Mit allen Mitteln

Autor: Abril
veröffentlicht am: 07.09.2008




I.
'Ephraim, kommst du bitte?'
'Hinter dir.'
'Das ging aber schnell von Handen. Seit wann bist du wieder im Haus?'
'Eine Weile.'
'Verbirgst du irgendetwas?'
'Mum, wieso sind wir alleine?'
'Was meinst du mit 'alleine'? Allein im Sinne von 'einsam'?'
'Allein im Sinne von 'ohne Mann und ohne Vater'.'
'Bist du deshalb so eigenartig?'
'Kannst du mir denn nicht einfach antworten?'
'Um Gefahr zu laufen den folgenden Fragen nicht ausweichen zu können?'
'Mum, wer ist mein Vater?'
'Das solltest du ihn selbst fragen.'
'Mum, wo ist er? Weißt du, wo er lebt?'
'Ich bin mir nicht sicher.'
'Im Bezug auf was?'
'Was glaubst du von ihm erwarten zu können? Er…'
'…liebt dich noch immer', entfuhr es mir auf einmal. Ich kam hinter der Wand hervor. Meine Gestalt nahm beinahe den gesamten Türrahmen ein. Kreidebleich wandte sie mir allmählich ihr entsetztes Gesicht zu. Meine Anwesenheit schien sie sichtlich zu überwältigen. Leider weniger im positiven Sinn, wie ich verstimmt feststellen musste.
'Jetzt erwarte ich einige Antworten und brauche eindeutig eine Kopfschmerztablette.'
'Du hast dich kaum verändert, Darling.'
'Nenn mich nicht so!'
'Wie?'
'Lass das!'
'Was?'
'Hör endlich auf damit!'
'Womit?'
Ich schnaubte aufgebracht. Nun machte er sich auch noch über mich lustig. Er drang einfach so in mein Haus ein, hatte offensichtlich Kontakt zu Ephraim und schien auch noch zu glauben, ich würde sein Erscheinen begrüßen. Ph - da hatte er sich geirrt. Vor Nervosität begann ich zwangsläufig an meinen Fingernägeln zu puhlen. Meine augenscheinliche Ungeduld wuchs je länger Sonny mich von Kopf bis Fuß musterte. Im Raum herrschte eine explosive Mischung aus Empörung, Fassungslosigkeit und Impertinenz.
'Ephraim, wurdest du uns bitte unter vier Augen miteinander reden lassen?'
'Werdet ihr euch streiten?'
'Nein, mein Junge. Deine Mutter und ich müssen uns nach den ganzen Jahren nur ein paar Dinge an den Kopf werfen. Mehr nicht', versicherte mir mein Vater. Ich runzelte die Stirn. Tolle Aussichten! Unschlüssig blickte ich von einem zum anderen, ehe ich schließlich missmutig hoch auf mein Zimmer ging. Zögernd blieb ich am Treppenabsatz stehen. Sollte ich lauschen? Wenn Mum überreizt war, wurde sie meistens leise, was bedeutete, das mit ihr nicht mehr gut Kirschen essen war. Das hieß wiederum, dass sie wie ein Tornado wütete. Zerstörerisch und letal. Und im Augenblick war ihre Stimme kaum mehr als ein leises Zischen. Beinahe bekam ich Mitleid mit Dad. Dennoch versuchte ich begierig einige Wortfetzen aus ihrem Streitgespräch zu ergreifen. Doch als diese keinen Zusammenhang ergaben, verschwand ich trist in meinem Zimmer.
'Wie kommst du dazu unseren Sohn für deine Zwecke zu missbrauchen?'
'Du bist doch diejenige die damals die Flucht ergriff!'
'Selbstverständlich! Du bist ja auch derjenige gewesen, der von Abtreibung sprach!'
'Verdammt nochmal! Ich war jung!'
'Nennst du das eine plausible Entschuldigung? Was würde Ephraim dazu sagen?'
'Herr Gott, ich habe einen Fehler gemacht, ja! Zum Teufel damit! Aber ich bin hier, oder?'
