Die Gräfin und der Anwalt Teil 2

Autor: Belladonna
veröffentlicht am: 22.06.2008




'Sag mal, wie spät ist es eigentlich?' fragte ich schließlich, weil ich meine Uhr, Schussel der ich bin, mal wieder zu Hause vergessen hatte. Und außerdem hätte sie nicht zum Kleid gepasst.
'Oh, schon 23:00 Uhr durch!' bemerkte Janosch nach einem prüfenden Blick auf die Uhr.'Ganz schön spät. Da muss die kleine Feodora ja bald ins Bettchen!' erlaubte ich mir einen kleinen Scherz und schon kurze Zeit später prusteten wir los. Also einen ähnlich Sinn für Humor hatten wir ja schon mal.
'Hast du morgen etwas wichtiges vor, oder wollen wir noch einen kleinen Cocktail trinken gehen?' fragte mich Janosch.
'Also, ich könnte den überaus wichtigen Termin mit Rom absagen und dann könnten wir in diese schnucklige kleine Cocktailbar drei Straßen weiter gehen.'
'Soso, wichtiger Termin mit Rom. Papstaudienz?' hakte Janosch nach.
'Nein, Drogenmaffia!'
'Ach so, na dann ist ja alles klar! Dann wollen wir mal bezahlen.'
'Ach, wollen wir das wirklich?!'
'Ja, ich denke schon?'
'...und da sprach der Scheich zum Emir, bezahl'n wa' und dann gehen wir, da sprach der Emir zu dem Scheich, bezahl'n wa' später, gehen wa' gleich!' rezitierte ich aus dem Gedächtnis. Das ist so eine kleine Lustigkeit zwischen mir und Cassandra, wenn wir denn mal unterwegs sind und irgendwo gegessen haben.
'Wie?' verblüfft sah Janosch mich an und brach wenige Sekunden später in schallendes Gelächter aus. Der Kellner sah schon pikiert zu uns rüber.
'Wir würden dann gerne zahlen!' winkte ich ihn bei der Gelegenheit gleich herbei.
'Bitte sehr!' hielt er uns schon bald darauf die Rechnung unter die Nase, wohl in der Hoffnung uns dann endlich los zu sein.
Janosch bezahlte und dann verließen wir zusammen die Lokalität um noch in der neuen Cocktailbar um die Ecker vorbeizuschauen. Man weiß ja nie, vielleicht finde ich dort mein neues Lieblingslokal? Mein altes hat nämlich vor kurzem dicht gemacht. Die sind nach Dresden umgezogen, die Schweine!
'So, wo wollen wir denn nun noch hin?' fragte mich Janosch nachdenklich.
'Naja, ich dachte an diese neue Cocktailbar um die Ecke. Laut meiner Cousine soll die wohl ganz akzeptabel sein und ich muss doch mal schauen, was jetzt dort so los ist. Jetzt nachdem, mein Lieblingscafé in Dresden ist!' schlug ich vor.
'Na dann los.'
Schweigsam schlenderten wir durch die Straßen des nächtlichen Berlins. Und ich überlegte, was ich von dem bisherigen Abend halten sollte. ohne Zweifel, Janosch war ein großartiger Mann. Witzig, charmant, aufmerksam, reich, was auch meinen Eltern zusagen würde, nur eben nicht adlig, aber darauf legte ich keinen Wert. Was aber noch viel wichtiger war, er hatte keinen Ehering am Finger, noch nicht mal einen Verlobungsring! Somit standen meine Chancen, meiner Meinung nach, mehr als gut.

Hätte ich doch damals schon gewusst! Hatte ich aber nicht, und deswegen hab ich jetzt den Schaden, aber schön war unser erster Abend trotzdem!
Schon bald standen wir vor der neuen Bar.
'Hm, ob ich da mit meinem Kleid überhaupt rein kann? Sieht ja mehr nach Abendkleid aus.' überlegte ich.
'Wieso nicht? Es ist doch schon Abend!'
'Hm, stimmt auch wieder. Also los, stürmen wir die heiligen Hallen!'
Die so genannten ‚heiligen Hallen' entpuppten sich als wahres Vergnügen. Ehrlich, ich glaube ich habe an diesem Abend meine neue Lieblingsbar gefunden.
Die Wände waren giftgrün gestrichen und verschlungene Linien zogen sich in orange und gelb quer hinüber. An der rechten Seite befand sich die Bar, in knallpink und gegenüber eine riesige Tanzfläche vor einer nicht minder großen Bühne auf der die angesagtesten Bands in Berlin abrockten.
