Wie ich auf einmal mit dem verdammt komplizierten Umstand umgehen musste verliebt zu sein...
Autor: Parisienne
veröffentlicht am: 20.02.2010
Die Eingewöhnung in der neuen alten Schule ging schnell, ich kannte ja jeden und jeder kannte mich. Und seltsamerweise wusste jeder über mich und Nik Bescheid, obwohl ich mit den wenigsten Leuten darüber gesprochen hatte… unerklärlich, oder auch nicht. Ich hatte nicht gedacht, dass meine Wiederankunft an der Schule besonders viel Aufmerksamkeit erregen würde, aber genau das tat es. Jeder dahergelaufene Idiot begrüßte mich überschwänglich als wäre ich schon ewig seine oder ihre beste Freundin gewesen. Dabei war meine einzig wahre Freundin meine liebste Alissa. Sie war zwar wieder da, aber sie startete ja erst in das 11. Schuljahr, wegen ihrer Washington-Pause. Trotzdem war es sehr schön, sie wieder um mich zu haben, sie war irgendwie immer noch das einzige Mädchen bei dem ich mich traute auch mal albern, ungeschminkt und seltsam zu sein.
Ich war erstaunt, wie kontinuierlich sich zum Beispiel Tom bei mir meldete. So enge Freunde waren wir nie geworden, aber er schrieb mir oft einfach so über Facebook oder eine SMS und ich hatte nichts dagegen. Ich schrieb zurück. Auch bei anderen Jungs an der Schule schien ich auf einmal ins Visier der Begehrlichkeit gerückt zu sein, auf einmal wurde ich eingeladen und um Dates gebeten. Selbstverständlich hatte ich kein Interesse, das hatte ganz allein Nik für sich gepachtet.
Das Jahr plätscherte dahin. Ich verbrachte die meiste Zeit des Tages in der Schule, der Unterricht war lange und sehr anspruchsvoll, außerdem hatte ich wieder zweimal in der Woche Basketball-Training und spielte zusätzlich einmal die Woche Volleyball. Nik und ich sahen uns fast jedes Wochenende, es war jedes Mal schön – aber viel zu wenig. Ich litt unter der Situation mehr, als ich vor irgendjemandem zugeben wollte. Mit der Zeit konnte ich mich nicht mehr an die Gesichter der Personen erinnern, von denen er erzählte. Das Leben ging für ihn auch ohne mich weiter. Ich hatte mein ganzes Zimmer mit Bildern von ihm vollgeklebt und schlief jede Nacht auf einem T-Shirt von ihm, doch Nacht für Nacht verschwand sein Geruch mehr. Und bis zum nächsten Wiedersehen hatte ich schon vergessen, wie er duftete. Meine Selbstzweifel kehrten auch wieder zurück, ich konnte immer weniger nachvollziehen, was ihm an mir so sehr gefiel, dass er mit mir zusammen bleiben wollte, trotz dieser erschwerenden Umstände.
Jeder Tag, an dem ich aufwachte mit der Gewissheit, dass Nik mich nicht gleich abholen würde, war ein beschissener Tag. Meine Eltern bekamen nicht allzu viel davon mit, ich redete nicht viel darüber und verkroch mich in mein Zimmer. Sie kannten mich ja nicht anders, erst in meinem Jahr mit Nik war ich ein wenig kontaktfreudiger geworden und hatte selten allein Zeit in meinem Zimmer verbracht. Ich hatte sogar meine heißgeliebten Bücher vernachlässigt. Meine Mam mochte Nik und wenn er da war, dann umsorgte sie ihn liebevoll und zuvorkommend, aber sie begriff nicht, wie sehr mir jede erneute Trennung zusetzte.
Ich vermisste auch Fiona, Dina und Pia, die drei waren mir so selbstverständlich ans Herz gewachsen, dass ich gar nicht so leicht ohne sie auskam. Ich klammerte mich extrem – zu extrem – an jedes verdammte Wiedersehen mit Niklas, das merkte ich selbst. Ich war zu nichts zu gebrauchen und völlig teilnahmslos, wenn er weg war und meine Laune besserte sich nur ganz langsam wieder, je näher das nächste Treffen rückte. Die Ferien verbrachten wir selbstverständlich komplett gemeinsam. Am 6. Dezember wurde Nik 18 Jahre alt und er überraschte mich mit einem spontanen Mitten-in-der-Woche-Besuch mit seinem ersten eigenen Auto. Das waren diese Momente die mich wieder fröhlicher werden ließen, die mich für wenige Stunden meine ständigen Neurosen vergessen ließen. Er kam mich besuchen, an seinem Geburtstag, weil er mich genauso vermisste.
Umso schlechter ging es mir danach wieder, als ich den Alltag auf einmal wieder ohne ihn bestreiten sollte. Ich hatte das Gefühl, das meine Psyche mehr unter dieser Beziehung litt, als es normal war. Ich hatte mehr schlechte als gute Tage, das konnte doch einfach nicht richtig sein...
Es passte dann auch noch irgendwie in die Situation, was meine Eltern mir im März, nachdem ich von einem wunderschönen Snowboard-Urlaub mit Nik wieder da war, eröffneten. Sie waren den ganzen Tag schon komisch gewesen, still und sie hatten mich genauer beobachtet als sie es sonst taten. Am Abend dann bat mich meine Mutter in die Küche, wo bereits mein Vater am Tisch wartete:
„Setz dich mein Schatz, wir müssen was bereden.“
Während ich mich auf einen der Walnuss-Holz-Stühle sinken ließ überlegte ich fieberhaft, ob ich irgendwas angestellt haben könnte oder sonst irgendwas noch offen war, aber ich kam zu keinem Schluss. Trotzdem beschlich mich sofort dieses eigenartige Gefühl, unangenehm.
