Searching the Light

Autor: Belladonna
veröffentlicht am: 16.01.2009




Die ganze Zeit über sah er mir tief in die Augen, fast so, als wolle er wissen, wie ich reagieren würde.
'Möchtest du heute Abend gar nicht mit mir reden?' fragte er leicht gekränkt, nachdem ich es immer noch nicht geschafft hatte ihm zu antworten sondern ihn stattdessen unentwegt weiter anstarrte.
Es dauerte zuerst ein Weilchen bis die Worte den Nebel in meinem Kopf durchquert hatten, doch als mir der Sinn klar wurde, lief ich schlagartig rosa an und hasste mich dafür, dass ich so leicht aus der Fassung zu bringen war.
'Die zarte Röte auf deinen Wangen steht dir.' bemerkte er amüsiert, woraufhin sich eben jene in eine tiefdunkle verwandelte. 'Passt gut zu deinem Kleid.'
Noch immer war ich unfähig zu antworten. Innerhalb weniger Minuten hatte er es mehrmals fertig gebracht mich restlos aus dem Konzept zu bringen und ich hatte keine Ahnung, was mit mir los war.
'Wollen wir tanzen?' fragte er schließlich, stand auf und hielt mit galant seine Hand hin.Nur zögernd ergriff ich sie, nickte leicht, weil ich meiner Stimme nicht ganz traute, stand auf und ließ mich von ihm auf die kleine Tanzfläche etwa in der Mitte des Gartens geleiten.Gerade endete ein eher langsames Lied, zu dem sich mehrere Paare auf der Fläche eingefunden hatten und eng umschlungen getanzt hatten. Schaun wir mal, was jetzt kommt, dachte ich mir noch, als schon die ersten Takte von ‚Lady Marmalade' erklangen und ich innerlich schon mal mein Testament machte. Chachacha! Um Himmels Willen!
'Dann lass uns mal das Tanzbein schwingen, wie man so schön sagt!' funkelte Raffael mir belustigt entgegen und riss mich mit.
Na gut, wenigstens würden sich jetzt die vielen Tanzstunden mal lohnen, die ich im Zuge meiner guten Erziehung genossen hatte. Eigentlich hatte ich da ja mehr Standardtänze lernen sollen, um dann auf den vielen Festen, Galas und Empfängen meiner Eltern mit irgendwelchen superwichtigen Geschäftspartnern zu tanzen.
Beziehungen pflegen, nennt man das wohl. - Und ich hatte es abgrundtief verabscheut! Die meisten von den werten Herren hatten die vierzig weit überschritten und standen mit einem Bein schon praktisch im Sarg. So tanzten sie allerdings auch. Unendlich langsam und mehr als nur einmal hatte ich mir ein schläfriges Gähnen verkneifen müssen.
Was mich aber am meisten gestört hatte, waren die gierigen Blicke gewesen, mit denen sie mir ins Dekolleté gegafft hatten. Einfach nur ekelhaft!
Auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin durfte ich dann aber auch Latein lernen und ich muss sagen, ich bereue nicht eine Stunde. Diese Tänze durfte ich dann aber auch mit wesentlich jüngeren Partnern tanzen. Die Männer, mit denen ich dann die Bühne unsicher machte waren zumeist erst Mitte zwanzig und sehr charmant.
Scheinbar hatte auch Raffael eine gute Ausbildung in Sachen Tanzen bekommen, denn zusammen fegten wir nur so über die Fläche. So viel Spaß wie mit ihm, hatte mir tanzen noch nie gemacht! Diesmal war es nicht einfach nur eine Folge von Schritten, an die man sich hielt und die man stur abtanzte - nein, es war anders, ganz anders. Sehr viel erotischer und sinnlicher. Ein schon fast magisch zu nennender Moment und ich wünschte er würde nie vergehen. Doch wie auch alles andere Schöne im Leben war auch dieser Augenblick viel zu schnell vorüber und schon verhallten die letzten Takte des Liedes in der milden, stillen Abendluft.
Leicht außer Atem blieben wir einen kurzen Moment mitten auf der Fläche stehen und schon brandete ohrenbetäubender Applaus auf.
Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass wir die einzigsten waren, die hier standen. Alle anderen hatten sich am Rande des steinernen Quadrates versammelt und uns bei unserer ‚Vorführung', die keine hatte werden sollen, beobachtet.
'Oh je! Jetzt wird man uns auf immer und ewig damit aufziehen!' schnaufte ich.
