Wie ich auf einmal mit dem verdammt komplizierten Umstand umgehen musste verliebt zu sein...

Autor: Parisienne
veröffentlicht am: 21.11.2009




Ich saß in meinem Zimmer auf einer Umzugskiste und starrte in den Regen hinaus. Heute begann also mein neues Leben. Ich wusste nicht so Recht, wie ich das finden sollte, einerseits war alles neu, gegen eine Veränderung hatte ich auch überhaupt nichts einzuwenden, andererseits würde ich ab jetzt bei Freunden meines Vaters in einer Kleinstadt wohnen, super! Ich sollte das genauer erklären, also:
Ich heiße Roxana, bin gerade 16 Jahre alt geworden und werde heute umziehen.Meine Eltern wollten sich beruflich weiterentwickeln, jetzt wo mein Bruder und ich ja quasi erwachsen waren. Sie sind beide Archäologen und arbeiten im städtischen Museum. Nun hatten sie die Möglichkeit bekommen bei einer Ausgrabung im ehemaligen Mesopotamien mitzumachen und sich letztendlich dafür entschieden. Mein Bruder Simon war bereits 18 und für sein Studium nach Hamburg gezogen, blieb also noch ich. Ich wollte ihnen natürlich nicht im Weg stehen, zumal ich mich auch für alt genug hielt, ein Jahr ohne meine Eltern auszukommen. Doch wo sollte ich denn in der Zwischenzeit wohnen? Ich habe keine Großeltern mehr, mein Bruder hat nicht genug Platz, Tanten und Onkel habe ich auch nicht... da fiel meinem Vater Klaus, sein Freund, ein. Der wohnt mit seiner Familie in einer Kleinstadt, ungefähr 200 Kilometer weit weg von Berlin. Ich hatte nicht wirklich Lust soweit weg zu ziehen, weg von Berlin, ich will auch nicht aufs Dorf, aber ich wollte, dass meine Eltern ihre Chance wahrnehmen können! Sie wollten das so sehr, und es wäre ja nur für ein Jahr... ich redete mir selbst Mut zu, So schlimm könnte es ja nicht werden.
Kurz bevor es Ernst wurde, machte ich mir aber doch Gedanken. Onkel Klaus ist Pastor und er hat 5 Kinder. Die älteste Tochter heißt Elli und hat schon ein Kind, sie wohnt aber nicht mehr bei ihnen. Danach kommt Michi, er studiert irgendwo. Dann kommt wieder eine Tochter, sie heißt Dina und ist in meinem Alter. Der nächste ist Lukas, er ist ein Jahr jünger und dann Nina, sie ist 12. Ich werde ein eigenes Zimmer bekommen, das ist ja schon mal gut. Aber bei einer Pastorenfamilie zu wohnen, deren Mitglieder ich das letzte Mal gesehen habe, als ich noch Milchzähne hatte! Irgendwie hatte ich Bammel davor. Ich hatte keine Probleme mich mal ein bisschen anzupassen und mich an neue Regeln zu halten, allerdings war ich das selbstständige Leben einer Großstadt gewöhnt und hatte Privilegien von denen ich nicht wusste, ob Pfarrerskinder auf dem Dorf sie auch haben würden. Gab es dort überhaupt S-Bahnen oder wenigstens Trams? Am Ende müsste ich Fahrrad fahren oder solche Scherze. Diese ganze Situation hatte ich immer als Abenteuer gesehen, aber inzwischen wurde mir das ganze Ausmaß bewusst, Roxy zieht aufs Dorf! Hoffentlich verstehe ich mich überhaupt mit Onkel Klaus und den anderen, ich hatte keine Ahnung ob es dort Menschen in meinem Alter gab und wie ich mich wohl in der neuen Schule zurechtfinden würde. Fragen über Fragen...Meine Eltern luden mein Leben in Kisten verpackt in ihr Auto und dann fuhren wir los in meine neue Heimat. Auf Zeit, wohlbemerkt. Unser Haus war nicht wiederzuerkennen, die Möbel waren alle unter Tüchern zum Schutz versteckt, es würde ja lange Zeit niemand hier sein. Das Geschirr hatte meine Mutter ebenfalls in Kisten verpackt und die ganzen Klamotten, die hier blieben, hingen in Kleidersäcken in den Schränken.
Auf der Fahrt redeten und lachten wir viel, aber ich merkte diesen dunklen Abschiedsschatten trotzdem, der jetzt immer näher rückte. Es war Samstag, noch heute Abend flogen meine Eltern von Berlin aus nach Aserbaidschan. Ich hatte noch eine Woche Ferien und musste also erst nächsten Montag in die neue Schule.
