Einzigartige Frauen

Autor: Daniel
veröffentlicht am: 20.04.2009




Ich war 18 Jahre alt und hatte die Schule geschmissen. In der zwölften Klasse! Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf diese sinnlose Lernerei, gleichzeitig hatte mein Realabschluss, den ich ja schon hatte gereicht, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Ich habe angefangen Bar und Technik zu lernen. Einen sozialen Beruf, in dem man viel Kontakt zu anderen Menschen bekommt. Und so lernte ich nun SIE kennen.
An einem Freitagabend kam sie in Begleitung einer Stammkundin. Da ich gerade dran war, ging ich an ihren Tisch und fragte nach ihrer Bestellung. Sie hatte mich vom ersten Augenblick an verzaubert. Ich weiß noch genau, dass sie ein schwarzes Kleid getragen hatte. Ihre braunen, langen Haare hatte sie in einen Pferdeschwanz gebunden. Geschminkt war sie fast gar nicht. Nur ihre Wimpern hatte sie etwas betont. Als ich an ihren Tisch kam, schaute sie noch ratlos in der Karte herum. Ihre Freundin bestellte das Übliche. 'Soll ich später kommen?', fragte ich diese junge Frau. Ich weiß noch, dass sie die Karte weglegte und mir zum ersten Mal in die Augen gesehen hatte. 'Nein, ich kann mich sowieso nicht entscheiden. Bringen Sie mir einfach den Cocktail, den Sie am Besten finden, aber ohne Alkohol.'Ich nickte und ging weg. Ich war vollkommen ratlos, hatte Angst, dass ihr das, was ich bringe nicht schmecken könnte. Trotzdem entschied ich mich einfach für einen Fruchtigen. Nachdem ich diese Beiden bedient hatte, war ich auch noch am Mixer dran. So bekam ich die zwei Frauen bewusst gar nicht mehr zu Gesicht.
Am nächsten Tag musste ich dauernd an sie denken. Ich wusste nur nicht warum. Ich sah doch ständig hübsche Frauen in meinem Beruf und ich kannte sie auch gar nicht!Na ja, immer mehr Zeit verging, ohne dass sie sich noch einmal blicken ließ und ich vergaß sie schließlich.
Dann, nach etwa einem Monat war sie plötzlich einen Abend wieder da. Ich erkannte sie sofort. Dieses Mal war sie jedoch in anderer Begleitung. In Begleitung eines Mannes. Sie setzten sich vorne an die Bar, so hatte ich sie ständig im Auge. Wieder suchte sie unbeholfen in der Karte herum, während ihr Freund schon etwas Alkoholisches bestellt hatte. Als sie die Karte weglegte, ging ich zu ihr hin. 'Wie hieß der Cocktail, den Sie mir das letzte Mal gebracht hatten?', fragte sie mich mit großen Augen, 'Oh, Sie erinnern sich bestimmt nicht mehr an mich?'
Sie hatte ein wunderschönes Lächeln. Trotzdem behielt ich im Auge, dass sie einen Freund zu haben schien. 'Doch, ich weiß. Bobo's Special', antwortete ich sicher. 'Den nehme ich wieder.', ihr Lächeln blieb die ganze Zeit über bestehen. Wieder war ich beeindruckt.Sie bleiben fast den gesamten Abend dort sitzen und lachten sehr viel. Ich war neidisch, oder eifersüchtig, wer weiß das schon? Ich hätte sie gerne auch zum Lachen gebracht!Plötzlich hörte ich Wortfetzen mit, die die ganze Situation veränderten: '…Nein, mich stört es ehrlich nicht, dass du schwul bist…'
Oberglücklich wurde ich in diesem Moment. Doch was sollte es mir eigentlich bringen? Ich kannte diese Frau trotzdem nicht…