'Hey, du redest ja doch mit mir!' Die kleine Spitze hatte er sich wohl nicht verkneifen können, aber ich war einfach zu glücklich, um ihm sauer zu sein und setzte sogar noch eins drauf.
'Klar! Aber nur, wenn ich will!' kicherte ich, als ich seinen empörten Blick sah und flitzte los, als sich kurz darauf ein diabolisches Glitzern in seine Augen schlich.
Er mir dicht auf den Fersen rannten wir lachend durch den Garten. Mittlerweile nahm keiner mehr Notiz von uns. Die Musik spielte wieder und auch die Tanzfläche hatte sich wieder gut gefüllt.
Nur einen kurzen Moment blickte ich mich um- und stolperte prompt über die nächste Wurzel! Doch Raffael war rechtzeitig da, um mich aufzufangen.
'Na hoppala. Du hast es ja eilig in meine Arme zu gelangen.' grinste er mich an.'Wenn du wüsstest!' seufzte ich und schlug mir schon im darauffolgenden Augenblick erschrocken die Hand vor den Mund. Hatte ich das jetzt etwa laut gesagt?Raffaels fragender Blick bestätigte mir meine Vermutung, doch dann sah ich da noch etwas anderes in seinen Augen, etwas, das mich zutiefst verwirrte. Bedauern!
'Was ist?' fragte ich leise, nachdem er sich in Schweigen gehüllt hatte.
'Nichts' kam die geistesabwesende, nicht sonderlich überzeugende Antwort kurze Zeit später.
'Wirklich?' fragte ich noch einmal vorsichtig nach.
'Nur ein Gedanke, der mir durch den Kopf ging.' wehrte er ab und half mir wieder auf die Füße zu kommen, denn noch immer lag ich in seinen Armen. So ganz konnte ich ihm das zwar nicht glauben, aber ich wollte ihn nicht bedrängen. Ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass er eines Tages mit mir darüber reden würde. So lange würde ich mich in Geduld üben müssen.
'Du hast mich übrigens gerade ziemlich überrascht.'
Fragend sah ich ihn an. Wie meinte er das denn nun schon wieder?
'Ich hätte nicht gedacht, dass du so gut tanzen kannst.'
'Soll das jetzt ein Kompliment sein?'
'Ich weiß nicht. Ja, vielleicht. Je nachdem, wie du es auffassen möchtest!' lächelte er mich an. Eigentlich wäre es jetzt an mir gewesen, eine empörte Mine machen sollen, aber bei diesem Lächeln hätte ich ihm fast alles verziehen.
'Du bist aber auch ein sehr guter Tänzer.' sagte ich stattdessen und meinte es auch so.'Für eine kleine Stadt wie Carlisle reicht es.' winkte er ab.
'Ich bin mir sicher, dass es auch schon für die großen Bühnen reichen würde.'
'Bei weitem nicht!' belehrte er mich eines besseren. 'Meine Schwester ist Profitänzerin. Sie hat mir ein wenig beigebracht. Meinte, das würde bei den Damen immer gut ankommen, wenn Mann tanzen kann. Aber auf ihr Niveau würde ich im Leben nicht kommen und will ich auch gar nicht.'
Das er jetzt erwähnte, eine Schwester zu haben, versetzte mir einen kleinen Stich, machte es mir doch ganz deutlich klar, wie wenig ich eigentlich von ihm wusste.
'Was möchtest du dann?' fragte ich leise.
Ich wollte unbedingt mehr über ihn erfahren. Raffael war so ganz anders als all die anderen Männer, die mir bisher begegnet waren. Man wurde einfach nicht wirklich schlau aus ihm. Dieses geheimnisvolle in seinem Wesen machte ihn irgendwie besonders attraktiv für mich. Es brachte eine Saite in meinem Inneren zum Schwingen, die ich bisher noch nicht kannte. Dadurch, dass ich versuchte ihn besser kennen zu lernen, lernte ich unbewusst auch mich besser kennen. So paradox es auch klingen mochte, aber Raffael brachte mich erst dazu, über mein Leben genauer nachzudenken. Und dann war da noch dieses unterschwellig animalische in seinem Gebaren, was mein ganz spezielles Interesse weckte. Ich konnte es nicht in Worte fassen, da war einfach dieses neue überraschende Gefühl. Das Gefühl einer leichten Gefahr, welches mich zu ihm hinzog.