Mir wurde mehr und mehr flau im Magen. Verdammt, warum bammelte mir auf einmal so sehr? Es war doch nur ein Jahr! Und ich ließ eigentlich nicht viel in Berlin zurück, meine beste Freundin Alissa war für ein Jahr in den USA, Highschool, die hatte es gut. Und viel mehr Freunde hatte ich eigentlich eh nicht, zumindest nichts Tieferes. Natürlich kannte ich jede Menge Leute, aber niemand bedeutete mir besonders viel. Ich war eine von denen, die sich selbst genug waren, ich brauchte nicht ständig Trubel und Action um mich, ich war auch gern allein, las oder beschäftigte mich anderweitig. Ich war nicht die Beliebteste der Schule, eher eine von den Unscheinbaren, aber das hatte mir nie etwas ausgemacht. Jetzt machte ich mir aber doch Sorgen, ob ich mich überhaupt in eine ganz neue Klasse einfügen könnte? Vielleicht waren sie mir grundsätzlich schon schlecht eingestellt, ich war vielleicht die dämliche Ziege aus der Stadt für sie?! Oh ja, ich merkte wie Panik in mir hoch kroch.Ich hatte aber nicht mehr viel Zeit dafür, denn wir fuhren schon in den Hof von Onkel Klaus ein. Vor mir lag ein riesiges Grundstück, es gab Bäume, von Hecken abgegrenzte kleine Ecken, ich sah einen Lagerfeuerplatz und einen Spielplatz. Auf der linken Seite war ein großer Spitzbau. Die Fenster waren fast alle irgendwie mit Bildern behängt oder mit Windowcolor bemalt, ich ging davon aus, dass es irgendwie zur Kirche gehörte. Gegenüber, ganz am anderen Ende des Grundstückes, lag das Pfarrhaus, ein schönes zweistöckiges Gebäude. Rechts daneben war die Kirche und der Friedhof. Ich staunte, Platz gab es hier ohne Ende, ich würde bestimmt eine Ecke für mich finden. Ich nahm meinen Rucksack und meine Umhängetasche und meine Eltern nahmen jeder eine der drei Kisten aus dem Kofferraum. Wir waren noch nicht losgelaufen, da kam schon einer freundlich aussehender kleiner Mann aus dem Gebäude linkerhand, es musste Onkel Klaus sein. Er begrüßte uns alle freudestrahlend und nahm mich in seinen Arm:
'Ah, du bist also Roxana? Du bist so groß geworden! Es ist schön, dass du da bist!'Dann führte er uns zum Haus, selbstverständlich trug er die letzte Kiste. Ich war schon mal erleichtert, er machte einen sehr herzlichen Eindruck auf mich. Wir gingen in den ersten Stock des Hauses, unten befand sich das Pfarramt und einige Gemeinderäume. Das Haus war sehr gemütlich eingerichtet, teilweise altmodisch, aber sehr schön. Von einem langen Gang gingen mindestens 8 Türen ab. Aus einer trat eine rundliche, resolut wirkende Frau, sie musste dann wohl Betty, Klaus' Frau sein. Sie begrüßte mich ebenfalls strahlend mit einem festen Händedruck, man sah ihr an, dass sie 5 Kinder großgezogen hatte und ihren Haushalt tiptop in Ordnung hielt. Ich wusste, dass sie außerdem als Krankenschwester arbeitete. Also eine starke Frau, das mochte ich, ich wollte ebenfalls mal so werden. Aber 2 Kinder würden mir schon reichen 
Gleich wurde ich in mein Zimmer geführt, es lag am einen Ende des Ganges mit Blick zur Kirche und in den Garten. Es war klein, aber schön. Alte, massive Holzmöbel und Holzdielen, es gefiel mir auf Anhieb. Rechts stand das Bett, daneben ein kleiner Nachttisch, an der Wand gegenüber stand vor dem Fenster ein riesiger Schreibtisch mit einer Tischlampe. Links stand ein großer Kleiderschrank und daneben eine Kommode. Ich erfasste auf den ersten Blick, dass ich mehr als genug Platz für meine Sachen haben würde.
'Ist es in Ordnung für dich?'
Betty war hinter mir ins Zimmer getreten.
'Ich finde es sehr schön.' sagte ich mit einem Lächeln zu ihr.
Meine Eltern stellten die Kisten ab, wir tranken noch Kaffee zusammen und dann war es schon zeit für den Abschied. Ich hatte mir so fest vorgenommen nicht zu weinen und tapfer und gefasst zu sein. Schließlich war ich ja alt genug, ich hatte alles rechtzeitig gewusst, war vorbereitet und ich war ja auch nicht auf den Mund gefallen. Aber meine Mutter find mit weinen an und ich stimmte mit ein, es ging einfach nicht anders. Wir lagen uns in den Armen und auch mein Vater hatte hart zu kämpfen.