Wieder vergingen Wochen, ohne, dass ich sie wieder sah, bis zu einem Tag, an dem ich niemals damit gerechnet hatte, sie zu sehen. Meine Mum schleppte mich, wie jedes Jahr, an Ostersonntag mit in den Gottesdienst. Morgens um sechs! Meistens hörte ich sowieso nicht zu, sondern schlief mit offenen Augen halb weiter. Doch das sollte an diesem Morgen anders sein. Der Pfarrer kündigte die Kirchenband an. Wie immer rechnete ich damit, dass wieder schrecklicher, gospelartiger Gesang folgen sollte. Doch die junge Frau von der Bar trat auf die Bühne. Sie war ganz weiß gekleidet und hatte ihre ellenlangen Haare offen. Sie gingen bis zu ihren Ellenbogen, in diesem gesunden braun.
Ihr war deutlich an zu sehen, dass sie nervös war. Als die Orgel begann und sie das Mikrofon ansetzte, begann ihre Stimme zu zittern und sie starrte stur nach oben. In mir baute sich die gleiche Nervosität auf. Ich konnte mitfühlen, wie sie sich fühlte. Sie konnte das Mikro nicht zitterfrei halten. Doch zumindest wusste sie den Text sicher. Obwohl ihre Stimme zittrig und schwach klang, gefiel mir ihr Gesang. Möglicherweise als einzigem in diesem Raum. Ich informierte mich auch später nach dem Namen des Songs: 'Licht dieser Welt'
Nach ihrem mehr oder weniger gelungenen Auftritt ging sie von der Bühne und setzte sich in die erste Reihe. Der Pfarrer begann zu predigen. Wieder hörte ich ihm nicht zu, nein, ich beobachtete das Mädchen, um es nicht schon wieder aus den Augen zu verlieren. Das konnte ja auch kein Zufall sein! Beim Osterfrühstück wollte ich sie ansprechen. Und genau das tat ich auch. Sie saß mit ihrem Vater an einem Tisch und ich überredete meine Mum ohne viel Mühe, das wir uns auch dort hin setzten. Also saß ich neben ihr. Ich vergriff mich sofort an dem Essen, während sie neben mir lediglich Kakao trank. Ihre Hände zitterten immer noch, obwohl es nun schon einige Zeit her war. 'Ich fand deinen Gesang schön.', sprach ich ihr vollkommen ehrlich zu. Sie sah zu mir auf und ich bemerkte an ihrem leichten Zucken, dass sie mich nun erkannt hatte. Sie biss sich auf die Lippe und nickte. Ich habe mir ihre gesamte Mimik und Gestik eingeprägt und kann sie wie einen Film aufrufen.
'Wie heißt du denn eigentlich?', fragte ich sie, nachdem meine Mum mich endlich nicht mehr zutextete. 'Mareike.', kam von ihr, 'du?'
'Daniel', antwortete ich ihr und lächelte sie an, endlich löste sich ihre feste Mimik und sie erwiderte mein Lächeln.
Wieder saßen wir uns anschweigend nebeneinander. Ich war auf komische Weise aufgeregt. 'Wollen wir mal rausgehen?', fragte sie plötzlich flüsternd. Ich nickte und wir verließen gemeinsam das Gemeindehaus. Ich wusste, dass meine Mutter nun merkwürdig gucken würde, doch es war mir egal. Da das Gemeindehaus in unserem Dorf am Waldrand stand, setzten wir uns auf eine Bank etwas tiefer zwischen Bäumen. Sie wurde wieder ruhiger und schien sich von ihrer Blamage erholt zu haben. Ich weiß noch, dass trotzdem keiner von uns wirklich etwas sagen konnte. Wir beobachteten still, wie es langsam immer heller wurde. Was ich aber an diesem Morgen erfuhr war, dass sie 18 Jahre alt war (ich war zu diesem Zeitpunkt schon 19) und in die 12. Klasse eines Gymnasiums in der nahe gelegenen Stadt ging. Wir tauschten außerdem Handy- und Icq-Nummern aus.