Und ich kam nicht einmal auf den Gedanken mich gegen diese Anziehungskraft zur Wehr zu setzen, denn ich war machtlos gegen meine Gefühle.
Ich war ihm hoffnungslos verfallen und es gefiel mir! Dies Erkenntnis erschreckte mich irgendwie. Ich hatte mich noch nie einem Menschen hingegeben. Aber bei Raffael wollte ich es, mehr als alles andere auf der Welt, ganz und gar.
Als ahne er, welcher Sturm gerade in mir tobte, lächelte er mich beruhigend an, was mich wieder ein wenig besänftigte.
'Was ich will?' fragte er mich und legte danach eine kleine Pause ein, als überlege er gerade und suche krampfhaft nach einer guten Antwort auf meine Frage.
'Ich will frei sein und...leben' kamen schließlich ganz leise die Worte über seine Lippen, fast nicht verständlich, doch auch wieder klar und deutlich. Nur, ihren Sinn verstand ich nicht.'Wie meinst du das?'
'Ist nicht so wichtig. Du musst nicht immer allem, was ich sage so viel Bedeutung beimessen. Ich bin manchmal ein wenig melancholisch, dann fange ich an Unsinn zu reden.'
Er wich mir aus, so viel war klar, aber warum? Hatte er etwas zu verbergen? Ich meine, selbst in größter Verwirrung fing man nicht an solche Sätze zu sagen und eigentlich hatte sich das nicht gerade nach Melancholie angehört. Vielmehr wie der Wunsch eines äußerst verzweifelten Menschen, der aus tiefstem Herzen kam.
Irgendetwas musste ich ihm wiederfahren sein und ich war wildentschlossen es herauszufinden!
'Mach dir keine Sorgen um mich Ella. Es geht mir gut. Sag mir lieber, wie es dir geht. Viel hast du ja heute noch nicht mit mir geredet.'
'Mir geht es gut, jetzt wo du da bist.'
'Jetzt wo ich da bin?' fragend sah er mich an und ich verfluchte mal wieder mein übereiliges Mundwerk. Verdammt, ich sollte vorher meinen Kopf benutzen, bevor ich anfing zu sprechen!
'Ähm, naja...' stotterte ich verlegen und spürte wie schon wieder eine leichte Röte meinen Hals hinaufkroch.
'Du bist süß Ella, weißt du das eigentlich?' lachte er plötzlich auf.
'Süß?' Irritiert sah ich ihn an. Was war denn an mir bitte süß?!
Aber sein Lachen, das war so wunderschön! So warm und liebevoll und wie er mich dabei ansah... Ich schmolz augenblicklich dahin.
'Ja Ella, süß! Glaube mir, du bist eine ganz besondere junge Frau. Ich bin noch nie jemandem wie dir begegnet.'
'Naja, jemand wie du ist mir vorher auch noch nicht über den Weg gelaufen.'
'Scheint dass wir beide anders wären als der Rest der Welt.'
Ein trauriges Lächeln begleitete diese Worte. Und wieder wünschte ich mir schmerzlichst zu erfahren, was für ein dunkles Geheimnis mit sich herumschleppte, denn das es ein dunkles sein musste, da war ich mir zu fast einhundert Prozent sicher.

Wenn ich heute an diesen Abend zurück denke, dann frage ich mich oft, was ich getan, wie ich reagiert hätte, wenn ich gewusst hätte, wie dunkel Raffaels Geheimnis in Wirklichkeit ist. Wäre dann alles so gekommen, wie es kam?

'Ella? Ella wo bist du denn?' riss uns eine Stimme aus unserer Lethargie. Naja, eigentlich eher aus meiner, denn ob sich Raffael in einer befand kann ich beim besten Willen nicht sagen.
Nach seiner letzten Bemerkung hatte ich sein tiefes Schweigen über uns gelegt. Doch war es kein unangenehmes, vielmehr hatte es eine sehr beruhigende Wirkung. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und doch waren wir im Geiste irgendwie miteinander verbunden. Hört sich das seltsam an? Sicherlich! Aber ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl sonst beschreiben sollte. Magisch könnte man diesen Moment vielleicht noch beschreiben, aber ob das dem so gerecht werden würde, ist eine ganz andere Frage.
'Ach hier bist du ja! Ich hab dich schon überall gesucht! Oh, hallo Raffael.' Da stand auf einmal Vanni neben uns und als ich an ihr vorbei blickte, sah ich, dass es ganz schön leer geworden war.
