirklich Angst, dass ich es nicht schaffen würde. Mein Kopf war voll, voller Gedanken überschattet von Gefühlen, ich fühlte mich eingehüllt in dichten Nebel. Ich konnte mich nicht mehr auf mich verlassen, was ich tat und sagte kam mir falsch vor aber dennoch redete mein Kopf mir ein, dass es richtig war. Mein Herz und mein Kopf prügelten sich in mir drin.
Und da war ich nun. In meinem Zimmer, allein, mit gebrochenem Herzen (mein Kopf hatte gewonnen, dieses doofe Arschloch) und vor Leid schreiender Seele. Das war es also, Liebeskummer. Ich fand, dieser Umstand wird eindeutig unterschätzt.
Wir hatten uns lange in den Armen gelegen und geredet und jede andere Möglichkeit, die wir hatten, abgewogen, aber ich war immer zum selben Ergebnis gekommen. Egal, wie oft und deutlich er mir gesagt hatte, dass er mich lieben würde und auf jeden Fall trotz der Entfernung mit mir zusammen bleiben wollte, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Ich wollte einen kompletten Bruch, er wollte wenigstens mit mir befreundet sein. Ich wollte ihn am besten nie wieder sehen, er überlegte schon, wann er mich das erste Mal besuchen kommen wollte. Ich wollte es, oh, ich konnte gar nicht ausdrücken WIE SEHR ich das wollte, aber ich wusste auch, dass ich dem Schmerz dann nicht gewachsen wäre. Ein glatter Bruch wäre – wie so oft – bestimmt einfacher. HA! Das redete ich mir ein, aber wie zum Henker sollte ich das nur überleben? Ich floh schließlich vor ihm und seinem schönen, traurigen Gesicht und seinen Lippen, die mich jedes Mal an den Rand der Ohnmacht brachten, wenn er erst mal loslegte. Niks Mutter weinte auch, sie schloss mich in ihre Arme und blickte fassungslos in meine Augen. Ich war ganz froh, dass sie mich trotzdem ich ihrem Sohn das Herz brach noch leiden konnte. Niklas verabschiedete sich apathisch von mir. Seine Augen wirkten starr und sein sonst so freches und häufiges Grinsen ließ er nicht ein einziges Mal durchblicken. Er war tief verletzt, wer könnte es ihm verdenken? Er hatte nie daran gedacht, dass es mit uns mal vorbei sein könnte. Ich hatte ihm das Schlimmste angetan, was man einem Menschen antun konnte, ich hatte das Vertrauen missbraucht und ihm das Gefühl gegeben, dass ich ihn nicht genug liebte. Ich hatte gleichzeitig alle seine Zukunftspläne durchkreuzt, die mal unsere gemeinsamen Pläne gewesen waren. Ich verließ ihn obwohl die Liebe nicht mein Problem war. Paradox, völlig unerklärlich, aber in meinem Kopf machte es einen Sinn! Ich floh vor der Fernbeziehung, der wirklich fernen Fernbeziehung – und vor der Angst irgendwann doch von ihm verlassen zu werden. Obwohl es dafür keine Anzeichen gab, ich war mir sicher, dass ich nicht wegen ihm hier bleiben konnte. Ich würde es bereuen. Niklas Maybach war ein Gott und ich war ein Durchschnittsmädchen, das war ein schönes Märchen gewesen und nun war es zu Ende und ich war in der Realität angekommen. Ich hatte mich gegen ihn entschieden, weil ich mit meinen 17 Jahren eine solch richtungsweisende Entscheidung für einen Menschen einfach noch nicht treffen wollte und konnte. Also schaltete ich mein Herz einfach aus, dann konnte es mir auch nicht weh tun. Ich wollte ein schnelles Ende.
3 ½ Wochen später
Mein Kopf schmerzte und das brachte mich dazu aus meiner Traumwelt aufzutauchen und mich wieder der Wirklichkeit hinzugeben. Ich blickte aus dem Bullauge links von mir auf eine dichte Wolkendecke und wandte mich dann nach rechts um, wo über den Gang meine Eltern saßen und sich gerade glücklich in die Augen sahen, während sie mit einem Glas Sekt anstießen.