'Wir werden dich so vermissen, mein Engel!' schluchzte meine Mutter in meine Haare.'Ruf uns an so bald du irgendwas hast, ja? Versprich es uns!' drängte auch mein Vater.Ich stimmte zu und drückte beide ein letztes Mal an mich, dann fuhren sie weg. Für ein ganzes Jahr. Es gab zwar Skype und Facebook, aber ich würde sie lange nicht sehen. Wow, sobald sie weg waren hatte ich komischerweise keine Schwierigkeiten mich zu beruhigen und fasste mich richtig schnell wieder. Onkel Klaus bat mich, ihn einfach Klaus zu nennen und er und Betty führte mich durchs Haus.
'Unsere Kinder sind alle nicht da, Lukas kommt heute Abend noch wieder, aber Dina und Nina kommen erst nächste Woche. Wir sind also noch allein.' erklärten sie mir.Das machte mir nicht allzu viel aus, dann konnte ich mich in Ruhe eingewöhnen. Ich begann meine Sachen auszupacken und meine Kleider in den Schrank zu hängen. Ich blickte hinunter in den Garten, es war richtig ekliges Wetter draußen, schon unter zehn grad, Nieselregen, trüb und grau. Und dabei war es erst September.
Beim Abendessen meinte Klaus:
'Der Jugendkreis unserer Gemeinde trifft sich heute. Du könntest auch hingehen, drüben im Gemeindezentrum, da lernst du schon mal jemanden hier kennen.'
Innerlich erschrak ich, aber ich ließ es nicht zu, dass sie es mitbekamen. Es gab einen Jugendkreis in diesem Kaff? Damit hatte ich ja nicht mal gerechnet. Sollte ich mich jetzt schon mit den Dorfjugendlichen konfrontieren lassen? Ich hatte das ja eigentlich erst für Montag geplant. Wer weiß, was mich da erwarten würde... ich hatte schon ein wenig Angst davor, wenn ich ehrlich bin, aber so wie es aussah, blieb mir keine große Wahl. Natürlich hatten Klaus und Betty mich nur aus Nettigkeit darauf hingewiesen, sie wollten mir Kontakte verschaffen und es mir leicht machen. Sie wussten ja nicht, dass ich nicht so die Spaßkanone war und den Zugang zu neuen Menschen nicht so leicht fand. Außerdem wusste ich ja gar nicht wie diese Kirchenleute so drauf waren... hach alles so neu, das gefiel mir eigentlich überhaupt nicht. Ich zwang mich richtig dazu, mir so wenig Gedanken wie möglich zu machen und einfach hinzugehen.
'Mach dir keine Sorgen,' sagte Klaus, 'Unsere Jugendlichen sind sehr nett, eine tolle Truppe.'
Das machte mir aber nicht wirklich Hoffnung. Ich war Roxy, ein wenig zu still, zu introvertiert um sofort gut anzukommen. Trotzdem stand ich kurz vor Beginn vor dem Spiegel im Badezimmer und begutachtete mich. Ich hatte eigentlich schöne Haare, schulterlang und locker gewellt, auch die Farbe gefällt mir, schokobraun. Alles andere aber fand ich mittelmäßig, meine Gesichtszüge, die Proportionen... alles nicht besonders auffallend. Ich war zwar nicht besonders eitel, aber ich achtete schon darauf, was ich anziehen sollte und das alles zueinander passte und meine Haare ordentlich lagen. Heute Abend hatte ich überhaupt keine Ahnung was ich anziehen sollte. Was trägt man in einem christlichen Jugendkreis auf dem Dorf? Ich wollte nicht overdressed wirken aber auch nicht langweilig. Letztendlich entschied ich mich für eine dunkelblaue Röhrenjeans und ein langes hellgraues Shirt darüber. Draußen nieselte es immer noch, also zog ich mir für den Weg rüber zum Gemeindezentrum noch schnell meine Jacke und Mütze über. Beides hatte ich erst neu und ich gefiel mir damit. Ich war schon leicht spät dran und lief mit langen Schritten quer durch den stockdunklen Garten. Ich war hin- und hergerissen zwischen Angstgefühlen und Neugier. Während ich noch so überlegte wie ich auftreten sollte und was ich sagen sollte prallte ich auf einmal mit jemandem zusammen. Es war ein Junge, er war so schnell aufgetaucht und ich hatte so einen Stechschritt drauf, dass ich keine Chance zum Ausweichen hatte und er hatte mich anscheinend genauso nicht gesehen. Er sagte:
'Hoppla!' und fing mich auf.