Ein bisschen fehl am Platz kam ich mir hier in meinem Abendkleid schon vor, aber ich sah hier noch ganz andere Leute in etwas eigentümlichen Sachenkombinationen herum rennen. Aus diesem Grunde überlegte ich zwar kurzzeitig, wie ich wohl auf andere wirken musste, verschob diesen Gedanken aber relativ schnell wieder.

Das ‚Bellafonte' war, obwohl noch recht neu, sofort zu unserem neuen Stammlokal auserkoren worden. Einer der Gründe warum ich heute Abend hier war und auch der Hauptgrund warum ich mich so sehr ärgerte. Wie bereits erwähnt war das ‚Bellafonte' schnell zu unserer Lieblingsbar geworden und wir hatten so manchen schönen Abend hier verbracht. So viel schöne Erinnerungen hingen hier fest, dass ich es schon fast nicht mehr ertragen kann. Ja, ich hasse es ich zu sein. Was musste ich bloß auch hier herkommen? Bestimmt hat er das Bella schon seiner Frau gezeigt und die beiden sind verliebt durch den Saal geturtelt und haben sich ihres Lebens gefreut! Ich weiß, ich bin eine unverbesserliche Zynikerin, aber manchmal hilft mir der Zynismus über den Schmerz der Enttäuschung hinweg. Sollte ich mal wieder kurz davor stehen in Selbstmitleid zu zerfließen.
Vielleicht sollte ich auch nicht jammern, sondern mich lieber über die schöne Zeit freuen, die Janosch und ich gemeinsam hatten. Aber über jeden Moment fällt der große Schatten der Lüge und lässt mir wieder die Tränen in die Augen schießen.
Etienne hat mir gesagt, dass er mich nicht verdient hat, wenn er mich die ganze Zeit über so schändlich belogen hat und mein liebes Brüderchen war erstaunlicherweise mal einer Meinung mit ihm. Zur Information: so etwas kam bisher noch nie vor. Seit sie sich kennen sind sich Jean und Etienne Spinne Feind. Allerdings kann diese Einheitsmeinung der Männerfraktion meines Lebens auch daran liegen, dass die Beiden jetzt ein Paar sind. Irgendwie immer noch schwer zu glauben für mich, obwohl das jetzt schon ein Jahr her ist, seit die beiden praktisch unzertrennlich sind.
Vielleicht waren sie deshalb am Anfang so feindselig gegeneinander. Wäre ja immerhin eine Möglichkeit.
Mein liebes Cousinchen Cassandra sagte mir, ich soll Janosch in den Wind schießen und mir endlich mal einen Mann suchen, der ehrlich und treu ist. Ich bin der Meinung, solche Männer gibt es nicht und schwöre lieber der Liebe ganz ab. Möglicherweise gehe ich aber auch ins Kloster, dann muss ich mich nur noch mit dem Abt herumschlagen, aber vielleicht tu ich mich ja mit den anderen Nonnen zusammen und wir stürzen die Päpstlichkeit um dann selbst die Macht über die Kirche auszuüben.
Ich glaube ich habe zu viel getrunken! Und mein Bruder hat mich versetzt!!! Mit dem wollte ich mich heute nämlich hier treffen. Ein weiterer Grund, warum ich mich in meiner bemitleidenswerten Situation befinde, nur hat hier keiner Mitleid mit mir. Deswegen gönne ich mir noch einen Wodka auf Eis und seh mir morgen mal von unten an, wie Radieschen wachsen. Neue Studie zum Thema: Selbstverwirklichung!
Wer weiß, vielleicht kann ich für mein ‚Lebenswerk' ja auch noch einen Nobelpreis abstauben! Oh weia, ich glaube ich bin ganz doll schlimm betrunken! Und ich warte mittlerweile schon seit über einer Stunde auf meinen Bruder! Dieser verdammte...! Naja was solls, schwelge ich eben weiter in schönen Erinnerungen.

Der erste Abend mit Janosch war wunderschön gewesen, doch war ich fest davon überzeugt, dass wir uns nie wieder sehen würden. Zwar tauschten wir Handynummern aus, doch hatte das ja nicht viel zu bedeuten. Heutzutage tauschte doch jeder mit jedem Nummern aus. Also ging ich teils fröhlich, teils traurig nach Hause und bekam erst einmal einen filmreifen Herzinfarkt als ich vor meiner Haustür doch tatsächlich Jean sah. Eigentlich war mein Bruder auf Geschäftsreise in Ligurien, doch jetzt stand e3r leibhaftig vor meiner Haustür und sah mich schief an, als ich auf ihn zu sprang und ihm um den Hals fiel.
