Watkins - Leidenschaft eines Piraten Teil 1

Autor: Angel of Summer
veröffentlicht am: 18.05.2008




Der frische Wind wehte durch ihr volles, lockiges Haar, schlug Wellen in ihr bodenlanges dunkelrotes Samtkleid. Sie starrte gedankenverlorenen auf den gleichmäßigen Gang des blauen Wassers. Die Wellen brausten gegen den Felsen und spritzten ihr die frische Gischt ins Gesicht. Barfuß stand sie auf diesem steinernen Hügel. So gerne würde sie die Zeit zurück drehen, doch es war zu spät. Sie hatte sich gegen ihn entschieden und nun war er auf und davon.
Er war immer frei und unabhängig gewesen, was er für sie hatte aufgeben wollen, doch sie hatte ihm eine Schlinge um den Hals gelegt. Ihn verraten....
Mit Tränen in den Augen und starkem Druck im Hals dachte sie an einen Tag zurück. An den Tag. Der Tag, an dem sie sich begegnet waren....

'Miss Taylor, Sie sind ja immer noch nicht fertig.'
'Ich komme sofort.', immer noch kämpfte Nairima mit ihrem Korsett. 'Warte ich helfe Ihnen.', Theresa, eine Bedienstete des Hauses, mit sehr geschickten Fingern, stellte sich zu ihr und schnürte ihr das enge Teil zu. Nairima röchelte nach Luft: 'Nicht so eng.'
'Das gehört so! Sie werden sich schon an alles gewöhnen. Sie haben es eben nicht so einfach, weil Sie nicht von klein auf daran gewöhnt wurden.'
'Also, manchmal war mir das Leben auf der Straße wesentlich angeneh...'
'Shhht. Sagen Sie das nicht! Es war sehr gütig von Sir Taylor, dass er Sie aufgenommen hat und Sie dazu noch seinen Namen tragen dürfen. Also benehmen Sie sich auch so: Gerader Rücken. Und bitte, vermeiden Sie ihre, entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise,
Gossensprache. Sie gehört hier wirklich nicht her.'
'Ist ja gut.'
Ein letzter Blick aus dem Fenster, wenigstens war ihr die Sicht auf das blaue, glitzernde Meer nicht genommen worden, und sie trat aus der Tür.
'Miss Taylor! Sie haben den Schmuck vergessen!', schüttelte Theresa verärgert ihren Kopf. 'Muss das sein?'
'Ja.', die kleine rundliche Frau streifte ihr das Kollier über und ließ sie endlich los marschieren.
'Miss Taylor! Sie sehen atemberaubend aus!', Sir Taylor küsste verzückt ihren Handrücken, welcher von einem weißen Handschuh verkleidet war. Nairima trug ein dunkelblaues Samtkleid, mit engen Ärmeln bis zum Ellenbogen. Ab der Hüfte wurde es breiter. Dazu weiße Handschuhe und silbernen Schmuck. Ihre dunkelbraunen Locken waren hoch gesteckt und zeigten somit ihre eigentliche Widerspenstigkeit nicht.
'Ich wünsche Ihnen alles Gute zum Geburtstag.', Nairima küsste ihn rechts und links auf die Wange. Sie musste sich anstrengen, um sich an alle Verhaltensregeln zu erinnern, die sie in den letzten zwei Wochen gelernt hatte.
Sir Taylor hielt ihr seinen Arm hin, in dem sie sich einhakte. So betraten sie den Ballsaal. Alles verstummte.
'Sir Taylor und seine wunderschöne Begleitung Lady Nairima Taylor.', verkündete ein kleiner Mann mit auffällig kratziger Stimme. Alle anwesenden machten einen kleinen Knicks und gingen zu Tisch.
Der Saal war groß, in der Mitte hing ein prachtvoller vergoldeter Kerzenleuchter, die Fenster reichten über fast die ganze Wand und waren von dunkelroten Vorhängen geschmückt, der Boden war ein dunkelbrauner Parkettboden.
