Ein Leben ohne Dich

Autor: Abril
veröffentlicht am: 04.09.2008




Als ich das Läuten, welches von der Haustür herrührte, hörte, erschrak ich. Es war bereits nach Mitternacht. Ich wagte es kaum zu atmen. So sehr hatte sich der Schreck in meinen Gliedern festgesetzt. Umso erleichterter war ich, als es nicht ein zweites Mal klingelte. Ob das ein Mörder mit einer Streitaxt war der vor meiner Tür stand und nur darauf wartete, dass ich sie öffnete damit er mich aufschlitzen konnte, überlegte ich zitternd. Das Fernsehen hatte seine Spuren in meinen Gehirnzellen hinterlassen. Soviel war klar. Ich stand langsam vom Schreibtisch auf. Vielleicht sollte ich durch das Spionloch hindurch sehen?
Vor dem kleinen Guckloch wagte ich nicht hinaus zu sehen. Panik, vor dem was ich sehen könnte, raubte mir den Verstand. Selbstverständlich wusste ich nicht was es war, aber schon allein diese Tatsache, dass es etwas Unbekanntes war, machte mir schreckliche Angst. Dann appellierte ich an meinen gesunden Menschenverstand. Ich war doch keine sechs mehr. Christian würde lachen, wenn er das hier sehen würde. Doch darum ging es: würde er es sehen! Wäre er jetzt doch hier.
Es half nichts. Er war es nicht. Ich allerdings schon. Es war verrückt. Welcher normale Mensch klingelte nach Mitternacht an der Haustür einer Person bei der Licht brannte? Jetzt klingelte es erneut. Dieses Mal jedoch waren es meine inneren Alarmglocken die derart in meinem Ohr schrillten. Natürlich. Mein Licht muss irgendjemanden auf die Idee gebracht haben anzuläuten. Vermutlich war es ein Jugendlicher der Spaß daran hatte Leute zu erschrecken, leuchtete es mir ein. Ja. Das war die Erklärung.
Und um diesem unbekannten Till Eulenspiegel eins auszuwischen begab ich mich zurück in mein Büro, welches ich bei mir zu Haus eingerichtet hatte um die Arbeit die ich im Büro nicht schaffte Daheim zu Ende zu bringen.
Ich war müde. Das erkannte ich, wie ich auf das Ziffernblatt meiner Uhr sah. Du meine Güte, Zeit für mich zu schlafen. Etwas, dass ich seit Monaten vernachlässigte. Und es war seine Schuld.
Barfüssig ging ich die Treppe in mein Zimmer hoch. Ich war allein. Zum ersten Mal seit geraumer Zeit hatte ich ein ganzes Haus für meinen Eigengebrauch. Ich konnte mich nicht entsinnen, dass es jemals vorgekommen war, dass ich derart auf mich allein gestellt gewesen war. Natürlich nicht. Ich bin nur allein auf die Welt gekommen, schoss es mir durch den Kopf. Und so würde ich auch von dieser Welt gehen, kam mir der traurige Gedanke. Seitdem er gegangen war, quälten mich diese melancholischen Grübeleien oft.
Allein das wäre bereits ein Grund ihn wieder zu mir zurück zu bringen. Dass er mein Mann war, war eine andere Sache. Denn für einen Mann seines Kalibers hätte es mehr gebraucht als das. Einfach mehr. Viel mehr.
Die kühlen Laken tun meiner Haut gut. Die Hitze dieses Jahr trieb so manch einen zum Wahnsinn. Andere hingegen hatten Pools. Etwas worin kühles, wohltuendes Wasser sich aufreizend gegen den Poolrand schleuderte wenn man hineinsprang. Doch in meinem Fall ist es unerträglich sich mit der Vorstellung an kühles Wasser durchzukämpfen. Im Bett begann ich aus allen Sporen meines Körpers zu schwitzen. Es lag wohl daran, dass man diese Jahreszeit deshalb 'Sommer' nannte.
Schlaf konnte ich so nie kriegen. Ein anderes Mittel musste her. Doch was für eins? Eine kalte Dusche war die übliche Methode um diesem Leiden ein Ende zu bereiten. Doch was tat man gegen ein gebrochenes Herz? Man legte sich schlafen. Oder aber, man begann sich in die Arbeit zu stürzen. Ich entschied mich für die zweite Variante.
Doch momentan half auch diese nichts. So lag ich also da. Ignorierte die Gewissheit, dass mir der Schweiß am Körper entlang rann und unterdrückte den Wunsch, einfach zu weinen. Obwohl Menschen behaupten, es ginge mir nach dem Weinen leichter. Sie logen. Alle. Nichts änderte an meinen Gefühlen. Ich lag vor den zerbrochenen Scherben meiner Ehe. Weil man ihn mir weggenommen hatte. Christian.
Ich wälzte mich im Bett. Einmal links hin. Einmal rechts hin. Das Doppelbett gehörte mir. Ich teilte es ja mit niemandem mehr. Und noch einmal von vorn. Mal nach links, dann nach rechts. Das Schema blieb doch immer gleich.