„Was gibt’s denn?“ fragte ich mit großen Augen.
„Dein Vater und ich haben eine Entscheidung getroffen, über die wir jetzt mit dir sprechen wollen.“
Mam blickte zu meinem Vater und er räusperte sich kurz, fuhr sich mit der Hand über seinen Dreitagebart und begann dann zu reden:
„Du weißt doch, dass meine Brüder in Kanada leben.“
„Klar?!“
„Und dass wir schon lange mal zu ihnen wollten...“
„Ja.“
„Das werden wir dieses Jahr tun.“
Ich verstand nicht:
„Das ist doch toll? Was gibt es denn da noch zu besprechen?“
„Wir werden nicht bloß in Urlaub fahren, Roxana. Wir werden dort bleiben.“
Das saß. Ich spürte einen Fausthieb in meiner Magengegend und erstarrte.
„Ihr... wollt da bleiben? Wie…?“
„Ja. Zumindest bis auf weiteres.“
„Halt Stopp, ihr wollt auswandern??“
„So könnte man sagen.“
Meine Mutter warf einen sehr nervösen Blick in Richtung meines Vaters.
„Aber... aber... was ist denn mit mir? Und Simon? Wie kommt ihr überhaupt auf einmal darauf...? Seit wann steht es schon zur Debatte??“
„Seit wir wieder da sind. Wir fühlen uns hier nicht mehr wohl. In Calgary werden wir beide für eine Organisation arbeiten, die in ganz Kanada Ausgrabungen leitet. Wir werden wieder praktischer arbeiten, ohne ständig um die Welt fliegen zu müssen.“ begann meine Mutter und legte mir beruhigend eine Hand auf den Arm. Ich glotzte sie nur hohl an.
„Simon weiß es schon und seine Entscheidung steht noch nicht hundertprozentig fest, aber er wird wahrscheinlich in Deutschland bleiben und sein Studium hier beenden.“ fuhr mein Vater fort.
„Du kannst auch frei entscheiden, du wirst immerhin auch bald 18. Wir werden erst im Sommer gehen, nachdem wir unser Haus verkauft haben. Wir wollen dich zu nichts drängen, aber wir sehen den Zeitpunkt als unglaublich günstig an. Du kannst auch in Kanada ein Studium beginnen, wie du willst. Aber es würde mir das Herz brechen, wenn du nicht mit uns kommen willst, mein Schatz.“
„Ohne dich wird uns das ganze sehr viel mehr Kopfzerbrechen bereiten.“
„Wir lieben dich und auch Simon und es wird schon schwer genug, ihn hier zu lassen.“
Ich schüttelte meinen Kopf, das war erst mal alles viel zu viel. Meine Eltern blieben still, sahen sich aber an.
„Ihr wollt also unser Haus verkaufen? Der Entschluss ist schon fest?“
Ich schüttelte meinen Kopf. NEIN, nein, nein!
„So gut wie, ja. Wir wollen aber erst noch deine Entscheidung abwarten.“
„Das ist echt ein Hammer.“
„Das wissen wir. Aber wir hatten so etwas ja schon früher mal erwogen. Jetzt wollen wir die Gelegenheit endlich mal nutzen, weißt du? Deine beiden Onkel und ihre Familien sind begeistert und warten schon auf uns.“
„Wie lange habe ich Bedenkzeit?“
Ich wunderte mich über den seltsam sachlichen Ton, den ich angeschlagen hatte und dass ich gar nicht völlig ausrastete.
„So lange du brauchst.“
„Okay, das muss ich jetzt aber erst mal sacken lassen.“
„Ja, Süße. Komm her.“
Meine Mutter nahm mich in ihre Arme aber ich entwand mich ihr schnell wieder und verschwand nach oben in mein Zimmer.
Völlig geplättet lehnte ich mich an die geschlossene Tür und sank daran zu Boden. Als ich saß vergrub ich mein Gesicht in beiden Händen und wartete vergeblich auf Tränen. Oder wenigstens alles verdrängende Panik, nichts geschah! Ich war vollkommen ruhig. Fast zu ruhig, als wäre ich auf Diazepam oder so. Ich versuchte in mich reinzuhorchen. Was ging denn in mir vor? Meine Eltern wollten nach Kanada auswandern. Schön, viele machen heutzutage sowas. Und meine Eltern? Sie waren schon immer Weltenbummler gewesen. Dass sie Kinder bekommen und großgezogen haben gehörte für sie dazu, aber es war nie als das Ende ihres Lebens als Wissenschaftler gedacht gewesen, sie hatten immer weiter machen wollen, das wusste ich doch. Aserbaidschan war nur der Anfang gewesen, vielleicht auch dieser eine Tropfen Blut, der sie wieder richtig auf den Geschmack gebracht hatte. Zugegeben, der Zeitpunkt war wirklich günstig. Ich könnte ja wirklich im Ausland studieren, englisch war kein Problem, da mein Vater von Anfang an englisch mit mir gesprochen hatte. Ich konnte auch ein paar Brocken französisch – und wenn ich ehrlich war, ich hatte früher sogar mal drüber nachgedacht, irgendwo an einem exotischen Ort zu studieren. Früher, ja, bevor ich Nik kennen gelernt hatte und mein Leben mit ihm gemeinsam planen wollte. Verdammt, war ich wirklich eine normale 17-jährige? Ich dachte über gemeinsame Lebensplanung nach… in meinem Alter?! Auf einmal bekam ich das Gefühl, dass diese Beziehung sich eher negativ auf meine Objektivität auswirkte. Ich hatte ja nicht mal annähernd gedacht, dass so schwerwiegende Entscheidungen von mir getroffen werden mussten. Familie oder Freund? Ja wollte ich mich überhaupt schon sooo fest binden? So entgültig? Irgendwie ja. Ich konnte mir keine Zukunft ohne Niklas vorstellen. Gerade eben hatten wir wieder einen wunderbaren Urlaub hinter uns gebracht und ich war total überschwänglich und bis zum Rand angefüllt mit glücklichen Gefühlen wieder nach Berlin gekommen, um SO eine Entscheidung treffen zu müssen??