'Schön, dass Ihr alle gekommen seid, um mein 37.Lebensjahr mit mir zu begrüßen. Ich hoffe Euch dürstet es nach reichlich Wein, denn ich habe aufgetragen nicht zu sparen! So lasset es Euch münden! Wir schreiben das Jahr 1861.'
Nairima betrachtete die reichlich gedeckte Tafel, die noch großzügiger wirkte als sonst, dabei konnte sie sich doch sowieso nie entscheiden. Konzentriert widmete sie ihre Aufmerksamkeit erst einmal dem Besteck. /Wie war das noch mal? Also Vorspeise gleich....die Gabel mit den drei Zacken? Oder doch die mit den Vier? Ich nehme einfach irgendeine, fällt denen eh nicht auf./
Unauffällig wollte sie einfach nach der mit den vier Zacken greifen. 'Hier, das ist dir Richtige.', Sir Taylor zeigte heimlich auf eine andere und zwinkerte ihr zu. Sie nickte dankbar und fischte eben diese. Äußerst vornehm versuchte sie immer kleine Häppchen zu nehmen, so wie Mrs. Jones ihr das in den letzten Tagen immer gezeigt hatte.
Allmählich lockerte sich ihre Stimmung jedoch. Die Männer tranken so fleißig Wein, dass niemand mitbekam, dass sie wieder ihren alten Essgewohnheiten verfiel.
Nach der großzügigen Speise forderte sie Sir Taylor auf: 'Mir dürstet nach einem romantischen Tanz, würden Sie mir diesen Wunsch erfüllen?'
'Sehr gerne.', lächelte Nairima und stand auf. Da sie fast noch keinen Tanz konnte, ließ Sir Taylor einen Walzer spielen, welchen sie durch die leichte Schrittfolge recht schnell erlernt hatte. Zur sinnlichen Musik bewegten sie sich. In Nairima stieg ein merkwürdiges Gefühl auf, als er ihr plötzlich tief in die grünen Augen eintauchte: 'Sie wissen, dass ich nun nicht mehr der jüngste bin, mir düngt ich sollte mich binden. Wollen Sie nicht meine Fr...' 'Sir! Es wurde eingebrochen! Piraten, Räuber!', platzte ein Diener dazwischen und alles vermischte in Aufregung. 'Was? Was wurde mir entrissen?', aufgebracht lief er davon. Alle waren aufgeregt, nur Nairima nicht.
Sie folgte ihrem Verlangen nach draußen und fand sich im großen Rosengarten wieder. Sie dachte daran, was Taylor wohl gerade hatte sagen wollen. Hatte er versucht ihr einen Antrag zu machen? Aber warum sie? Wieso dachten eigentlich alle, dass ihr dieses Leben besser gefallen würde, als ihr altes?
Für alle war es selbstverständlich, dass sie Sir Taylor dankbar war, doch das war sie gar nicht. Ihr blieb ja keine andere Wahl. Sie wusste nicht wohin, außerdem wollte er sie nicht mehr hergeben. Er heuchelte ihr ständig, wie schön sie war und wie froh er war, dass sie in sein Leben getreten war. Nairima setzte sich auf eine Bank und stierte auf ihre Beine.'Hey Lady! Ganz allein hier draußen?!', eine unbekannte, sehr tiefe, doch angenehme Stimme sprach sie an. Verwundert richtete sie ihren Blick auf. Ein Mann mit für diese Zeit ungewöhnlich kurzen und strubbeligen, schwarzen Haaren saß neben ihr. Er hatte beide Arme auf der Rückenlehne der Bank ausgebreitet und ein Bein mit dem Knöchel auf das andere überschlagen. Dazu kaute er auf einem Zahnstocher. Er trug ein weißes Hemd, an dem er den ersten Knopf offen hatte. Nun richtete er sein Gesicht zu ihr. Nairima fielen sofort seine dunklen, wunderschönen Augen auf.
'Warum hast du denn einfach die tolle Party verlassen?'
'Meine Beweggründe gehen Sie nichts an.'