'Wie spät ist es denn?' fragte ich leicht benommen. Ich fühlte mich, als sei ich eben aus einem tiefen, traumlosen Schlaf erwacht.
'Es ist fast Mitternacht.'
'Oh!' Mit einem mal war ich hellwach. Hatten wir denn wirklich so lange hier gesessen und erzählt beziehungsweise uns angeschwiegen?
'Wie schnell die Zeit doch vergehen kann...' meldete sich nun auch Raffael wieder zu Wort. 'Nun gut Ella, es war schön mit dir zu reden. Vielleicht sollten wir das öfters mal machen.' lächelte er mich an und erhob sich. Dann hielt er mir die Hand hin und half auch mir auf die Beine.
'Ich würde mich freuen, wenn wir uns bald wieder sehen würden.' sagte er leise und beugte sich zum Abschied über meine Hand und wie schon zur Begrüßung vor einigen Stunden berührten seine Lippen kurz meine Haut.
'Ja, ich würde dich auch gerne wiedersehen...' erwiderte ich schüchtern und sah ihm noch eine Weile nach, nachdem er verschwunden war.
'Schau mal einer an. Da sind wohl in den vergangenen Stunden ganz schön die Funken bei euch geflogen, was?' grinste Vanni mich an.
'Ich weiß es nicht. Raffael ist so anders. Irgendwie fällt es einem schwer, ihn richtig einzuschätzen.'
'Hm, na nun erzähl mir aber mal, was ihr die ganze Zeit hier gemacht habt! Ich meine, erst diese Show auf der Tanzfläche und dann seid ihr einfach weg. Ich meine, wow, du hättest euch mal sehen sollen!' plapperte Vanni los.
'Mir wäre es lieber gewesen, wenn uns nicht so viele Leute beim Tanzen gesehen hätten. Das wird mir jetzt wohl Ewigkeiten nachhängen!' stöhnte ich gequält auf.
'Also, euch beide beim Tanzen zu sehen, das ist schon eine Klasse für sich!' beharrte Vanni weiter auf ihrem Standpunkt.
'Ach es gibt weitaus bessere Tänzerinnen als mich. Außerdem ist das gerade nebensächlich für mich.'
'Hm, mich würde ja mal interessieren, was ihr hier so geredet habt. Hätte ja nur zu gerne mal Mäuschen gespielt.'
'Und was ist mit Flo? Würdest du den auch mitbringen zum Mäuschenspielen?' Irgendwie konnte ich mir diese sarkastische Bemerkung gerade mal nicht verkneifen.
'Nee, wir haben ja auch was anderes gemacht. Aber Flo ist leider schon wieder weg. Müde, weißt du. Die lange Fahrt von London hierher und so. Naja, ich bin ja schon froh, dass er heute doch noch da war. Ich hätte es keinen Tag länger ohne ihn ausgehalten. Aber jetzt sag mir schon endlich, über was du dich so mit Raffael unterhalten hast!' flehte sie mich regelrecht an.
'Was würde dir dieses Wissen den bringen?'
'Naja, ich dachte immer, wir würden uns alles sagen...?'
'Hach, vor dir hat man aber auch nie seine Ruhe!' schnaufte ich. 'Naja, dann lass uns aber lieber hier bleiben. Drinnen spielt dann sonst wahrscheinlich Elijah das Mäuschen!'
'Okay. Ich verspreche dir auch, dass ich mit niemandem darüber reden werde und auch James werde ich kein sterbend Wörtchen anvertrauen!'
'Gut. Dann lass uns mal ein Stückchen hier draußen spazieren gehen. Vanni? Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, wie hell der Mond heute scheint?' fragte ich, mit einem Blick zum Himmel hinauf.
'Hä? Was hat denn der Mond jetzt damit zu tun?'
Unverständnis zeigte sich in Vanessas Gesicht, als sie mich anblickte.
'Ich weiß nicht. Eigentlich nichts, aber das fiel mir gerade mal so auf.'
'Ella, ich glaube dich hat es wirklich schwer erwischt. Du hast ja noch nie mit mir über den Mond oder den Himmel gesprochen.'
'Macht man denn so etwas wenn man verliebt ist?' fragte ich lachend.
'Keine Ahnung' kam es von Vanni, die ebenfalls anfing zu lachen.
'Ach Ella, ich wünsche dir wirklich, dass es mit euch beiden klappt. Ihr seid ein so süßes Paar. Als ich euch da so hab sitzen sehen, da hab ich mir gedacht, dass es Schicksal sein muss, dass ihr euch begegnet seid.' sagte meine beste Freundin einige Minuten später, nachdem wir uns wieder etwas beruhigt hatten.