'Was machst du denn schon hier?' fragte ich dann aber doch ein wenig verblüfft. Will sagen, ich staunte buchstäblich Bauklötze in die Luft.
'was spielt das denn für eine Rolle? Ich dachte du freust dich mich zu sehen!' meinte er nur leicht abwesend.
'Tu ich doch auch. Ich wundere mich nur, weil du doch sagtest, dass du erst nächsten Monat nach Hause kommen wolltest. Und jetzt stehst du hier einfach vor meiner Haustür! Ich meine, da darf ich mich doch fragen was los ist, oder nicht?'
'Doch natürlich darfst du das...'
'Naja, dann komm erst mal mit rein und lass uns drinnen weiter reden. Ein wenig kühl ist es draußen schon noch.' Und das war es wirklich. Obwohl sich der Frühling nun endlich durchgesetzt hatte und die Tage schon fast heiß zu nennen waren, so waren die Nächte doch noch verdammt kalt, weswegen ich auch langsam anfing zu frösteln.
Seufzend schloss ich also die Tür auf in ging im Geiste schon alle möglichen Horrorszenarien durch. Vielleicht hatte man ihn überfallen, oder er wurde ausgeraubt? Hatte er Schwierigkeiten? Eine Frau geschwängert und ihr Vater wollte ihn jetzt kastrieren? Hatte er etwas gestohlen? War ihm die italienische Maffia auf den Fersen? Das FBI? Die CIA?Hektisch rannte ich auf und ab und überlegte schon fieberhaft wie ich ihm helfen könnte als Jean völlig entnervt meinte: 'Himmel Herrgott noch mal, Ivana, setz dich endlich hin!''Was hast du denn? Ich bin ja schon ganz krank vor Sorge um dich! Nun sag mir doch endlich was los ist!' keifte ich panisch.
'Ich bin verliebt, das ist los!'
'Na wenn's weiter nichts- äh, was?!' Hatte ich das jetzt richtig verstanden? Jean kam zu mir, extra drei Wochen eher aus Ligurien angereist von einer verflucht wichtigen Geschäftsreise, um mir zu sagen, er sei verliebt?! Hätte er das nicht auch am Telefon tun können?!
'Schön wie sehr dich die Tatsache interessiert, dass sich dein Bruder verliebt hat!' schimpfte Jean säuerlich.
'Äh, natürlich interessiert es mich, nur bin ich ein wenig verwirrt...' stammelte ich.'Na das sieht man ja ganz deutlich!' giftete mein liebes Brüderlein. Himmel, der kann manchmal schlimmer sein als ‚ne Frau! Eigentlich würden er und Etienne doch perfekt zusammenpassen. Die Zicke und der Ruhepol. Hahaha. Äh. Halt, stopp mal, hatte ich das gerade tatsächlich gedacht? Jean und Etienne???
' Ja, ist gut, krieg dich doch bitte wieder ein. Ich wundere mich ahlt nur, warum du deswegen extra eher nach Hause kommst. Ich meine, das hättest du mir doch auch am Telefon mitteilen können, oder nicht?' fragte ich ihn dann.
'Naja, das ist nicht so einfach und ich wollte das nicht zwischen Tür und Angel mit dir besprechen.' Stotterte sich mein Bruder nun einen ab.
'Ah, na gut. Dann erzähl doch mal. In wen hast du dich denn nun verliebt? Und wann findet die Hochzeit statt?' fragte ich neugierig.
'Das ist überhaupt nicht gut und eine Hochzeit wird niemals stattfinden, weil er mich doch gar nicht liebt!' jammerte Jean nun los.
'Und warum liebt-ER??? Jean, möchtest du mir da nicht mal was erklären?' verdutzt sah ich meinen Bruder an. Hatte ich doch geglaubt ihn in und auswendig zu kennen, so lernte ich jetzt eine komplett unbekannte Seite an ihm kennen.
'Verdammt Ivana, was gibt es denn daran falsch zu verstehen! Ich bin verliebt, in einen Mann! Und um genau zu sein, in Etienne!'
'Meinen Etienne? Halt mal, mein Bruder verliebt sich in meinen besten Freund? Gail, und ich merk nix davon! Wow, was muss ich für eine miserable Schwester sein. Deswegen hast du ihn also immer so angezickt!' Jetzt wurde mir so langsam einiges klar!