Das nächste Wochenende besuchte ich Nik. Ich fuhr Freitag nach der Schule mit der Bahn los und er erwartete mich bereits breitarmig winkend. Der Zug war voller Pendler und es dauerte eine ganze Weile ehe ich mich durch den vollen Gang bis zum Ausgang gekämpft hatte, gerade noch rechtzeitig trat ich auf den Bahnsteig und zog meinen kleinen Trolley hinter mir her. Ich blickte mich ein wenig schnaufend um und da stand er, ein paar Schritte vor mir, groß, blond, gutaussehend. Die Sonne stand silbern am Himmel und ließ sein Haar noch heller schimmern. Es war ein wunderschöner Frühlingstag, immer noch kalt, aber der Wetterbericht versprach eine baldige Besserung. Zum Schutz gegen die Strahlen hatte Nik eine große Sonnenbrille auf der Nase, aber sein Lächeln strahlte noch viel mehr. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt, aber als ich aus dem Zug getreten war kam er auf mich zu und zog mich an seine Brust. Ich erwiderte die Umarmung und auch den langen, hitzigen Kuss, der darauf folgte. Ungeduldig griff er mir ins Haar und flüsterte mir zwischendurch liebevolle Worte ins Ohr.
„Endlich Freitag!“ sagte er, nachdem wir uns lange genug begrüßt hatten.
Ich nahm ihm seine Sonnenbrille ab um ihm in die Augen sehen zu können, in diese wahnsinns-blauen Augen, die mich aufmerksam und gleichzeitig neckend musterten.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“
Es wunderte mich gar nicht, dass er sofort merkte, dass irgendwas nicht stimmte. So war er einfach, aufmerksam und scharfsinnig. Ich bildete mir sogar ein, dass diese Fähigkeiten sich noch verstärkt hatten, seit wir eine Fernbeziehung führten. Wahrscheinlich musste man einfach noch aufmerksamer sein, um weiter zu machen. Da wir immerhin schon über 20 Monate ein Paar waren, konnte ich keine Emotionen vor ihm zurückhalten, ich war einfach eine zu schlechte Schauspielerin.
„Nein, alles gut.“ versuchte ich es aber trotzdem. Ich hatte definitiv nicht vor, ihm irgendwas von den Kanada-Plänen meiner Eltern zu erzählen, noch nicht.
Er hob mein Kinn an und sah mir skeptisch ins Gesicht, sagte jedoch nichts. Ich war mir sicher, er würde später darauf zurückkommen.
Wir schlenderten Hand in Hand durch die kleine Stadt zu seinem Haus. Es war ja nicht weit entfernt, wie eigentlich alles hier. Es gab nichts, dass man nicht bequem zu Fuß erreichen konnte. Dieses Mal trafen wir niemand Bekanntes, wie sonst eigentlich immer. Ich war aber dankbar. Ich wollte mich nicht ablenken lassen, ich brauchte meine ganze Konzentration um einen fröhlichen und ausgeglichenen Eindruck auf Nik zu machen. Natürlich schaffte ich es nicht, er bohrte und bohrte immer tiefer, aber als ich mich standhaft weigerte ihm zu erzählen, was mit mir nicht stimmte, war er irgendwann sauer.
„Gut, wie du willst. Dann sag eben nichts, aber glaub ja nicht, dass du so tun kannst, als wäre nichts. Ich weiß genau, dass du irgendwas auf dem Herzen hast!“
Er verzog sein schönes Gesicht und straffte seine Schultern.
„Vielleicht solltest du nicht so neugierig sein!“ schnappte ich zurück.
Dann stand ich auf und lief quer über den flauschigen blauen Teppich aus seinem Zimmer. Ich stolzierte die linke der beiden Freitreppen nach unten ins Foyer und bog in die Küche ab. Dort traf ich auf Maren, die sich gerade einen Kaffee machte.
„Hey! Willst du auch einen?“
„Gern.“ nickte ich und setzte mich dann auf einen der Barhocker, die vor dem Tresen standen. Ich konnte es einfach nicht verhindern, dass meine Körpersprache Niedergeschlagenheit ausdrückte und deshalb rechnete ich schon halb mit einer Frage nach meinem Wohlbefinden. Aber es kam anders als erwartet. Maren schwieg und nachdem sie zwei schäumende Tassen Kaffee fertig gemacht hatte bugsierte sie sie zu mir und nahm neben mir platz. Dann sah sie mir in die Augen und sagte:
„Ich weiß, was dich quält.“
DAS war jetzt doch unerwartet gekommen. Ich machte große Augen, woher sollte sie… aber nein, sie konnte es nicht wissen. Was immer sie glaubte zu wissen, sie hatte keine Ahnung.
„Das glaube ich nicht.“
Damit gab ich zwar auch gleich zu, DASS mich irgendwas quälte, aber tja.
„Ich weiß es aber wirklich. Simon hat’s mir erzählt.“
Das lies mich aufhorchen. Nicht wirklich, oder? Simon?? Ich hatte ganz vergessen, wie gut die beiden sich verstanden hatten, und dass sie anscheinend sogar immernoch regelmäßigen Kontakt hatten, hatte ich auch nicht gewusst.
