Wenn Ärzte nicht mehr weiter wissen, kommt die Liebe Teil 14

Autor: sandy
veröffentlicht am: 14.09.2008




Hannah rannte, rannte und rannte. Durch die Menschenmengen, die an ihr vorbeiströmten.Sie versuchte sich so schnell sie nur konnte, sich an den Leuten hindurch zu schlängeln.Sie wurde böse angeschaut, angepöbelt und sogar ein paar Schimpfwörter wurden ihr nachgerufen, als jemand wegen ihr fast seinen Kaffee fallen liess.
Sie achtete aber nicht auf den Kerl und rannte weiter.
Tränen strömten ihr über die Wangen und so zog sie auch ein paar neugierige Blicke auf sich.Doch das alles war ihr so was von egal!
Schuldgefühle plagten sie weil sie immer an ihre letzen Worte die sie Anthony gesagt hatte, denken musste. Sie war einfach ohne ihm richtig auf wiedersehen zu sagen, aus dem Zimmer gestürmt und war sogar noch wütend auf ihn gewesen. Enttäuscht…. Verletzt….
Von weiten sah sie das Krankenhaus und sie legte einen Gang zu. Plötzlich musste sie stoppen, denn sie hatte furchtbaren Seitenstecher. Schwer atmend kam sie dann schliesslich an und entdeckte sofort Kate, die anscheinend auf sie gewartet hatte.
'Kate!' rief sie mit dem letzen bisschen Atem und stütze dann ihre Hände auf ihren Knien ab um nach Luft schnappen zu können. Kate kam auf sie zu gerannt. Als Hannah sich aufstütze und in ihr Gesicht schaute, überkam sie eine Gänsehaut. Ihre Augen waren noch feucht und ein bisschen rot. Ihre Augen sahen sie verzweifelt und auch ein wenig flehend an, als wollte sie das Hannah unter ihrer Jacke ein Zaubermittel hervor nehme und es Antony geben könnte, damit er wieder auf die Beine kam.
'Kate… wo ist er? Was hast du gemeint mit Anfall?!' Kate rollten wieder zwei Tränen hinunter und sprach dann mit zittriger Stimme: 'In der Nacht… hat er plötzlich wieder angefangen zu husten… wie verrückt. Kristine war bei ihm. Sie hat erzählt das die ganzen Laken voller Blut waren!' 'WAS?!' Hannah spürte wie ihre Knie unter ihr nach zu geben drohten und sie musste sich an der Wand festhalten. 'W-wo i- ist er?'
Kate nahm sie am Arm und sie gingen in die Intensivstation. Er war allerdings nicht mehr im gleichen Raum, sondern ein paar weiter der Eingangtür näher.
Hannah schluckte schwer, als sie das Piepen wieder hörte. Er war zwar regelmässig, aber in viel weiteren Abständen zu einander. Kein gutes Zeichen…
Sie betraten den Raum und blieb wie angefroren stehen. Vor ihr auf dem Krankenbett, lag Anthony. Völlig regungslos und an etwa drei Schläuche angeschlossen.
Seine Brust bewegte sich viel langsamer, aber immer schön regelmässig auf und ab.Kristine war an die Wand gelehnt. Doch es war nicht mehr die Kristine, die Kate vor 24 h am Supermarkt bedient hatte. Ihre Gesichtszüge waren wie verbrannt. Weggewischt. Das Leuchten in ihren Augen vollkommen erloschen. Mit leerem, verzweifeltem Blick sah sie zu ihrem Sohn, der so aussah als würde er seelenruhig schlafen. Mike sass neben ihm auf einem Stuhl und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Von Kate hörte man ein leises Schluchzen. Hannah war nicht im Stande dieses Bild, das sich ihr gerade bot, irgendwo in ihrem Gehirn einordnen zu können. Es wollte einfach nicht hinein, als würde eine unsichtbare Barriere verhindern, dass das Bild sich für immer in ihrem Gehirn einbrennen würde.Sie realisierte nichts.
Die verbitterte Kristine….
Den verzweifelten Mike….
Sie weinende Kate…
Und dann war da noch der Junge, den sie über alles liebte. Er lag da… mit geschlossenen Augen. Kaum sah man dass er atmete… kaum merkte man dass er überhaupt lebte.Er sah so aus, als ob er auf dem Sterbebett liegen würde um noch seine letzen Atemzüge machen zu können. Bei diesem Gedanken wurde ihr auf einmal alles klar.