'Ivana?' fragte Jean vorsichtig.
'Ja, Jean?'
'War das jetzt deine Reaktion?'
'Ja. Ich meine, ich hatte ja keine Ahnung. Aber Jean, ich habe kein Problem damit, dass du meinen besten Freund liebst, du bist mein Bruder und zwar der bester der Welt.' sagte ich und umarmte ihn heftig. Ich hatte ihn doch ganz schön vermisst und außerdem, vielleicht fühlte Etienne ja ähnlich? Moment, der wehrte sich ja noch mit Händen und Füßen dagegen. Hach, würde mal wieder das Schicksal zweier Liebender in meiner Hand liegen und ich müsste Amor spielen. Das musste ich übrigens auch schon bei Cassandra!
Mein liebes Cousinchen hat sich bei ihrem Traummann nämlich dermaßen blöd angestellt, dass die liebe Feodora einspringen durfte um die Beziehung der beiden zu retten. Dafür wurde ich aber auch mit der Einladung als Trauzeugin bei der Traumhochzeit des Jahres zu fungieren belohnt. Damit war ich dann hinreichend entlohnt und konnte meine Lieblingscousine und ihren Mann alleine lassen, in der Hoffnung sie würde sich nicht bei der nächst besten Gelegenheit an die Gurgel springen.
'Ivana? Du zerquetscht mich gleich!' japste Jean schwer atmend und erschrocken entließ ich ihn aus meiner stürmischen Umarmung.
'Huch, war nicht meine Absicht! Aber jetzt erzähl mir doch mal, wie es dazu gekommen ist. Also, wie du dich in Etienne verliebt hast. Und natürlich möchte ich auch wissen, wie es in Ligurien war!'
Und dann begann mein lieber Bruder zu erzählen. Und wie er erzählte. Die ganze Nacht habe wir wach gesessen und geplaudert. Ich habe ihm Löcher in den Bauch gefragt und er musste mir bestimmt mindestens dreimal schildern, wie er schließlich bemerkt hatte, dass er sich in meinen besten Freund verliebt hatte.
Ich kam bei diesem Gespräch natürlich nicht dazu ihm von Janosch zu erzählen, aber das rückte auch erst einmal in den Hintergrund. Mein Bruder war mir in diesem Moment einfach wichtiger als ein Anwalt, den ich noch nicht einmal 24 Stunden lang kannte und der sich vielleicht niemals wieder bei mir melden würde.
Irgendwann in den frühen Morgenstunden sind wir dann wohl beide völlig erschöpft und müde eingeschlafen. Während ich noch so schön vor mich hinschlummerte klingelte das Telefon. Grummelnd öffnete ich die Augen und blickte böse auf den Störenfried, diesen interessierte das nur leider rein gar nicht und so fuhr das Telefon einfach munter weiter und nervte mich halb zu Tode. Schläfrig warf ich einen Blick auf die Uhr und hätte das Telefon am liebsten erschlagen. Es war 8:00 Uhr morgens und ich hatte gerade mal drei Stunden geschlafen! Grießgrämig, wie ich am frühen Morgen nun mal bin, schlumpfte ich zum Telefon und brummelte irgendetwas, was wohl so viel wie ‚Ja' heißen sollte in den Hörer.'Huch, habe ich dich geweckt?' ertönte die angenehme Stimme von Janosch mir entgegen. Sofort war ich hellwach.
'Hm, ja schon. Jean stand gestern noch vor meiner Tür und wir haben bis 3:00 Uhr morgens miteinander geredet.'
'Ah, naja ich wollte nicht stören. Ich wollte dir nur sagen, dass ich den gestrigen Abend sehr schön fand und dass ich ihn gerne mal wiederholen würde. Aber du wirst ja sicherlich andere Dinge zu tun haben.' Irrte ich mich, oder hörte ich da Eifersucht aus seiner Stimme? Auf meinen Bruder?! Ach so, er wusste ja nicht, dass Jean mein Bruder ist!
'Ich würde das auch gerne mal wiederholen und ich denke Jean wird sicherlich heute wieder in seine Wohnung einziehen. Wie wäre es denn, wenn wir uns zum Abendessen bei mir treffen? Dann koche ich etwas schönes? Immerhin hast du mich ja gestern in diesen superteuren Nobelladen eingeladen.' schlug ich vor.
'Gerne, warum nicht? Aber ich weiß nicht, ob das deinem Freund recht sein wird.'
Ha, hatte ich also recht gehabt! Janosch war eifersüchtig! Wie süß!