'So so. Na dann.', er stand auf, schnippte seinen Zahnstocher mit zwei Fingern weg und streckte sich. 'Ich werd mich mal wieder auf See begeben. Richte deinem Schnöselfutzi besten Dank für die vielen Geschenke aus.', er grinste verschmitzt. 'Sie gehen auf See!', Erinnerungen fluteten durch ihren Kopf und sie sprang voller Begeisterung auf. 'Jo!' 'Sie besitzen ein Schiff?' 'Ja, was sonst? Warum intressiertn dich das?'
'Könnte ich es mal ansehen?' 'Klar, warum nicht. Na dann komm mal mit.'
Mit einem äußerst lässigen Gang schlenderte der Unbekannte vor, Nairima einfach hinterher. Durch den Garten, aus dem Grundstück heraus, welches in einem Kreis von einer Mauer umschlossen wurde, bis hin zum Hafen.
'Welches denn?'
'Das dahinten.', er zeigte auf ein großes Schiff.
'Captain? Wir haben die Beute an Deck gebracht.', ein ekelhaft unrasierter Mann mit zerfetzten Klamotten kam auf die Beiden zu. 'Sehr gut. Wir legen gleich ab.'
'Moment! Ihr seid ein Pirat?' 'Gut geschlussfolgert, Kleine.'
'Das heißt, Ihr habt Sir Taylor ausgeraubt.'
'Hehe. Willste uns jetzt verpfeifen?' 'Ich dachte immer Piraten kapern und kämpfen nur auf dem Meer und wenn sie jemanden ausrauben dann mit richtig vielen Kanonenschüssen?''So so, dachtest du also...'
'Soll die Dame auch noch mit?'
'Jup, sie ist der kleine Diamant unseres ergatterten Schatzes.'
Der ekelhafte Mann zerrte an ihren Armen: 'Dann komm mal mit Püppchen!'
'Ich dachte, Sie wollten mir nur Ihr Schiff zeigen?! Was soll das jetzt?!'
'Jetzt kannst du es dir ganz genau von innen ansehen.', grinste der unbekannte Kapitän. Obwohl sie sich wehrte, wurde sie mit auf das Deck der Seeräuber geschliffen und einfach in einem Zimmer eingesperrt. Wie wild schlug sie gegen die massive Tür, doch es war nichts zu machen. Das Schiff legte ab, nun gab es kein zurück mehr. Um sich nicht entmutigen zu lassen, beschloss sie, sich das Zimmer einfach genauer anzuschauen. Wenigstens waren die Kerzen alle angezündet. Durch die Fensterscheiben, mit aus Holz gekreuzten Rahmen schien bereits der Halbmond hindurch. Nairima suchte sofort den Blick nach draußen. Das Wasser glitzerte sanft und beruhigend. Allmählich kam sie wieder etwas runter. Sie liebte das Meer doch, also sollte sie die Fahrt vielleicht einfach genießen. Das einzige, was sie störte, war die Tatsache, dass sie eingesperrt war, wobei man sich bei dem Zimmer auch nicht beklagen konnte. Sie hatte ein großes Himmelbett, mit roten Vorhängen, eine Kommode aus Eichenholz, eine kleine Couch mit kleinem Tisch, einen großen Spiegel, ein Schrank. /Seit wann sind Piratenschiffe so geschmackvoll?/
Mit einem leisen Knacken öffnete sich plötzlich die Tür und der Captain trat ein. 'Ich hoffe dir gefällt dein neues zu Hause.'
'Bitte?! Das ist nicht mein zu Hause! Sag, wozu hast du mich hier drauf geschleppt?!''Oh, du bist ja von deiner vornehmen Sprechweise weggekommen.'
'Beantworte meine Frage!'
'Ist das nicht offensichtlich? Ich bin vielleicht kein ehrlicher, aber immer noch ein Mann.''Was soll das heißen?!', Nairima war sich gar nicht so sicher, ob sie die Antwort wissen wollte.