Tränen rollten ihr die Wange herunter. In ihr selbst war ein so heftiger Krieg ausgebrochen, dass sie förmlich die Schwerter spüren konnte, die durch ihr Herz gingen. Sie konnte die Kanonenkugeln spüren die bei jedem Abschuss ihren Magen in die Höhe schnellen liessen.Sie konnte den Strang um ihren Kopf spüren, der sie versuchte zu erdrosseln, während sie verzweifelt nach Luft schnappte. Sie spürte wie unter ihr das riesige schwarze Loch sich öffnete und sie versuchte in seine Gewalt zu bringen.
Stimmen schwirrten in ihrem Kopf herum. Sein Lachen, seine Macho mässigen Sprüche. Seine liebevolle Art die er manchmal zum Vorschein bringen konnte.
Hannah! Hannah! Hannah! Hey Hannah!..... Hey Han!
Er sah sie an… er berührte sie… sein Lächeln…Hannah Hannah Hannah….
Ihr wurde warm… Schweissperlen traten ihr auf die Stirn. Ihr Herz fing an schneller zu schlagen. Sie konnte beinahe die Angst spüren, wie sie sich wie Gift in ihren Adern ausbreitete, in jede Faser ihrer Muskeln, in jede Zelle ihres Körpers.
Wie sie sie in die Knie zwingen wollte! Hannah! Hey Han! Hanny!' Hannah!
'Hannah!' eine Berührung riss sie plötzlich aus ihrem Gedankenstrudel.
Kate zerrte sie auf die Seite um den zwei Krankenschwestern Platz zu machen, die hereinkommen wollten um nach dem Rechtem zu sehen.
Jede halbe Stunde schauten sie wieder vorbei, während die drei Gestalten warteten. Lauschten. Hofften. Hannah musste schon zum dritten Mal aufstehen um Kristine eine neue Packung Taschentücher zu holen. Jedes Mal wenn sie die Krankenschwestern in ihrem kleinen Büro mit den weissen sterilen Wänden danach gefragt hat, hatten die sie ihr mit einem mitleidigem Lächeln gegeben. Hannah musste immer schnell wegschauen.
Dieses Lächeln. Ein Lächeln mit Mietleid verbunden, kann nie etwas Gutes bedeuten.Es kann einem mehr sagen, als das man überhaupt hören möchte. Aber das listige an diesem Lächeln und an diesem Blick ist, das man die Wörter gar nicht hören kann. Man kann sie lesen. Interpretieren, herausfühlen, was einem die gegenüberliegende Person damit sagen will.Und dann weis man es… möchte sie verjagen! Verbrennen! Verbannen!
Aber man kann es nicht. Denn wenn man den Blick sieht ist schon innerhalb von einer Sekunde klar, was dein Gegenüber eigentlich sagen will. Dann sind sie in deinem Kopf. Und bleiben auch dort…
Es war nun zehn Uhr. Anthony lag noch immer ohne eine einzige Bewegung gemacht zu haben, vor ihnen. Mr. Wood der Arzt war schon vor einer Stunde hier gewesen und musste ihnen mitteilen, dass sie noch nicht herausgefunden hätten, warum Anthony diesen Anfall gehabt hatte. Er hatte ihm Blut abgenommen und nun warteten sie auf die Werte.Hannah hielt es langsam in dem Raum nicht mehr aus. Keiner sprach ein Wort. Und sie getraute sich auch nicht das Eis zu brechen. Sie wüsste auch nicht was sie sagen sollte.'Ich bin kurz draussen.' Murmelte sie in die Stille, musste sich aber räuspern und sich wiederholen, da sie glaubte das ihre Stimme bald versagen würde, von dem ständigen Schweigen. Sie ging hinaus, doch eigentlich wusste sie eigentlich gar nicht wohin.Sie lief den Gang entlang, dann bog sie nach links… lief ein Stückchen…. Bog nach rechts… lief wieder ein Stückchen… und so ging das eine Weile weiter. Ihre Füsse hatten nun die Kontrolle übernommen und sie liess sich einfach von ihnen entführen.
Plötzlich jedoch blieb sie stehen und drehte sich nochmals um. An den Wänden der Gänge waren überall kleine Schilder angebracht worden, damit man wusste wo sich die verschiedenen Stationen befanden.
Unter dem Schild Entbindungsraum, stand Kapelle.
Kapelle?? Eine Kapelle? War das nicht das gleiche wie eine Kirche? Nur kleiner??
Was hatte eine Kapelle in einem Krankenhaus zu suchen? Mit gerunzelter Stirn ging sie in die Richtung. An einer Tür dann machte sie Halt. Zögernd legte sie die Hand auf die Klinke, öffnete diese und spähte in einen Raum, bei dem man gleich das Gefühl hatte, das man sich gar nicht mehr im Krankenhaus befand.