Schnell lenkte ich meinen Blick woanders hin, zu dem Monitor vor mir, der mich darüber informierte, das das Flugzeug, in dem wir saßen, soeben mit dem Landeanflug auf Montreal begonnen hatten. Von Montreal aus würden wir dann noch einmal einen 3500 Km langen Inlandsflug bis nach Calgary in Alberta antreten. Ich hatte Deutschland tatsächlich den Rücken gekehrt. Dabei hatte ich nicht mal was gegen Deutschland, wie viele andere Auswanderer, ich mochte mein Leben dort eigentlich. Und trotzdem freute ich mich auf das neue Land und die neuen Lebensumstände.
Gestern war ich noch mit einem schicken schwarzen Kleid auf meinem Abiball gewesen und hatte mein durchweg gutes Zeugnis in Empfang genommen. Nicht nur, dass sich dadurch meine Chancen auf ein gutes College in Kanada noch erhöhten, es war auch irgendwie ein Befreiungsschlag gewesen, das letzte, das noch gefehlt hatte. Und dass es trotz der schwierigen Zeit so gut geworden ist, war wie eine Genugtuung für mich.
Ich war gestern nicht besonders in Feierlaune und meine Familie und ich sind dann auch recht schnell gegangen. Nicht nur aus diesem Grund. Nein, überraschend war Nik aufgetaucht, im Anzug, gekämmt und mit einem Blumenstrauß. Wir hatten uns auf die Damentoilette verzogen und er hatte mich gebettelt bei ihm zu bleiben oder ihm zumindest noch mal eine Chance zu geben. Es war daraus hinausgelaufen, dass wir beide weinend voneinander Abschied genommen hatten. Ich hatte ihm nur weh getan und sein unaussprechlicher Schmerz war ihm regelrecht in die Augen geschrieben. Daran zurückzudenken tat mir am allermeisten weh, es war einfach nicht fair. Ich tat ihm etwas solches an, obwohl ich ihn doch liebte! Am Ende war er zu verletzt gewesen, zu enttäuscht von mir. Er war wütend und fast schon zornig und konnte meine Gedanken einfach nicht nachvollziehen. Ich wusste, wir würden es sicher nicht auf die Reihe bekommen, Freunde zu bleiben.
Nach einer langen Odyssee kamen wir endlich in Calgary an. Kaum waren wir aus der Abfertigungshalle heraus wurden wir von lautem Gejubel empfangen. Deutschland- und Kanada-Fahnen wehten mir um die Ohren während ich enthusiastisch von Brust zu Brust weiter gereicht wurde.
„ROXY! Oh my god, how beautiful you are!” und
“You`re already grown up!” wurde ich von mir fremden Gesichtern begrüßt und ich konnte während dieses ersten stürmischen Momentes nicht wirklich erkennen wie viele Personen es eigentlich waren, die mich da drückten und küssten und abschlabberten. Sofort verfiel die Unterhaltung ins englische und mir wurde bewusst, dass das von nun an Alltag für mich sein würde. Zu Hause würde sicherlich noch deutsch gesprochen werden, aber das Englische war es, das ich von nun an täglich hören würde. Ich fragte mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Alissa sagte, dass man irgendwann sogar englisch träumt.
Nun stellte ich mich aber erst mal meinen Verwandten. Nachdem die typisch nordamerikanische Herzlichkeit an uns ausgelassen worden war und alle genug geheult hatten, versuchte ich mir die Menschen einzuprägen. Da waren erst mal Tante Julienne und Onkel Pete, Papas ältester Bruder und seine Frau, und Onkel Harris und seine Frau Emmy. Dann guckten mich die ganze Zeit zwei Jungs in meinem Alter auffällig an und grinsten, sobald sich unsere Blicke begegneten, es waren meine Cousins Austin und Jesse. Jesse’s Schwester Annie kannte ich bereits vom Telefon, sie war ebenfalls 17 und hatte einen langen dunkelblonden Zopf. Dann war da noch der kleine Nathan, 7 Jahre alt und Austins kleiner Bruder. Außerdem waren noch eine Menge andere Leute dabei, die mehr oder weniger verwandt mit meinem Vater waren, aber ich sah mich nicht in der Lage, mir diese Namen und Gesichter auch noch zu merken.