'Und ich soll die letzten neun Jahre vergeben und vergessen? Stellst du es dir so leicht vor?'
'Nein. Nein. Keiner verlang das von dir. Ich will das doch gar nicht! Ich will dich!'
'Du hattest mich!'
'Ich hatte dich und will dich wieder zurück!'
'Du hattest deine Chancen!'
'Ich habe sie nicht genutzt. Keine davon. Ich wusste nicht, wie du reagieren würdest!' 'Genau so!'
'Das war auch der Grund, warum ich tatenlos zusah als du gegangen bist.'
'Jetzt ist es zu spät. - Tut mir Leid.'
'Mehr hast du mir nicht zu sagen? Verdammt', brachte er aufgebracht hervor und kam mir bedrohlich nah. Tapfer rührte ich mich keinen Zentimeter von der Stelle weg noch zuckte ich zusammen als er seine Hand nach mir ausstreckte. In Anbetracht aller Erwartungen die ich hatte als er nach mir griff rechnete ich eindeutig nicht mit dieser Geste.
'Erinnerst du dich?'
'Als wir Kinder waren hatte ich dir mal davon erzählt, nicht wahr?', fragte ich gedankenverloren. Er kniete auch weiterhin vor mir und hielt meine linke Hand fest.
'Wie war das doch gleich?'
'Auf der Handfläche bedeutet ein Kuss Verehrung. Auf der Wange ist es Freundschaft und ein Kuss auf den Mund verheißt Liebe. Stimmt's?', erkundigte ich mich. Ich sah, wie Melinda mich von oben bis unten mit einem akkuraten Blick abmaß. Plötzlich machte sich auf ihren Lippen ein Lächeln breit. Anstatt einer Antwort nickte sie mir stumm zu. Ein wohliges Gefühl machte sich in meinem Inneren breit. Vorsichtig blickte ich auf ihre Hand, bewunderte die schönen ovalen Fingernägel und entdeckte ihn.
'Du trägst ihn noch?'
'Ich hatte wieder Lust ihn zu tragen?'
'Heute?'
'Ja.'
'Schwindelst du mich gerade an?'
'Möglich', stimmte sie schmunzelnd zu und entzog mir ihre Hand. Ich beobachtete sie eindringlich. War die Lage wirklich hoffnungslos wie sie zuvor erschienen ist?
'Du solltest gehen.'
'Ephraim wird dich fragen, warum ich gegangen bin. Was wirst du ihm sagen?'
'Mach einen Vorschlag?!'
'Wie wär's wenn ich bleibe?'
'Diese Option steht dir nicht zur Verfügung!'
'Er wird wissen wollen, ob ich wiederkomme.'
'Kommst du wieder?' Ich merkte selbst, dass diese Frage unpassender nicht hätte sein können. Am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen, würde sein prüfender Blick mich nicht derart in Augenschein nehmen. Seufzend ging ich an den Küchentresen. Das Geschirr würde mich ablenken. Ich machte mich umgehend an die Arbeit. Ein Teller nach dem anderen spülte ich sorgfältig mit der Hand ab, während mir Sonny offenbar gelassen dabei zusah. 'Wie lange möchtest du noch dieses Spielchen spielen?'
'Bis du endlich mein Haus verlassen hast.'
'Du müsstest mich doch nur darum bitten.'
'Was ich bestimmt nicht tun werde!'
'Dann übernachte ich also hier? Wunderbar. Ich sage es sofort Ephraim.'
'Wie bitte?' Noch wie ich mich zu ihm umdrehte, war er bereits am Stiegengelände und huschte in den zweiten Stock. Verzweifelt starrte ich auf den leeren Stuhl, auf welchem Sonny bis vor kurzem noch gesessen hatte. Was hatte ich uns eingebrockt?









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