„Echt?“
„Mist, was? Ist bestimmt schwierig, eine solche Entscheidung zu treffen. Ich will dich nicht beeinflussen, aber egal was du tust, tu’s nur für dich. Es darf dabei nicht um Nik gehen, so gemein wies klingt, aber wenn du so eine Entscheidung später nicht bereuen willst, dann tu das, was dein Herz dir sagt. Ich kann mir wahrscheinlich nicht vorstellen, wie schwer das wird, aber ich wünsche dir alles Glück der Welt. Ob nun hier oder woanders, ob mit Nik oder keine Ahnung, einem süßen Kanadier…“ sie grinste kurz, „Aber bitte überleg es dir gut!“
Ich war sprachlos.
„Ich hab dich sooo gern, Roxy, du bist so eine unglaublich tolle Freundin für Nik und fast schon eine Schwester für mich, aber du bist jetzt an einem Wendepunkt in deinem Leben angekommen. Scheiße, was?“
„Das kannst du laut sagen.“
„Du Ärmstes.“
Ich nahm einen kräftigen Schluck Kaffee und genoss die wohlige Wärme, die mir den Hals herunterlief. Wiedereinmal wünschte ich mir, dass Koffein noch diese leicht beflügelnde Wirkung auf mich haben würde wie damals, als ich dreizehn war.
„Ich liebe Nik.“
„Ich weiß.“
„Ich liebe auch meine Familie.“
„Ich weiß!“ wiederholte sie.
„Verdammt!“
Maren krauste ihre Stirn, sagte aber nichts weiter.
„Und was soll ich da bitte machen?“
„Ganz lange darüber nachdenken. Wirklich ausführlich.“
„Ich weiß doch jetzt schon wohin das führt. Entweder ich lasse meine Eltern gehen und bleibe hier, bei Nik, oder ich lasse Nik allein und gehe mit meiner Familie. Egal wie ich mich entscheide, es wird immer blöd sein, und ich werde immer jemanden verletzen. Und ich selber werde nicht glücklich sein, egal was ich tue. Denn entweder lasse ich mein Herz in Deutschland bei Nik oder meine Familie wird auseinander gerissen. Warum? Warum nur muss ich mich entscheiden?“
„Du brauchst Zeit, Roxy, lass sie dir. Du musst alles in Ruhe abwägen! Es sieht alles wie eine Sackgasse aus, und du denkst, egal wie du dich entscheidest, es kann nur falsch sein. Aber irgendwann in der Zukunft wirst du zurücksehen und wissen, dass du dich richtig entschieden hast. Du bist stärker als du glaubst.“
In dem Moment betrat Nik die Küche, er strich sich verlegen ein paar Strähnen aus dem Gesicht und setzte sich dann neben mich, nachdem ich ihn aufmunternd angelächelt hatte, und liebevoll, denn das war es, was ich für ihn empfand.
„Es tut mir Leid…“ begann er, „Ich wollte dich nicht drängen… du solltest selbst entscheiden können, wann und ob du mir was sagen willst.“
„Ich lass euch mal allein.“
Maren warf mir noch einen aufmunternden Blick zu und strich Nik über das Haar, bevor sie die Küche verließ.
„Ich war nur so frustriert, weißt du, ich dachte, du kannst mir alles sagen.“
„Ich weiß und es tut mir Leid. Aber alles was ich dir sagen kann ist, dass ich es dir JETZT NOCH NICHT sagen kann. Es ist… kompliziert. Ich werde ein bisschen Zeit brauchen.“
„Du kriegst alle Zeit der Welt. Auch wenn ich mir langsam wirklich Gedanken mache.“
Er warf mir einen sorgenvollen Blick zu und krauste seine Stirn.
„Tja, da kommen wir wohl beide nicht drum herum.“
Ich lächelte kurz und Nik tat dasselbe.
Damit war das Thema zwar erst Mal vom Tisch, aber die Stimmung war irgendwie im Eimer. Wir beide wussten nur zu gut, dass da etwas zwischen uns stand, das es etwas Unausgesprochenes gab. Ich gab mir alle Mühe mit meiner Laune, aber es wollte irgendwie nicht so richtig klappen. Ich wusste, ich brauchte Zeit für mich allein. Deshalb sagte ich Nik, dass er mich das nächste Wochenende lieber nicht besuchen sollte, ich würde die Zeit brauchen und wäre mit Sicherheit nicht besonders unterhaltsam drauf. Er reagierte merkwürdig, so still und gefasst. Er schien den Ernst der Situation irgendwie zu ahnen. Als er mich Sonntagabend zum Bahnhof begleitete sah er mich mit großen traurigen Augen an, als es ans Verabschieden ging:
„Sag mir, dass du manchmal an mich denken wirst…“
„Ich denke jeden Tag an dich.“ versuchte ich ihn zu beruhigen, er wirkte so emotional.
„Ich habe ein total ungutes Gefühl, dich jetzt gehen zu lassen. Wirst du… wieder kommen?“
„Natürlich! Ich will doch nur ein einziges Wochenende ausfallen lassen, das wird auch dir gut tun, wenn du am Wochenende nicht immer mit mir rumhängen musst. Kannst mal wieder mit den Jungs ausgehen.“
„Das machen wir doch sowieso.“
„Aber ohne das ich ständig an dir klebe.“
„Du bist das Einzige, was an mir kleben darf und hör bitte auf damit! Ich genieße jede Minute mit dir, du bist mir nicht im Weg, das müsstest du doch langsam gemerkt haben!“
Mit diesen Worten beugte er sich zu mir nach unten, schloss seine Augen und küsste mich zärtlich.
„Ich meine ja nur.“ sagte ich, nachdem er mich wieder losgelassen hatte und senkte den Kopf, seine letzte Äußerung hatte mich irgendwie nicht überzeugt.