Wir begannen jeden Abend miteinander zu chatten. Ich vernachlässigte für sie sogar meine Freunde. Ich mochte einfach die Art, wie sie über alles dachte. Ich mochte, wenn sie lachte, ich war völlig vernarrt in ihr Aussehen. Sie kam nun auch öfter abends in die Bar, wenn ich arbeiten musste. Sie setzte sich dann immer auf einen Hocker und beobachtete mich beim Arbeiten.
Später war ich sogar mit in ihrer Schule zum Tag der offenen Tür. Sie hatte sich zwar gewährt, doch ich war trotzdem mitgekommen. Warum sie dagegen war, sollte ich auch bald erfahren. Sie wurde gemobbt!
Ich war fassungslos. Obwohl ich dabei war, wurde sie 'Hässliche' beschimpft und ausgelacht. Ich wurde sauer und beleidigte diese natürlich aufs äußerste zurück. Ich packte meinen gesamten Wortschatz aus, obwohl ich eigentlich vollkommen sprachlos war. Wie konnte man sie denn hässlich finden? In meinen Augen war sie wunderschön!
Ich weiß, dass ihre Haare oft strohig waren, doch sie waren trotzdem dick und schön! Ich weiß, dass sie keine großen Brüste hatte, doch sie hatten doch trotzdem eine schöne Form! Ich weiß, dass sie sehr dünn war, doch sie hatte doch trotzdem schöne Hüften und dadurch Kurven! Ich weiß, dass ihr Kinn etwas zurück stand, doch das tat ihrem schönen Gesicht keinen Abbruch!
Wir verließen die Schule sofort, als es ihr vom Lehrer erlaubt wurde und setzen uns in mein Auto. Zum ersten Mal, schüttete sie mir ihr Herz aus. Sie begann jämmerlich zu weinen und erzählte mir, dass sie als Kind schon oft fertig gemacht wurde, weil sie damals eine Außenzahnspange gehabt hatte. Sie hatte zwar Freunde, doch die taten immer so, als bekämen sie gar nicht mit, wenn sie gehänselt wurde. Ich nahm sie in den Arm und streichelte ihren Rücken. Wie konnten sie ihr nur so etwas antun? Ich erinnerte mich an meine Schulzeit, die ja erst ein Jahr zurück lag. Ich hatte ebenfalls immer 'hässliche' Mädchen gemobbt. Mir hatte es einen Heidenspaß gemacht und dazu war jedes böse Wort von mir ernst gemeint gewesen. Ich fühlte mich mies. Einfach scheiße. Ich bereute jedes Wort, was ich zu jedem einzelnen in meinen Augen hässliches Mädchen gesagt hatte. Sie hatten sich mit Sicherheit genauso gefühlt. Ich versprach Mareike immer für sie da zu sein. Ab diesem Tag waren wir ein Paar.Ich war mir sicher, dass ich sie liebte. Zum ersten Mal berührten sich unsere Lippen.Es dauerte nicht lange, da blühte sie richtig auf, wenn sie bei mir war. Ihr Selbstbewusstsein wuchs und sie fühlte sich immer besser. Bis sie sogar an dem Punkt angekommen war: 'Was die anderen von mir halten, ist mir Scheißegal'
Dadurch klappte alles wunderbar und ich war glücklich mit ihr. Sie blieb sehr oft über Nacht bei mir und selbst meine Mutter mochte sie. Alles war perfekt.
Ich besorgte ihr sogar einen Praktikumsplatz bei uns in der Bar, da sie ständig Absagen bekam. Sie freute sich riesig. Vier Wochen sollten diese sein.
Sie wurde sofort super angenommen.
Damit fing jedoch das Unheil an! Ich bemerkte es nur leider nicht früh genug. Nach der zweiten Woche begann sie ständig Treffen abzusagen. Sie meinte an einer Tour, sie sei zu müde, oder fühlte sich nicht wohl. Ich machte mir Sorgen, ob irgendwas mit ihr nicht stimmte. Vermutete alles von A bis Z. War sie schwanger? Sollte ich Vater werden? Hatte sie zu viel Druck? Wurde sie immer noch fertig gemacht? Sie sprach nicht mit mir darüber, wenn ich sie fragte.
'Nein, nein. Alles in Ordnung', wimmelte sie mich ständig ab. Meine Angst sie zu verlieren wuchs. Ich liebte sie doch so sehr!
Ich dachte mir, ich müsse nur abwarten, bis dieses Praktikum zu Ende ist, dann würde sich alles wieder einrenken. Fehldenken! Genau das Gegenteil!
Sie hatte gar keine Zeit mehr für mich. Als ich sie nach langem hin und her vor die Wahl stellte:
'Entweder du sagst mir was los ist, oder…'
Ich konnte das 'Oder' gar nicht mehr aussprechen, da senkte sie schon ihren Kopf und begann mir alles zu erklären, ohne mir in die Augen zu sehen. 'Ich bin dir so dankbar für alles. Für die schöne Zeit. Du warst immer hin mein erster Freund, aber ich habe mich in jemand anderen verliebt. Keine Angst, ich bin dir nicht fremd gegangen, aber ich konnte dich auch nicht mehr ehrlich küssen.'
Beichtete sie. Erst hielt ich ihre Worte für einen schlechten, verspäteten Aprilscherz, dann jedoch verstand ich. Sie hatte sich in meinen Arbeitskollegen verliebt. In den 26jährigen Kellner.
Sie ging…Um mir einen Gefallen zu tun, tauchte sie bei mir in der Arbeit nicht mehr auf, obwohl sie nun mit meinem Arbeitskollegen Manuel zusammen war. Ich hasste ihn dafür. Ich war im Stolz gekränkt und mein Herz wollte zerspringen.
Die Zeit verging, ein Monat, zwei Monate, drei…Dann war ein halbes Jahr vergangen. Ich war immer noch Single. Ich träumte immer noch von ihr. Mir hatte die Zeit mit ihr so unendlich viel bedeutet.
Dann sah ich sie wieder. Auf den ersten Blick erkannte ich sie gar nicht. Sie hatte nun etwas längere Haare als schulterlang. Sie trug große Kreolen. Ihr komplettes Gesicht war geschminkt und knappe Klamotten zierten ihren Körper. Ich traute meinen Augen nicht! Sie war zwar schön, sehr schön sogar, doch nicht meine kleine Mareike!
Sie kam wieder in die Bar. Eine ganze Schar Jugendlicher waren bei ihr. Sie war schrecklich beliebt. Alle schwänzelten um sie herum, baggerten sie an. Manuel natürlich am Meisten. Im Laufe des Abends kam sie plötzlich zu mir und wisst ihr, was sie sagte:
'Warum hast du mir nie gesagt, dass ich hässlich war? Du hast gesagt, du würdest immer für mich da sein, doch ehrlich warst du nie. Nun bin ich schön und alle lieben mich.', ihr Lächeln hatte sich verändert. Sie war gehässig.
'In meinen Augen warst du schön. Wesentlich schöner als jetzt.'
'Aber keiner fand mich schön und keiner hat mich geliebt.', ich konnte bis tief in ihren Ausschnitt schauen und ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass das, was sie dort zeigte, nicht echt war. Sie pushte.
'Nein, Mareike. Ich habe dich geliebt.'
Sie musterte mich einmal und verschwand. Sie schüttelte ihren Arsch, als sei es eine Waschmaschine. Mir wurde klar, meine Mareike war gestorben…
Ich verfiel in neue Trauer. Dieser beschissene Gruppenzwang und diese Sucht nach Schönheit, haben das liebevollste und schönste Mädchen der Welt zu einer Plastikpuppe wie jede andere gemacht.
Liebe Mädchen und Frauen, lasst euch das eine gesagt sein: Sich von der Gruppe abheben kann man nur, wenn man ein Individuum bleibt. So eine Plastikpuppe umwirbt ein Mann nur, wenn er ein Betthäschen braucht, doch wenn er eine einzigartige Frau umwirbt, dann ist er verliebt….

Ich umwarb nach dieser Erfahrung eine Menge Frauen. Ich schlief mit vielen Frauen, das gebe ich offen zu und keine dieser Frauen hatte Gefühle in mir hervor gerufen. Es war alles gebrochener Stolz. Wollt ihr wirklich auf dem Bett eines Mannes landen, der es einfach nicht ernst meinen kann? Bleib du selbst.

Ich konnte mich bis Heute nicht neu verlieben und nur, weil ich nicht gesehen habe, wie sehr Mareike in ihrem Inneren immer noch darunter litt, dass sie anders war. Ich liebe sie bis Heute und ich kann nichts dagegen tun. Die 'alte' Mareike würde ich sofort wieder in meine Arme schließen und dieses Mal würde ich sie nicht mehr ziehen lassen. Ich würde sie vor dem Gruppenzwang beschützen. Ich gebe zu, ich habe versagt…








Kommentare

Jackii

17.11.2010 17:45:25

Wunderschöne Geschichte bzw. Erzählung *-*


Ana

12.08.2011 22:56:14

traurig aber voll schön




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