Es zog sich noch eine ganze Weile hin, ehe wir den Flughafen verlassen konnten. Mein Vater besorgte uns einen Van als Leihwagen, solange er hier noch kein Auto gekauft hatte. Meine Mutter musste am Flughafen ein Interview über sich ergehen lassen, weil sie die einzige ohne kanadische Staatsangehörigkeit von uns war. Nachdem die Behörden ihre Beziehung zu meinem Vater NICHT als Scheinehe eingestuft hatten durften wir dann gehen. Sie müssten sich noch mal bei den Behörden von Calgary melden um ein Visum für einen längeren Aufenthalt zu bekommen.
Zuerst kamen wir im Haus von Onkel Pete und seiner Familie unter. Er schien ganz cool drauf zu sein und bat mich sofort, ihn nur Pete zu nennen. Das Haus, in dem sie am Stadtrand lebten, war riesig und durchaus modern eingerichtet. Das untere Stockwerk hatte fast keine Wände und war eine Kombination aus Empfangshalle, Wohnbereich, Esszimmer und Küche. Im oberen Stockwerk hatte die Familie ihre Schlafzimmer und auch meine Eltern bekamen dort ihr Gästezimmer. Ich ging mit Austin in den Keller, wo er sein Zimmer hatte und wo auch ich ein kleines, aber süß eingerichtetes Übergangsquartier erhielt. Er half mir beim Koffer tragen und Auspacken und erzählte mir dabei von seinem Studium und den Sachen, die kanadische Teenager hier so veranstalteten. Anfangs und besonders zusammen mit seinem Cousin und anscheinend auch bestem Kumpel Jesse schien er mir ein kleiner Chica-Chaser zu sein, im Flughafen hatten die beiden mich viel zu aufdringlich angestarrt und auch jedes andere halbwegs hübsche Mädchen bekam einen neugierigen Blick zugeworfen. Aber als wir beide allein waren verhielt er sich höflich und durchaus ein wenig zurückhaltend. Er gefiel mir ganz gut mit seinem dunklen Haar, dass er in diesem typischen cooler-Snowboarder-Haarschnitt trug (dass er den Wintersport genauso mochte wie ich hatte er mir gleich erzählt, und es war auch unschwer zu erkennen, an seinen vielen Bildern an den Wänden), aber ich hatte weiß Gott keinerlei Interesse an irgendeinem männlichen Geschöpf. Mal ganz davon abgesehen, dass ich definitiv mit niemandem aus meiner Verwandtschaft je etwas anfangen würde! Viel zu schmerzhaft kam mir sofort wieder Niks Gesicht in den Sinn, wie ein Messer, das mich verletzte, fühlte es sich an. Ich vermisste ihn unbeschreiblich und all die neuen Leute und die schöne Landschaft, das ganze Abenteuer Kanada war schwer zu genießen, ohne ihn. Ich fühlte mich merkwürdig taub, wie kaltgestellt. Als würde ich erst dann wieder zu mir selbst finden, wenn ER endlich bei mir sein würde. Ich merkte was es war, eine Hälfte von mir war nicht mit in Kanada. Sie war bei Nik geblieben.
Die darauffolgenden Tage waren angefüllt mit Terminen, Hausbesichtigungen und Besorgungen aller Art. Ich bekam einen Studienplatz an der University of Calgary, hatte aber noch über zwei Monate Zeit, bis es mit dem Herbstsemester losgehen sollte. Austin und Jesse nahmen mich oft mit in die Berge, wo wir snowboardeten bis zum abwinken und ich fing langsam an besser zu werden und versuchte mich an einigen ersten Tricks. Ansonsten besorgten mir meine Cousins auch einen kleinen Job in einer Bar, in der sie selbst auch kellnerten. So verbrachten wir viel Zeit gemeinsam und ich fand schnell Anschluss in ihrem Freundeskreis.