'Ich will mit dir schlafen.', er schloss die Tür ab und ließ den Schlüssel in seine Tasche sinken. 'Schön für dich!' 'Für dich auch!', ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er entsprach vom Aussehen gar nicht dem Bild, was man so von Piraten hat. Er wirkte sehr gepflegt, hatte sehr weiße Zähne. Natürlich war er durch die Abenteuer auf dem Wasser braungebrannt.
'Das kannst du dir gleich wieder aus dem Kopf schlagen! Du hast wohl nen Sonnenstich! Ich bin doch keine Hure!'
'Das kann sich ja noch ändern.', der Captain kam auf sie zu und drängte sie so in eine Ecke. Fest drückte sie sich gegen die Wand und presste ihre Augen zusammen. Als er ihr das Kleid anhob und ihr zwischen die Beine griff, holte sie aus, und klatschte ihm so fest es ging ihre Handfläche ins Gesicht. 'Fass mich nie wieder an!'
Geschockt starrte er sie an: 'Du bist wohl lebensmüde!', er zog nach seiner Waffe und hielt es ihr gegen die Schläfe. Ein Schwall von Angst zog durch ihren Körper und das Blut in ihren Adern schien zu gefrieren. Hilflos wimmerte sie auf. Auf einmal steckte er das Revolver wieder weg. 'Hör zu, ich zwinge dich nur sehr ungern.'
'Dann leg Morgen irgendwo an und such dir eine, die das auch will! Ekelhaft!', sammelte sie ihren letzten Mutreserven zusammen.
'Vergiss es, du wirst noch mit mir schlafen, das verspreche ich dir!', hauchte er ihr zu und knallte die Tür hinter sich zu. Nairima lauschte ganz genau. Er hatte die Tür nicht wieder verriegelt, also machte sie sich auf den Weg. Sie öffnete sie einen kleinen Spalt und lugte hindurch. Ein dunkler Durchgang. Kurzerhand beschloss sie etwas stöbern zu gehen. Viele verschiedene Schlafzimmer befanden sich in diesem Gang. Die letzte war von einer Doppeltür verschlossen. Sie öffnete diese einfach und befand sich in eine Art Speisesaal wieder. Er war etwas dunkler und hatte Holzbalken in der Mitte. Dazu stand ein massiver Tisch mit acht Stühlen drumherum. Sie verließ den Raum wieder und stieg neugierig eine Treppe hinauf. Schon stand sie im Freien. Ein Blick nach oben und sie sah das Sternenzelt, was sich über ihr aufgestellt hatte.
'Na, Püppchen, wie gefällt dir das Schiff?', ein sehr großer blonder Mann stand vor ihr.'Gar nicht mal so schlecht.'
'So...Hey, wie wärs, wenn wir uns nachher, wenn mein Dienst zu Ende ist, auf mein Zimmer zurück ziehen?'
'Sind hier eigentlich alle auf das eine aus?'
'Was denkst du denn? Wir sind so lange auf See, da braucht man ab und zu Abwechslung.', grinste dieser, wobei der Steinbruch in seinem Mund zum Vorschein kam. Nairima rümpfte ihre Nase und drehte sich weg. Noch eine Treppe weiter oben befand sie sich am Ende des Schiffes, wo das Steuerrad war. Ein älterer Mann mit Bart war gerade am Steuerrad. 'Das ist ja aufregend! Darf ich auch mal?'
'Oh nein! Wir wollen ja nicht, dass wir vom Kurs abkommen.'
'Schade.', seufzte Nairima enttäuscht. 'Na lass sie doch auch mal.', plötzlich stand der Captain dabei. Der alte Weißbart zuckte mit den Achseln, 'Du musst es ja wissen, Captain Watkins.', seine Stimme klang leicht kränglich.
'Au ja!', begeistert stellte sie sich hinter das große Rad und nahm zwei Stiele in die Hand. Durch Laternen erhellt studierte der Captain in seinem Kompass. 'Zwei Grad Backbord.''Backbord?'
'Links.'
'Achso, sag das doch gleich.', mit Schwung drehte sie das Rad nach links. Das Schiff schwenkte unsanft nach links und drohte sich den Wellen zu ergeben.