„Roxy…“ sagte er mit seiner süßen, leisen Stimme und schloss mich dabei in seine Arme, seine Lippen liebkosten mein Haar, „Roxy, ich liebe dich! Ich fiebere jedem Wochenende mit dir entgegen und erst mir dir wird ein Abend ein perfekter Abend. Du darfst nicht daran zweifeln… das macht mir irgendwie Angst.“
Ich seufzte nur. Es kam mir falsch vor ihn zu trösten, wenn ich doch gar nicht sicher war, ob ich noch lange bei ihm sein würde.
Dieser Gedanke ließ mich sofort erzittern – sollte es wirklich so weit kommen, dass ich mal nicht mehr in seinen Armen liegen würde? Dass ich auf die tröstende Gewissheit seiner Liebe verzichten müsste? Unwillkürlich ließen mich diese trüben Gedanken meine Arme noch enger um meinen Freund legen.
„Ich liebe dich auch.“ flüsterte ich an seinen Hals.
„Das ist alles was ich wissen muss.“
Wieder zu Hause verbrachte ich die Zeit damit auf meinem Bett zu liegen und zu denken. Ich dachte viel zu viel nach, bis mir der Kopf zu platzen drohte, aber es kam von ganz allein so. Ich hatte zwei Wochen lang sehr wenig Kontakt mit Nik, wir hatten nur sehr kurz telefoniert und ich schrieb ihm auch nicht sonderlich viele SMS. Ich brauchte einen klaren Kopf.
Meine Eltern beobachteten mich aufmerksam, aber sie drängten mich nicht zu einer Entscheidung, was ich ihnen hoch anrechnete. Ich glaube, in Ansätzen konnten sie diese Zwickmühle, in die sich mich brachten, erkennen und es tat ihnen auch Leid. Aber deswegen fiel mir die Entscheidung auch nicht leichter. Irgendwann in dieser Zeit bat ich Alissa um Hilfe. Wir lungerten beide in ihrem Zimmer auf ihrer Schlafcouch herum, tranken Milchkaffee und ich erzählte ihr alles. Sie tröstete und beruhigte mich, aber ich konnte mich einfach immer noch nicht festlegen. Inzwischen hatte sie Nik ja auch schon öfter gesehen und mochte ihn, deshalb nahm ich fast an, dass sie mir raten würde in Berlin zu bleiben. Aber nein, im Gegenteil, sie sagte, dass ich mich auf das Abenteuer Kanada einlassen solle. Wahrscheinlich, weil ihr selbst ihr Auslandsjahr so gut getan hatte. Sie meinte, dass die Erfahrungen in einem fremden Land klar zu kommen und eine neue Welt kennen zu lernen einen unschätzbaren Wert hätten. Und natürlich, Nik war ein toller Freund, ein schöner und liebevoller und eine treue Seele noch dazu, aber sollte ich wirklich schon über solch existenzielle Dinge nachdenken?
Mit den Wochen begann sich der Nebel in meinem Gehirn zu lichten. Ich sah immer klarer vor Augen, wohin mein Weg mich führen würde. Eines Abends bekam ich einen Anruf aus Kanada, meine mir völlig unbekannte Cousine Annie quatschte mit mir als wären wir gemeinsam aufgewachsen. Sie bat mich nachdrücklich mit zu kommen und machte mir Calgary schmackhaft, als wäre sie eine Promoterin oder sowas. Ich hegte den Verdacht, dass sie von meinen Eltern angeheuert worden war, aber dann verwarf ich den Gedanken wieder, sie klang ehrlich und die freudige Erwartung schien nicht gespielt zu sein. Sie war total nett und in meinem Alter und ich war neugierig auf sie! Ich bekam immer mehr Lust darauf meine Verwandten in Kanada mal kennen zu lernen.
Dann kam die Abi-Zeit und ich hatte für einige Wochen für nichts anderes Platz in meinem Kopf als Formeln, Literatur, Rechtsmethodik, Vokabeln und Geschichtszahlen. Ich hatte mich wahrscheinlich weniger konzentriert vorbereitet, als nötig war, trotzdem hatte ich nach allen Prüfungen das Gefühl ganz gut abgeschnitten zu haben.
Nach der letzten mündlichen Prüfung fiel eine große Last von meinen Schultern, aber es war die leichtere von meinen Sorgen. An diesem Abend luden mich meine Eltern zum Essen ein, sogar Simon war mal wieder da. Es war ein wunderschöner warmer Tag Ende Mai und ich hatte den Nachmittag damit verbracht in der Sonne zu liegen und meine Seele wärmen zu lassen.
Ich hatte eine Entscheidung getroffen.