'Ach wie sehr würde ich mir das wünschen!' seufzte ich.
'Wenn er sich nicht spätestens nach diesem Abend in dich verliebt hat, dann ist er ein gefühlskalter Mistkerl und hat eine so wunderbare junge Frau wie dich nicht im geringsten verdient!' schimpfte sie und allem Anschein nach, schien das dann wohl auch noch ihr letztes Wort zu meinen Ängsten zu sein.
'Wir werden ja sehen, wie es weiter geht. Ich finde es jedenfalls schon mal schön, dass er mich wieder sehen möchte.'
'Warts nur ab. Noch ein, zwei Treffen und er wird dir seine Liebe gestehen. So wie er dich angesehen hat, als er sich von dir verabschiedete muss das zwangsläufig als nächstes geschehen.' prophezeite sie mir.
'Ich wünschte ich wäre in Sachen Liebe so selbstbewusst wie du. Ich weiß nicht, aber bei dir sieht das immer so einfach aus!' Es kommt wirklich nicht oft vor, dass ich meine Freundin um etwas beneide, wie sind uns nämlich sonst sehr ähnlich, doch in diesem einen Punkt waren wir so verschieden wie Feuer und Wasser.
Vanessa hatte noch nie ein Problem damit gehabt jemandem, den sie toll fand, dies auch direkt zu sagen. Ich war in solchen Situationen einfach immer viel zu schüchtern. Und ich hatte auch Angst vor einer Anfuhr.
'Du packst das schon! Und jetzt spann mich nicht länger auf die Folter. Ich will endlich wissen, was ihr euch so erzählt habt!' drängelte Vanni.
'Er hat eine Schwester. Wusstest du das?'
'Echt? Nee, wusste ich nicht. Wie heißt sie denn?' Vanni schien ehrlich erstaunt über diese Neuigkeit. Scheinbar wusste sie, wie auch ich, nichts von Raffael.
'Das weiß ich nicht. Überhaupt weiß ich sehr wenig über ihn. Dafür habe ich das Gefühl, dass er alles über mich weiß. Nicht zuletzt wohl auch durch Elijah. Aber er hat gesagt seine Schwester ist Profitänzerin und habe ihm das Tanzen beigebracht.' berichtete ich ihr.
'Hm. Ist er eigentlich auch Profi? Wenn man danach urteilt, wie er sich auf der Bühne gezeigt hat liegt die Vermutung doch nahe, oder?' bohrte Vanni weiter nach.
'Hab ich auch zu ihm gesagt, dass sein Können für die großen Meisterschaften reichen würde. Da sagte er, er wäre nicht mal annähernd gut genug und er wolle das auch gar nicht sein.''Und was will er dann?'
'Nun ja, da fängt es an interessant zu werden. Dieselbe Frage habe ich ihm nämlich auch gestellt, aber schlau bin ich aus seiner Antwort nicht gerade geworden. Er sagte er wäre gerne frei und würde leben wollen. Ich hab keine Ahnung, was er damit meinte, aber ich muss es einfach heraus kriegen!'
'Frei sein? Leben? Muss man das verstehen?' Meine beste Freundin sah in etwa so ratlos aus, wie ich mich gerade fühlte.
'Naja. Ich würde es zumindest gerne verstehen.'
'Ganz schön geheimnisvoll, dein Liebster, muss ich schon sagen.'
'Na wem sagst du das!' bemerkte ich. Aus Raffael konnte man wirklich nicht unbedingt schlau werden und aus dem Nähkästchen plauderte er auch nicht gerade.
'Ob ich Elijah mal ein bisschen ausquetschen soll?' kam mir eine fixe Idee. Immerhin war er doch sein bester Freund, soweit ich das mitgekriegt hatte.
'Du frag mich nicht. Ich wusste ja bis vor einem Monat noch nicht mal, dass es hier überhaupt einen Raffael gibt.' zuckte Vanni entschuldigend die Achseln.
'Ich auch nicht. Obwohl ich doch sonst jeden Adligen von der schottischen Grenze bis zum Ärmelkanal kenne. Schon merkwürdig, oder?'
'Ja, ein bisschen schon.' Und plötzlich fing sie an zu lachen. 'Vielleicht hat er sich ja bis dahin immer in einem Mauseloch versteckt. Oder er ist das Ungeheuer vom Loch Nee!''Vanni, das ist nicht witzig!' versuchte ich ernst zu bleiben, was mir allerdings grandios misslang.