Watkins lachte herzhaft. 'Warte, ich helfe dir.', er stellte sich hinter sie und umfasste mit seinen Händen die ihre. Seine Hände waren ein ganzes Stück größer. Das sie seinen starken Oberkörper an ihrem Rücken spürte verunsicherte sie ein wenig. Mit leichten Bewegungen steuerten sie zusammen das Schiff. 'Und woher siehst du, dass nichts im Weg ist?' 'Das sieht man im dunklen nicht, aber ein Schiff, wie meine Freedom reißt alles um, was im Weg ist.', er schmunzelte leicht.
Nairima wunderte sich ein wenig, dass der Kapitän wieder so freundlich zu ihr war, obwohl sie ihm noch vor kurzem eine geknallt hatte. Er schien nicht sonderlich nachtragend zu sein.'Kleine, wie heißt du eigentlich?'
'Nairima und du?'
'Nairima? Außergewöhnlicher Name, noch nie gehört.'
'Ja, meine Eltern waren eben....anders. Wie heißt du nun?'
'Nenn' mich Captain Watkins.'
'Und wenn ich dich beim Vornamen nennen will?'
'Rufst du mich trotzdem Captain Watkins.'
'Ach menno.'
Immer noch von seinen Armen eingeschlossen blickte sie wieder nach oben. 'Ist der Sternenhimmel nicht schön?'
'...'
Leise gähnte Nairima auf. 'Bist du müde?' 'Hm...', sie schloss einfach ihre Augen und ließ sich gegen seine Brust sinken. Eigentlich kannte sie ihn ja nicht, doch es war ein tolles Gefühl in den Armen eines so starken Mannes zu liegen. Als sie durch ihre große Müdigkeit im Stehen eingeschlafen war, trug er sie in ihr neues Bett.

Todmüde öffnete sie ihre Augen. /wo bin ich?!/, aufgewühlt setzte sie sich auf und schaute sich um. Erst jetzt erinnerte sie sich. Sie stand auf und zog die Vorhänge von den Fenstern weg. Sofort strömte die warme Morgensonne herein und tauchte das Zimmer in warme Farben. Nun sah alles noch viel freundlicher aus. Aus dem Fenster schielend streckte sie sich herzhaft. Danach setzte sie sich auf einen der Stühle und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Ihre Haare waren mal wieder sehr zerzaust. In der Hoffnung eine Bürste zu entdecken, wühlte sie in der Kommode. Was sie dort drin vorfand war jede Menge Haarschmuck, ein kleines Buch, welches sie sofort rausfischte und öffnete. Es schien sich um ein Tagebuch zu handeln. Neugierig begann sie die schnörkelige Schrift zu lesen:

05. Mai, 1858
dies ist nun mein einunddreißigster Tag hier auf der Freedom. Freedom, heißt das nicht Freiheit? Ja, eigentlich schon. Widerspricht sich. Mich halten sie gefangen. Wie ein Verbrecher sitze ich hier fest. Den Raum darf ich so gut wie nie verlassen. Lediglich zum Essen und für mein Geschäft. Das nennt sich also Freiheit? Wie lange muss ich das hier noch aushalten? Einunddreißig Tage können eine sehr lange Zeit sein. Jeden Tag kommt ein anderer dieser ekeligen Typen rein und möchte, dass ich mit ihm schlafe. Sie tun so, als wäre ich eine läufige Hündin, nehmen keine Rücksicht auf meine Gefühle, auf mein Selbstwertgefühl. Sie haben mein Leben ruiniert.
Was ich mich frage: wie viele Frauen waren schon vor mir hier drin gefangen? Was passiert mit uns, nachdem sie zufrieden sind?

Gefesselt ließ sich Nairimi auf das Bett sinken und blätterte um:
6.Mai 1858
Ich glaube, ich habe mich in den Captain verliebt. Ja, das klingt absurd, aber er ist so anders als die anderen. Er ist gut zu mir, sehr gut. Und er schläft nur mit mir, wenn ich auch will und ich will es. Ich würde ihn immer und zu jeder Zeit nehmen. Man das hört sich so billig an, aber ich liebe ihn. Niemals habe ich jemanden mehr geliebt. Nie. Er ist so leidenschaftlich, sinnlich, befriedigend. Ich kann kaum glauben, was ich hier schreibe, hoffentlich kommt er gleich rein, mich dürstets schon wieder nach ihm...