Am Abend in meinem mexikanischen Lieblingsrestaurant, das in der Tat ein Geheimtipp war, wollte ich meine Familie davon in Kenntnis setzen. Auf der Autofahrt dahin kam ich mir irgendwie furchtbar erwachsen vor. Ich trug einen schönen weißen Rock mit einem Volant und über dem schwarzen Top noch einen schicken kleinen Blazer, selbst mein Kleidungsstil hatte sich verändert. Simon neben mir trug eine schwarze Bermuda-Short und ein helles Hemd dazu, um den Hals hatte er eine hawaiianische Holzperlenkette, die meine Eltern mal von einer ihrer vielen Reisen mitgebracht hatten. Er war groß geworden. Neuerdings ging er etwas öfter zum Friseur und trug Hemden statt T-Shirts. Meine Eltern hatten sich auch in Schale geworfen, mein Vater hasste zwar Anzüge, aber heute hatte er sich tatsächlich in einen reingequält! Allerdings hatte er das Jackett lieblos in den Kofferraum geworfen. Meine Mutter trug ein schön geschnittenes Kleid und mörderische Pumps, ich konnte es nicht fassen, dass sie darin laufen konnte und ich nicht! Ich fühlte mich wohl, mein Gesicht war leicht gebräunt und die Sonne hatte meine Pickel ausgetrocknet. Meine Haare wurden durch die Sonne immer ein klein wenig heller und ich bekam natürliche Strähnen. So wirkten meine Haare heute eher haselnussbraun. Ich hatte die Schule abgeschlossen! Trotz eines Wechsels und der erschwerenden Zugabe auf einer doofen Elite-Schule gewesen zu sein war ich mir sicher, dass ich auch bestanden hatte. Meine Lehrer hatten nur zuversichtliche Andeutungen gemacht und ich hatte nichts als positive Eindrücke wahrgenommen. Und das Allerwichtigste war: Heute hatte ich die schwierigste Entscheidung meines Lebens getroffen. Ich hatte mich endlich dazu durchgerungen. Noch wusste ich nicht, wie ich damit leben würde, ob ich auch in einem Jahr noch glücklich damit sein würde, aber ich konnte es nur herausfinden, wenn ich mich darauf einließ. Noch ging es mir erstaunlich gut, ja sogar mehr noch, ich war seltsam friedlich drauf! Dabei hatte ich das Pech, das ich nicht alles haben konnte und einen Teil meines Lebens definitiv aufgeben musste, und trotzdem war mir nicht zum heulen zu Mute! Zumindest noch nicht. Wir hatten einen schönen und unterhaltsamen Abend, Simon war sehr gesprächig und ich hatte gute, fast schon überschwängliche Laune. Nachdem wir alle einen Tequila getrunken hatten bat ich um Aufmerksamkeit und räusperte mich:
„So, liebe Familie, ich habe euch etwas mitzuteilen.“ Wichtig blickte ich damit zu meinen Eltern, „Ihr habt euch ja wieder mal selbst übertroffen, was Spontaneität und Abenteuerlust angeht und mich vor eine ziemlich schwierige Entscheidung gestellt. Ich hab ganz schön lange gebraucht, um mir darüber klar zu werden, aber ich bin zu einem Ergebnis gekommen.“
Ich legte eine Spannungspause ein und blickte nacheinander in drei verschiedene, aber gleich interessiert schauende Augenpaare.
„Und?“ fragte meine Mutter, als ich nicht weiter redete.
„Ich werde... mit euch nach Kanada kommen.“
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen hing mir schon meine Mutter um den Hals. Sie trat mir mit ihrem spitzen Absatz auf den Fuß und ich schrie leise auf, aber sie überhäufte mein Gesicht weiter unbeirrt mit Küssen und drückte mir fast die Luft ab. Auch mein Vater stand mühsam auf und legte seine starken Arme um uns beide, ich musste zweimal in sein Gesicht schauen, Tränen glitzerten in seinen Augenwinkeln und das hatte ich noch nie zuvor bei ihm gesehen.
Die Freude kannte keine Grenzen und der Abend wurde noch bis spät in die Nacht feuchtfröhlich gefeiert. Meine Mutter eröffnete mir, dass sie sich bereits Informationsmaterial von ziemlich vielen Unis in und um Calgary zuschicken lassen hatte und ich freundete mich immer mehr mit der Vorstellung an, bald in Kanada zu studieren. Ich hatte inzwischen eine etwas klarere Vorstellung von der Richtung, in die ich gehen wollte und besprach mögliche Konstellationen mit meinen Eltern. Simon drückte mich für seine Verhältnisse sehr innig an sich, er war sonst eher etwas kurz angebunden. Er hatte ja von Anfang an gesagt, dass er wahrscheinlich in Deutschland bleiben würde und an diesem Abend bekräftigte er seinen Entschluss. Er würde also hier bleiben. Was sollte man auch dagegen sagen? Er war über 20 Jahre alt, erwachsen und nicht mehr auf elterliche Fürsorge angewiesen, er hatte sich doch sowieso schon sein eigenes Leben fern von uns aufgebaut. Aber er versprach, uns so oft wie möglich besuchen zu kommen, schon allein, weil es nur 80 Km bis in die Rocky Mountains waren und man dort fantastische Wintersportgebiete finden konnte. Daran hatte ich ja bis jetzt noch gar nicht gedacht, das stimmte aber natürlich, ich könnte jedes Wochenende snowboarden gehen, wenn ich Lust hatte.
Als ich dann später ziemlich angetrunken in meinem Bett lag und ich ein Bein rausstrecken musste, weil es mich wie in einem Karussell drehte, dachte ich an Niklas. An seine Augen und wie sie mich anblicken würden, wenn ich ihm sagen würde, dass ich tausende Kilometer weit weg ziehen würde. Mein Magen krampfte sich zusammen und Tränen schossen mir in die Augen. Ich machte mir keine Hoffnungen. Keine Beziehung der Welt hält eine solche Entfernung aus, es wäre bescheuert zu versuchen weiter zu machen. Nicht nur, dass man so etwas kaum ‚Beziehung’ nennen könnte, wenn man sich drei Mal im Jahr sieht, nein, es wäre total brutal von mir, von Nik zu verlangen, dass er mir auf diese Art und Weise treu bleiben sollte und an mir fest halten sollte. Meine Schluchzer wurden heftiger und es schüttelte mich regelrecht durch, so hemmungslos weinte ich jetzt. Ich wusste, ich würde mich von ihm trennen. Wir beide hätten vielleicht noch eine tolle gemeinsame Zeit haben können, wenn nicht... ja, wenn das Leben uns nicht dazwischen gekommen wäre. Ich wusste viel zu genau, mit was für Gefühlen, Entbehrungen und Gedanken man sich in einer Fernbeziehung herumschlagen muss, ich konnte mir absolut nicht vorstellen, die Entfernung noch weiter auszudehnen. Das letzte Jahr war schon die Schmerzgrenze gewesen, mehr ging nicht. Wochenendbeziehungen sind eine Sache, aber an eine Liebe über einen Ozean hinweg konnte ich nicht glauben.