'Hm, du hast übrigens recht.' bemerkte sie auf einmal.
'Was?' verwirrt sah ich sie an. Womit hatte ich denn nun recht?
'Der Mond steht heute wirklich ungewöhnlich hell am Himmel.'
'Ach so. Ich habe mich schon gefragt, was du jetzt meinen könntest...- Äh? Vanni? Wie kommst du jetzt eigentlich auf den Mond?'
Irgendwie war mir das Ganze gerade ein bisschen unheimlich. Genauso wie diese seltsame Stille.
Auf einmal erinnerte ich mich wieder an die letzte Nacht. Da war es auch so gespenstisch ruhig gewesen und urplötzlich hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet und es hatte geregnet, ohne dass etwas nass wurde.
Eine Gänsehaut nach der anderen jagte mir den Rücken hinab, als ich auch noch an die Gestalt dachte, die ich dann im Licht eines aufleuchtenden Blitzes gesehen hatte.
'Vanni? Können wir jetzt bitte wieder gehen? Das ist mir gerade nicht ganz geheuer.' wandte ich mich mit zittriger Stimme an sie.
'Mir auch nicht wirklich. Na dann lass uns mal zurückgehen. Auwei!' vernahm ich ihre Stimme neben mir.
'Was ist denn?' So langsam bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Was auch immer das gestern Abend für eine Erscheinung gewesen sein mochte, in zwei Punkten war ich mir absolut sicher: 1. Sie war mir nicht geheuer und 2. sie war bösartig!
'Guck mal, man kann die Lichter vom Haus nicht mehr sehen und auch die vom Garten nicht mehr. Wir müssen in den letzten Minuten ganz schön weit gegangen sein.'
Ich glaubte, auch eine gewisse Unruhe aus Vanessas Worten herauszuhören und das gefiel mir nun mal absolut gar nicht.
'Aber hätte dann nicht irgendwann der Zaun eures Nachbarn kommen müssen?'
'Eigentlich schon. Das ist es ja, was mich stutzig macht.'
Oh, oh! Das hörte sich nicht gut an. Das hörte sich ganz und gar nicht gut an. Ich meine, wir konnten doch nicht einfach an einem riesengroßen Metallzaun vorbei laufen, geschweige denn durch ihn hindurch, oder?!
'Vanni? Ich habe Angst. Lass uns bitte ganz schnell weiter gehen. Ich möchte hier nicht stehen bleiben!' flehte ich sie an.
'Aber wir wissen doch nicht einmal, wo wir hier sind! Ich verstehe das nicht. Wo sind wir nur? Rein theoretisch müssten wir uns noch auf unserem Grundstück befinden, nur - wo ist dieser vermaledeite Zaun? Der kann doch nicht einfach weg sein!'
'Bitte Vanni, lass uns gehen!'
'Was hast du denn, Ella?' stirnrunzelnd sah sie mich an, so in Panik hatte sie mich noch nie erlebt.
'Das ist fast wie letzte Nacht!' fing ich an. 'Da war es auch so komisch still. Da hatte ich noch mit Sonja telefoniert und dann war mit einem Mal die Verbindung weg.'
'Ja, das hat sie mir erzählt. Ganz aufgeregt hat sie bei uns zu Hause angerufen und dann haben wir uns alle ganz schreckliche Sorgen um dich gemacht!' vorwurfsvoll schaute sie mich an.
'Naja und dann kam Wind auf und es fing an zu regnen und innerhalb von Sekunden war alles total nass und dann blitzte und donnerte es auch noch. Ein richtig schwerer Sturm zog auf. So einen hatte ich vorher noch nie erlebt.'
'Äh, Ella?' unterbrach mich meine Freundin mit so einem komischen Unterton in der Stimme, den ich bei ihr noch nie gehört hatte, 'Es hat letzte Nacht weder geregnet noch gewittert.'
'Aber wenn ich es dir doch sage! Und dann hat der Wind so unheimlich geheult und dann hab ich im Licht der Blitze immer so einen Schatten herum huschen sehen. Da bin ich dann aufgestanden und wollte nachgucken gehen. Naja und dann hab ich da ... dieses ... dieses Wesen... gesehen.' Ich konnte einfach nicht weiter sprechen. Zu fürchterlich war die Erinnerung an den Anblick dieser Gestalt.