Und Niklas? Ich vermisste ihn. Jeden Tag, jede Sekunde und die Zeit verging und es wurde nicht weniger. Ich suchte mir Ablenkung. Nach meinen Schichten in der Bar gab ich mir noch mit Austin und Jesse die Kante und dann machten wir sinnlose und bescheuerte Sachen. Wir rannten die gefühlten Millionen Stufen des Calgary-Tower nach oben und sprühten oben alles mit Graffiti voll. Am nächsten Morgen holten uns die Cops ab weil es natürlich Überwachungskameras gab. Ich konnte froh sein, dass ich auch die kanadische Staatsangehörigkeit hatte, sonst hätte das für mich bestimmt Ärger gegeben. Ein anderes Mal fuhren wir mit Jesse‘s Auto in die Berge und schlossen einen Lift kurz um die stockdunkle Piste nachts für uns allein zu haben. Wir konnten gerade so vor einem Wachmann flüchten. Nach dieser Aktion stolperten Austin und ich ziemlich betrunken die Kellertreppe bei ihm zu Hause nach unten und versuchten nicht zu laut zu kichern. Er stützte mich, weil ich schon ganz schön schlecht zu Fuß war und als ich auf einer der letzten Stufen den Halt verlor, fing er mich auf. Da lag ich auf einmal in seinen Armen und unsere Gesichter waren sich ganz nah… Für Sekunden blickten wir uns in die Augen und das Mondlicht spiegelte sich in seinen Augen wieder, da passierte es. Er beugte sich nach vorn und küsste mich. Ich brauchte eine Weile um das überhaupt erst mal zu begreifen, dann riss ich meine Augen auf und begann wild um mich zu schlagen. Austin hielt meine Arme fest und sprach beruhigend auf mich ein:
„Rox! Roxy, hör auf, was ist denn los? Ist ja schon gut!“
Ich hörte auf mich zu wehren und fing stattdessen an zu weinen. Ich hatte keine Ahnung was das alles sollte, ich war nicht Herr meiner Sinne und es passierte alles wie von selbst.
„Roxy, was hast du denn? Es tut mir leid, ich wollte dir nicht weh tun oder was auch immer mit dir los ist! Heeey, das wollte ich nicht…“
Ich schluchzte nur noch bitterlicher. Ich konnte nicht aufhören. Austin packte mich am Arm und bugsierte mich in mein Zimmer. Er zog mir nur die Schuhe aus und legte mich dann ins Bett, während ich immer noch weinte. Ich ließ alles apathisch über mich ergehen und merkte noch, wie er mir eine Weile sanft über die Stirn streichelte. Ich konnte das Schluchzen langsam abstellen, aber das Gefühl von völliger Einsamkeit, unglaublicher innerer Leere und unbeschreiblicher Traurigkeit blieb. Ich versuchte erst gar nicht einen klaren Gedanken zu fassen ich wollte einfach nur schlafen und alles vergessen. Ich war zu betrunken um meiner komischen Reaktion auf Austins Kuss eine tiefere Bedeutung beizumessen, aber ich verdrängte gewisse Sachen einfach. Ich WOLLTE gar nicht genauer nachdenken. Also bat ich Austin leise um ein Schlafmittel, was er mir augenblicklich mit einem Glas Wasser auf dem Tischchen neben meinem Bett abstellte.
„Nimm das und dann mach einfach die Augen zu… ich hoffe du schläfst schnell ein… Morgen sehe ich nach dir, okay?“
Als er schließlich zugesehen hatte, wie ich die beiden Tabletten geschluckt hatte verabschiedete er sich und schlich aus meinem Zimmer, nicht ohne mir noch einen stirnrunzelnden Blick zuzuwerfen.
Bevor ich einschlief warf ich noch einen Blick auf mein Handy, es zeigte eine neue Nachricht von meinem Bruder, aber ich legte das Telefon enttäuscht wieder weg. Nicht das, was ich sehen wollte. Nik… oh dieser Name… hatte seit meinem unseligen Abiball nichts mehr von sich hören lassen. Keine Mail, keine SMS, er ging nie ans Telefon wenn ich anrief und ich konnte es ihm nicht mal verdenken. Jeden Tag blickte ich unzählige Male auf das kleine Display, wo noch immer sein Bild den Hintergrund schmückte und hoffte und betete, dass er mir wenigstens nur was ganz kurzes schreiben würde. Drei Wochen war es schon her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen hatte und damals waren seine Augen voller Trauer und Unverständnis gewesen.
Am nächsten Tag erwachte ich gegen Mittag – und war noch immer völlig durch den Wind. Die Traurigkeit schnürte mir noch immer die Kehle zu. Sofort blickte ich wieder auf mein Handy – nichts. Ich fühlte mich wie gerädert, als ich meine Beine aus dem Bett schwang und unglücklich mein Spiegelbild betrachtete. Fein, Roxana, dachte ich, ich sah grauenvoll aus, Augenringe, fettige Haare und Make-up-Reste überall. Ich zwang mich in die Dusche und stiefelte danach die Treppen nach oben um einen Kaffee zu trinken. Meine Eltern waren grad nicht gut auf mich zu sprechen, wegen der Graffiti-Sache und weil ich durchgängig schlecht gelaunt war, seit wir in Kanada lebten. Na und? Ich war auch nicht gut auf SIE zu sprechen, immerhin waren sie doch Schuld an allem, oder? Einfach auszuwandern und mich zu einer solchen Entscheidung zu nötigen. Ich war momentan kurz vor der Depression, so kam es mir vor. Ich war absolut am Tiefpunkt. Und ich wollte nicht darüber nachdenken, wie es anders hätte sein können.