Nairimi schlug mit Schwung das Buch zu, ein Schauer lief ihr über den Rücken. War sie die Nachfolgerin dieser Frau? Wurde sie hier her geschleppt, um mit den ganzen Männern in die Kiste zu steigen? Oh nein! Das würde sie sich niemals gefallen lassen. Sie verstaute das Tagebuch wieder in der Schublade und wühlte weiter herum. Nach etlichem Kleinkram entdeckte sie endlich eine Bürste. Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl zurück und begann ihre Mähne zu bearbeiten. Eine pochende Unruhe machte sich in ihr breit. Was noch niemand wusste: sie war noch Jungfrau und sie hatte nicht vor, ihre jungfräulichkeit an einem Mann zu verlieren, den sie nicht liebte.
Es klopfte an der Tür. Ohne, dass sie etwas sagte, trat Watkins ein. 'Du hast dich ja noch gar nicht umgezogen! Ich möchte, dass du in fünf Minuten fertig angezogen im Speisesaal erscheinst.'
'Hak's ab.'
'Wie bitte?'
'Glaub ja nicht, dass ich dein Eigentum bin. Vergiss es.', seelenruhig bürstete sie weiter.'Du kommst und keine Widerrede!'
'Was willst du sonst tun? Mich an deine Bande verfüttern?'
'Was?'
'Du bist ein elendes Arschloch! Du verkaufst Frauen! Du missbrauchst sie! Und wenn es dir keinen Spaß mehr macht, ist die nächste dran. Du bist ein Schwein. Mir fallen gar keine Worte ein, die beschreiben würden, wie du bist!'
Watkins setzte sich gegenüber von ihr auf einen der Stühle. 'Wie kommst du darauf?'Nairimi stand auf, holte das Buch wieder heraus und ließ es einfach auf den Tisch krachen. 'Was ist das?' 'Schlag auf und lies.'
Er öffnete die erste Seite und überflog diese. 'Ach, so kommst du darauf....ja, ich...''Versuch gar nicht dich raus zu reden. Ich möchte heute wieder zurück gebracht werden.''Du hast hier keine Befehle zu erteilen! In zwei Minuten bist du im Speisesaal.', keifte der Captain und stampfte aus dem Raum. 'Idiot!', brüllte ihm Nairmi noch nach.
Laut knurrte ihr Magen auf. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als in den Speisesaal zu gehen. Warum sollte sie sich aber fertig machen? Sie sah an sich herab und entdeckte ein unbekanntes Kleidungsstück. Ein Nachthemd. Ihr wurde ganz schwummerig. Hatte er sie letzte Nacht umgezogen?!
Völlig durch den Wind öffnete sie die Schranktür. Viele Kleide kamen zum Vorschein. /Wow, der Raum ist wirklich extra für seine kleinen Huren./
Sie zog ein schlichtes hellblaues Kleid heraus und streifte es über. Hörig machte sie sich auf den Weg in den Speisesaal. Watkins saß dort allein und wartete. 'Da bist du ja, setz dich.', er klang wieder wesentlich freundlicher. Sie gehorchte.
'Sag mal, ist dir nicht aufgefallen, dass du hier nicht so behandelt wirst, wie die anderen Frauen vor dir? Sie durften niemals aus freien Stücken das Zimmer verlassen, du durftest dir gestern das ganze Schiff ansehen. Ich weiß also nicht, was du dich beschwerst. Dazu wird dich keiner der Crew anfassen. Das Recht habe nur ich.'
'Das Recht hat niemand! Du glaubst wohl, du kannst dir alles nehmen was du willst?!''Türlich!'
'Du eingebildeter...Doch was mich jetzt interessieren würde...warum habe ich diese Sonderregeln?'
'Das musst du selbst heraus finden.'







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