Ich konnte in der Dunkelheit nichts erkennen, außer, dass er blond war und trotz meiner 1,78 m einen Kopf größer als ich. Ich war so perplex, dass ich nur ein 'Huch!' herausbrachte und peinlich berührt dahin blickte, wo sein Gesicht sein musste, doch ich sah nur seine Umrisse. Nach der Schrecksekunde sagte er:
'Komm schnell mit, die anderen kommen gleich und ich muss mich vor ihnen verstecken, jetzt muss du wohl oder übel mit!'
Er bedeutete mir ihm zu folgen und das tat ich auch ohne groß zu überlegen, ich hatte ja anscheinend keine Wahl. Er verschwand hinter einer Hecke und duckte sich unter einen Busch, ich ihm nach. Er kicherte leise und flüsterte zu mir:
'Wer bist du überhaupt?'
Ein wenig verwirrt von der seltsamen Situation und diesem fremden Umfeld fand ich es richtig befreiend eine ganz normale Frage gestellt zu bekommen.
'Ich wohne jetzt hier, also bei Pfarrer Klaus Schmidt, er ist ein Bekannter meiner Familie. Ich bin heute erst hier angekommen und wollte eigentlich zum Jugendkreis.' antwortete ich ihm genauso leise und immernoch überrascht.
'Ach ja! Das hat er gesagt.'
Er schaute zu mir:
'Ich bin Nik, und ich bin auch auf dem Weg zum Jugendkreis. Das hier ist übrigens eine Sache zwischen mir und ein paar Freunden, letzte Woche haben sie sich versteckt und mich erschreckt, diese Woche sind sie dran.'
Ich sah, dass er lächelte und war froh, da hatte ich also schon den ersten kennen gelernt und er war sogar nett.
'Ich bin Roxana, aber nenn mich ruhig Roxy.'
'Hi Roxy! Was führt dich eigentlich hier her?'
'Meine Eltern. Sie arbeiten für ein Jahr im Ausland und ich habe sonst keine Verwandten.''Macht dir das gar nichts aus? Von wo kommst du überhaupt?'
'Ich komme aus Berlin und ob mir das was ausmacht... ja und nein. Ich verstehe meine Eltern und will ihnen nicht im Weg stehen, weißt du? Und ich habe eigentlich auch nichts gegen eine räumliche Veränderung, ich bin zwar ein Stadtkind, aber es ist ja auch nicht für immer. Ich finde das sogar ganz spannend, wie ein kleines Abenteuer.' erklärte ich ihm, ich sah, dass er nickte.
'Verstehe. Finde ich aber echt tapfer von dir. Kennst du die Schmidt-Familie näher?''Eigentlich überhaupt nicht, dass letzte mal habe ich sie alle gesehen, da war ich noch echt klein, und die Kinder sind heute auch alle nicht da. Aber Klaus und Betty sind nett. Und ich habe ein eigenes Zimmer.'
'Dann wirst du jetzt ein Jahr lang hier zu Schule gehen?'
'Genau, nächste Woche geht's ja schon los.'
'In welche Klasse kommst du denn?'
'In die Elfte.'
'Dann sehen wir uns bestimmt in der Schule, ich nämlich auch und es gibt hier nur die eine.'Dankbar lächelte ich in seine Richtung, es war wirklich gut schon jemanden zu kennen, dann wäre ich nicht gänzlich unbeholfen.. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ich erkannte grob seine Gesichtszüge, aber noch konnte ich überhaupt nicht sagen, wie er aussah. Ich war schon direkt gespannt darauf, ihn im Licht zu sehen.'Jetzt dürfte es nicht mehr lange dauern, dann können wir hier weg und ins Warme gehen. Frierst du? Dann gebe ich dir meine Jacke?'
'Nein, schon ok.' lehnte ich ab, aber ich war geschmeichelt und gleichzeitig erstaunt über seine Höflichkeit.
Dann kam auch schon eine Gruppe Menschen aus der Dunkelheit, ich konnte sie hören bevor ich sie sah. Nik sprang aus dem Gebüsch, so dass sie alle laut aufschrieen. Ich erkannte an den Stimmen und Staturen, dass es nur Jungs waren. Nachdem sich alle wieder eingekriegt und genug gelacht, hatten stellte Nik mich ihnen vor:
'Jungs, das ist Roxana, sie wohnt ab heute hier. Roxy, das sind Patrick...', er zeigte auf den Größten der drei, einen Dunkelhaarigen, dann deutete er auf einen kleineren daneben: '... das ist Benni und der hier heißt Thomas.'
Thomas war ebenfalls größer als ich, aber kräftiger.
Ich lächelte alle freundlich an, und sie begrüßten mich, dann bewegten wir uns in Richtung Gemeindezentrum.







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