'Was denn für ein Wesen?' hakte Vanni nach.
'Ich kann es gar nicht beschreiben. Es war... abgrundtief hässlich und ... böse!'
'Wie, böse? Das verstehe ich nicht...'
'Naja ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Da war so eine Aura um dieses Ding herum. Eine die durch und durch finster und .... naja ... böse halt, war. Und dann bin ich losgerannt. Zum Haus. Und als ich dann drinnen ankam, da waren meine Sachen trocken, obwohl ich gerade durch den heftigsten Regen des gesamten letzten Jahrzehnts gelaufen war!'
'Aber es hat doch gar nicht geregnet!' warf Vanni verwirrt ein.
'Muss es aber. Ich habe die Tropfen doch auf meiner Haut gespürt! Jedenfalls bin ich mir sicher, dass ich, als ich losgerannt bin, mein Handy nicht mitgenommen habe. Als ich dann aber aus der Badewanne kam, in die ich mich geflüchtet hatte, weil ich völlig unterkühlt war, hat eben dieses Handy geklingelt!' Ich wurde zunehmends immer hysterischer.
'Vielleicht hast du es ja doch mitgenommen.'
'Ich bin mir aber sicher, dass ich es liegen gelassen hatte!' rief ich aus.
'Hm. Das kann aber nicht sein. Wenn es wirklich geregnet hätte und du hättest es im Garten, im Regen liegen lassen, dann würde es doch jetzt gar nicht mehr funktionieren!'
'Das weiß ich doch selber! Aber weißt du was auch unheimlich war? Als ich auf das Display gesehen habe, da habe ich wieder die Augen dieses Wesens aus dem Garten gesehen!'
'Und wie sahen die aus?' Vanni, die Neugierde in Persona!
'Grauenvoll! Irgendwie tot und leer. Blicklos, aber doch auch wieder nicht. Ich weiß nicht, es war ein ganz seltsames Gefühl, diese Augen zu sehen. Ein leuchtendes dunkles rot und um die Iris herum ein schmales weißes Band und der Rest schwarz. Aber ein so dunkles und tiefes schwarz, wie ich es im Leben noch nie gesehen hatte!' Wenn ich daran zurück dachte, dann schüttelte es mich wieder.
'Hm. Das hast du dir vielleicht nur eingebildet...' überlegte Vanni, die sich bemühte rational zu denken, was ich schon lange nicht mehr konnte.
'Kann sein, aber eigentlich glaube ich es nicht.' Glaubte ich übrigens wirklich nicht.'Genauso wenig wie ich glaube, dass die tote Möwe auf meinem Badteppich eine Einbildung war.'
'Welche tote Möwe denn nun schon wieder?' Langsam merkte ich auch, dass Vanni unruhig wurde. Vielleicht glaubte sie doch ein bisschen an das, was ich ihr hier gerade erzählte.
'Als ich heute morgen ins Bad gegangen bin, da lag eine blutüberströmte tote Möwe auf dem Teppich, aber als James dann nachsah, war sie angeblich wieder weg..'
'Wieso nur angeblich?' Himmel, Vanni sollte später unbedingt mal zur Polizei gehen! Sie schaffte es ja wirklich ganz hervorragend anderen Leuten das Gefühl zu geben, sich bei einem Kreuzverhör zu befinden!
'Nun, nachdem James weg war, bin ich wieder zurück ins Bad und da lag dann keine Möwe mehr, aber eine blutrote lange Schwanzfeder eines ebensolchen Vogeltieres.'
'Und du bist dir sicher, dass es keine Halluzinationen waren?' fragte mich meine Freundin misstrauisch.
'Ja! So etwas grauenhaftes kann man sich ganz einfach nicht einbilden!'
'Ich weiß nicht. Irgendwie erscheint mir das unglaubwürdig, aber ... Bei jedem anderen hätte ich gesagt: Du spinnst! Doch dir muss ich es einfach glauben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du so etwas erfinden würdest. Komisch klingt es aber nach wie vor und ich krieg es jetzt auch so langsam mit der Angst zu tun!'
'Frag mal mich! Bitte lass uns jetzt ganz schnell zurück gehen, ich möchte so etwas wie letzte Nacht auf gar keinen Fall noch einmal erleben müssen!'
'Okay. Aber ich habe immer noch keine Ahnung, wo wir hier sind, weil, eigentlich müssten wir noch in unserem Garten stehen...' fing Vanni wieder an.