'Ähm, mit Peter ist Schluss und zwar seit ich ihn gestern erwischt habe, wie er mit seiner Chefin am Zungenverknoten war!'
'Äh...?'
'Deswegen auch das Glas und die Flasche. Jean ist mein Bruder, falls du ihn damit meintest.''Ach so... äh, tut mir leid. Ich wollte mich auch gar nicht in deine Privatangelegenheiten einmischen, oder so.' murmelte er leicht verlegen.
'Hast du nicht.' lächelte ich in den Hörer, wusste ich doch jetzt, dass ich ihm anscheinend nicht egal war und vielleicht sogar die Chance auf eine Beziehung zwischen uns beiden bestand.
'Dann bis heute Abend.' verabschiedete er sich hastig. War ihm wohl doch etwas peinlich. Naja, er wird es überleben.
'Ja bis dann.' Und schon hatte er aufgelegt, da fiel mir ein, dass er ja gar nicht wusste, wo ihn wohne? Naja, wird er wohl noch einmal anrufen müssen. Traurig war ich über diesen Umstand nicht gerade.
'Was lächelst du denn so, Schwesterlein?' fragte mich Jean, der in der Tür lehnte und mich belustigt musterte wie ihn mit leicht geröteten Wangen zu ihm sah.
'Ähm.. heute ist ein schöner Tag, oder nicht? Die Sonne scheint, das Gras wächst, die Blumen blühen...' Oh Gott, was red ich denn da?
'Jaja. Und deine gute Laune hat nicht zufällig etwas mit deinem Gesprächspartner von eben zu tun?' fragte er amüsiert.
'Doch. Das wollte ich dir gestern eigentlich noch erzählen, aber dann war es schon so spät und außerdem wollte ich erst einmal alles über dich wissen und da ist das dann ein bisschen untergegangen.' meinte ich ausweichend.
'Na dann red doch jetzt mal mit mir darüber. Mit wem hast du denn gerade gesprochen? Mit Peter ja wohl nicht. Der stand gestern vor deiner Tür als ich herkam. Ich hab ihn weggeschickt, weil ich ja in Ruhe mit dir reden wollte. Er meinte aber, er wüsste nicht, wo du seist. Und dein Handy hattest du auch mal wieder abgeschaltet.'
'Peter ist ein Idiot. Ich hab gestern Schluss gemacht. Der hatte eine Affaire mit seiner Chefin, der Arsch!' echauffierte ich mich.
'Oh, das tut mir leid. Wenn ich das gewusst hätte...'
'Besser nicht!' Ich konnte mir nämlich sehr genau vorstellen, was Jean getan hätte, hätte er es gewusst. Er hat, leider, wie ich manchmal sagen muss, einen ausgeprägten Beschützerinstinkt mir gegenüber. Soll heißen, er hat früher in der Schule und auch im Kindergarten schon, immer alle zusammengeschlagen, die mir irgendetwas böses getan haben. Klar, er ist und bleibt mein Held, aber manchmal hat das auch ein paar unangenehme Nebeneffekte. Einmal war ich in der 8. Klasse unsterblich in einen Jungen aus der 9. verliebt, nur hatte der nix für mich übrig, außer Gemeinheiten. Er hatte zu meinem Leidwesen herausgefunden, wer meine Eltern waren und mich mehr oder minder erpresst. Ich, blind vor Liebe wie ich war, hatte ihm auch noch jeden einzelnen Wunsch erfüllt. Gott sei Dank, kam Jean dahinter und setzte dem Ganzen ein Ende.
'Okay, hast recht. Aber trotzdem er hätte er nicht anders verdient!' grummelte Jean.
'Ja, das stimmt, aber lass mich doch erst einmal ausreden. Als ich die beiden also sah, war ich so wütend, dass ich mir das nächstbeste Cognacglas griff und ihm an den Kopf schleuderte. Leider ging er rechtzeitig beiseite und ich traf jemanden ganz anderen, der gerade aus der Tür kam, vor der Peter und dieses Flittchen gestanden hatten.'
'Oh je, und so wie ich dich kenne, hast du alles andere zu dem gesagt als Entschuldigung.''Du kennst mich einfach zu gut. Als krönenden Abschluss hab ich ihm auch noch die Whiskyflasche, welche auf dem Tresen stand über den Anzug gekippt und bin geflohen. Nur hatte ich meine Tasche vergessen.'
'Lass mich raten, der Mann mit dem ruinierten Anzug hat sie dir gebracht.'