Außerdem kam noch hinzu, dass ich mich sowieso völlig unzulänglich fühlte, total unter seinem Niveau. Ich sah uns beide nebeneinander im Spiegel stehen und das einzige was ich wahrnahm war, dass ich regelrecht verblasste neben ihm. Seine Ausstrahlung ließ mich hässlich und belanglos erscheinen, trist und grau. Er brauchte eine schöne selbstbewusste Freundin, wie es ihm zustand. Ich traute es ihm zwar momentan nicht wirklich zu, aber ich hatte eh Angst vor der Zukunft. Ich ging irgendwie immer davon aus, dass er mich sowieso eines Tages verlassen würde, was hielt ihn denn bei mir? Er würde irgendwann eine Frau kennen lernen, die mehr zu bieten hätte als ich und dann würde ihm vielleicht meine Unscheinbarkeit erst so richtig bewusst werden. Ich glaubte nicht, dass er mir etwas vormachte, ich glaubte, dass er einfach nicht so richtig wusste, was für ein Hammertyp er eigentlich war. Und wenn ich ihn bitten würde, mit mir zu kommen… nein, das wäre einfach nicht fair. Die Folgen wären nicht absehbar. Vielleicht wäre er nicht glücklich und er würde es mir irgendwann vorwerfen, dass er wegen mir ausgewandert war. Genauso anders herum, wenn ich bei ihm bleiben würde, würde vielleicht auch ich irgendwann nicht mehr damit leben können. Ich war einfach… zu jung!
Sofort am Tag nach der Bekanntgabe meiner Entscheidung überkam meine Familie eine hektische Betriebsamkeit. Die Vorbereitungen für Kanada gingen in die letzte Runde. Ohne dass ich es richtig wahrgenommen hatte waren bereits wichtige Sachen in den vergangenen Wochen gelaufen. Meine Eltern hatten einen Käufer für ihr Haus gefunden und konnten ihm nun endlich einen genauen Termin nennen, wann er das Haus übernehmen könnte. Wir legten uns auf den 28. Juni fest – der Tag nach meinem Abiball. Nur noch 4 Wochen blieben mir um mich von meinem bisherigen Leben zu verabschieden. Dass ich Berlin verlassen würde machte mir nicht soooo viel aus. Ich hatte Lust auch noch mal was anderes kennen zu lernen und außerdem würde ich bestimmt auch mal wieder her kommen. Simon und Alissa waren da schon was anderes. Die beiden waren eigentlich die einzigen beiden Menschen, die ich richtig richtig vermissen würde, außer Nik natürlich. Wobei ich Simon aber wahrscheinlich auch nicht weniger sehen würde, als ohnehin schon in den letzten Jahren. Ich schickte Bewerbungsmappen nach Kanada und gab jedem Umschlag ein Küsschen mit auf den Weg, in der Hoffnung, dass sich auch das klären würde. Mein Abiturzeugnis konnte ich nur später nachreichen. Meine Eltern schickten die Möbel und Gegenstände, die sie mitnehmen wollten, auf eine lange Reise in einem Container. Unser Leben beschränkte sich in diesen Tagen auf das Nötigste. Mit dem Käufer des Hauses hatten sie ausgemacht, dass er das restliche Interieur übernehmen würde.
Mir stand jetzt noch das Schlimmste bevor. Ich musste endlich Niklas von den nahenden Ereignissen in Kenntnis setzen. Die letzten Wochenenden waren nicht besser gewesen als das erste, nachdem ich von den Plänen meiner Eltern erfahren hatte. Aufgrund des Abi-Stresses mussten wir ein paar Besuche ausfallen lassen und er war von Mal zu Mal nervöser geworden. Ich hatte ihm Ohnmacht und Hilflosigkeit angesehen. Wahrscheinlich quälte er sich in den endlos langen Tagen zwischen den Besuchen noch viel mehr als ich. Aber als ich dann im Zug auf dem Weg zu ihm saß, nachdem auch er die letzte Prüfung geschafft hatte, übermannte mich das Grauen vor dem Bevorstehenden fast vollständig. Ich wusste viel zu gut, dass ich ihn unglaublich schrecklich vermissen würde, ich würde mich nach ihm verzehren und wahrscheinlich ziemlich schlecht drauf sein. Auf einmal begann ich mich zu fragen, warum ich mir das ganze überhaupt antat?! Warum musste ich ihn denn einfach verlassen? Warum konnte ich nicht einfach bei ihm bleiben und meine Eltern gehen lassen? Ich weinte und es war mir scheißegal, wie die Leute mich ansahen und das Niklas mich so sehen würde. Ich liebte ihn! Ich wollte ihn nicht verlassen, ihm nicht wehtun... das war doch irrwitzig, ich musste doch völlig wahnsinnig gewesen sein, eine solche Entscheidung zu treffen! Es wurde noch um ein Vielfaches schlimmer, als ich Niklas nach allzu langen drei Wochen endlich endlich wieder in die Arme schließen konnte, seinen Geruch wahrnahm und seine Augen lebendig vor mir sah. Die Tränen flossen unaufhörlich und hatte Nik anfangs noch gedacht, es wäre die Wiedersehensfreude nach der langen Trennung, so bemerkte er viel zu schnell, das da noch weit mehr dahinter stecken musste.
„Roxana... was hast du denn? Du musst mit mir reden, es ist Zeit das du endlich mit mir redest!“ sprach er sanft in meine Haare während er mich an sich drückte und mir über den Rücken strich und während ich seine Schulter nass weinte. Ich spürte ihm auf jeden Fall Hilflosigkeit ab.