Also erntete ich auch heute nur einen schiefen Blick von meiner Mutter, aber Gott sei Dank war sie zusammen mit meinem Vater gerade auf dem Weg in die Stadt und sie hatten keine Zeit für ein Verhör. Besser so. Onkel und Tantchen waren arbeiten und der kleine Nate in der Schule – blieb also noch Austin, mein lieber Cousin. Er kam in die Küche, als ich gerade ungeduldig vor dem Kaffeeautomaten stand und darauf wartete, dass die Tasse endlich voll würde.
„Hey, Roxy.“ sagte er ruhig aber in seiner Stimme schwang etwas Fragendes mit.
Ich brummte nur zur Begrüßung, mit diesem Typen hatte ich auch erst mal noch ein Hühnchen zu rupfen. Mir fiel es gerade wieder ein, hatte er mich gestern tatsächlich geküsst? Hatte er sie eigentlich noch alle?
„Geht’s wieder?“ fragte Austin weiter während er sich ein Croissant aus dem Körbchen nahm und hinein biss.
„Hm.“
Ich setzte mich mit meiner nun randvollen Tasse schwarzen Gebräus zu ihm an den Tisch und blickte ihm durchdringend in die kaffeebraunen Augen:
„Du hast mich geküsst.“ stellte ich fest, ohne meinen Blick abzuwenden.
„So ist es.“ erwiderte er und hielt meinen Augen stand, was ich nicht erwartet hatte. Und er fuhr gleich darauf fort: „Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es dir gefallen hat. Kannst du mir mal erklären, was in dir vorging?“
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“
„Hey, du hast geweint, als wenn die Welt untergehen würde, machst du das immer, wenn dich jemand küsst?“
„Nein!“ rief ich lauter.
„Und warum...“
Aber ich unterbrach ihn einfach:
„Ich will nicht darüber reden!“
„Das musst du aber! Du kannst nicht einfach weinen und mir dann nicht sagen, was mit dir los ist!“
„Und du kannst mich nicht einfach küssen!“
„Vielleicht habe ich das ja auch nicht einfach so getan, hast du darüber schon mal nachgedacht?“ brüllte er zurück.
„Nein, weil ich es gar nicht wissen will!“
„Du wirst es aber erfahren! Ich habe mich in dich...“
„STOPP! ICH WILL DAS NICHT HÖREN, VERDAMMT!“ unterbrach ich ihn wieder, bevor er noch dieses unsäglich Wort aussprechen konnte, dass ich nie wieder aus einem anderen als Niklas’ Mund hören wollte, „Vergiss es, sofort! Du bist nicht nur mein Cousin, und man könnte meinen, dass sich das schon allein deswegen von selbst verbietet, nein, du kennst mich erst seit drei Wochen und hast doch überhaupt keine Ahnung, wie ich bin und was ich in Deutschland zurückgelassen habe! Also, denk nicht mal dran! Ich bin mir sicher, es gibt genug College-Girls, denen du deine Aufmerksamkeit zukommen lassen kannst. Aber ich bin und bleibe für dich ein absolutes No Go!“
Er blickte mich seltsam an, blieb aber ruhig und schluckte einmal.
„Außerdem hast du gestern ja gemerkt, dass du vielleicht ganz gut dran bist, ohne mich.“ sagte ich leiser und richtete meine Augen auf den vor mir stehenden Teller.
Eine Weile blieb es still. Irgendwann räusperte sich Austin und schien nach den richtigen Worten zu suchen:
„Also... bleibt es zwischen uns einfach so, wie in den vergangenen Wochen? Ich habe Mist gebaut und es tut mir Leid, es... es war idiotisch von mir. Ich weiß auch nicht, wie ich auf einmal darauf gekommen bin, es hat sich irgendwie ergeben.“
„Okay. Vergessen wir’s. Aber du darfst sowas nie mehr machen, okay? Gott, denk mal daran, was deine Mutter dazu sagen würde...“
Er lachte ein wenig. Sie hat es glaube ich schon geahnt. Sie hat mir am Anfang gesagt: ‚Lass die Finger von deiner Cousine!’, mit ihrem fiesen drohenden Blick.