'Korrekt. Und ebendieser Mann entpuppte sich als der Traum meiner schlaflosen Nächte.''Und er hat dich jetzt angerufen?' fragte Jean ein wenig irritiert.
'Jawohl. Er hat mich gestern doch tatsächlich ins ‚Venice' eingeladen. Hast du mal die Preise von denen gesehen???'
'Ja, habe ich. Er wird demnach wohl kein armer Mann sein, wenn er sich einen Tisch dort leisten kann. Naja, und anscheinend kann er es sich auch leisten dich dort durchzufüttern.' scherzte Jean schon wieder.
'Hey, was soll das denn heißen???' fragte ich empört. 'So viel esse ich doch nun wirklich nicht!'
'Nein, das meine ich auch nicht. Außerdem bin ich der Meinung, dass du so viel essen kannst wie du willst, dick wirst du trotzdem nie. Aber ich meinte eher die Tatsache dass du dir grundsätzlich die teuersten und erlesensten Speisen und Getränke aussuchst.'
Gut, wo er recht hat, hat er recht.
'Lass mich raten, ein Tiramisu zum Dessert und dazu einen Eiswein? Möglichst afrikanischer Herkunft, oder australisch.'
'Es war Australien.' stimmte ich ein wenig kleinlaut zu. Ich geb es ja zu, ich bin eine Feinschmeckerin, aber wenn man nun mal das Geld hat? Warum soll man dann nicht auch mal die feinsten Speisen und Getränke dieser Erde probieren?
'Dacht ich's mir doch!' triumphierte Jean. 'Aber sag mal, hat dein Traumprinz denn auch einen Namen?'
'Na sicherlich. Er heißt Arthur Janosch Brooklyn.' meinte ich verträumt.
'Der Rechtsanwalt aus St. Ives in Cornwall?' verblüfft sah mein Bruder mich an. Und nicht minder verblüfft starrte ich ihn jetzt an.
'Woher kennst du ihn denn?' fragte ich ein wenig von der Rolle.
'Ich hab ihn noch vor zwei Wochen unten in Ligurien getroffen. Am Flughafen sind wir ins Gespräch gekommen.'
'Und weiß er, dass du von Adel bist?'
'Äh, ja. Ich hab ihm ja schließlich meine Karte gegeben.'
'Dann hat er mich ja angelogen, als er sagte er kenne niemanden von Adel!' entrüstete ich mich.
'Na vielleicht hat er es ja auch nur vergessen. Ist ja auch schon wieder ein Weilchen her. Wir sind eigentlich nur ins Gespräch gekommen, weil wir zusammengestoßen sind und dann festgestellt haben, dass wir beide aus Berlin stammen. Da meinte ich, man könnte sich ja mal zum Dinner treffen und er stimmte zu.'
'Soso, und über mich lachen, weil ich fremden Leuten alkoholische Getränke über die Sachen schütte!'
'Naja, lieber umrennen als das, ne?'
'Boah du Schuft!' und schon rannte ich auf meinen Bruder zu um ihm gehörig die Leviten zu lesen, was dann in einer Jagd durch's ganze Haus endete. Schließlich beschlossen wir, das Kriegsbeil wieder zu begraben und gingen Frühstücken.
Danach machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Ich wollte auf den Markt gehen und frische Zutaten für das Essen heute Abend einkaufen. Jean würde wohl noch bis zum späten Nachmittag bleiben und mir ein wenig helfen.
Kaum war ich auf dem Marktplatz angekommen, traf ich auch schon auf Etienne. Klar, der wird auch nach frischem Obst und Gemüse suchen, Gesundheitsfanatiker, der er ist. Das ist übrigens auch einer der Punkte, über den er ständig mit meinem Bruder streiten muss.'Hey, Ivana! Was machst du denn schon so zeitig hier?' fragte er mich, als er mich endlich sah.
'Na ich denke mal das selbe wie du?' fragte ich zurück.
'Ja, das sehe ich ja, ich meinte eigentlich eher, warum du schon so zeitig auf den Beinen bist.'
'Na ich muss einkaufen. Janosch kommt heute Abend zum Essen zu mir.'
'Janosch?'
'Ach so, an der Anwalt, mit dem ich gestern essen war. Ich sag's dir, der Mann ist ein Gott!' schwärmte ich.
'Und warum hast du ihn dann nicht gleich mit zu dir genommen?'
'Das wäre mir dann doch ein bisschen zu schnell gegangen, außerdem stand Jean vor meiner Tür, als ich nach Hause kam.'