„Ja... ich werde mit dir reden...“ schluchzte ich, „Heute Abend werden ich dir alles erzählen...“
Er sah mich durchdringend an, blieb aber still. Nach einigen Sekunden drückte er mich an sich und ließ mich einfach ein paar Minuten weinen, bis ich mich halbwegs beruhigen konnte.
„Lass uns zu mir nach Hause gehen.“ sagte er dann und wir machten uns langsam auf den Weg.
Ich war schon jetzt völlig fertig und klammerte mich mit aller Kraft an seine Hand. Seine Eltern waren beide nicht da, als wir ankamen, Maren auch nicht. Also waren wir allein. Als ich meinen Trolley in seinem Zimmer abgestellt hatte, drehte er sich zu mir um und blickte mich unsicher an. Das große Bodenfenster war offen und ein leichter Windzug bauschte den hellblauen Vorhang auf. Ich erwiderte Niks Blick bevor ich zum Sprechen ansetzte:
„Wir sollten uns setzen.“
Das taten wir, und zwar auf die schwarze Ledercouch. Niklas wirkte steif und unbeholfen, sein Blick durchbohrte mich nahezu.
„Was ist los, Roxana?“
Ich beschloss mit der Tür ins Haus zu fallen:
„Meine Eltern werden nach Kanada auswandern.“
Seine Augen waren unverändert. Er wusste, dass noch mehr kommen würde.
„Ich werde mit ihnen gehen.“ fügte ich leise hinzu.
Das saß. Er war sprachlos, total geschockt und sagte noch immer keinen Ton. Irgendwann setzte seine Atmung wieder ein. Ich fühlte komischerweise nichts, ich war vollkommen gefasst und meine Stimme hatte diesen merkwürdigen sachlichen Tonfall.
„Wie...“ setzte er an, aber seine Stimme brach weg und er schien nach Worten zu suchen.
„Ich werde dort studieren, in Calgary, wahrscheinlich. Mit ein paar Unis stehe ich schon in Kontakt, sie können mich vielleicht sogar in eines dieser College-Austausch-Programme aufnehmen, dann würde ich sogar ein Stipendium bekommen, je nachdem wie mein Abi wird.“ plapperte ich einfach los. Panische Angst vor seinen Worten kam in mir auf und ließ mich erzittern. Vor Herzenskälte.
„Es ist, na ja, meine Eltern planten das schon lange, und nun haben sie Nägel mit Köpfen gemacht, sie haben sogar schon das Haus verkauft und...“
„ROXY?“ unterbrach Nik mich endlich, „Ihr habt euer Haus verkauft?“
Er schien irgendwie nicht so richtig zu kapieren, um was es hier ging. Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen und blickte mich starr an.
„Ja. Nik, wir wandern aus.“
„Ihr wandert... aus? Du?“
„Ja.“
„Wann?“
„Am 28. Juni.“
„Dieses Jahr?“
Er schien immer noch nicht zu kapieren.
„Nik, in weniger als 4 Wochen.“
Er holte einmal tief Luft und ließ sich nach hinten in die Kissen fallen.
„Okay.“ sagte er ruhig.
„Es tut mir Leid.“
Jetzt war es vorbei. Tränensturzbäche rannen über meine Wangen und ich schlug mir die Hände vors Gesicht. Er richtete sich wieder auf und nahm mich in seine Arme.
„Roxy, kleine Roxy, nicht weinen. Erklär mir, warum du mir das nicht schon eher gesagt hast? Wir werden das schon schaffen, ich kommen dich besuchen, ich könnte mich auch an einem College dort bewerben, wir schaffen das...“
Er hatte es immernoch nicht begriffen.
„Niklas,“ ich hob mein Gesicht, damit ich ihn ansehen konnte, „... das wird nicht klappen. Ich werde gehen und du bleibst hier. Unsere Wege trennen sich heute.“
Seine Hände sanken nach unten.
„Du... machst Schluss.“ sagte er nach Sekunden, langsam blitzte Erkenntnis in seinen Augen auf und ich nickte unter Tränen.“
„Nein.“ sagte er und jetzt zeichnete sich Verletzlichkeit in seinen Augen ab, „Nein.“ wiederholte er. Mein Herz zerriss.
„Warum tust du das? Wir könnten doch... es wird schon... wir sind doch Roxy und Nik! Wir gehören zusammen!“
Ich kniff meine Lippen zusammen und schüttelte meinen Kopf:
„Ich musste mich entscheiden. Ich habe mich dagegen entschieden.“
Er sah mich an und jetzt rann auch ihm eine Träne über die Wange.
„Du gibst uns auf.“ sagte er ganz einfach, verwirrend ruhig und trotzdem so schmerzvoll, dass jedes dieser Worte tief in meine geschundene Seele eindrang.
„Ja.“ antwortete ich und in diesem Moment wehte die leichte Frühlingsbrise den Vorhang über den Schreibtisch und ein Bilderrahmen fiel mit lautem scheppern und klirren zu Boden und das Glas zersprang in tausend Teile. Unter den Splittern lächelte mir mein Gesicht entgegen.
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Kommentare
black_rose | 01.02.2011 23:34:36 |
waah wie traurig,mir sind wirklich die Tränen gekommen...ich konnte richtig mitfühlen :((( Ich hoffe,dass die wieder zusammen kommen, die sind so ein wundervolles paar!!! Ich bin gespannt auf den Schluß :o Lg :) | |
Ann-Marí | 15.02.2011 13:06:50 |
Neiiieeeeen :( Wie traurig! Ich verstehe nicht warum sie das macht??! Er liebt sie doch und das weiß sie! | |
Melike | 26.06.2011 00:19:26 |
Wiesoo macht sie daas -.- Sie wird das noch richtig bereuen! | |
Claire | 10.07.2011 11:43:00 |
Das ist doch nicht wahr, oder?? Nein nein nein, sie fährt nicht. Das kann nicht passieren! | |
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