Ich verdrehte meine Augen und blickte in den schon halb leeren Kaffeepott.
„Du willst also nicht darüber reden, was gestern mit dir los war, ja?“
„Nein.“
„Du solltest aber darüber reden, glaub mir!“
„NEIN!“ antwortete ich schon wieder gereizt.
„Okay, okay.“ Austin hob entschuldigend seine Hände, „Aber wann immer du denkst du möchtest doch darüber reden, komm zu mir. Ich bin da und ich werde dir zuhören.“
Ich sah ihn nur noch einmal an und nickte kurz, dann wechselten wir das Thema und begannen den neuen Tag zu planen. Ein weiterer langer Abend mit viel Potenzial für Dummheiten lag vor uns.
Bevor meine Schicht in der Bar begann lag ich auf meinem Bett und dachte an Niklas. Ich versuchte mir sein Gesicht heraufzubeschwören und dachte daran, wie es sich angefühlt hatte, wenn er mich küsste. Ich dachte an romantische Szenen die wir beide erlebt hatten, wie zum Beispiel auf dem Lift in Colorado, wo er mir das erste Mal ‚Ich liebe dich’ gesagt hatte. Automatisch rechnete ich die Zeit zurück und kam darauf, dass es bei Nik zu Hause gerade um die Mittagszeit sein musste. Genau die richtige Zeit für einen Anruf, oder? Ich nahm mein Handy in die Hand und wählte seine Nummer, wie so oft in den letzten Wochen. Ich rechnete nicht damit, dass er dieses mal abheben würde. Das Freizeichen kam und die wenigen atmosphärischen Störungen nahm ich kaum noch wahr. Es tutete zweimal, dreimal... auf einmal knackte es in der Leitung:
„Roxana.“
OH MEIN GOTT! Ein Stromschlag jagte durch meinen Körper, von oben nach unten. Seine Stimme war klar und deutlich zu hören, als säße er neben mir, aber es schwang etwas Unheilvolles darin mit. Er war nicht glücklich mich zu hören.
„Nik!“ brachte ich nur hervor, viel zu überrascht um nachzudenken, was ich ihm eigentlich sagen wollte oder warum ich angerufen hatte.
„Roxana hör auf mich anzurufen! Du wolltest doch keinen Kontakt mehr und ich kann es nicht! Ich kann das nicht! Es tut mir weh jeden Tag deinen Namen auf meinem Display zu lesen, verstehst du das? Hör damit auf!“
„Ich... Nik!“ wiederholte ich nur, Tränen standen mir in den Augen und ich sehnte mich so sehr nach ihm.
„Leb wohl! Und pass auf dich auf...“
Tut tut tut...
Er hatte aufgelegt. Ich weinte wieder hemmungslos. Es war so unglaublich gewesen, es war seine Stimme, er war es gewesen, nachdem er schon fast zu einer Gestalt aus meiner Fantasie geworden war.
Milla Maybach blickte sorgenvoll zu ihrem Sohn, der soeben das kurze Telefongespräch mit seiner Exfreundin Roxy beendet hatte. Er sah ziemlich mitgenommen aus, seine sonst so glänzenden Haare wirkten matt und struppig und er benötigte dringend eine Rasur. Er hatte das Telefon in die Ecke der Couch geworfen und verbarg sein Gesicht nun in seinen Händen.
„Liebling... es tut mir so Leid für euch. Ich kann dir nur immer wieder sagen, dass es irgendwann besser wird, besser werden muss!“
Er lachte finster und rieb sich die Augen:
„Ach ja? Das glaube ich nicht. Es wird nie besser werden. Ich werde sie immer lieben, für den ganzen Rest meines armseligen Lebens. Ich werde sie nie vergessen obwohl ich ihr wohl nicht halb so viel bedeutet habe, wie sie mir. Sie hat mich hier allein gelassen, nicht nur, dass sie mich verlassen hat, nein, sie hat auch gleich noch eine unglaubliche Entfernung zwischen mich und sie gebracht. Ich glaube nicht, dass es jemals besser wird.“
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und Milla hörte nur noch das Knallen der Haustür, als Niklas diese mit weit mehr Schwung als nötig hinter sich ins Schloss fallen ließ. Sie seufzte und blieb noch eine Weile regungslos stehen, mitten im Wohnzimmer. Sie hätte alles getan um sowohl Nik als auch Roxy ihren Schmerz zu nehmen.