Er war nicht allzu gross. Rechts von ihr waren bogenförmige Fenster angebracht worden. Insgesamt drei. Die zwei ersten waren mit buntem Glas verziert. Das dritte ganz vorne bei dem kleinen Altar war ganz normal und liess Tageslicht auf den kleinen Altar fallen, der ein wenig staubig wirkte. Vor ihr waren kurze Bänke aufgestellt worden. So kurz das sich nur mindestens zwei Personen hineinsetzen konnten, aber dafür gab es sechs Stück von diesen Bänken. Ein angenehmer Geruch lag in der Luft. Eine Mischung aus Kirche und Weihrauch.An ihrer linken waren Bilder von Jesus, seiner Kreuzigung und sonstige Heilige die Hannah nicht kannte, angebracht worden. Langsam und unsicher ging Hannah in die kleine Kapelle hinein. Ihr war komisch zumute, aber sie hätte nicht sagen können dass sie sich hier nicht wohlgefühlt hätte. Sie liess sich in die vorderste Bank nieder und sah kurz hinaus auf die Strasse hinunter. Alles voller Leben. Dann schweifte ihr Bild zu dem kreuz hinauf.Erinnerungen von früher kamen wieder empor. Ihre Eltern hatten sie früher fast jeden Sonntag in die Kirche geschleppt. Hannah war eigentlich immer gerne dort hin gegangen, aber je älter das sie wurde, desto mehr spürte sie, dass sie keine Verbindung mehr zu all dem hatte. Sie wusste nicht wieso, aber sie glaubte nicht an den ganzen Schwachsinn von Gott und dem Paradies. Wenn er wirklich so allmächtig war, warum wurde dann jede zweite Minute hier in den Staaten eine Frau vergewaltigt? Wenn er wirklich so viel Macht besass wie alle glaubten, warum hatte er denn zugelassen, das sich die Menschen in so eine verfahrene Situation bringen konnten? Die Ozonlöcher, der Terrorismus und Kriege?
Hannah konnte einfach nicht an so etwas glauben. Wer war dieser Kerl der alles konnte und der angeblich die Welt in sieben Tagen erschaffen hatte?
Plötzlich wurde sie wieder von einem Schwall Erinnerungen überrumpelt.
Sie waren bei ihrer Tante Emma und ihrem Onkel in Irland gewesen. Letztes Jahr.
Eines Abends erzählte Hannah ihrer Tante was sie davon hielt. Von der ganzen Gottes Anbeterei. Hätte sie es ihrer Mutter erzählt, hätte die ihr gar nicht zugehört, sondern mit ihr geschimpft, das man so über Gott nicht redete.
Emma aber hörte ihr aufmerksam zu und lächelte dann.
'Hannah, du musst nicht das glauben was dir die andren vorschrieben. Wenn du die katholische Kirche nicht magst, dann wechselst du halt zum, zum… was gibt es denn alles noch… zum Hinduismus!' Hannah musste lachen und Emma nahm ihre Hand.
'Schatz es ist vollkommen egal an was du glaubst oder an wen du glaubst. Am Ende sind wir doch trotzdem alle gleich. Wir sind alle sterblich, wir haben alle ein Herz, zwei Ohren, einen Mund… Irgendwann werden wir alle irgendwann einmal gehen. Aber niemand weis wohin. Ein paar meinen wir kämen wieder auf die Welt. Ein paar andere meinen wir würde auf den Wolken dahin schweben. Und wieder ein paar andere meinen wir wachsen zu einem Baum aus der Erde, werden gefällt und als Möbelstück in der IKEA enden.'
Beide mussten laut los lachen.
'Schätzchen du darfst dir von niemandem vorschreiben lassen an was du glauben sollst. Am Schluss muss es für dich stimmen. Wenn du an Gott glaubst ist es nicht zwingend jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Du kannst zu Hause auch beten, er hört dich trotzdem. Es muss nicht ein Gebet aus der Bibel sein, es muss von Herzen kommen.'
'Echt?'
Hannahs Augen hatten sich mit Tränen gefüllt und sie fielen auf den staubigen Kappellenboden.
'Echt.' Die Stimme ihrer Tante entfernte sich.

Hannah sah auf, zu dem Mann an dem Kreuz, der den Kopf zur Seite geneigt hatte und so aussah als ob er schliefe.
Sie senkte den Kopf zu Boden, faltete die Hände.
Und ohne dass sie jemand aufforderte es zu tun, fing sie an zu beten, nur dieses Mal kam es von Herzen, während ihr die Tränen von der Wange rollten… auf den staubigen Kappellenboden hinab.







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