'Was macht der denn schon hier? Hat man denn nie seine Ruhe vor dem?' keifte Etienne los.'Na er ist immerhin mein Bruder, nicht?' Na, wenn der wüsste, warum Jean schon wieder da ist, dachte ich bei mir.
'Ja, aber er ist einfach nur schrecklich. Bloß gut bist du nicht so!'
'Hm, also für mich ist er der beste Bruder der Welt. Einen anderen möchte ich gar nicht haben!'
'Und was ist mit mir?' fragte er mich mit trotzig vorgeschobener Unterlippe.
'Na du bist mein persönlicher Therapeut und allerbester Freund der Welt!' meinte ich lächelnd und umarmte Etienne.
'Na dann ist ja gut!' meinte dieser nur.
'Na, dann lass uns mal einkaufen gehen.'
'Ja. Was willst du deinem Anwalt eigentlich kochen?' fragte er nach einer Weile, die wir nun schon über den Markt schlenderten.
'Ich weiß nicht. Ich dachte eigentlich an etwas italienisches. Vielleicht eine Minestrone mit Ciabatta als Vorspeise. Was meinst du?'
'Ja, klingt gut und ist was leichtes für den kommenden Sommer.' meinte Etienne.
'Eben.' bestätigte ich.
'Hm, mach doch als Hauptgericht einen Gemüse- Nudel- Auflauf?' schlug er schließlich nachdenklich vor.
'Ja, das ist eine gute Idee. Und als Dessert? Eis?'
'Warum nicht?'
'Naja, weil ich nicht mehr die Zeit habe, das noch zuzubereiten.'
'Ach so. Naja, dann mach doch einfach ein Tiramisu?'
'Ich weiß nicht, das gab's doch gestern schon im ‚Venice'. By the way, nimm dir mal für das Wochenende nichts vor. Ich lad dich am Sonnabend zum Dinner ins ‚Venice' ein!'
'Wie komme ich denn zu der Ehre?' fragte mich Etienne verblüfft.
'Na dafür, dass du mit mir einkaufen warst und wir dieses unglaublich schöne Kleid gefunden haben und natürlich auch dafür, dass du immer für mich da bist!'
'Oh, danke! Ivana, du bist einfach die beste Freundin die Mann sich wünschen kann!' meinte Etienne und fiel mir nun um den Hals.
'Weißt du was? was hältst du davon, wenn du mit zu mir kommst und wir kochen uns was schönes zum Mittag und dann bereiten wir schon das Dinner vor uns ich berichte dir dabei in allen Einzelheiten, wie der gestrige Abend war?' fragte ch Etienne und hatte dabei leider schon wieder vergessen, dass mein Bruder ja noch bei mir war.
'Okay. Dann überlegen wir uns beim Kochen was wir für ein Dessert kreieren.'
'Super, dann lass uns mal los!'

Wenige Minuten später standen wir bei mir vor der Tür und ich suchte mal wieder meinen Haustürschlüssel, den ich früh in meinen Korb geworfen hatte und der nun dummerweise unter den ganzen Lebensmitteln lag. Nach einem minutenlangen Kampf hatte ich ihn endlich und schloss dir Tür auf. Zusammen mit Etienne brachte ich die Einkäufe erst einmal in die Küche wo uns eine 1a Herzattacke traf.
Saß doch Jean halb nackt, nur mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen, am Küchentisch. In der einen Hand eine Kaffeetasse und las Zeitung.
Ich ließ vor Schreck erst einmal meinen Einkaufskorb fallen und Etienne fing ihn gerade noch so auf. Von meinem spitzen Schrei aufgeschreckt sprang auch Jean wie von der Tarantel gestochen auf, zeriss halb die Zeitung und fegte die Kaffeetasse vom Tisch, welche auf dem Boden in tausende kleine Scherben zerklirrte. Meißner Porzellan halt.

'Guten Tag, Jean.' Sagte Etienne kühl, nachdem wir uns alle wieder einigermaßen von unserem Schock erholten hatten. Oh shit, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte total vergessen, dass Jean ja noch bei mir campierte und er ja neuerdings in Etienne verliebt war. Und ich blöde Nudel musste natürlich Etienne hier anschleppen. Scheiße, gottverdammte, verfluchte ich mich innerlich.
'Guten Tag, Etienne.' kam es dementsprechend schüchtern von Jean, der kurz darauf mit geröteten Wangen aus der Küche Richtung Badezimmer floh.
Verwirrt sah Etienne ihm nach. 'Hättest du mich nich vorwarnen können, dass dein Bruder da ist?'