Die Dunkelheit in meinem Zimmer gab mir das Gefühl einsam zu sein. Irgendwie bedrohte sie mich mit den Schatten die sich in diesem Raum breit gemacht hatten. Früher war es anders. Da lag er neben mir. Wir raubten uns gegenseitig die Nerven, indem wir uns aneinander drückten und uns vorstellten, wir wären in der Sauna. Im Winter stahl ich ihm im Schlaf die Decke und er erfror fast neben mir. Und im Sommer, wenn die Hitze unerträglich weiter an uns nagte, dann schlug er eine Dusche vor.
Doch was änderte es jetzt. Hier war ich. Dort war er. Und kein Weg führte uns wieder zueinander.
Tagelang wollte ich es nicht wahrhaben. Ich konnte nicht. Womit habe ich das auch verdient? Verwandte, Freunde, liebe Leute kamen mich besuchen. Keinem jedoch gestand ich es ein. Nur nächtelang da weinte ich.
Von meinen Tränen weiß bis heute niemand. Davon mal abgesehen konnte mir keiner helfen. Nicht in meiner Einsamkeit. Hätte er doch was gesagt! Nein. Er ging. Einfach so. Man hatte ihn aus meinem Leben ausradiert. Ihn. Christian.
Nun saß ich im Bett. So ging das nicht. Ich suchte nach dem Lichtschalter. Ablenkung. Mein einziger Gedanke. Ablenkung. Die würde mir zu dieser späten Stunde gut tun. Aber sicher war ich mir nicht. Früher hatte er für Abwechslung gesorgt. Er küsste mich wach. Streichelte mich sanft. Begann mich wieder zu lieben. Tränen. Die Erinnerung entfachte sie. Die Tropfen fielen auf meine Hände. Sie rannen mir die Wangen entlang bis hinab zu meinem Kinn, um von dort aus einen Weg auf den Boden zu finden. Die Ruhe war fürchterlich still. Mein Weinen zerriss dieses unheimliche Schweigen der Nacht.
Langsam beruhigte ich mich. Das war ein kleiner Ausbruch. Es ging wieder. Ich sammelte meine Kräfte wieder. Ich überquerte den Parkettboden meines Zimmers. Dann schritt ich zur Kommode in der ich einige Haargummis deponiert hatte. Wie ich wusste. Schnell fand ich einen und bändigte meine langen bräunlichen Haare in einen Pferdeschwanz.
Im Spiegel sah ich mich. Ich war abgemagert. Schließlich vergaß ich auch darauf zu essen. Das kümmerte mich nicht. Am meisten Aufsehen erregten die dunklen Augenringe unter meinen kleinen Augen. Dass sie grün waren, erkannte man kaum noch. Ich zuckte die Schultern.
Was soll's! Ich kehre meinem Spiegelbild den Rücken zu. Dann wende ich meine Aufmerksamkeit automatisch dem Foto auf meinem Nachtkästchen zu. Eine halbe Ewigkeit blicke ich es starr an. Mir lächelt eine glückliche Frau mit ihrem Mann entgegen. Das war ich.Irgendwann vor Jahren. Irgendwo in Kroatien.
Mein Blick schweift kurz über meine Armbanduhr.
Seufzend schnappe ich mir das Buch auf der Kommode, lösche das Licht und gehe hinunter ins Wohnzimmer.
Im Schlafzimmer sind zu viele Erinnerungen. Ich betrachte das Buch in meinen Händen. Es handelte vom Tod. Vielleicht würde es mir über den Verlust hinweghelfen.
Ich halte mich am Geländer meiner Treppe fest. Zwei Mal bin ich bereits unsanft auf ihr gestürzt und nun achtete ich auf jeden meiner Schritte. Im Wohnzimmer schalte ich leise Musik ein. Eine Cd von ihm lag noch im Cd-Spieler. Ich spiele mit dem Gedanken sie mir anzuhören.
Was würde schon geschehen?
Tränen.
Das erste Lied rührt mich zu Tränen. Es war sein Lieblingslied. Tränen. Sie kullern ungehindert auf meinem Gesicht entlang.
Wieso bekamen wir nicht noch einen Tag? Er war weg. Ich konnte nichts tun. Ihm nicht sagen, dass ich ihn liebe. Nur ihn.
Die Hände schlage ich mir wieder vors Gesicht. Was war Glück? Ich kannte das Gefühl nicht mehr.
Mir klappen die Knie zusammen. Ich knie nun vor meiner Couch. Ich höre unter mir ein Auto vorfahren. Das Motorengeräusch bringt mich zurück in die Realität. Baldrian. Ich brauchte meine Tabletten. Sie würden mir zur Ruhe verhelfen.
Ich denke nach. Über uns. Ihn. Wir hatten unsere Auseinandersetzungen. Geliebt haben wir uns. Nur das zählt für mich. Zeit ihn gehen zu lassen. Ich weiß. Doch was wir gemeinsam hatten: die Zukunft. Wir planten sie gemeinsam. Wir wollten dasselbe zusammen. In der Kirche versprachen wir es uns vor vielen Leuten. Bis das der Tod uns scheidet, hatte er gesagt.
Ich sehe sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Er lächelt mir zu. Wie früher. Einen kurzen Augenblick lang. Wieso passierte es ausgerechnet uns?
Meine Beine tragen mich nun nicht mehr. Ich sinke auf die Couch im Wohnzimmer. Die Augenlider fallen mir zu. Mein Herz blutet.
Alles was war, dass habe ich verloren. Und ihn bekomm ich nicht mehr aus dem Kopf. Denn der Schmerz ist mir geblieben. Und jede Nacht da frag ich mich:
>Wie soll ich dir sagen, dass du mich verletzt hast, wenn du nicht mehr bei mir bist?<









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