„Wenn sie sich wirklich so sehr lieben wie ich denke, werden sie wieder zueinander finden, irgendwie.“ sagte sie dann zu sich selbst.
Ein langer Sommer lag hinter mir, in dem ich das Haus, in das meine Eltern und ich gezogen waren, ganz für mich allein hatte, da sie sich mal wieder auf einer längeren Reise befunden hatten. Austin, Jesse und noch ein Kommilitone von uns hatten gerade einen langen Trip in die Berge, zum snowboarden natürlich, hinter uns gebracht. Davor hatten wir die kanadische Westküste mit einem Wohnmobil von Alaska bis nach Vancouver erkundet. Annie, Jesse’s ein Jahr jüngere Schwester, war auch mit dabei gewesen, aber wir hatten nicht wirklich Kontakt zueinander gefunden. Wir hatten nicht viel gemeinsam und so stand ihr Bruder mir näher.
Nun saß ich in dem verglasten Wintergarten des Hauses meiner Eltern in einem Schaukelstuhl, hörte Musik und genoss die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf meinem Gesicht. In wenigen Tagen würde das Herbstsemester wieder losgehen und das würde wieder mehr Ablenkung für mich bedeuten, der tägliche Stress meines wirklich anstrengenden Studiums würde mich wieder mehr von IHM ablenken. Hach ja, Niklas. Ich hatte ihn noch nicht einen Tag NICHT vermisst. Seit einer halben Ewigkeit hatte ich nichts von ihm gehört, das letzte Mal hatte ich an seinem 19. Geburtstag, vor Monaten mit ihm telefoniert! Ach man. Liebesmäßig war ich also noch keinen Schritt weiter.
Am darauffolgenden Wochenende fuhr ich mit meinen beiden Cousins in das nicht allzu weit entfernte Sunshine Village, innerhalb des Banff-Nationalparks, den Austragungsort des nächsten „Ticket to Ride World Snowboard Tour“-Events. Diese Tour ist ähnlich wie der Worldcup der FIS ein Treffpunkt der größten Stars der Kategorien Slopestyle, Halfpipe und Cross. Wir fuhren mit Jesse’s Auto los, ein 1960’er Ford Mustang, der Kofferraum war voller Bier und wir drei schon wieder in absoluter Feierlaune. Wir waren inzwischen alle 19 Jahre alt und durften auch offiziell Alkohol trinken, endlich, nachdem wir mehr als nur einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.
Das Wetter spielte absolut mit, die Sonne strahlte vom Himmel und ohne meine Sonnenbrille wäre ich aufgeschmissen gewesen. Wir hatten gute Plätze auf einer der vorderen Tribünen und jubelten Könnern wie Shaun White, Nicolas Müller, Antti Autti und Travis Rice zu. Eine große LED-Leinwand zeigte die jeweiligen Starter im Großformat und Kameras verfolgten den Lauf bis nach unten ins Ziel. Ich war gerade ein paar Burger holen gegangen und kämpfte mich mit drei braunen Papiertüten im Arm gerade wieder nach oben zu Jesse und Austin, als der nächste Starter aufgerufen wurde:
„The next Rider – from Berlin, Germany, NIKLAS MAYBACH!”
Alles um mich herum begann sich zu drehen.
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Kommentare
Gerda | 03.02.2011 11:14:19 |
aaaaaaaawwwwww toller Teil! | |
Geanie | 26.09.2011 10:45:23 |
Ohaaaaa da ist er wieder!! Ich habs gewusst! Und endlich endlich ist es mit Roxys wehleidigkeit zu Ende, hoffe ich! Das war ja nicht zum aushalten!! Aber so toll, wow, wie du auf die Ideen gekommen bist möchte ich mal wissen! Maaaaan ich hab hier eine Gänsehaut!! Ich fühle so mit, das ist unglaublich und haut mich um!! Ich musste das an der Stelle einfach mal los werden ;D | |
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