'Tut mir leid, ich hatte es vergessen.' murmelte ich kleinlaut. Verdammt, Jean wird mich hassen!
'Aber sag mal, was hatte er denn plötzlich? Er lässt doch sonst keine Gelegenheit aus, mich anzugreifen und an mir herum zukritteln.'
'Du ja wohl auch nicht!' fauchte ich ihn aus dem dringenden Bedürfnis, meinen Bruder in den Schutz zu nehmen heraus an.
'Hm, hast recht. Naja, dann lass uns mal anfangen.' wechselte Etienne das Thema.
Merkwürdig, denn für Gewöhnlich hätte er jetzt wieder die Fliege gemacht. Vielleicht... aber besser mal nicht zu weit denken. Selbst wenn, müsste er mir das selbst sagen.
Gerade hatten wir die Vorbereitungen für das Mittagessen abgeschlossen, da kam Jean herein.'So Schwesterlein, du hast ja jetzt tatkräftige Unterstützung in der Küche, da werde ich mich mal der wissendhungrigen Meute des Vorstandes stellen und mir eine nette Ausrede suchen, warum ich nicht mehr in Ligurien bin.' meinte Jean und umarmte mich zum Abschied.'Okay, ich wünsch dir viel Glück, Jean und ruf mich an, wenn du wieder in Freiheit bist!' rief ich ihm noch hinterher.
'Ist er jetzt meinetwegen verschwunden?' fraget Etienne.
'Ich denke schon...' überlegte ich laut und hätte mir im nächsten Moment am liebsten die Zunge abgebissen.
'Kann es sein, dass du etwas weißt, was ich nicht weiß?' fragte er mich.
'Kann nicht nur, ist auch so, aber ich darf dir nichts sagen.'
Nachdenklich stand Etienne da, mit dem Salatmesser in der Hand und überlegte.
'Feodora, ich muss dir etwas sagen!' brüllte er so plötzlich los, dass mir vor Schreck die Salatschüssel zu Boden fiel. Bloß gut, war die nicht auch noch aus Porzellan oder gar Glas.'Ja, was denn?' fragte ich, als sich mein Puls wieder beruhigt hatte.
'Setz dich doch bitte. Das ist kein Thema, welches man so zwischen Tür und Angel besprechen kann.' sagte Etienne und ich ahnte schon etwas.
'Okay. Dann schieß mal los.' forderte ich ihn auf, nachdem ich mich platziert hatte.
'Ivana, ich glaube ich habe mich verliebt....'
'Na das ist doch ...'
'... in deinen Bruder!'
'...schön.' beendete ich meinen angefangenen Satz.
'Bitte?' verblüfft sah mich Etienne an.
'Na ist doch schön, wenn du dich verliebt hast. Ist doch egal ob in Mann oder Frau. Hauptsache ist doch, dass man liebt, oder nicht?' fragte ich verwirrt. Was hatte Etienne erwartete, dass ich ihm den Kopf abreiße?
'Aber...?' setzte er an.
'Kein ‚aber'' fuhr ich ihm in die Parade. 'Ich denke du solltest es Jean ganz schnell, ganz unbedingt sagen!'
'Aber der frisst mich doch auf, wenn ich ihm das sage! Wo wir uns doch immer so voll gelöffelt haben!' äußerte Etienne seine Ängste. Ich könnte ihm da jetzt natürlich was erzählen, aber ich hatte Jean versprochen es für mich zu behalten.
'Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Du gehst heute Abend zu ihm. Ich rufe dich an, wenn er zu Hause ist, und dann sagst du es ihm, klipp und klar ins Gesicht!' forderte ich ihn auf. Himmel noch mal, hoffentlich stellte Jean sich nicht so schwer von Begriff an, ansonsten würden die beiden im nächsten Jahrhundert wahrscheinlich noch aneinander vorbeireden. Ich weiß nämlich wie Etienne anderen gegenüber ist, wenn er ihnen etwas wichtiges sagen will.'Ach Etienne, nun guck mich nicht so an. Rede mit ihm, ich weiß, er wird es verstehen. Und wenn nicht, dann falte ich ihn gehörig zusammen!' versuchte ich ihn aufzumuntern.'Aber was ist, wenn...' fing er schon wieder an.
'Nein, kein ‚was ist wenn,..'! Rede mit ihm!!! Und jetzt überleg dir gefälligst wie du es ihm sagen willst, sonst hast du das in einer Million Jahren noch nicht getan!' scheuchte ich ihn auf.







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