'Ja und man müsste die Lichter vom Haus und vom Pool sehen können...' bemerkte ich weiterhin. '..nur- ich kann weder das eine, noch das andere erkennen!'
'Ich ja eben auch nicht!'
Irrte ich mich, oder schwang da so ein hysterisches Timbre in ihrer Stimme mit? Himmel, jetzt auch noch in Panik zu verfallen und wie aufgescheuchte Hühner kopflos durch dieGegend zu laufen konnten wir uns nun wahrlich nicht leisten! Am besten einfach mal tief durchatmen.
'Herrgott nochmal! Was ist das denn für ein widerwärtiger Gestank?' keuchte und hustete ich. Vielleicht war das mit dem tief Einatmen doch keine so gute Idee gewesen.'Was für ein Gestank?'
'Na riechst du dass denn nicht? Da ist so ein ganz ekelhafter Geruch in der Luft...'
Halluzinierte ich schon wieder, oder konnte Vanni das wirklich nicht riechen?
'Ah, doch, jetzt riech ich es auch. Bäh! Das ist ja scheußlich! Da verbrennt wohl irgendwer was.' mutmaßte sie.
'Mitte in der Nacht? Und ganz ohne Feuer, oder siehst du hier irgendwo Flammen oder Rauch?' So abwegig das auch klingen mochte, aber sie hatte schon recht, es roch tatsächlich ein bisschen verbrannt. So, wie wenn man etwas im Ofen vergessen hat und dass dann schwarz und verkohlt ist, und einem eine Gestankswolke entgegen kam, wenn man die Ofentür öffnete.
'Naja, nee. Aber es riecht so!' Da war sie sich zu hundert Prozent sicher.... und ich auch.'Das ist unheimlich. Der Geruch war doch vorher nicht, oder doch?' fragend sah sie mich an, nur hatte ich ihn auch erst vor wenigen Minuten bemerkt.
'ich weiß es nicht. Aber ich glaube, wir sollten jetzt wirklich so langsam mal den Rückweg antreten.'
'Ja schon, aber in welche Richtung denn?'
'Hä? Was ist das denn für eine Frage? Na in die, aus der wir gekommen sind!' War doch klar, oder?!
'Weißt du denn noch, aus welcher Richtung wir kamen?'
'Klar, aus der d...' meinte ich und zeigte mit dem Finger in eben jene... bis mir die Worte im Halse stecken blieben, weil mir plötzlich klar wurde, was meine Freundin gemeint hatte. Hier sah alles gleich aus!
'Oh verdammt. Ich weiß es nicht! Und wir haben nicht mal eine Taschenlampe oder ein Feuerzeug mit. Dann könnten wir unseren Fußspuren auf dem Boden folgen.'
'Na da hat ja nun wirklich keiner dran gedacht und woher hätten wir denn ahnen sollen, dass wir uns in eine solche Situation manövrieren würden?' Vanni, die Stimme der Vernunft!'Keiner, aber ich kann einfach nicht glauben, dass wir so weit gegangen sind. Hast du eigentlich eine Uhr um?'
'Nee, aber dein Handy hat doch eine... Mensch klar, Gott sind wir doof!' schrie sie plötzlich auf und schlug sich die Hand vor die Stirn. 'Ey, wir sind vielleicht doof. Du hast doch dein Handy dabei, dann können wir doch Elijah anrufen und der sucht uns dann und so lange rühren wir uns hier nicht von der Stelle!'
'Stimmt ja! Aber wie soll er uns denn hier finden, wenn wir selbst nicht mal sagen können, wo wir sind?' So schön Vannis Idee im ersten Moment auch klang, irgendwie zweifelte ich ein bisschen an der Möglichkeit ihrer Umsetzung.
'Na ganz einfach; er folgt unseren Spuren!'
'Okay. Ich ruf ihn mal an. Na der wird sich auch bedanken, dass wir ihn mitten in der Nacht aus den Federn klingeln!' meinte ich und fing schon mal an, in meiner Tasche nach dem Handy zu kramen. Einen kurzen ganz schrecklichen Augenblick lang fürchtete ich, vergessen zu haben, meine Mobiltelefon einzupacken, doch dann hielt ich dieses hochmoderne Wunderwerk der Technik in der Hand und sendete ein kurzes Stoßgebet zum Himmel hinauf, dass Elijah auch ja schnell abheben möge. Immerhin könnte es ja wieder vorkommen, dass der Akku unvermittelt den Geist aufgab!







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