Die Wendung

Autor: Aerzte-Monster
veröffentlicht am: 10.04.2009




Schnaufend strich ich mir die widerspenstigen Haare aus der Stirn. Ich hatte es mal wieder grandios geschafft den Bus zu verpassen. Total genervt stampfte ich den gesamten Berg wieder nach oben. In den Moment ging Eric aus dem Haus. 'Du hast schon wieder den Bus verpasst?', fragte mein Bruder mich und verdrehte die Augen. Flehend sah ich ihn an. 'Jaa? Kannst du mich vielleicht mitnehmen? Bitte, nur noch heute!' Also ging mein Bruder wieder in die Wohnung, um mir einen Helm zu holen. Er dr?ckte ihn mir in die Hand und brummte: 'Aber wirklich zum allerletzten Mal! Es ist wirklich peinlich, dass ich immer meine kleine Schwester mit dem Motorrad rumkutschieren muss!' Entschuldigend l?chelte ich ihn an, zog mir den Helm auf den Kopf und stieg nach ihm auf das Motorrad. Er startete den Motor und schon verlie?en wir l?rmend den Hof des gro?en Mehr-Familien-Hauses.

Als ich das Klassenzimmer betrat herrschte, wie immer kurz bevor wir Mathe hatten, das gro?e Chaos. Elena und Amelie bewarfen sich kreischend mit Papierk?gelchen, Mauritzio und David stritten sich mal wieder lauthals, w?hrend Christian sie anschrie, sie sollten endlich mal aufh?ren zu streiten, Simone gestikulierte wild mit den H?nden um Carolina, Ben und Lisa irgendwas zu zeigen und Frau Kriesch stand hilflos am Pult, ohne zu wissen, wie sie alle ruhig bekommen sollte.
Ich ging an meinen Platz und lie? mich neben Katharina auf den Stuhl plumpsen. 'Ist ja schon wieder voll der Zirkus hier', meinte ich zu ihr. Sie schaute mich nur kurz an und nickte. Ich war nicht wirklich mit ihr befreundet. Wir wurden nur nebeneinander gesetzt, weil wir beide alleine gesessen hatten. Sie war allein, weil sie total streberhaft war. Ich war allein, weil die ganze Klasse dachte, meine Eltern w?ren an einer ?berdosis Heroin gestorben, und mein Bruder sei auch schon voll der Dealer. Meine Eltern waren aber beide in einem brennenden Haus umgekommen. Und mein Bruder war B?cker Azubi. Vor kaum 2 Jahren starben meine Eltern. Mein Bruder wollte mich nicht einfach in ein Kinderheim abschieben, also nahm er mich in seine kleine Wohnung auf und richtete mir sein altes Musikzimmer als eigenes Zimmer ein (das Schlagzeug muss seit dem leider im Keller vor sich hin gammeln).Irgendwie schaffte die Kriesch es doch, die Klasse auf sich aufmerksam zu machen und fing prompt an von proportionalen und umgekehrt proportionalen Funktionen zu reden. Ich h?rte ihr schon ab den Worten 'Ich habe euch ja letzte Stunde erkl?rt, dass?' nicht mehr zu sondern zeichnete mal wieder an dem Bild weiter. An diesem Bild zeichnete ich schon seit 2 Jahren. Seit meine Eltern tot waren. Es zeigte einen riesigen Park, in dem lauter Familien waren. Diese Familien bestanden immer aus Vater, Mutter, Tochter und Sohn. Alle Familien sahen gl?cklich aus. Nur die letzte nicht. Sie bestand aus Tochter und Sohn. Sie sa?en ganz alleine an einem Ententeich und starrten in das tr?be Wasser.
Der erl?sende Gong kam und ich lie? Frau Kriescher mit ihren komischen Funktionen allein zur?ck. Der Deutschunterricht war mindestens genauso spannend, die darauf folgende Kunststunde versprach auch keine Besserung, und so zog sich der ganze Tag hin wie alter Kaugummi. Als endlich die sechste Stunde zu Ende war, st?rmte ich f?rmlich aus dem Klassenzimmer und lief zur Bushaltestelle. Auf der Bank sa? bereits jemand, aber ich setzte mich einfach neben ihn, ohne ihn eines Blickes zu w?rdigen. 'Hi', sagte die Gestalt neben mir. Ich drehte den Kopf und gr??te den Jungen fl?chtig zur?ck. Dann sprang ich auf und stieg in meinen Bus, der gerade gehalten hatte.
Zuhause angekommen rief ich Melissa an. Sie war meine beste Freundin seit dem Kindergarten, nur leider musste sie wegziehen als wir gerade eingeschult wurden. Wir unterhielten uns ein bisschen ?ber dies und das, verabredeten uns f?r das n?chste Wochenende und verabschiedeten uns mit vielen 'Hab dich lieb's. Ich hatte gerade aufgelegt, als mein Bruder nachhause kam. 'In 10 Minuten gibt's Essen', rief er aus der K?che. Ich legte das Telefon auf das kleine Abstelltischchen und antwortete: 'In Ordnung.'10 Minuten sp?ter sa?en wir zusammen am Esstisch und a?en die Spaghetti. 'Ich hab geh?rt, ihr bekommt einen neuen Mitsch?ler?', meinte mein Bruder zu mir. 'Kann schon sein.', brummte ich ?ber den Tisch. Ich machte mir daraus nicht so viel. Ich hatte das Gef?hl, dass dieser Frederic genauso sein w?rde wie die anderen Idioten in meiner Klasse.
'Freust du dich schon? So viel ich wei?, kommt er morgen das erste Mal in eure Klasse!''Warum sollte ich mich freuen?'
'Ich wei? nicht. Vielleicht bist du ja auch schon aufgeregt.'
'Wenn jemand aufgeregt sein muss, dann er.'
'Achso.'
Mein Bruder kannte mich gut genug, um zu verstehen, dass das Gespr?ch f?r mich beendet war.







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